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Interview

LGBTQ+-Familien und ihr Kampf um Anerkennung

18. November 2025 Julia Teschlade Mona Motakef Christine Wimbauer Sandra Beaufaÿs

Das Buch „Auf dem Weg zur Normalität? LGBTQ+-Familien und ihr Kampf um Anerkennung“ ist ein Gemeinschaftswerk. Mit den Autorinnen Julia Teschlade, Mona Motakef und Christine Wimbauer sprach Sandra Beaufaÿs über die gerade erschienene Monografie, die Hürden auf dem Weg dorthin – und eine langjährige, fruchtbare Arbeitsbeziehung.

Worum geht es in eurem Buch – ganz kurz zusammengefasst – und warum sollten wir es lesen?

Christine Wimbauer: In dem Buch geben wir anhand qualitativer Familieninterviews einen Einblick in den Alltag von LGBTQ+-Familien. Wir fragen, auf welchen Wegen verwirklichen sie ihren Kinderwunsch und wie gestalten sie tagtäglich ihr Familienleben? Mit welchen rechtlichen und gesellschaftlichen Barrieren sind sie dabei konfrontiert? Wir zeigen, dass LGBTQ+-Familien vielfältige Diskriminierungen erleben und sie als eine Form des Kampfes um Anerkennung ihr Familie-Sein normalisieren. Durch ihre alltäglichen Kämpfe um Anerkennung prägen und verändern sie, was Familie und Elternschaft heute und in Zukunft bedeuten kann.

Julia Teschlade: An dem Buch ist auch interessant, dass die Familien selbst zu Wort kommen. Es ist ein Buch, das die Lebensrealitäten dieser Familien sehr stark in den Vordergrund rückt.

Ist es immer noch schwierig, eine LGBTQ+-Familie zu gründen?

Mona Motakef: Rechtlich gab es Tendenzen der Gleichstellung und für gleichgeschlechtliche und cis-normative Paare wurde es „einfacher“. Es ist aber immer noch so, beispielsweise bei verheirateten Frauen, dass die Frau, die nicht das Kind geboren hat, nicht automatisch die rechtliche Mutter ist und deshalb ihr Kind adoptieren muss. Und trans* Väter, die ein Kind geboren haben, stehen immer noch als Mütter in der Geburtsurkunde.

Habt ihr starke Unterschiede zwischen Wegen in die Elternschaft bei LGBTQ+-Familien gefunden, und wie seid ihr das angegangen?

JT: Wir haben einen Verlauf nachgezeichnet: Man muss sich erstmal als reproduktives Subjekt verstehen und wenn man dann weiß, man kann eine Familie werden, aushandeln, wie möchte man Familie werden – und dann dieser konkrete Weg in die Elternschaft. Das haben wir für alle Fälle rekonstruieren können, mit unterschiedlichen Nuancen. Darin haben wir die Möglichkeit gesehen, auch die Spezifik von Fall zu Fall darzustellen. Wir haben zum Beispiel zwei lesbische Paare, und obwohl beide Frauenpaare sind, ist dieser Verlauf dann doch recht unterschiedlich. In einem Fall war für beide total klar, dass sie Eltern werden wollen, aber der konkrete Weg gestaltete sich sehr schwierig. Bei dem anderen Paar hat die Aushandlung über die Elternschaft an sich viel länger gedauert, der Weg selber ging dann aber relativ schnell. Auch in dem Kapitel zu Recht haben wir fallübergreifend Diskriminierung festgestellt, aber auch da abhängig von den Konstellationen nochmal Nuancen aufgezeigt. In einem Kapitel arbeiten wir auch unterschiedliche Strategien der Normalisierung an spezifischen Fällen heraus. Die Normalisierung war aber fallübergreifend zu beobachten.

Der Titel des Buches stellt ja diese Frage der Normalität sehr heraus. Welche Rolle spielt das bei LGBTQ+-Familien?

MM: Unsere Frage war vorher nicht „Wie normalisieren die?“. Dies ist uns empirisch begegnet. Sie haben uns viele Antworten in die Richtung gegeben: Schaut mal, wie normal wir sind. Und dann ist uns aufgefallen, dass sie nicht immer vordergründig ansprechen, dass sie Diskriminierungen erleben. Sie antworten bereits auf etwas, und das ist im Prinzip die Diskriminierung, die sie antizipieren. Wie zum Beispiel die Frauen, die neu in eine Nachbarschaft kommen. Mit gebackenem Kuchen gehen sie von Tür zu Tür, da sie befürchten, dass man sie hassen könnte, weil sie lesbisch sind. Oder ein schwules Paar, das uns erzählt, wie extrem sie sich in ihrem Elternverein einbringen. Sie sind die Superfamilie schlechthin. Und das fanden wir spannend und deswegen haben wir der Normalisierung so viel Raum gegeben. Sie müssen Normalität herstellen, weil die Gesellschaft so heteronormativ ist.

JT: Es geht ganz konkret darum, sich zu wehren – vor Angriffen, Abwertungen und Verletzungen. Spätestens, wenn Kinder ins Spiel kommen, wird das umso wichtiger, nach außen zu suggerieren: Wir weichen nicht ab. Wir sind sogar normaler als die meisten Familien. Und unsere Idee dahinter ist, die Normalisierung aus dem diskurstheoretischen Feld herauszuholen und zu schauen, wie funktioniert es eigentlich in den Praktiken und was machen Leute da eigentlich beim „Normalität herstellen“?

MM: Uns ist vor allem wichtig, zu zeigen, dass es ein unglaublich großer Aufwand ist, den sie auf sich nehmen, um sich als normale, intelligible Familie zu präsentieren. Den haben ja heterosexuelle Familien nicht. Und dieser Aufwand ist meist unsichtbar.

Das wirft die Frage auf, wie queere Reproduktionsarbeit vergesellschaftet ist.

CW: Bei dieser Frage nach der Vergesellschaftung von der queeren Reproduktionsarbeit ist der eine Punkt die Sorgearbeit, die generell vergeschlechtlicht ist – also Familientätigkeiten, Gebären von Kindern, Großziehen von Kindern, Hausarbeit, Sorgearbeit und so weiter, die vergeschlechtlicht ist und üblicherweise von Frauen geleistet und unsichtbar gemacht wird. Diese Arbeit leisten queere Familien wie nicht queere Familien, aber die queeren Familien haben zusätzlich diese ganze Arbeit der Normalisierung, um die eigene Existenz, die unbeschädigte Existenz zu sichern. Und diese Arbeit wird gesellschaftlich unsichtbar gemacht und sie selbst müssen sie auch unsichtbar machen, weil sie ja eben normal erscheinen möchten. Und deswegen ist es eine erhebliche Leistung, eine Mehrleistung, die diese Familien erbringen.

Normalisierung ist dann Teil eines Kampfes um Anerkennung?

CW: Das ist erst auf den zweiten Blick ersichtlich, aber natürlich kämpfen die Familien dadurch, dass sie sich mehr anstrengen, dass sie sich als normale Familie darstellen. Das ist auch eine Form des Kampfes um Anerkennung und zwar eine sehr wichtige. Nicht nur auf die Straße zu gehen, ist ein Kampf um Anerkennung.

MM: Es gibt gesellschaftlich den Eindruck, wir haben Gleichstellung erreicht, wir sind heute total weit, wenn es um LGBTIQ+-Familien geht, aber das sind wir nicht.

CW: Ja, und es geht rückwärts. Wir haben zunehmende queerfeindliche Gewalt. Wir haben zunehmende Attacken von rechtspopulistischen und rechten Bewegungen und umso wichtiger ist, dass wir vielleicht den Kampf um Anerkennung und gleiche Rechte doch nochmal auf eine andere Art und Weise führen als nur durch Normalisierung.

JT: Als klar war, wir schreiben jetzt dieses Buch, dachten wir eigentlich, okay, bis das Buch fertig ist, ist die Gleichstellung im Recht erreicht für Familien, die nicht heteronormativ sind. Wir dachten, das Buch wäre mit Blick auf rechtliche Ungleichheiten gar nicht mehr relevant. Es ist leider aktueller und brisanter als es war, als wir anfingen es zu schreiben. Das ist wirklich erschreckend.

Die Publikation fußt auf einem Projekt, das 2018 gestartet ist. Wie seid ihr eigentlich zu dem Thema gekommen?

CW: Mein Ausgangspunkt war 1999 meine Diplomprüfung in Verfassungsrecht, da habe ich die Frage bekommen, ob gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen oder nicht. Ich habe es so beantwortet, dass sie heiraten können müssen dürfen, aber der Prüfer sagte: Da sind Sie ihrer Zeit voraus.

JT: Ich habe eine Masterarbeit zur Ehe geschrieben und zur Normalisierung im Recht und habe mich sehr viel mit Heteronormativität im Recht beschäftigt. Das war dann die Fortentwicklung: Wenn es jetzt die Lebenspartnerschaft gibt, ist die Familie immer noch die letzte Bastion, wo sehr, sehr viele Hürden eingebaut werden, dass man das verwirklichen kann.

MM: Als wir 2010 die Idee hatten, daraus ein Projekt zu machen, war die Zeit eine andere, also lange vor der „Ehe für alle“. Im soziologischen Kolleg*innenkreis kam dann schon auch mal die Reaktion „Hui, das ist aber wirklich eine marginale Mini-Mini-Gruppe. Warum muss man diese quantitativ so unwichtige Gruppe denn überhaupt erforschen?“

CW: Ich muss ergänzen, das war nicht im Kolleg*innenkreis, sondern es war ein Kollege.

((lachen))

MM: Es war auf jeden Fall nicht ein Thema, von dem wir dachten: Damit räumen wir jetzt alles ab. Das Vorhaben wurde bei einem Bundesministerium eingereicht, da wurde es abgelehnt. Und bei der DFG mussten wir auch nochmal neu einreichen. Also, es war auf jeden Fall ein längerer Weg, bis es dann 2017 zu dem Vorhaben kam.

CW: Es war wirklich eine Vision von uns, an diesem Thema dran zu bleiben, weil so viel Ungleichheit drinsteckt, weil es so relevant ist und weil es so unsichtbar gemacht wird. Und wir waren sehr froh, dass wir drangeblieben sind, es war unser Herzensthema einfach. Deswegen haben wir das so lange durchgezogen, bis wir endlich Geld dafür bekommen haben.

Wart ihr damals zu dritt, oder war das Team größer?

MM: Wir waren ein größeres Projektteam, Almut Peukert war dabei und Leoni Linek, und wir hatten auch supergute SHKs. Also wir hatten wirklich ein ganz tolles Team, und wir hätten gerne das Buch mit allen geschrieben. Dazu ist es nicht gekommen, aber es ist ganz klar ein gemeinschaftliches Werk.

Welche Aufmerksamkeit wünscht ihr euch für das Buch?

CW: Was wir uns wünschen würden, ist Aufmerksamkeit quer durch die Disziplinen, weil wir mit unseren Arbeiten oft ein bisschen durch die Disziplinen fallen. Wir kommen aus der Ungleichheitsforschung, aus der Geschlechterforschung, aus der Queer Theory, aus der Anerkennungstheorie, auch Familiensoziologie und wir versuchen, die verschiedenen Teilsoziologien und Teildisziplinen zu verbinden und zu integrieren. Und wir hätten natürlich gern, dass in allen Disziplinen dieses Buch oder die Ergebnisse zur Kenntnis genommen werden.

Die Studie von Julia Teschlade, Mona Motakef und Christine Wimbauer, „Auf dem Weg zur Normalität? LGBTQ+-Familien und ihr Kampf um Anerkennung“, ist 2025 bei Campus erschienen.

Zitation: Julia Teschlade, Mona Motakef, Christine Wimbauer im Interview mit Sandra Beaufaÿs: LGBTQ+-Familien und ihr Kampf um Anerkennung, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 18.11.2025, www.gender-blog.de/beitrag/lgbtq-familien-anerkennung/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20251118

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Dr. Julia Teschlade

Julia Teschlade ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Geschlechtersozologie, sexuelle und reproduktive Rechte, Soziologie der Nahbeziehungen (Schwerpunkt: Vielfältige Familien), Soziologie der Re/Produktionsarbeit, Soziale Ungleichheiten und qualitative Methoden der Sozialforschung.

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Prof. Dr. Mona Motakef

Mona Motakef ist Professorin für Soziologie der Geschlechter¬verhältnisse am Institut für Soziologie der TU Dortmund. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in der soziologischen Geschlechterforschung, der Soziologie der Arbeit (Erwerbs- und Reproduktionsarbeit, Prekarisierung), der Familie, Paar- und Nahbeziehungen, der sozialen Ungleichheit, der Lebensphasen und Zeitlichkeit und Qualitativen Methoden.

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Prof. Dr. Christine Wimbauer

Chrstine Wimbauer ist Professorin für Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse am Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der soziologischen Geschlechterforschung, insbes. der Soziologie der Geschlechterverhältnisse, der Arbeit (Erwerbs- und Reproduktionsarbeit, Prekarisierung), Paar- und Nahbeziehungen sowie der sozialen Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse.

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Dr. Sandra Beaufaÿs

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Wissenstransfer sowie bei den Themen Geschlechterverhältnisse in Wissenschaft, Professionen und Arbeitsorganisationen.

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