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Debatte

Mobbende ProfessorInnen: Einschüchterung und Machtmissbrauch an niederländischen Universitäten

28. Juni 2022 Yolande Jansen Natalie Scholz Susanne Täuber Remco Tuiner

Auch an niederländischen Hochschulen sind unter dem Einfluss von Konkurrenzkultur, Budgetkürzungen und Zeitverträgen viele Arbeitsverhältnisse mit hoher Abhängigkeit entstanden. WissenschaftlerInnen sind ProfessorInnen untergeordnet, die über ihre Chancen auf eine akademische Karriere entscheiden können. Gerade erfolgreiche Forschende, die viel Geld einwerben und auf deren Reputation und Finanzierung Universitäten angewiesen sind, haben Einfluss auf die Karriere anderer. Frauen, Internationals, LGBTQ+, Menschen mit befristeter Anstellung sind besonders gefährdet, wenn es um die Ausnutzung solcher Machtverhältnisse zu ihrem Nachteil geht.

In diesem Beitrag beleuchten wir Machtmissbrauch als strukturellen Missstand in der Wissenschaft und zeigen, wie die Strukturen, die diesem Missbrauch Einhalt gebieten müssten, das Problem in der Praxis oft noch verschärfen.

Aufstieg in konkurrentem Umfeld

60 Prozent der Angestellten niederländischer Universitäten haben befristete Verträge. Sie haben fast keine Anlaufstelle, wenn sie Opfer von Mobbing oder Machtmissbrauch werden. Missstände werden nur in äußerster Not gemeldet, da eine Beschwerde auch bei einer Festanstellung erhebliche Konsequenzen haben kann. An den Universitäten herrscht eine enorme Hierarchie, eine Kultur des Wettbewerbs und des „winner takes all“ bei der Verteilung von Forschungsgeldern. Vielen Führungskräften ist es gelungen, wegen, nicht trotz, dieser Kultur aufzusteigen.

„Ich bin ein international anerkannter Wissenschaftler. Aber mein Vorgesetzter sagt mir, dass ich in meiner Agenda genau vermerken soll, was ich tue, für jeden Arbeitstag von neun bis fünf. Er wies die Sekretärin an, zu notieren, wann ich komme und gehe. Wenn ich ihm in etwas nicht zustimme, droht er mir mit einer negativen Leistungsbeurteilung.“ [1]

Extrem übergriffiges Verhalten

Seit #metoo sind mehrere Fälle von Machtmissbrauch und sexuell übergriffigem Verhalten an niederländischen Universitäten öffentlich geworden. 2019 veröffentlichte NRC erstmals einen Artikel (NRC 2019) über sexuelle Gewalt von einem Professor und Dozenten der Universität von Amsterdam. Dazu gehörten sexistische Äußerungen gegenüber weiblichen Angestellten und Studentinnen, das Versenden von Pornobildern, das Erzwingen sexueller Beziehungen im Gegenzug für professionelle Unterstützung. Eine Studentin hörte, wie hinter ihr der Schlüssel von einem beliebten Lehrer umgedreht wurde, der sie zu sich nach Hause eingeladen hatte; andere mussten jahrelang derbe Sexscherze ertragen, um zu verhindern, dass ihnen einer der knappen Jobs in ihrem Bereich entgeht. Als die Frauen versuchten, die Probleme den Vorgesetzten zu melden, wurden sie nicht gehört, obwohl offensichtliche Signale den Dekan und selbst den Vorstand erreicht hatten. Andere Fälle spielten sich in Rotterdam und Utrecht ab; die Universität von Amsterdam ist sicherlich keine Ausnahme.

Umfrageergebnisse

2019 veröffentlichte das Niederländische Netzwerk Weiblicher Professoren (Landelijk Netwerk Vrouwelijke Hoogleraren) einen Bericht (Naezer et al. 2019), in dem Formen von Fehlverhalten an niederländischen Universitäten unter dem Begriff „harassment“ zusammengefasst werden, ein allgemeiner Begriff, der auch Belästigung, Ausgrenzung, Beleidigung und andere grenzüberschreitende Verhaltensweisen umfasst. 53 befragte Wissenschaftlerinnen erzählten von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung, körperlicher und verbaler Bedrohung, Beleidigung, Behinderung ihrer wissenschaftlichen Laufbahn und Ausgrenzung.

Die Gewerkschaften FNV und VAWO (2019) führten zudem eine Umfrage unter 1.100 Beschäftigten niederländischer Universitäten durch, in der neben wissenschaftlichem auch unterstützendes Personal vertreten war. Mehr als die Hälfte dieser Beschäftigten hat Erfahrungen mit einem sozial unsicheren Arbeitsumfeld gemacht. Viele StudienteilnehmerInnen gaben an, Machtmissbrauch und Einschüchterung durch einen Professor oder Vorgesetzten erlebt zu haben. Vor allem Frauen berichteten von Diskriminierung und Ungleichbehandlung. All diese Studien zeigen, dass Belästigung und Machtmissbrauch an Universitäten keine Einzelvorfälle sind, sondern strukturelle Mängel eines ungleichen Systems.

„Die Vertrauensperson konnte nichts für mich tun. Sie ist sehr nett und engagiert, aber sie hat keine Macht, keine Autorität. […] Jetzt kommt noch die Ombudsperson dazu. Es macht einen wahnsinnig, seine Geschichte immer und immer wieder zu erzählen. Mein Problem ist nicht gelöst, aber ich bin jetzt in der ganzen Fakultät als schwieriger Mensch bekannt.“

Beschwerdeverfahren haben oft gegenteilige Effekte

Die Forschungsberichte und die Veröffentlichung der schweren Fälle in den Medien sorgten dafür, dass die soziale Sicherheit ganz oben auf der universitären Agenda stand. Vertrauenspersonen wurden angestellt, Beschwerdeverfahren und Null-Toleranz-Aussagen entstanden, Schulungen und Workshops sollten die MitarbeiterInnen sensibilisieren. Allerdings scheinen diese neu etablierten Strukturen vielerorts nicht richtig zu funktionieren. Studierende der Universität Utrecht, die als ‚Aktionsgruppe Fehlverhalten‘ organisiert sind, haben ihrer Universitätsleitung im Jahr 2020 nicht weniger als 62 Empfehlungen zur Verbesserung des bestehenden Beschwerdeverfahrens vorgelegt.

Die Täter werden regelmäßig geschützt, wie aus einem Bericht über „harassment“ an der Universität Groningen hervorgeht, der 2021 von der Young Academy Groningen veröffentlicht wurde (Young Academy Groningen 2021). Auch dieser Bericht zeigt das Versagen universitärer Strukturen und Beschwerdeverfahren: Personalberater stehen Betroffenen oft feindselig gegenüber oder raten ihnen, zu schweigen, weil es sonst ihrer Karriere schade. Vertrauenspersonen haben keine Macht, um einzugreifen, und haben keinen Zugang zu Rechtsbeistand, um die Opfer zu unterstützen. Verfahren dauern oft Jahre und führen trotzdem nicht zu einer Lösung. Gerade bei Berichten über andere ProfessorInnen und Vorgesetzte wollen Dekane und Vorstände Konflikte vermeiden und verschleiern.

„Angesichts der Atmosphäre in unserem Fachbereich traue ich mich beinahe nicht mehr, in meinem Fachgebiet zu publizieren. Der Institutsleiter hat mich sogar darauf hingewiesen, dass meine Veröffentlichungen dem Ansehen der Universität schaden könnten.“

Opfer werden zu Tätern gemacht

Betroffene, die Machtmissbrauch melden, werden regelmäßig von Universitäten aufgefordert, Verbesserungsprogramme zu durchlaufen, um an ihrer Kommunikation zu arbeiten. Die akademische Hierarchie arbeitet bei solchen institutionellen Reaktionen mit einer grausamen Logik: Wer ProfessorInnen Machtmissbrauch vorwirft, dem fehlen vermutlich vor allem die erforderlichen „Soft Skills“. Eine Umfrage zur Einschüchterung von WissenschaftlerInnen zeigt, dass nicht weniger als 39 Prozent der einschüchternden Reaktionen nach einer Veröffentlichung oder einem öffentlichen Auftritt aus der eigenen Universität kommen (Digan/Baaren 2021). Zum Beispiel kann eine Wissenschaftlerin in einem führenden Magazin einen viel beachteten Artikel über Diskriminierung und Belästigung veröffentlichen – aber wenn das ihrem Vorgesetzten nicht passt, sagt dieser, die Veröffentlichung habe einen „Vertrauensbruch“ verursacht. In diesen und ähnlichen Fällen macht die Universität Opfer zu Tätern und geht dann selbst gegen die Betroffenen von Machtmissbrauch vor – die eigentlichen Täter müssen keine Konsequenzen befürchten.

Schwere soziale Gewalt und institutionelles „Gaslighting“

Dass Betroffene nach dem offiziellen Verfahren „für das Einreichen einer Beschwerde nicht benachteiligt werden dürfen“, klingt vor dem Hintergrund derartiger Erfahrungen wie ein schlechter Scherz. Der Mangel an sozialer Absicherung untergräbt damit auch aktiv und passiv die Wissenschaftsfreiheit. Aktiv wegen der Vergeltungsmaßnahmen gegen kritische WissenschaftlerInnen, und passiv, weil diejenigen, die solche Vergeltungsmaßnahmen miterleben, sich selbst zensieren.

„Wie einige meiner Kollegen entwickelte auch ich eine PTBS. Wenn ich jemanden in der Stadt sah, der meinem Vorgesetzten ähnlich sah, fiel ich vor Angst fast in Ohnmacht. […] Ich habe Panikattacken, eine Art Angst, die man in keiner Weise kontrollieren kann, sobald sie einmal begonnen hat. […] Ich traue dem Dekan nicht. Ich traue dem Vorstand nicht. Generell fällt es mir schwer, Menschen zu vertrauen.“

Die Auswirkungen auf die Opfer zeigen, dass es sich um schwere soziale Gewalt handelt. Betroffenen wird untersagt, die Angelegenheit zu diskutieren, sie werden manipuliert, um keine weiteren Maßnahmen zu ergreifen, und sie werden in traumatisierende Mediationsverfahren gezwungen, in denen der Täter die Einschüchterung unter Geheimhaltung fortsetzen kann. Man könnte dies institutionelles „Gaslighting“ nennen, mit dem Ziel, den Ruf der Universität zu schützen – diejenigen, die Fehlverhalten melden, bleiben isoliert zurück. Auch werden Meldende von Fehlverhalten häufig mit Entlassung bedroht und müssen sich daher anwaltlich beraten lassen (Young Academy Groningen 2021). Die Opfer zahlen dafür persönlich – die Täter, ihre Vorgesetzen und Dekane hingegen nehmen Rechtshilfe in Anspruch, die aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird.

Es muss sich etwas ändern

Die niederländische Arbeitsaufsicht kam in einem aktuellen Bericht zu dem Schluss, dass die Nachsorge für Opfer von Diskriminierung und sexueller Belästigung an Universitäten unzureichend geregelt ist. Klar ist, dass sich einiges grundlegend ändern muss. Das beginnt bei der Prävention von Machtmissbrauch: Die Hierarchie an den Hochschulen muss deutlich abgeflacht und die Abhängigkeit der Beschäftigten von ihren Vorgesetzten beendet werden. Dekane und Universitätsleitungen müssen demokratischer gewählt und die MitarbeiterInnenbeteiligung gestärkt werden. Ombuds- und Vertrauenspersonen sollten unabhängig von der Hochschulleitung tätig werden können. Die Position der Opfer ist viel zu schwach; sie verdienen besseren Schutz und kostenlose Rechtshilfe. Es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Menschen in führenden Positionen in der Wissenschaft die Grenzen der ihnen hierarchisch unterstellten Personen respektieren sollten. Dabei finden sich MobberInnen gerade im hyperkompetitiven, individualistischen und hierarchischen akademischen Umfeld leicht in Führungspositionen wieder.

Anmerkung

Dieser Beitrag ist eine gekürzte, veränderte und ins Deutsche übertragene Fassung des Artikels „Professorale pestkoppen“, erschienen am 11. Mai 2022 im Groene Amsterdammer. Wir möchten einer Reihe von KollegInnen danken, die Ideen zu diesem Artikel beigetragen haben, aber es vorziehen, anonym zu bleiben, sowie WOinactie.

[1] Die Zitate im Beitrag sind aus Erfahrungsberichten konstruiert, die während unserer eigenen Recherchen und aus den zitierten Berichten gesammelt wurden. Die Stimmen stammen von Männern und Frauen. Keine der Stimmen lässt sich auf einen Einzelfall zurückführen.

Literatur

Digan, K. & Baaren, E. (2021). Wetenschappers zwichten voor intimidatie. Science Guide, 7. Juli 2021. Zugriff am 20.06.2022 unter https://www.scienceguide.nl/2021/07/wetenschappers-zwichten-voor-intimidatie/.

FNV & VAWO (2019). Sociale veiligheid van medewerkers op universiteiten. Onderzoeksresultaten. PDF_online

Naezer, M. M., van den Brink, M. C. L. & Benschop, Y. W. M. (2019). Harassment in Dutch academia: Exploring manifestations, facilitating factors, effects and solutions. Report commissioned by the Dutch Network of Women Professors (LNVH). PDF_online

NRC (2019). Bij hoogleraar B. moesten de vrouwen hakken dragen. Onderzoek machtsmisbruik en wangedrag: Een hoogleraar werd een half jaar geleden gedwongen te vertrekken bij de UvA. Erschienen am 14.05.2019. Zugriff am 20.06.2022 unter https://www.nrc.nl/nieuws/2019/05/14/bij-hoogleraar-b-moesten-de-vrouwen-hakken-dragen-a3960238.

Young Academy Groningen (2021). Harassment at the University of Groningen. PDF_online

Zitation: Yolande Jansen, Natalie Scholz, Susanne Täuber, Remco Tuiner : Mobbende ProfessorInnen: Einschüchterung und Machtmissbrauch an niederländischen Universitäten, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 28.06.2022 , www.gender-blog.de/beitrag/machtmissbrauch-an-niederlaendischen-universitaeten/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20220628

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Prof. Dr. Yolande Jansen

Yolande Jansen ist außerordentliche Professorin für soziale und politische Philosophie an der Universität Amsterdam und Professorin mit besonderer Ernennung für Humanismus in Bezug auf Religion und Säkularität an der Vrije Universiteit Amsterdam.

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Dr. Natalie Scholz

Natalie Scholz ist Assistenzprofessorin für Neuere Geschichte an der Universität Amsterdam.

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Dr. Susanne Täuber

Susanne Täuber ist "Associate Professor in Organizational Behavior" an der Universität Groningen.

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Prof. Dr. Remco Tuiner

Remco Tuiner ist Professor für Physikalische Chemie an der Technischen Universität Eindhoven.

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Kommentare

Anne Schlüter | 28.06.2022

Danke, dass Sie das Thema aufgenommen haben und dazu publizieren. Eine Kultur der Wertschätzung und Kommunikation in der Wissenschaft ist für die Entwicklung der Wissenschaftler*innen sehr wichtig.

Bärbel Miemietz | 28.06.2022

Der Artikel ist großartig.

Tanja Banavas | 14.07.2022

Mit das Beste, was ich seit langem gelesen habe - weil endlich mal das Wesentliche klar benannt wird! Es ist allerhöchste Zeit, dass wir uns den übergeordnet wichtigen Themen wieder kämpferisch annehmen, anstatt in Klein-Klein Pseudokorrekturen (und nochmal mehr Ablenkungspopanz) zu den IdiotInnen des Systems zu verkommen. Ein wesentliches Anliegen der Zukunft wird es sein, über Narzissmus und den damit einhergehenden (Macht-) Mißbrauch gesellschaftlich aufzuklären. Inwiefern das gelingen kann in einem System (KAPITALismus), das seine "Werte" aber genau darin sieht, bleibt fraglich

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