09. Juni 2026 Lara Wolbeck
Im Rahmen des jährlich stattfindenden Internationalen Frauen Film Fest wurde der Dokumentarfilm Niñxs (2025) von Kani Lapuerta gezeigt. Acht Jahre lang begleitete Lapuerta die junge Karla Bañuelos bei der Suche nach sich selbst. Dabei entstanden intime Einblicke in die Beziehungen Karlas zu ihrer Familie, zu Lapuerta – der im Laufe der Zeit Teil ihrer Familie wird – und zu ihren Freund*innen.
Karla lebt mit ihrer Familie im kleinen Dorf Tepotzlán in Mexiko. Auch wenn das Dorf seit 2002 zu den Pueblos Mágicos zählt, den sogenannten magischen Dörfern, ist es für Klara alles andere als magisch, dort zu wohnen. Sie sehnt sich nach einem Leben in der Stadt, wo sie ihre Identität unter Gleichgesinnten ausleben kann, ohne aufzufallen. Denn in der Schule ist Klara die einzige trans* Person und hat damit laut eigener Aussage bereits „genug auf dem Teller“.
Demasiado glitter para tan poco mundo – Zu viel Glitzer für zu wenig Welt
Der Untertitel zum Film „Demasiado glitter para tan poco mundo“ lässt sich mit „Zu viel Glitzer für zu wenig Welt“ ins Deutsche übersetzen. Wie auf der Abbildung des Filmplakates zu sehen ist, wurde der Untertitel offiziell in „Das Leben glitzert“ umbenannt. Dabei handelt es sich nicht um eine sinngemäße Übersetzung, wohingegen der Originaltitel metaphorisch Karlas Situation veranschaulicht. Auch wenn sie viel Unterstützung durch ihre Familie und Freund*innen erfährt, fühlt Klara sich zuweilen nicht dazugehörig.
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Die Assoziationen von Glitzer mit Queerness, dessen Verwendung in der Filmindustrie von Juan A. Suárez in Experimental Film and Queer Materiality (2024) untersucht wurde, bieten dabei wertvolle Informationen für den Kontext. Suárez stellt heraus, dass in queeren, experimentellen Filmen der 1960er- und 70er-Jahre in den USA und Europa Filmemacher*innen ihre erotischen und sexuellen Utopien mit Glitzer umsetzten, um ihre Abneigung gegen traditionelle Geschlechterrollen und Normen darzustellen (Suárez 2024, S. 118). Mit dem Aufkommen von Glitzer in der Mode- und Kosmetikbranche entwickelte sich laut Suárez auch eine „kosmetische Weiblichkeit“, die mit einer Denaturalisierung von Geschlecht einherging. Eine „portable womanhood that was put on and performed rather than simply ‚owned‘ as an organic extension of anatomy“ (Suárez 2024, S. 121). Heute ist Glitzer ganz selbstverständlich Teil queerer Kultur und steht für Sichtbarkeit und (geschlechtliche) Vielfalt. Es ist widerspenstig und verwandelt das Alltägliche in etwas Besonderes. Diese Symbolik wird in der Dokumentation aufgegriffen.
Trans-Repräsentation
In einem Ausschnitt beschreibt Karla im Gespräch mit einer Freundin, dass es ihr besonders wichtig ist, sich selbst authentisch zu zeigen, anders, als es für trans* Personen lange üblich war und noch immer ist. Karla will ein echtes Leben zeigen, um etwas zu schaffen, das den immer wiederkehrenden stereotypen Darstellungen von trans* Personen in der Populärkultur entgegensteht. Auch wenn zunehmend mehr Trans-Charaktere in den Medien Platz finden, so ist die Art der Repräsentation noch immer überwiegend negativ. Wie Regisseur Lapuerta selbst sagt:
„Es ist an der Zeit, dass Trans*Menschen Trans-Bilder und Vorstellungen selbst erschaffen. Viel zu lange wurden wir von Cis-geschlechtlichen Menschen dargestellt – im Dokumentarfilm wie auch in allen anderen Bereichen.“ (Lapuerta 2025)
Sowohl Michi Trota (2014) als auch GLAAD (2012) beobachteten, dass medial dargestellte Trans-Charaktere häufig als tragisch, boshaft oder komödiantisch präsentiert werden. Jene Darstellungen (re)produzieren Stereotype und werden der Komplexität von trans* Personen nicht gerecht.
Dem Film gelingt eine komplexe, nahbare Präsentation Karlas. Dies ist nicht zuletzt dem Format der Dokumentation geschuldet, das mit einigen wenigen inszenierten Elementen auskommt. Darunter beispielsweise die Anfangssequenz, in der Karla als Ärztin verkleidet eine Mastektomie„durchführt“, oder eine weitere Sequenz, in der Karlas Beerdigung dargestellt wird.
Zwischen Traum und Realität
Die in den Film einleitende Sequenz zeigt Karla und Kani, wie sie sich im auf dem Plakat abgebildeten Raum befinden und Karlas Geschichte gemeinsam erzählen. Dadurch bekommt der Dokumentarfilm eine weitere Ebene, da in der Retrospektive konkrete Situationen aufgegriffen werden. Diese Erzählperspektive erlaubt es Lapuerta und auch Karla bestimmte Ereignisse zu kontextualisieren und zu reflektieren, wodurch der Film an Tiefe gewinnt.
Zusätzlich legen Karla und Kani im Erzählraum Tarot-Karten, die als Reflexionshilfe dienen. Tarot wird von Pedro Rolón (2021) als inhärent queere Praxis ausgelegt. Rolón stellt insbesondere die Ähnlichkeiten zwischen queerem Leben und den esoterischen Bildern auf Tarotkarten heraus. Beides bewege sich im Raum zwischen Traum und Realität. Sowohl Tarot, als auch politische, soziale und ethische Praktiken von Queerness bewegen uns dazu Normativität abzulehnen, so Rolón. Weiterhin beobachtet er, dass vergeschlechtlichte Darstellungen von Personen auf Tarotkarten auf den ersten Blick zwar heteronormativ wirken (z. B. Königinnen und Könige, Priesterinnen etc.), auf den zweiten Blick werde aber erkennbar, dass Geschlecht in Tarot als sich ständig ändernde, fluide Energie dargestellt wird — abseits von binären Logiken. Tarot als (queere) Praxis ist ein Hilfsmittel, um Erzählungen und Geschichten umzuformen und aus anderen Perspektiven zu interpretieren, wie es im Film auch praktiziert wird.
Soziale Medien und Aktivismus als Ressourcen
Die Dokumentation zeigt mehrfach Ausschnitte von Karlas Kurzvideos (Reels), die sie auf Social-Media-Plattformen hochlädt. Für sie ist es eine Form der Selbstverwirklichung, die ihr auch aufgrund der COVID19-Pandemie verwehrt wurde. Wie Buss et al. (2021) zusammenfassend herausstellen, können Soziale Medien insbesondere für trans* Personen beispielsweise als Ressource für Wissen und für Gemeinschaften fungieren (Buss 2021, S. 3). Es wird im Film sichtbar, dass Karla soziale Medien zur Identitätsrepräsentation und Selbstdarstellung nutzt. Diese Bedürfnisse sind in Karlas Situation kaum anders zu decken. Der digitale Raum erlaubt es ihr, sich der Öffentlichkeit oder einer von ihr selbst selektierten Öffentlichkeit zu zeigen und wird damit für sie, wie Buss et al. (S. 4) betonen, zum „testing ground“.
Neben digitaler Vernetzung zeigt die Dokumentation auch Karlas Engagement (und das ihrer Eltern) für die Rechte queerer Personen auf der Straße, beispielsweise durch die Teilnahme an einer Pride Parade. Der Film endet in einer Picknick-Szene, bei dem Eltern mit ihren trans* Kindern zusammenkommen, um sich auszutauschen und zu zeigen, dass die Community größer ist, als es sich für manche häufig anfühlen mag.
Der Film zeichnet sich durch sein ungewöhnliches Format aus, insbesondere durch die Einordnung der Ereignisse aus der Erzählperspektive und die intimen Eindrücke, die über die Jahre entstanden sind. Trotz Drehbeginn vor etwa acht Jahren, ist er hochaktuell und weiterhin relevant.
Literatur
Buss, Justin, Le, Hayden & Haimson, Oliver L. (2021). Transgender identity management across social Media platforms. In: Media, Culture & Society 44(1), S. 1–17. https://doi.org/10.1177/01634437211027106
GLAAD (2012). Victims or Villains: Examining Ten Years of Transgender Images on Television. https://glaad.org/publications/victims-or-villains-examining-ten-years-transgender-images-television/ (letzter Zugriff am 01.06.2026).
Lapuerta, Kani (2025). Niñxs. Ein Film von Kani Lapuerta mit Karla Bañuelos. https://www.ninxsdocumental.com/de (letzter Zugriff am 01.06.2026).
Rolón, Pedro J. (2021). Queer Tarot: A Brief Story of Meaning and Healing. San Francisco AIDS Foundation. https://www.sfaf.org/collections/status/queer-tarot/ (letzter Zugriff am 01.06.2026).
Suárez, Juan A. (2024). Experimental Film and Queer Materiality. https://doi.org/10.1093/oso/9780197566992.001.0001 (letzter Zugriff am 01.06.2026).
Trota, Michi (2014). Tragic Tropes: Transgender Representation in Contemporary Culture. https://www.geekmelange.com/2014/03/tragic-tropes-transgender-representation/ (letzter Zugriff am 01.06.2026).
Zitation: Lara Wolbeck : Niñxs – Das Leben glitzert. Coming of Age im Dokumentarfilmformat , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 09.06.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/ninxs-coming-of-age-dokumentarfilm/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260609
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