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Forschung

Väter und Söhne. Phantasmen nationalsozialistischer Propaganda und aktuelle Filmmotive

17. August 2021 Sebastian Winter

Affektiv aufgeladene Bilder der Auseinandersetzung zwischen „Vätern“ und „Söhnen“ spielen sowohl in nationalsozialistischen Propagandafilmen als auch in post- und antinazistischen Spielfilmen eine zentrale Rolle. In einem kleinen Forschungsprojekt untersuche ich die manifesten und latenten Brüche und Kontinuitäten solcher Bilder in verschiedenen Phasen der deutschen Geschichte. Am Beispiel des Propagandafilms Hitlerjunge Quex (D, 1933, Regie: Hans Steinhoff) und der aktuellen semidokumentarischen Kinder- und Jugendserie Der Krieg und ich (D/P/GB, 2019, Regie: Matthias Zirzow) werde ich hier zwei kurze Schlaglichter darauf werfen und über eine Analyse der geweckten szenischen Assoziationen zeigen, wie in Der Krieg und Ich neben der intendierten Verurteilung des Hitler-Regimes auch unerwartet Motive aus Hitlerjunge Quex anklingen. Ein sozialpsychologischer Erklärungsansatz hierfür kann das Fortleben autoritärer Haltungen als „Gefühlserbschaft“ des Nationalsozialismus sein. Unerwarteterweise bedienen die aktuellen Filme aber eher die Stimmung eines „konservativ-autoritären“, die nationalsozialistischen die eines „rebellisch-autoritären“ Charakters.

Heini

Der Propagandafilm Hitlerjunge Quex war im ersten Jahr des nationalsozialistischen Reiches ein großer Publikumserfolg. Sein Protagonist ist Heini, genannt Quex, 15 Jahre alt. Heini lebt in Berlin zusammen mit seinem kommunistischen, arbeitslosen Vater und seiner überforderten, depressiven Mutter. Der zunächst naiv-kindliche Heini begeistert sich gegen den Willen des despotischen Vaters zunehmend für die HJ, während ihn die als vulgär-sexuell dargestellte Atmosphäre der kommunistischen Jugend nach kurzer Zeit abstößt. Seine Mutter suizidiert sich, Heini aber findet in der HJ ein neues kameradschaftliches Zuhause. Der HJ-Bannführer ist von ihm begeistert. Auch der Vater macht nach dem Tod seiner Frau eine Wandlung durch und findet zu „Deutschland“. Der Film endet damit, dass Heini für die nationalsozialistische Bewegung sein Leben opfert und von Kommunisten (bei deren Darstellung antisemitische Stereotype von Verschlagenheit und Manipulation mitschwingen) erstochen wird.

Anton

In Folge 1 von Der Krieg und Ich wird Anton aus Deutschland vorgestellt. Der Zehnjährige hat wie Heini einen antinazistischen, kriegsinvaliden Vater, der hier aber von Anfang an alleinerziehend ist (die Mutter ist schon vorher verstorben). Anton tritt wie Heini gegen den Willen seines Vaters der HJ bei, um „dazuzugehören“ und „Abenteuer“ zu erleben, statt „einkaufen“ gehen zu müssen. Erst als der Vater verhaftet wird, erkennt Anton, dass dieser mit der Ablehnung der Nazis recht hatte. Seine „Verwandlung“ wird als Durchschauen eines Täuschungsmanövers erzählt: Den Nazis geht es gar nicht um Abenteuer und das Wohl Deutschlands, sondern um den Krieg und um die Anton gänzlich unverständliche Gewalt gegen Jüdinnen*Juden. Der Film endet mit der Entschuldigung Antons durch seinen mit Folterspuren zurückgekehrten Vater: „Du bist nicht schuld. Du kannst nichts dafür. Die Nazis sind schlau.“

Der schwächliche Tyrann

Filmstill aus "Hitlerjunge Quex"
Filmszene aus Hitlerjunge Quex

Ich werde nun eine einzelne Szene von Hitlerjunge Quex skizzieren (vgl. dazu auch Bateson 1980 [1945]): Nach einer Demonstration kommt Heinis massiger Vater, gestützt von einem Genossen, leicht verletzt nach Hause. Er verlangt von seiner Ehefrau Geld, um Bier trinken zu gehen. Dabei leidet und ächzt er demonstrativ. Da sie ihm kein Geld geben kann, fängt er an, Schranktüren und Schubladen aufzureißen und Kleiderstapel zu durchwühlen. Als er seine hilflose Frau schlagen will, kommt Heini hinzu, holt aus seiner Hose ein Markstück, das er als Lehrjunge erhalten hatte, und gibt es heimlich seiner Mutter. Damit kann sie den Vater beruhigen. Während dieser im Weggehen brummelt „Man muss den Frauen nur die Zähne zeigen!“, hilft Heini seiner Mutter beim Wiederaufräumen der Wohnung. Der Freund des Vaters kommentiert anerkennend: „Ist aber ein strammer Bengel, dein Junge!“.

Heinis Vater ist von seiner Frau, die er „Mutti“ nennt, abhängig und in seiner Schwäche brutal. Konnotationen sexueller Gewalt schwingen bei dem Aufreißen der Türen und Durchwühlen der Wäsche mit. Heini ist demgegenüber souverän und der Retter der Mutter. Die Darstellung der intim wirkenden Berührung, als er ihr das Geldstück in die Hand drückt und sie ihn anlächelt, ruft Bilder einer heimlichen Liebe hervor. Während der Vater sich mit seinem machistischen Spruch selbst bloßstellt, anerkennt sein Freund Heinis „Männlichkeit“.

Der integre, liebevolle Vater

Schauen wir auch in Der Krieg und ich kurz in eine Szene hinein: Der Vater deckt für Anton und seine zwei kleinen Geschwister den Tisch. Anton hat Geburtstag, seinen größten Wunsch, der HJ beitreten zu dürfen, lehnt der Vater aber energisch ab, weil der Nationalsozialismus zum Krieg führen würde. Er zeigt Anton sein Holzbein: „Im Krieg gewinnen immer die Fabrikbesitzer und Waffenverkäufer, aber die einfachen Menschen sterben oder werden zu Krüppeln gemacht.“ Anton verdreht die Augen. „Mama hätte das gemacht“, hält er seinem Vater entgegen, der erwidert: „Ja, Mama hat immer versucht, dir jeden Wunsch zu erfüllen. Aber hier wäre auch für sie Schluss gewesen“.

Wie bei Heini versucht auch Antons Vater, strenger als die Mutter es war, eine Grenze zu ziehen, was aber auch ihm misslingt. Der Ohnmacht des Vaters, einem Hausmann und „Krüppel“, wird die männliche Abenteuerwelt der HJ entgegengestellt. Antons Rebellieren gegen das weiblich assoziierte Einkaufen-Müssen scheint verständlich. Doch was er nicht erkennt: In Wirklichkeit werden die naiven Kinder verführt und manipuliert. Der Feind, gegen den man rebellieren sollte, ist nicht der Vater, der tatsächlich auch gar nicht schwach und überstreng ist, sondern liebevoll den Kindern zugetan und moralisch integer. Der Feind sind die „Fabrikbesitzer und Waffenverkäufer“ und deren Helfer, die schlauen Nazis. „Wir Kinder hörten nicht mehr auf unseren Vater“ – wird an anderer Stelle aus dem realen Tagebuch eines Hitlerjungen zitiert, um zu verdeutlichen, was Schutz vor der Verführung bieten würde.

Filmszene aus "Der Krieg und ich"
Filmszene aus Der Krieg und ich

 

Spaltung des Vaterbildes

Wie lassen sich diese nazistischen und postnazistischen Bilder einordnen? Dazu ein paar vorläufige Thesen: In der psychodynamischen Gestimmtheit des „Autoritären Charakters“, welche die nationalsozialistische Propaganda angeboten hat, wird die ambivalente Haltung gegenüber „dem Vater“ – verstanden nicht (nur) als ein realer Vater, sondern als patriarchale Imagination „der Autorität“ – gespalten in die idealisierende Unterwerfung unter die „deutsche Gemeinschaft“ und ihre „Führer“ einerseits, dem rebellischen Hass auf antisemitisch markierte manipulative Unterdrücker andererseits:

„Auf diese Weise befriedigte die neue Ideologie zwei Bedürfnisse zugleich, nämlich zum einen die rebellischen Tendenzen und zum anderen die latente Sehnsucht nach einer umfassenden Unterordnung.“ (Fromm 1980, S. 249)

Diese „Schiefheilung“ (vgl. Busch/Gehrlein/Uhlig 2015; Henkelmann 2020) ist vergeschlechtlicht und bietet Jungen ein besonderes Angebot:

„Oft wird der Jude zum Ersatz für den verhaßten Vater und nimmt in der Phantasie eben die Eigenschaften an, die zur Auflehnung gegen den Vater herausforderten: Nüchternheit, Kälte, Herrschsucht, ja sogar die des sexuellen Rivalen.“ (Adorno 1973 [1950], S. 323)

Das Phantasma des ödipalen Triumphes des jugendlichen Helden über den Vater als „sexuellen Rivalen“ ermöglicht die Verleugnung der kindlich-„weiblichen“ Abhängigkeit (vgl. Pohl 2004), während die besiegten Väter als schwächlich erscheinen und die Mütter sterben. Das Gegenbild des kommunistischen (=„verjudeten“) Vaters ist der HJ-Bannführer, der die kameradschaftliche Identifikation ermöglicht. Anschließend kann dann die Wiederversöhnung mit dem geläuterten Vater erfolgen und das Böse wieder von ihm weg in das antisemitisch bestimmte Außen verschoben werden. Im nationalsozialistischen Reich konnte diese „Befriedigung“ jahrelang erlebt werden und wurde nach der Niederlage der Volksgemeinschaft kryptisiert und als tabuisierte „Gefühlserbschaft“ aufbewahrt (vgl. Lohl 2010). Ihre Struktur lässt sich noch aus dem Latenten aktueller Spielfilme neben der manifesten Verurteilung des Hitler-Regimes herauslesen (vgl. Winter 2007).

Konservativer und rebellischer Autoritarismus

Das in Hitlerjunge Quex verwendete Bild des schwachen Vaters gegen den rebellischen Sohn wird in Der Krieg und ich zunächst wiederholt. Anschließend aber wird es desavouiert und umgedreht: Nicht der Vater wird eines Besseren belehrt, sondern der verführte, reumütige Sohn. Die Gegenüberstellung des integren Vaters und der manipulativen Fabrikbesitzer und Nazis erzeugt dabei Assoziationen, die antisemitischen Stereotypen von „denen da oben“, die heimtückisch und volksverräterisch die Welt lenken, homolog sind. Antons HJ-Phase steht parallel zu Heinis kurzem Mitmachen bei der Kommunistischen Jugend. Auf den Vater zu hören aber führt in dem einen Fall ins Verderben, in dem anderen zur Errettung.

Anders als in Hitlerjunge Quex steht bei Anton aus Deutschland weniger der „rebellisch-autoritäre Charakter“ im Vordergrund des affektiven Angebots, sondern mehr der „konservativ-autoritäre“ (Fromm 1980, S. 248f.). Der nazistische Film preist den völkischen Aufbruch; der postnazistische den Gehorsam des Sohnes. In beiden Filmen aber wird eine Version der autoritären Charakterstimmung (Spaltung gute Autorität vs. böse Autorität) angeboten, und in beiden Filmen wenden sich Sohn und Vater – im Namen Deutschlands bzw. geleitet von Kriegsgegnerschaft und Unschuld – gegen das zumindest unterschwellig antisemitisch konnotierte Böse, das die Jugend verführt. In dem älteren Film ist dies der Kommunismus, in dem aktuellen Film der Nationalsozialismus selbst. Eine solche Spaltung geht an einer tatsächlichen Auseinandersetzung mit der affektiven Attraktivität des Nationalsozialismus vorbei.

Literatur

Adorno, Theodor W. (1973 [1950]): Studien zum autoritären Charakter. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Bateson, Gregory (1945 [1980]): An Analysis of the Nazi Film "Hitlerjunge Quex". Studies in Visual Communication, 6(3), 20–55. Online unter https://core.ac.uk/download/pdf/129586909.pdf (Zugriff 10.08.2021).

Busch, Charlotte/Gehrlein, Martin/Uhlig, Tom David (Hg.) (2015): Schiefheilungen. Zeitgenössische Betrachtungen über Antisemitismus. Wiesbaden: VS.

Fromm, Erich (1980): Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung. Stuttgart: DVA.

Henkelmann, Katrin/Jäckel, Christian/Stahl, Andreas/Wünsch, Niklas/Zopes, Benedikt (Hg.) (2020): Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters. Berlin: Verbrecher-Verlag.

Lohl, Jan (2010): Gefühlserbschaft und Rechtsextremismus. Eine sozialpsychologische Studie zur Generationengeschichte des Nationalsozialismus. Gießen: Psychosozial.

Pohl, Rolf (2004): Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen. Hannover: Offizin.

Winter, Sebastian (2007): Arischer Antifaschismus. Geschlechterbilder als Medium der kulturindustriellen Bearbeitung der Erinnerung an den Nationalsozialismus am Beispiel der Filme Der Untergang, Sophie Scholl und Napola, in: Kittkritik (Hg.): Deutschlandwunder. Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur. Mainz: Ventil, S. 52–69. Online unter http://www.agpolpsy.de/wp-content/uploads/2009/01/Arischer-Antifaschismus-Online-Version.pdf (Zugriff 10.08.2021).

Zitation: Sebastian Winter: Väter und Söhne. Phantasmen nationalsozialistischer Propaganda und aktuelle Filmmotive, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 17.08.2021, www.gender-blog.de/beitrag/nationalsozialistische-propaganda-aktueller-film/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20210817

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Winter, PD Dr. Sebastian
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Beiträge

Sebastian Winter ist Privatdozent an der Leibniz Universität Hannover und Lehrbeauftragter an der IPU Berlin, Mitherausgeber der Zeitschrift „Freie Assoziation“ und der „Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung“. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Psychoanalytische Sozialpsychologie von Gemeinschafts- und Feindbildungsprozessen, Misogynie, Anti-Genderismus und männliche Gewalt, Theorie vergeschlechtlichender Sozialisation und Subjektivierung, Affektives Erleben von Väterlichkeit.

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