03. März 2026 Michaela Kuhnhenne Sandra Beaufaÿs
Zum 50. Jahrestag des großen Streiks der Frauen in Island, die 1975 ihre Arbeit liegen ließen unter dem Motto „Ein Tag ohne uns“, lud die Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit dem Förderverein des Instituts für soziale Bewegungen unter dem Titel „Frauen – Arbeit – Widerstand“ am 23. Oktober 2025 nach Bochum ein. Thema der Veranstaltung waren auch historische Frauenstreiks in Deutschland und der Schweiz und ihre Bedeutung für heutige Kämpfe. Mit Michaela Kuhnhenne – Expertin für Gewerkschaftsgeschichte und eine der Initiatorinnen – sprach Sandra Beaufaÿs.
Wir kam es zu der Idee, einen Tag dem Frauenstreik zu widmen? In welchem Zusammenhang stehen die Initiatorinnen der Veranstaltung?
Mitinitiatorinnen waren Alicia Gorny und Mareen Heying vom Förderverein des Instituts für soziale Bewegungen. Eigentlich hatte Alicia die Idee, denn sie war auf der Suche nach einem geeigneten Kinderbuch für ihre Tochter und ist dabei auf das Buch „Der Tag, als die Frauen streikten“ gestoßen. Und darüber ist sie überhaupt erst auf dieses Ereignis aufmerksam geworden. Sie hat sich mit Mareen darüber ausgetauscht und beide haben sich dann überlegt, in einem Bochumer Kino den 2024 erschienen Dokumentarfilm über den Frauenstreiktag „Ein Tag ohne Frauen“ zu zeigen und darum herum eine Veranstaltung zum Thema zu machen. Sie fragten mich nach weiteren Ideen und Unterstützungsmöglichkeiten. Eigentlich hatte ich das Jahresprogramm schon fertig, habe dann aber gedacht, das ist so ein tolles Thema, gucken wir mal, ob wir das noch reinkriegen. Zumal ich 1994, als es diese größere Aktionen auch in Deutschland gab, damals in der Vorbereitung auch aktiv dabei war. Darüber war mir auch dieser Streik präsent, weil das damals ein großes Vorbild war.
Was hat es denn mit dem Frauenstreik von 1975 in Island auf sich? Was ist damals eigentlich passiert?
Die UNO hatte das Jahr und die Dekade der Frau ausgerufen und hat dafür eine Reihe von internationalen und auch nationalen Konferenzen angestoßen. Darüber haben sich verschiedene feministische Organisationen kennengelernt und vernetzt. In Island gab es eine nationale Konferenz, auf der hatte eine feministische Gruppierung namens Rotstrümpfe oder Redstockings – die kamen ursprünglich aus den USA – diese Idee mitgebracht: Lasst uns doch so einen Tag machen, wo wir mal nichts tun. Die Aktion wurde aber nicht als Streik, sondern als Frauenruhetag bezeichnet, um möglichst breite Bündnisse zu ermöglichen. Dabei war das Ziel, die Bedeutung der bezahlten und der unbezahlten Arbeit von Frauen zu zeigen, es war also ein erweiterter Arbeits- und Streikbegriff, was damals neu war, wie auch Gisela Notz in ihrem Vortrag gezeigt hat. Am 24. Oktober 1975 legten die Frauen in Island dann kollektiv die Arbeit nieder.
Warum ausgerechnet Island?
In Island ist es wirklich gelungen, ein ganz breites Bündnis herzustellen, also von den bürgerlichsten bis zu den feministischen Organisationen, und auch vor allem die Gewerkschaften mit ins Boot zu holen. Island gilt ja heute so ein bisschen als Vorreiter in Sachen Emanzipation, es gibt eine Regierungschefin und sie haben, glaube ich, in dieser Legislaturperiode das erste Mal ein ausgewogenes Kabinett. Aber in 1975 kann man sich Island und das Frauenbild dort ungefähr so vorstellen, wie es bei uns immer für die 1950er-Jahre kolportiert wird, also: die Frau ist Hausfrau und Mutter. Es gab einen großen Gender-Pay-Gap, in der Politik waren damals ganze drei Frauen im Parlament – im Prinzip all das, was man so kennt, und da haben sie gesagt, jetzt reicht es uns so langsam. Island ist außerdem ein relativ kleines Land. Im Nachhinein haben die Protagonistinnen des Films über die Aktion das auch immer hervorgehoben, wie eng die Vernetzung war und dass alle sich mehr oder weniger kannten bis in die letzten Winkel des Landes. Auch wenn man nicht überall aktiv war, hatte man vielleicht eine Tante am anderen Ende und die konnte man dann aktivieren. Also funktionierte das ganz gut, dadurch, dass es auch recht überschaubar war. Diese Protestaktionen sind auch nochmal ab und an wiederholt worden. Nicht in diesem Ausmaß und mit dieser riesenbreiten Beteiligung, aber seitdem war einfach das Thema auf der Agenda.
Hatte die Aktion Nachwirkungen? Hat das etwas in der isländischen Gesellschaft angestoßen?
Es war schon ein Punkt, von dem aus vieles angestoßen wurde. Eine der Folgen war unter anderem 1983 die Gründung einer feministischen Partei, Frauenallianz, die hat später dann mit anderen linken Parteien fusioniert, war aber insgesamt immer mit drei bis sechs Sitzen vertreten, wobei es insgesamt 63 Sitze im isländischen Parlament gibt. 1980 hatte Island die weltweit erste demokratisch gewählte Präsidentin. Der Gender Pay Gap ist deutlich zurückgegangen, heute ist Island eines der Länder mit dem geringsten Gender Pay Gap.
Auf der Veranstaltung wurden auch andere historische Streiks aufgegriffen …
Ja, in der Fish Bowl am Nachmittag wurde in den Inputs der Blick auf weitere Frauenstreikaktionen gelegt. Nuria Cafaro berichtete über von Migrantinnen geprägte Streiks in den späten 1950er- und 1970er-Jahren, oft spontane Streiks außerhalb von Tarifrunden auf betrieblicher Ebene, zum Beispiel der ganz bekannt gewordene Pierburg-Streik. Auslöser war oft die Lohnungleichheit. Frauen in der Produktion waren damals meist in die sogenannte Leichtlohngruppe eingruppiert, die dem Namen aber nicht der Funktion nach die Frauenlohngruppe abgelöst hatte. Sie verdienten weniger als Männer mit vergleichbarer Tätigkeit und forderten deshalb vor allem Lohnerhöhung. Weitere Forderungen richteten sich auf die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Care-Arbeit, Teilzeitarbeit wurde damals meist noch nicht angeboten. Ein anderes Thema war die Schweiz – nicht gerade Vorreiter in Sachen Emanzipation –, wo Uhrmacherinnen im Schweizer Jura 1991 einen Riesenstreik angestoßen haben mit dem Motto: „Wenn frau will, steht alles still“. Auch da war der Auslöser Lohnungleichheit. Die Frauen sind auf ihre Gewerkschaft zugegangen und haben gesagt, so geht das nicht mehr, wir kriegen hier zu wenig Geld. Die Gewerkschaftsfunktionärin Christine Brunner setzte die Idee einer nationalen Streikkoordination, finanzielle und logistische Unterstützung beim Schweizer Gewerkschaftsbund durch. Wesentlich war auch hier ein breites Bündnis zwischen Gewerkschaften, linken Parteien, Frauenbewegung und -organisationen sowie ein weiter Streikbegriff.
So eine Arbeitsniederlegung bei Uhrmacherinnen bedeutet, dass in der Zeit keine Uhren produziert werden. Viele Frauen arbeiten aber im Care-Bereich.
Diese Frage kam in der Diskussion auch auf und Ingrid Artus ging in ihrem Input besonders darauf ein. Entgegen früherer Annahmen, auch in den Gewerkschaften, ist die Streikbereitschaft und -beteiligung im Care-Bereich inzwischen hoch. Das Problem ist, dass die Streikfolgen häufig nicht die ökonomisch Verantwortlichen, sondern z. B. die Eltern bzw. die Mütter treffen: Dann gehen die Erzieherinnen streiken und die Eltern, meistens Mütter, müssen irgendwie gucken, was sie an dem Tag mit den Kindern machen. Auch die Situation der Hebammen und welche Möglichkeiten sie zur Durchsetzung der Verbesserung ihrer Situation und damit auch der von schwangeren Frauen haben, war ein zentraler Punkt in der Diskussion, da Hebammen in einem typischen Care-Bereich arbeiten und Aktionen möglichst nicht auf Kosten der betreuten Frauen gehen sollen. Die Hebammen stehen ja gerade massiv unter Druck und ihre Arbeitsbedingungen werden immer schlechter. Wir hatten eine Vertreterin des Nordrhein-Westfälischen Hebammenverbands da, die ganz verzweifelt war und fragte, was können wir denn tun? Und natürlich, was können wir tun, ohne dabei die von uns betreuten Frauen im Stich zu lassen? Das ist die zentrale Frage bei allen Streiks, die ja inzwischen durchaus geführt werden, im Care-Bereich von Kitas bis Pflege.
Welches Resümee ziehen Sie, was haben Sie mitgenommen aus der Veranstaltung?
Im Prinzip finde ich es eigentlich traurig, dass wir seit über 50 Jahren auf denselben Themen herumkauen, es ist immer noch die Frage der Verteilung von Care-Arbeit, es ist immer noch die Frage von Lohngleichheit, es ist immer noch die Frage von politischer Repräsentanz. Ich fand es trotzdem eine wirklich schöne Veranstaltung, die ohne Generalkonflikte verlief und auf der man sich gut austauschen konnte. Über den Rückblick auf Island und auch auf die Schweiz ist deutlich geworden: Mobilisierung für Gleichberechtigung und Gleichheit ist möglich. Was sich für mich besonders gezeigt hat, ist die Bedeutung breiter Bündnisse. Ich fand es wichtig zu sehen: Okay, es funktioniert eben auch nur groß, wenn nicht jede Gruppe auf ihr Spezielles beharrt – und vielleicht muss man dann auch mal die eine oder andere Kröte halb runterschlucken, auch wenn es schwerfällt!
Zitation: Michaela Kuhnhenne im Interview mit Sandra Beaufaÿs: Die Welt mal ohne uns – Resümee einer Veranstaltung zum Frauenstreik , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 03.03.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/ohne-uns-frauenstreik/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260303
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