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#MenAreTrash: Zur performativen Funktion einer Abfall-Behauptung

04. September 2018 Laura Geuter

„Wer von euch hat #MenAreTrash getrendet?“ Diese Frage stellt Journalistin Sibel Schick an das Twitter-Universum, als der Hashtag plötzlich in der Liste der meist benutzten Deutschlands auftaucht. Eine Frage, die nicht allzu leicht zu beantworten ist. Zum ersten Mal erlangte der Hashtag 2017 Aufmerksamkeit, als südafrikanische Frauen auf die Ausmaße häuslicher Gewalt in ihrem Land aufmerksam machen wollten. Schnell wurden sie auf Twitter für die „verallgemeinernde“ Aussage angegriffen. Die Diskussion konzentrierte sich nicht – wie erhofft – auf Femizide, Gewalt und Missbrauch, sondern auf die Frage, wie man denn einfach alle Männer über einen Kamm scheren könne. Ein Jahr später schreibt Sibel Schick als Erläuterung zu ihrem Twitter-Post „Es ist ein strukturelles Problem, dass Männer Arschlöcher sind“ ein Gedicht für das Missy Magazin, in der sie diese Aussage kontextualisiert. Beides entsteht, so Schick, vor dem Hintergrund konstanter Anfeindung in den sozialen Netzwerken und einer Flut an Hassnachrichten gegen sie.

Zu viel der Provokation?

Wenn man die Posts unter #MenAreTrash liest, wird schnell klar, dass der Hauptteil der Äußerungen aus Kritik an demselben besteht. Von daher liegt auch Schicks Vermutung nahe, „dass der Hashtag und die Diskussion von rechtsextremen Trollgruppen gestartet wurde“. Die Frage, wer #MenAreTrash getrendet hat, ist also nicht klar zu beantworten. Klar ist hingegen, dass ihn sich – trotz vehementer Anfeindung – diverse Feminist*innen zu eigen gemacht haben, um unter ihm nicht nur Diskriminierungserfahrungen zu teilen, sondern auch die Täter und das System, das diese ermöglicht, anzuprangern. Im Endeffekt blieb die „Diskussion“ jedoch wieder sehr oberflächlich und drehte sich lediglich darum „ob man (oder besser: Frau*) denn so etwas sagen darf“. Auch in der taz ist dies die große Frage, der eine Pro- und Contra-Position gewidmet wird. Für diese Dynamik wird – auch von feministischer Seite – der provokanten und verallgemeinernden Natur des Hashtags die Schuld gegeben. Die Polemik der Aussage biete allen, die ihr Verhalten innerhalb der Machtgefüge unserer Gesellschaft reflektieren sollten, die Möglichkeit, sich auf das Argument einer „menschenfeindlichen bzw. sexistischen“ Formulierung zurückzuziehen, die dahinterstehende Kritik gar nicht erst näher zu betrachten und sich über Feminismus als „Männerhass“ zu echauffieren.

Die Blickrichtung wechseln

Das allgemeine „Unwohlsein“, das dieser Hashtag ausgelöst und viele dazu bewogen hat, von „Vergewaltigung“ bis „Vergasung“ seiner Benutzer*innen mit allem zu drohen, was das antifeministische Repertoire hergibt, lässt sich grundsätzlich auf seine verallgemeinernde Natur zurückführen. Zusammenfassend: Viele Männer mögen es nicht, nur aufgrund ihres Geschlechts allgemein negative Attribute zugeschriebenen zu bekommen. Die abwehrende Reaktion auf #MenAreTrash ist daher ein nachvollziehbarer Impuls, jedoch stellt sich – je länger man Beiträge und Posts zu diesem Thema liest – das mulmige Gefühl ein, dass der Hashtag vielleicht doch seinen Platz hat. Um die Funktion, die eine provokante Metapher (und als solche kann die Aussage „Men are Trash“ verstanden werden) im vorhandenen Diskurs einnehmen kann und soll, zu erfassen, muss die Blickrichtung gewechselt werden. Nicht die Bedeutung der Aussage spielt dabei in erster Linie eine Rolle, sondern ihr Effekt. Gehen wir mit Donald Davidson (1978) davon aus, dass der pragmatische Effekt einer neuen Metapher darin besteht, sich, durch die wörtliche Falschheit der Aussage irritiert, auf die Suche nach alternativen Interpretationen zu machen, ist ein solches Vorgehen auch an dieser Stelle angebracht. Um mich der Antwort auf die Frage anzunähern, was hier eigentlich gemeint ist, möchte ich zwei prägnante Interpretationen genauer in den Blick nehmen: Zunächst gehe ich auf die Kritik ein, die die Verbreitung des Hashtags als strategischen Fehltritt betrachtet, daran anschließend auf seine Interpretation als verallgemeinernder und ungerechter Angriff.

Strategischer Fehltritt…

So wird argumentiert, #MenAreTrash verunglimpfe den ernsthaften feministischen Diskurs, indem er sowohl dessen Sachlichkeit diskreditiere als auch eine maßgeschneiderte Vorlage für die Bestätigung von Vorurteilen biete. Und in der Tat – betrachtet man die Diskussionskultur in den Sozialen Medien, wird schnell deutlich: Um eventuell mit feministischen Aussagen ernst genommen zu werden, ist es essentiell, sich in der Formulierung gegen eine Vielzahl von möglichen Missverständnissen abzusichern. Außerdem geht es auch immer darum, soweit wie möglich den Vorwurf der Verbissenheit, Frustriertheit, ideologischer Verfärbtheit, des Männerhasses etc. zu vermeiden, jeder Möglichkeit von Fehlinterpretation schon im Vorhinein den Wind aus den Segeln zu nehmen und die Anfeindungen im überschaubaren Bereich zu halten. Und eine Aussage wie „Men are Trash“ sichert sich gegen nichts ab. Im Gegenteil, die Fehlinterpretation wird geradezu herausgefordert und nichts ist nach einer solchen Äußerung – vor allem in den Sozialen Medien – so sicher wie Hassnachrichten. So berechtigt diese Kritik sein mag, ist ihr doch entgegenzuhalten, dass die Funktion des Hashtags nicht mit dem reinen Blick auf die konstative Ebene des Satzes „Men are Trash“ zu finden ist, es muss auch näher betrachtet werden, was hier mit den Wörtern auf der Handlungsebene getan wird. Sprache dient eben nicht nur dazu, über die Welt zu sprechen, indem man Aussagen über sie macht, sondern wir handeln auch mit ihr (vgl. Austin 2002).

…oder Strategie zur Selbstermächtigung?

Zum einen ist es eine Art von Ermächtigungsstrategie, sich kurzzeitig zu lösen von der stets erwarteten aber meist zum Scheitern verurteilten Service-Leistung, jede Aussage zu kontextualisieren, zu differenzieren und zu relativieren. Die Formulierungen können noch so vorsichtig, noch so sachlich, noch so bedacht darauf sein, niemandem direkt die Schuld zu geben: Die Worte werden trotzdem verdreht werden und die Hassnachrichten werden trotzdem kommen. Nicht-vorsichtig bzw. konfrontativ und verallgemeinernd zu argumentieren und dennoch ernst genommen zu werden ist ein Privileg, das aus einer Machtposition entspringt. Sich dieses Privileg anzueignen und für einen flüchtigen Twitter-Moment nicht von den möglichen Konsequenzen einschüchtern zu lassen, kann befreiend wirken. Zum anderen lässt sich eine weitere performative Funktion des Hashtags in den Reaktionen auf denselben erkennen. Viele Twitter-User*innen verstanden den Hashtag als Aufforderung, zu widersprechen. Und das in einer so hasserfüllten Weise, dass man denken könnte, sie würden ihren eigenen Widerspruch performativ negieren wollen. So werden die strukturellen Probleme, auf die der Hashtag sich bezieht, durch die empörten Angriffe, die er hervorrief, erneut offen gelegt und bestätigt. Man könnte also zuspitzen: Der Hashtag funktioniert dort am besten, wo er missverstanden wird.

Sind jetzt alle Männer Abfall?

Es ist somit zu kurz gegriffen, den Satz „Men are Trash“ auf seine konstative Ebene zu reduzieren. Es muss auch der Handlungsaspekt in den Blick genommen werden, um die Funktion dieses Satzes zu verstehen. Die Frage, die hier gestellt werden muss, ist also nicht, ob „Men are Trash“ im wörtlichen Sinne wahr ist, sondern was mit diesen Wörtern getan wird und ob die Äußerung als Sprechakt geglückt ist. Hieran schließt sich die zweite Art der Kritik an, es sei verallgemeinernd und ungerecht, gar sexistisch, alle Männer in eine Schublade zu stecken und aufgrund ihres Geschlechts zu beleidigen. Die Feminist*innen täten somit genau das, worüber sie sich die ganze Zeit beschweren. Bei dieser Kritik wird die Möglichkeit, auf die strukturelle Ebene zu abstrahieren, komplett außen vorgelassen (was bei anderen gesellschaftskritischen Parolen wie „Eat the Rich“ problemlos funktioniert). Auf dieser strukturellen Ebene greift auch der Vorwurf eines simplen „wie du mir so ich dir“ nicht, da die dafür notwendige Prämisse eines ebenbürtigen Machtverhältnisses nicht gegeben ist: Kein Mann wird durch #MenAreTrash eine Marginalisierung erfahren. Alles was diese Worte tun können, ist bestenfalls eine abstrakte Idee von so einer Behandlung zu vermitteln. Genau darin sehe ich die performative Funktion der Verallgemeinerung. Durch eine Aussage wie „Manche Männer sind Trash“ würde sich niemand angesprochen oder „mitgemeint“ fühlen, die Verallgemeinerung birgt dagegen das Potenzial „performativer Aufklärung“. So gab es vereinzelte Reaktionen von männlichen Twitter-Usern, die herausstachen. Sie schrieben: Bisher dachte ich nicht, dass #MenAreTrash, aber das Lesen der Reaktionen auf diesen Hashtag hat mich überzeugt. Wenn dies eine Handlungsabsicht des Sprechaktes war, könnte man ihn als geglückt bezeichnen.

Weitere Beiträge zum Thema in diesem Blog finden Sie hier.

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Laura Geuter

Laura Geuter (M. A.) hat Philosophie und Literatur in Hildesheim, Montpellier und Berlin studiert. Ihr Forschungsinteresse betrifft insbesondere die Bereiche Feministische Philosophie, Sprachphilosophie und Erkenntnistheorie.

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Kommentare

Oblomo | 05.09.2018

Ausgezeichneter Beitrag! Insbesondere den Abschnitt über sogenannte strategische Argumente gegen den Hashtag habe ich mit großem Interesse gelesen und mich auch ein wenig ertappt gefühlt. Dass gerade in linken Kreisen bei einer Parole wie "Eat the rich" problemlos vom wörtlichen Sinne abstrahiert werden kann, aber die gleiche Funktion bei "Men are trash" versagt hat sicherlich auch damit zu tun, dass es einfacher ist von der konstativen Ebene zurück zu treten, wenn man sich selbst nicht als Teil der scheinbar angegriffenen Gruppe sehen muss (Reiche vs. Männer).

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