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Nicht verjährt: Rosa Luxemburgs Perspektive auf Staat und Demokratie

15. Januar 2019 Sandra Beaufaÿs

Vor 100 Jahren wurde Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919 in Berlin ermordet. Wer war die Frau, die ein für ihre Zeit ungewöhnliches Leben als politische Aktivistin und Wissenschaftlerin führte? Und welche Nachwirkungen hat ihr Werk in der einzigen politischen Stiftung im deutschsprachigen Raum, die einen Frauennamen trägt? Ein Gespräch mit Katharina Pühl, die als wissenschaftliche Referentin für feministische Gesellschafts- und Kapitalismusanalyse am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung arbeitet.

Wer war Rosa Luxemburg und wofür hat sie sich eingesetzt?

Ich denke, sie steht für Vieles. Sie war politisch aktiv in der Phase des ausgehenden 19. Jahrhunderts, des ersten Weltkriegs und der Revolutionen in verschiedenen Ländern zu dieser Zeit. Sie hat für ihre Positionen im Gefängnis gesessen und wurde als Sozialistin verfolgt – im Kaiserreich und danach in der jungen Republik. Gemeinsam mit Karl Liebknecht stand Rosa Luxemburg für die sich ab 1914 aus der SPD heraus entwickelnde, radikalere Linke. 1918 forderte sie die Einführung einer Räterepublik und die Abschaffung des Militärs. Dass völkisch gesinnte Gruppen, eine Bürgerwehr bzw. Freikorps die beiden im Januar 1919 erschlagen haben, hatte das Ziel, ernstzunehmende politische Gegner_innen aus dem Weg zu räumen, die ein sozialistisches Modell von Republik anstrebten. Und Luxemburg ist nicht zuletzt sicherlich eine der wichtigen, zentralen Theoretiker_innen kritischer Ansätze – sie hat Marx in Hinblick auf revolutionäre Theorie weitergedacht.

War Luxemburg denn eher Wissenschaftlerin oder Aktivistin?

Sie hat ein immenses Pensum am Schreibtisch absolviert und diverse wichtige Bücher, wie zum Beispiel Sozialreform oder Revolution geschrieben, die heute noch Bezugspunkt sind für das Nachdenken über revolutionäre Vorgänge. Und sie hat mit ihrem Hauptwerk Die Akkumulation des Kapitals unter anderem eine Imperialismustheorie begründet.

Und die Aktivistin?

Luxemburg hat sich an zu ihrer Zeit geführten Debatten und Auseinandersetzungen um die Internationale beteiligt. Vor allem interessierten sie die revolutionären Entwicklungen in Russland und die Zuspitzungen, die es dort gegeben hat. Sie wurde zur entschiedenen Gegnerin dieser Entwicklungen und orientierte auf die nationale Ebene überschreitende internationalistische Organisierung. Die Frage war ja, wie eine kapitalismuskritische Perspektive für Deutschland aussehen sollte. Sie gehörte sicherlich zu den radikaleren Linken, aber auch zu denen, die sich früh sehr kritisch mit den erkennbaren, später stalinistisch genannten Entwicklungen beschäftigt hat. Sie war klar für die Revolution, aber sie hat immer auch ein feines Gespür dafür gehabt, dass politische Kämpfe ins Totalitäre umzukippen drohen. Abgesehen davon, dass sie eine profunde Theoretikerin war und wirklich Neues für die kapitalismuskritische Analyse und die Marx´sche Theorie weiterentwickelt hat, war sie bei aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen aktiv beteiligt, auch um selbst zu verstehen, was aktuell gerade geschieht. Ihre Briefe an Zeitgenoss_innen zeugen davon. Sie verstand es, Leute zu organisieren – sie ist also nicht nur eine Aktivistin, sondern auch eine „Organizerin“ gewesen, wie wir heute sagen würden.

Ein ungewöhnliches Frauenleben, zumal an der Wende zum 20. Jahrhundert!

Ja, und der Blick auf ihre Biografie zeigt darüber hinaus, wie wichtig ihr auch ihre Liebes- und Freundschaftsbeziehungen waren. Ebenso wie Alltägliches – sie hatte ein Händchen für den Garten und auch eine Liebe dafür. Rosa Luxemburg hatte breit gefächerte Interessen, und das Bild, was von ihr als die Frau auf den Barrikaden gezeigt wird, ist oft ein sehr klischeemäßiges. Ich glaube, sie war auch eine gute Freundin, soweit man das Briefwerk von ihr kennt, und in vielfältigen Verbindungen, nicht nur in politisch engen.

Sie war zum Beispiel befreundet mit Clara Zetkin. War sie auch, wie diese, frauenbewegt?

Anders als Clara Zetkin, die ja deutlich eine Aktivistin der proletarischen Frauenbewegung war und da viel bewegt hat, war Rosa Luxemburg das nicht. Also man kann es drehen und wenden wie man will, man wird wenige Bezüge hierzu direkt in ihrem Werk finden. Es gibt ein paar Textstellen, aber im Grunde war das nicht ihr Thema. Ich würde trotzdem sagen, dass in der Art, wie sie ihr Leben gelebt hat, sie eine extrem emanzipierte Person war, die sich der Bürde der den Frauen zugeschriebenen Aufgaben kritisch bewusst war – und sie für sich anders in ihrem politischen und privaten Lebensentwurf interpretiert hat.

Es gibt in der Bundesrepublik meines Wissens keine andere politische Stiftung, die einen Frauennamen führt. Weshalb heißt die Stiftung „Rosa Luxemburg“, wie kam sie zu ihrem Namen?

Der Name der Stiftung ist durchaus besonnen ausgewählt worden. In der Gründungsphase der Stiftung Anfang der 1990er-Jahre, kurz nach dem Zusammenschluss beider deutscher Staaten, wählten die damals Zuständigen diesen Namen, weil Rosa Luxemburg als Person für eine linke radikale Gesellschaftsanalyse stand, die eine andere Perspektive auf Staat und Demokratie verfolgt. An ihrem Beispiel kann ein Teil der deutschen Geschichte hervorgehoben und – auch kritisch – beleuchtet werden. Es lässt sich noch hinzufügen, dass sie selber aus Polen migriert ist, eine der ersten Frauen mit Doktortitel war, dass sie Jüdin war – von daher war es kein Zufall, dass ihr Name gewählt wurde. Und ich bin froh, dass damals solche Überlegungen zu dieser Namensgebung geführt haben.

Wer wird vom Studienwerk der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert?

Aktuell werden ca. 1 000 Stipendiat_innen gefördert, also Studierende im BA, MA und Promovierende. Es gibt auch einige, die sich schon vor dem Studium bewerben können. Das Auswahlverfahren ist ein komplexer Prozess: Inzwischen werden zweimal im Jahr bis zu 700 Bewerbungen gesichtet, der Andrang ist enorm. Wir kriegen wahnsinnig viele tolle Bewerbungen, und es ist herzzerreißend, dass man dann nur einen kleinen Teil auswählen kann, weil nur eine bestimmte Zahl an Stipendien zur Verfügung steht.

Gibt es auch feministisches Engagement in der Stipendiat_innenschaft?

Ja, durchaus. Es gibt ja auch mehrere Arbeitskreise, einen AK Rosa Queer, Arbeitszusammenhänge zu Trans*themen etc. Die Stipendiat_innen organisieren sich zum Teil selbstständig in Arbeitszusammenhängen zu Themen, die ihnen wichtig sind und bringen natürlich auch ihre aktivistischen Engagements mit.

Welche Bezüge zu feministischen Themen gibt es heute in der Stiftung?

Vielfältige und auch zunehmend mehr. Seit ich hier arbeite, sind immer mehr Kolleginnen dazu gekommen, die zumindest teilweise mit einem queer-feministischen Fokus arbeiten. In der Auslandsarbeit beispielsweise hat die Diskussion über Femizide, die aus radikalen feministischen Bewegungen in Lateinamerika stammt, jetzt letztlich dazu geführt, dass wir diesen Begriff hier übernehmen. Und das finde ich eine interessante Entwicklung, die zeigt, dass wir den eigenen feministischen und kapitalismuskritischen Blick de-kolonialisieren müssen. Und natürlich haben wir mit den Themen Antifeminismus, Rechtspopulismus zu tun, denn das sind ja auch beileibe keine deutschen Probleme allein, sondern spielen als Phänomen in Europa und weltweit eine zentrale Rolle.

Wo ist die Stiftung aktiv und wie sieht das dann konkret aus?

Zum Beispiel in Vietnam und China, wo ich mehrfach an Veranstaltungen zu feministischen Themen dabei sein konnte. Da ging es um Care-Arbeit und Migration. Wobei sowohl in Vietnam als auch in China die Binnen-Migration ein großes Thema ist, weil die Leute vom Land in die Stadt kommen, um zu arbeiten. Da geht es um Unterstützung, dass vor Ort Strukturen entstehen, in denen Frauen sich selber organisieren, in denen sie Skills lernen, um andere dazu einzuladen, Politik mitzugestalten, vor Versammlungen zu sprechen und so weiter. Das fängt bei so einfachen Sachen an und geht dann bis hin zu strategischen Überlegungen zusammen mit Akteur_innen vor Ort an bestimmten Schnittstellen, wo es eben um Frauenpolitik, feministische Belange geht. Es kommen ebenso Delegationen aus anderen Ländern hierher zu uns, die hier verknüpft werden mit Akteur_innen aus der Politik oder einer NGO oder einem Feld, das für sie von Interesse ist. So führen wir beispielsweise aktuell ein Hintergrundgespräch mit Transaktivist*innen aus Südamerika.

Zum Abschluss: Lässt sich ein Bogen ziehen von Rosa Luxemburgs Aktivismus zu den Aktivitäten der Stiftung heute?

Ich finde, dass es aktuell nötig ist, linke, auf Transformation gerichtete Perspektiven auf kapitalistische Strukturen wirklich ernsthaft wissenschaftlich und bildungspolitisch zu unterstützten. Das wird schwieriger in einem Klima, in dem Menschen sich auch so ein bisschen zurückhalten und selber Angst bekommen, dass sie in die Schussbahn rechter Kritik geraten könnten. Insgesamt ist das politische Feld diskursiv ja deutlich nach rechts gerückt. Umso nötiger ist es, dass es weiterhin möglich ist, Ressourcen bereitstellen zu können für zivilgesellschaftliche Aktivitäten und Kämpfe, die etwas Anderes fordern und verfolgen, als was der Zustand des gegenwärtigen Kapitalismus zulässt.

Das Interview führte Sandra Beaufaÿs

Weblinks:

https://www.rosalux.de/news/id/39722/hommage-an-rosa-luxemburg/

https://www.rosalux.de/dossiers/feminismus-von-links/

Headergrafik: Foto: jarabee123/istock - Nelken gehörten zu Rosa Luxemburgs Lieblingsblumen

Dr. Sandra Beaufaÿs

Sandra Beaufaÿs ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft, in Professionen und Arbeitsorganisationen sowie qualitative Sozialforschung und Sozialtheorie.

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