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Rape and Revenge. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf sexualisierte Gewalt

14. September 2021 Manuel Bolz

In meinem Beitrag stelle ich spezifische Fragestellungen und Herangehensweisen einer Kulturanalyse an das Phänomen „Rape and Revenge“ vor. Das medienwissenschaftliche Konzept „Rape and Revenge“ („Vergewaltigung und Rache“) bezeichnet in seinen fiktionalen und empirischen Formen zumeist eine Strategie von (juristisch gelesener) Selbstjustiz (vgl. Höltgen 2004; Koch 2009). Filmische Adaptionen verweisen auf spezifische Repräsentations- und Narrationsformen sowie Ästhetisierungsstrategien, die ich empirisch nutzbar machen möchte, um Rache als kulturelle und soziale Alltagspraxis zu untersuchen. Dabei lässt sich zeigen, dass das Phänomen kein rein fiktionales, sondern auch Teil sozialer Realitäten ist. 

Epochenspezifische Ausdrucksformen

Der Topos Rache im Anschluss an eine erlittene Vergewaltigung ist ein Thema, das seit der Antike in verschiedenen hochkulturellen Diskursen aufgegriffen wird (vgl. Sielke 2002; Künzel 2003). Die daraus entstandenen künstlerisch-ästhetischen Motive setzen sich ab dem Mittelalter in literarischen Zeugnissen fort, welche die Potenzialität von Rache auf die Spitze treiben und sie häufig ad absurdum führen, wie etwa in Shakespeares Drama „Titus Andronicus“ (1594).

Der Topos „Rape and Revenge“ variiert in den epochenspezifischen Ausdrucksformen und in der zeitgenössischen Problematisierung. Während weiblich gelesene Akteur:innen in antiken Diskursen häufig selbst zu Rächer:innen werden, die Formen erlittenen Unrechts selbstbestimmt ausgleichen, treten sie in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Narrationen eher in den Hintergrund. Aufgrund der vorherrschenden Geschlechterordnung und der entsprechenden Rechtskodizes werden sie durch männliche Rächerfiguren (Väter, Brüder etc.) vertreten oder als Ausnahmen tituliert.

Popkulturelle Settings

Erst im Zuge des 20. Jahrhunderts treten Frauen in künstlerischen und popkulturellen Settings als Rächerinnen sexualisierter Gewalt wieder selbst in den Vordergrund. Der indische Film „Bandit Queen“ (1994), die US-amerikanischen Produktionen „Thelma and Louise“ (1991), „Promising Young Woman“ (2021) oder „Violation“ (2021) sowie der französische Film „Revenge“ (2017) zeigen eindrücklich, wie das Thema interkulturell verhandelt wird und nicht an Aktualität einbüßt.

Häufig ähneln sich die dargestellten Geschichten, die Figurenkonstellationen und die visuell-auditive Komposition der Filme (vgl. Projansky 2001; Heller-Nicholas 2011): Eine weiblich-gelesene Person wird überfallen, bedroht, vergewaltigt und am Tatort liegengelassen. Die meist männlichen Täter glauben, die Akteur:innen sind tot. Diese leben jedoch, ziehen sich für eine kurze Zeit zurück und rächen sich meist auf brutale Art und Weise an den Vergewaltigern.

„Rape and Revenge“ als kulturwissenschaftliche Analysekategorie

Die in Kontexten der feministischen Medienwissenschaften entwickelte Formel „Rape and Revenge“ beschreibt einerseits spezifische Filmnarrationen über sexualisierte Gewalt und verweist andererseits auf zwei zeitlich nacheinander liegende Sequenzen: die des Gewalt Erleidens und die des Rächens (vgl. Read 2000). Dabei wird auf die Biografien der Akteur:innen sowie auf die sozialen Beziehungen zwischen ihnen rekurriert und somit vermieden, ein simples Täter-Opfer-Verhältnis zu reproduzieren. Die Formel kann als fruchtbare kulturwissenschaftliche Analysekategorie genutzt werden, um neben künstlerischen und medialen Repräsentationsformen auch spezifische soziale Ereignisse fassbar und analysierbar zu machen.

In den filmischen und künstlerisch-adaptierten Rachezyklen geht es meist um eine symmetrische Vergeltung auf der Basis eines reziproken Äquivalenzprinzips. Das Konzept der Rache kann hier gleichzeitig als Ausdruck von Kritik an einer unbefriedigenden Sanktionierungspraxis in geltenden Rechtsystemen dienen (Stichwort: Rape Culture). Zugleich lässt eine psychologisierende Lesart des Phänomens die Auslegung zu, dass sich in imaginierten Racheszenarien auch eine Coping-Strategie im Umgang mit traumatisierenden Gewalterfahrungen erkennen lässt (vgl. Lehmann 2016 [1993]; Reifenberger 2013).

Wie „Rape and Revenge“ ethnografisch erforschen?

Das Phänomen „Rape and Revenge“ kann jedoch auch abseits künstlerisch-ästhetischer Verhandlungen in sozialen Wirklichkeiten und als empirische Ausdrucksform wirksam werden und entwickelt hier ganz andere Realitätseffekte. Ein historisches und ein gegenwartsorientiertes Fallbeispiel sind die in den Medien viel diskutierten Fälle von Marianne Bachmeier, die 1981 den Vergewaltiger und Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal erschoss, und von Valérie Bacot im Jahr 2021, die ihren Vergewaltiger und Ehemann erschoss. Beide verweisen auf die konfliktreiche, alltägliche und strafrechtliche Dimensionen des Phänomens, welche auch ethnografisch untersucht werden können.

Als kulturwissenschaftliche Forschungszugänge zu empirischen Fällen können praxistheoretische, diskurstheoretische und materielle Ansätze dienen. Die überindividuelle Diskursebene könnte bspw. fragen, was die beiden Fallbeispiele über gesellschaftliche Wissensordnungen, vor allem über Geschlechterordnungen aussagen. Die praxistheoretische/praxeografische Ebene nimmt die Praktiken des Strafens und Disziplinierens in den Blick – sowohl ihre körperliche Dimension als auch die Bedeutungs- und Sinnzuschreibungen. Die Ebene des Materiellen betrifft rächende, leidende, verletzte, emotionale Körper, aber auch Gegenstände wie Pistolen und Messer, die in dominanten Diskursen häufig als Mordwaffe dienen. Auch Raumarrangements im Gerichtssaal, in urbanen Räumen wie Straßen, Wälder oder Wohnsiedlungen spielen eine Rolle.

Rache als soziale und kulturelle Alltagspraxis

Im Rahmen meiner Masterarbeit führte ich 20 leitfadengestützte Interviews und zahlreiche informelle Gespräche mit Alltagsakteur:innen und Expert:innen (z. B. Staatsanwält:innen oder Psycholog:innen) durch. Darüber hinaus wertete ich Ratgeberliteratur, Forenbeiträge und Erzeugnisse der Populärkultur aus.

Im empirischen Material wird deutlich, dass weiblich gelesene Akteur:innen Rachepraktiken wie z. B. den sexuellen Betrug, das körperliche und emotionale Distanzieren oder das Konfrontieren nutzen, um sich aus einer häufig manipulativen Beziehung zu befreien. In einem Fall sprach ein männlich gelesener Akteur über eine erlittene Vergewaltigung: Er habe keine Rachegedanken oder -fantasien gegenüber dem männlich gelesenen Täter, wünsche ihm aber die gerechte Strafe. Seine Mutter hingegen – enttäuscht vom juristischen System – plante für ihren Sohn (stellvertretende) Rache an dem Vergewaltiger.

Diese erzählten Geschichten besitzen in einer kulturwissenschaftlichen Lesart auch eine ordnende, produktive und (re)aktivierende Funktion und damit Emanzipationspotenzial. Die Formel „Rape and Revenge“ kann als Interpretationsfolie genutzt werden, um die Akteur:innen, ihre Selbstwahrnehmung in den Rachegeschichten und die sozialen Beziehungen zu verstehen.

Queering „Rape and Revenge“

Um dem Netz aus Stereotypen entkommen zu können, die in der Analyse Fallstricke bilden, schlage ich vor, das Theorieprogramm der Queer Studies in die Analyse des Phänomens miteinzubeziehen, um starre Kategoriensysteme aufzubrechen und abseits der häufig dargestellten männlich*-weiblichen* Form von Vergewaltigung und Rache auch männlich*-männliche*, weiblich*-männliche* und weiblich*-weibliche* Formen von Vergewaltigung anzuerkennen und den strukturellen Gehalt der Gewalt- und Diskriminierungserfahrung zu betonen. Ähnliches gilt für die Verwobenheit mit anderen Kategorien, welche vor allem im juristischen System sichtbar und wirksam werden. Auch sollte der „Rape“-Begriff differenziert werden, um verschiedene Formen sexualisierter Gewalt einzuschließen und eine Hierarchisierung, Bewertung und Verkürzung erlittener Gewalt zu vermeiden. Denn auch das Sprechen über sexualisierte Gewalt ist eine ganz eigene Form von Gewalt (vgl. Schwerdtner 2021).

Eine dekolonisierende Perspektive kann zudem eurozentrische Argumentationsstrategien in gegenwärtigen medialen Diskursen um „Selbstjustiz“, „Blutrache“ und „Ehrenmord“ herausarbeiten und einordnen. Vergewaltigung und Rache wird häufig „den Anderen“ zugeschrieben, räumlich außerhalb Europas verortet und auch moralisch aus dem eigenen sozialen Umfeld ausgelagert. Die Wahrnehmung, Ausübung oder Ablehnung von „Rape and Revenge“ hat daher auch einen distinguierenden Charakter und fördert Grenzziehungen.

Die geschlechter- und kulturtheoretische Dekonstruktion des Phänomens, welche im Rahmen dieses begrenzten Beitrages nur angerissen werden konnte, zielt darauf, dichotome Trennungen von (heteronormativen, weißen, cis) Opfer- und Täter:innenrollen aufzulösen und die Komplexität der sozialen Gewalt- und Unrechtsbeziehung anzuerkennen.

Literatur

Heller-Nicholas, Alexandra (2011): Rape-Revenge Films. A Critical Study. Jefferson N. C.: McFarland.

Höltgen, Stefan: Vergewaltigung und Vergeltung (2004): Film, Zuschauer und Zensur im Simulationsraum der Gewalt. Ästhetik und Kommunikation, 125, 39–46.

Koch, Angela (2009): Gefährdete Ordnung im Rape-Revenge-Film. In: Deuber-Mankowsky, Astrid/Holzhey, Christoph/Michaelsen, Anja (Hrsg.): Der Einsatz des Lebens. Lebenswissen, Medialisierung, Geschlecht (S. 175–190). Berlin: b_books.

Kracher, Veronika (2020): Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults. Mainz 2020.

Künzel, Christine (2003): Vergewaltigungslektüren: Zur Codierung sexueller Gewalt in Literatur und Recht. Frankfurt/Main: Campus.

Lehman, Peter (2016 [1993]): „Don’t Blame This on a Girl. Female Rape-Revenge Films“. In: Cohan, Steven/Hark, Ina Rae (Hrsg.): Screening the Male. Exploring Masculinities in Hollywood Cinema (S. 103–117). New York/London: Routledge.

Projansky, Sarah (2001): Watching Rape: Film and Television in Postfeminist Culture. New York: NYU Press.

Read, Jacinda (2000): The new avengers: feminism, femininity and the rape-revenge-cycle. Manchester: Manchester University Press.

Reifenberger, Julia (2013): Girls With Guns. Rape & Revenge Movies: Radikalfeministische Ermächtigungsfantasien? Berlin: Bertz + Fischer.

Schwerdtner, Lilian (2021): Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt. Ein Plädoyer für Kollektivität und Selbstbestimmung. Münster: edition assemblage.

Sielke, Sabine (2002): Reading Rape: The Rhetoric of Sexual Violence in American Literature and Culture, 1790–1990. Princeton/N. J.: Princeton University Press.

Zitation: Manuel Bolz: Rape and Revenge. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf sexualisierte Gewalt, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 14.09.2021, www.gender-blog.de/beitrag/kulturwissenschaft-sexualisierte-gewalt/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20210914

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Manuel Bolz

Manuel Bolz, B.A., ist am Ende seines Masterstudiums der Empirischen Kulturwissenschaft (vorher: Volkskunde/Kulturanthropologie) am Fachbereich Kulturwissenschaften der Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Ethnografie von Emotionen, in der Intersektionalität von Gender, Sexualität und Körper, in der Stadtforschung sowie in der Medizinanthropologie.

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