28. November 2025 Andrea Rottmann Sandra Beaufaÿs
Die Bewegungen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans, Inter, Queers und Weiteren jenseits der Heteronormativität (LSBTIQ*) haben die postfaschistischen Demokratien in Deutschland und Österreich demokratischer gemacht: Diese These ist der Ausgangspunkt des Forschungsprojektes „LSBTIQ*-Bewegungen und Demokratie: Geschichte, Gegenwart und Zukunft“. Das Projekt wurde im Herbst 2023 entwickelt und wird nun in der Förderlinie Transformationswissen über Demokratien im Wandel der VolkswagenStiftung gefördert. Sandra Beaufaÿs sprach mit Andrea Rottmann, der Projektleiter*in.
Was haben LSBTIQ-Bewegungen in Deutschland und Österreich mit Demokratie zu tun?
LSBTIQ-Bewegungen thematisieren schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts das Spannungsverhältnis zwischen dem demokratischen Anspruch von Gleichheit und Freiheit für alle und der tatsächlichen eingeschränkten demokratischen Rechte und Partizipationsmöglichkeiten für queere Personen, etwa durch eine anhaltende Stigmatisierung und Diskriminierung. Sie haben dieses Spannungsverhältnis öffentlich gemacht und dagegen gekämpft – durchaus mit Erfolg, sodass diese Bewegung tatsächlich demokratische Gesellschaften in Deutschland und Österreich durch ihren Aktivismus weiter demokratisiert haben.
Wie hat das konkret ausgesehen?
Sie haben mehr Menschen die Ausübung ihrer Grundrechte ermöglicht, etwa des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, des Schutzes von Ehe und Familie. Sie haben Normen in Frage gestellt – Rechtsnormen, Körpernormen, Geschlechtsnormen, die viele Menschen in der Gesellschaft betreffen. Sie haben dazu beigetragen, Lebenswirklichkeiten jenseits der Vater-Mutter-Kind-Familie sichtbar zu machen und rechtlich abzusichern, aber auch, die Gesundheitspolitik umzukrempeln, im Kontext der AIDS-Epidemie Krankheit zu entstigmatisieren und eine sexpositive Präventionspolitik durchzusetzen. Es ging um die Sichtbarmachung von ganz anderen Lebensmöglichkeiten und Lebensmodellen, die auch nicht nur queere Menschen betroffen haben, aber von ihnen thematisiert und politisiert wurden. Und es ging letztlich auch um die Demokratisierung von Geschlecht und Sexualität selbst sowie der Imagination und Forcierung einer anderen, inklusiveren, Demokratie.
Worauf zielt nun das Projekt ab, mit dem Sie gerade in den „Startlöchern“ stehen?
Das Hauptanliegen des Projektes, ist es, queere Bewegungen und ihre Rolle in Demokratisierungsprozessen kritisch zu erforschen und dieses Wissen breit zu vermitteln. Dafür arbeiten wir eng mit LSBTIQ*-Archiven zusammen und vernetzen Akteur*innen, Multiplikator*innen, die bisher nicht in Kontakt waren, die aus der queeren Bildungsarbeit, aus der politischen Bildung, aus dem Theater und aus der Wissenschaft kommen.
Sie haben ja Geschichte, Gegenwart und Zukunft in den gesamten Projekthorizont einbezogen. Was wird historisch untersucht werden?
Die historischen Teilprojekte analysieren den Zusammenhang von Subjektivierung, Aktivismus und Demokratie. Kai* Brust erforscht in diesem Rahmen trans Aktivismus in der Bundesrepublik. Dazu gibt es bis jetzt überhaupt keine Qualifikationsarbeit, es ist die erste Dissertation zum Thema. Eike Wittrock beschäftigt sich mit Theater- und Tanzworkshops der westdeutschen Schwulenbewegung, und schaut wie dort über Körper und Gefühle Fragen der Demokratisierung erfahr- und verhandelbar gemacht wurden. Ich selbst werde anhand der Biografie von Hilde Radusch den Wandel der Möglichkeiten demokratischer (Staats-)Bürgerschaft (citizenship) in Deutschland im 20. Jahrhundert untersuchen. Radusch hat fast das ganze 20. Jahrhundert als politisch denkender Mensch bewusst miterlebt. Sie lebte seit Beginn ihres Erwachsenenseins lesbisch, war zunächst sehr engagierte Kommunistin, bevor sie im Alter dann auch lesbische Aktivistin wurde. An ihrer Biografie lassen sich, glaube ich, ganz gut die Möglichkeiten und der Wandel demokratischer Staatsbürgerschaft ablesen: Was wurde in der Weimarer Republik leb- und denkbar, in der die Demokratie ja eine erste queere Öffentlichkeit ermöglichte, und was wurde erst durch – in diesem Fall – die Lesbenbewegung der 70er-Jahre vorstellbar?
Neben der Geschichtswissenschaft sind noch weitere Disziplinen am Projekt beteiligt, es ist also eine interdisziplinäre Projektgruppe. Weshalb sind gerade die Fächer Politik, Geschichte und Tanz- und Theaterwissenschaft einbezogen?
Einerseits ist die Kooperation durch bestehende Kontakte entstanden – die Teilprojektleitenden haben sich in früheren Forschungsprojekten kennengelernt und hatten Lust, ein gemeinsames Forschungsprojekt zu beantragen. Andererseits sind aber diese Disziplinen vielleicht besonders geeignet, um die Fragestellungen gemeinsam zu erforschen. Die Politikwissenschaft hat den Anspruch, das Konzept der Demokratisierung gerade durch die Miteinbeziehung der Geschichte und Politik von LSBTIQ*-Bewegungen theoretisch-konzeptionell zu schärfen, während die Geschichtswissenschaft durch empirische Forschung diese Begriffe – Demokratie, Demokratisierung, Bewegung – historisiert und überprüft, wie sie sich verändert haben und für wen das zentrale Begriffe waren. Und die Tanz- und Theaterwissenschaft beschäftigt sich intensiv mit Performativität und Identität. Dazu kommt, dass die queere Geschichte und sicher auch die queere Politikwissenschaft immer schon interdisziplinär gearbeitet haben und auch arbeiten mussten, weil ihr Forschungsinteresse lange nicht anerkannt war. Schließlich galten ja Sexualität und Geschlecht als ‚private‘ und daher politik- und geschichtswissenschaftlich irrelevante Themen, und folglich ist die Forschung zu queerer Geschichte ganz lange außerhalb von Universitäten passiert.
Sie haben gesagt, ein Hauptanliegen Ihres Projekts ist, verschiedene Akteur*innen und Multiplikator*innen zusammenzubringen, die bislang noch nicht zusammengearbeitet haben. Dazu gehören auch zivilgesellschaftliche Partner*innen.
Wir – zivilgesellschaftliche und wissenschaftliche Partner*innen – haben das Projekt gemeinsam entwickelt aus der Erfahrung oder Tradition gemeinsamer, verflochtener Wissensproduktion in feministischen und queeren Kontexten. Unser Anspruch ist es, dass Wissenschaft und Zivilgesellschaft im Projekt auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Unser großer zivilgesellschaftlicher Partner ist der Dachverband der deutschsprachigen queeren Archive, Bibliotheken und Sammlungen, QueerSearch. Die queerhistorische Forschung hat lange vor allem in Bewegungskontexten stattgefunden, und die Archive haben dafür eine wichtige Rolle gespielt. Sie haben bspw. die Verfolgung von queeren Personen im Nationalsozialismus dokumentiert und dazu geforscht, lange bevor die Geschichtswissenschaft das getan hat, und haben es dadurch ermöglicht, dass diese Verfolgung anerkannt wurde und dass queere Personen in nationale und globale Erinnerungsdiskurse aufgenommen wurden. Und auch, dass es eine konkrete rechtliche Entschädigung geben konnte, die ja sehr spät kam. Ohne die historische Arbeit, die viel in den Archiven oder in Bewegungszusammenhängen stattgefunden hat, wäre es dazu nicht gekommen. Die queeren Archive sind wichtige Ressource und Akteur*innen in LSBTIQ*-Bewegungen. Gleichzeitig sind sie nach wie vor oder immer wieder und gerade besonders akut von Prekarität bedroht.
Gibt es weitere zivilgesellschaftliche Akteur*innen, die Teil des Projektes sind?
Ein weiterer zivilgesellschaftlicher Akteur ist Gin Müller, Performance Künstler* aus Wien, der mit seinem „Verein zur Förderung der Bewegungsfreiheit“ schon viel zu queerer Geschichte gearbeitet, inszeniert und gespielt hat. Er und Eike Wittrock aus der Tanz- und Theaterwissenschaft planen ein Vermittlungsprojekt – Theaterworkshops für Jugendliche mit Archivmaterialien aus der queeren Geschichte –, da sollen historische Ereignisse, Entwicklungen aus der queeren Geschichte von Jugendlichen gespielt werden. Weitere Vermittlungsformate sind etwa ein Podcast und ein Workshop, der Leute aus der politischen Bildung mit Leuten aus der queeren Bildung zusammenbringen soll. Andere zivilgesellschaftliche Akteur*innen sind die Interviewpartner*innen aus den Oral History Interviews, die im Rahmen einzelner Forschungsprojekte geführt werden.
Warum ist es wichtig, dieses Projekt jetzt zu machen und auch im Hinblick auf die Zukunft queerer Communities, queerer Bewegungen und demokratischer Verfasstheit?
Ich glaube, es ist total wichtig, das jetzt zu machen, denn leider sind sowohl die liberalen Demokratien als auch queere Menschen gerade stärker bedroht denn je seit 1945, auch in Deutschland und Österreich. Weltweit zeigt sich, dass Angriffe auf queere Menschen im Zentrum von aktuellen Autoritarisierungsprozessen stehen. Umgekehrt wird aber auch deutlich, dass LSBTIQ*-Bewegungen maßgeblich zur Herausbildung demokratischer Resilienz und Widerständigkeit beitragen. Am deutlichsten sichtbar geworden ist das in diesem und letztem Jahr bei CSDs, die von manchmal gar nicht so kleinen Naziaufmärschen bedroht wurden. Diese Formen der Bedrohung sind aber auch eine Reaktion darauf, dass es inzwischen wirklich an sehr vielen Orten und eben auch in ländlichen Gegenden CSDs gibt. Queere Leute leben ja überall und nicht nur in Berlin. Einerseits gibt es eine viel größere Sichtbarkeit und andererseits gibt es auch eine sehr gewaltvolle Reaktion darauf. Seitdem die neue Bundesregierung im Amt ist, gibt es auch auf der Ebene der Bundespolitik einen sehr anderen Umgang mit queeren Communities und mit der queeren Bewegung, spezifisch auch mit dem Symbol der queeren Bewegung, der Regenbogenfahne.
Haben Sie da etwas Bestimmtes vor Augen?
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner weigerte sich zum Beispiel, aus Anlass des Berliner CSDs am Bundestag die Regenbogenfahne zu hissen, wie seit 2022 Usus. Ihre Verbote der Fahne in Bundestagsbüros und der Beteiligung einer Gruppe von Bundestagsangestellten an der Demonstration hat zahllose Stellungnahmen und Schlagzeilen produziert. Wobei die Gestaltung des Berliner U-Bahnhofs „Bundestag“ in Farben und Muster der „Progressive Pride“-Fahne (siehe Foto oben) durch die Berliner Verkehrsbetriebe sicher einen der auffälligsten Kommentare darstellt. Das Unternehmen betont damit, weiterhin für den Wert der Vielfalt einzustehen.
Nehmen Sie insgesamt einen Wandel in der öffentlichen Einstellung wahr?
Das ist wirklich ein ganz anderer Wind, der da weht, dass eben die Rechte von queeren Menschen nicht mehr als Menschenrechte anerkannt werden. Nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien und auch bei uns, geht es da vor allem um die Rechte von trans Personen, die als Bedrohung dargestellt werden, Bedrohung auch für Frauenrechte, was völlig falsch ist, aber leider sind diese Diskurse in Mainstream-Diskurse eingezogen. Und das ist verheerend, das sind autoritär-populistische bis extrem rechte Positionen, die in der Mitte der Gesellschaft ankommen, die die Akzeptanz queerer Lebensweisen in Frage stellen und die queeres Leben akut bedrohen. Andererseits, und das macht eben auch unser Projekt deutlich, gab und gibt es in liberalen Demokratien auch lange schon offene Flanken zu autoritären Geschlechterpolitiken.
Haben Sie Hoffnung, dass das Projekt dem entgegenwirken kann?
Wir hoffen natürlich, dass unsere Forschung Köpfe und Herzen erreicht, dass die Verbreitung kritischen Wissens über unterschiedliche Kanäle und Multiplikator*innen nicht nur die wissenschaftliche Community erreicht, sondern auch darüber hinaus Vorurteile entkräften kann. Es ist unsere Überzeugung, dass Wissen Veränderung bewirken kann, dass es etwa empowernd sein kann, etwas über die Kämpfe, aber auch den Alltag queerer Menschen in der Vergangenheit zu lernen, über Allianzen über Differenzen hinweg oder über Handlungsmöglichkeiten auf lokaler Ebene. Gleichzeitig sind wir aber auch nur ein Forschungsprojekt. Gegen antiqueeren Hass, Hetze und Vorurteile braucht es klare Bekenntnisse aus Politik, Zivilgesellschaft und Medien und die langfristige Förderung von Demokratie-, Bildungs- und Forschungsprojekten. Gerade erleben wir leider eher eine gegensätzliche Entwicklung.
Das Projekt wurde neben Dr. Andrea Rottmann beantragt von
Prof. Dr. Christine Klapeer, Universität Gießen
Dr. Gin Müller, Verein zur Förderung der Bewegungsfreiheit, Wien
Hannes Hacke & Roman Klarfeld, QueerSearch, Dachverband deutschsprachiger queerer Archive, Bibliotheken und Sammlungen, Berlin
Prof. Dr. Eike Wittrock, Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien
Zitation: Andrea Rottmann im Interview mit Sandra Beaufaÿs: LSBTIQ*-Bewegungen und Demokratie – ein transdisziplinäres Forschungsprojekt, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 28.11.2025, www.gender-blog.de/beitrag/lsbtiq-und-demokratie/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20251128
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