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Philosophinnen verzweifelt gesucht?! Herausragende Frauen in der Philosophiegeschichte

13. Juli 2021 Jenny Bünnig

Es gibt Bücher über Philosophie und Radfahren, Philosophie to go und Surfing with Sartre, große Überblicksbände über die Geschichte der Philosophie oder die Great Philosophers: From Socrates to Turning – doch eines haben die meisten von ihnen gemeinsam: Philosophinnen fehlen fast vollständig. Hin und wieder wird die gesamte feministische Philosophie in wenigen Seiten abgehandelt oder es werden zumindest Mary Wollstonecraft oder Simone de Beauvoir erwähnt, aber dort, wo ausschließlich Autoren über ausschließlich Philosophen schreiben, bleibt für Frauen kein Platz (S. 8).

Mit ihrem Buch Philosophinnen. Von Hypatia bis Angela Davis: Herausragende Frauen der Philosophiegeschichte wollen Rebecca Buxton und Lisa Whiting nicht nur den Blick auf die vielen denkenden Frauen richten, die in Feuilletons, Verlagshäusern und Bildungseinrichtungen überall auf der Welt vergessen, übersehen oder – in vielen Fällen – nicht einmal gekannt werden. Die Herausgeberinnen und Philosophinnen möchten auch den Versuch unternehmen, „die Wahrnehmung zu verändern“ (S. 11). Denn sie selbst haben in einer Befragung festgestellt: Keine „der von uns befragten Personen wusste auch nur eine einzige [Philosophin] zu nennen“ (S. 11).

Keine Philosophinnen weit und breit?

Für ihr Buch, das im Original The Philosopher Queens heißt, haben Buxton und Whiting 114 Philosophinnen zusammengetragen, 20 von ihnen werden in kleinen, meist etwa zehnseitigen Kurzporträts von unterschiedlichen Autorinnen vorgestellt, die übrigen 94 finden sich am Ende des Buches in einer Liste. Der Band wird mit Diotima (ca. 400 v. u. Z.) und Ban Zhao (45–117) begonnen und von Iris Marion Young (1949–2006) und Anita L. Allen (*1953) beendet, dazwischen finden sich Philosophinnen wie Mary Wollstonecraft (1759–1797) und Harriet Taylor Mill (1807–1858), Hannah Arendt (1906­–1975), Simone de Beauvoir (1908–1986) und Angela Davis (*1944), aber auch Frauen, deren Namen die meisten Leser*innen vielleicht noch nicht gehört haben, wie Lalla (1320–1392), Sophie Bosede Oluwole (1935–2018) oder Azizah Y. al-Hibri (*1943).

Die Liste mit Philosophinnen, die es nicht in das Buch „geschafft“ haben, ist gegliedert in Antike, Mittelalter und – dem größten Teil – Neuzeit. Es tauchen Frauen wie Xie Daoyun (um 340–399) und Akka Mahadevi (1130–1160), Nana Asma’u (1793–1864) und Hidé Ishiguro (*1935) auf, aber auch Hildegard von Bingen (1098–1179), Simone Weil (1909–1943) und Susan Sontag (1933–2004), Seyla Benhabib (*1950), bell hooks (*1952) und Judith Butler (*1956). Gründe dafür, welche Philosophinnen porträtiert und welche in die Liste am Ende des Buches aufgenommen wurden, werden nicht genannt. Die Aufzählung möchten die Herausgeberinnen aber ausdrücklich als Ermutigung verstanden wissen, um selber nachzuschlagen und das Leben und Werk dieser Frauen eigenständig zu erforschen. Auch am Ende jedes Beitrags zu den 20 vorgestellten Philosophinnen finden sich (fast immer) Hinweise für eine weiterführende Lektüre. Philosophinnen soll damit die Möglichkeit schaffen, Frauen und deren Ideen kennenzulernen und Philosophinnen zu begegnen, die „komplex, herausfordernd, oft inspirierend und manchmal zutiefst problematisch“ (S. 11) sind.

Das Bild des weißen Philosophen

In ihrer Einleitung blicken Rebecca Buxton und Lisa Whiting auch auf ihre eigene Zeit als Philosophiestudentinnen zurück, in der Seminare nicht nur von Männern beherrscht gewesen seien, „die vor Hunderten von Jahren gelebt hatten“ (S. 9), sondern auch von jenen, „die direkt vor uns standen“ (S. 9). In einem klassischen Philosophielehrplan würde sich auf den „philosophischen Kanon“ beschränkt – und in diesem kämen Frauen höchstens in Bezug auf ein „männliches Gegenstück“ (S. 10) vor. Die Unterrepräsentanz von Frauen in der akademischen Welt im Allgemeinen und in der Philosophie im Besonderen führen die Herausgeberinnen darauf zurück, dass Frauen der Zugang zu Bildung lange Zeit verwehrt war und sie auf gesellschaftliche Rollen festgeschrieben waren, „die ihr Denken und ihre Freiheit auf ein Minimum beschränkten“ (S. 9).

Einen weiteren Grund sehen Buxton und Whiting aber auch in der Tatsache, dass viele Philosophinnen „lediglich als ‚Aktivistinnen‘ oder ‚gelehrte Damen‘ betrachtet worden sind“ (S. 11). Dies habe zum „vorherrschenden Bild des weißen männlichen Philosophen geführt“ (S. 9), ein Bild, in dem Frauen und in besonderer Weise nichtweiße Frauen keinen Platz haben. Denn so unterrepräsentiert wie Frauen nach wie vor in der Philosophie sind, die wenigen, die es auf eine Professur geschafft haben, sind nahezu ausnahmslos weiß. Vor diesem Hintergrund finden sich unter den Philosophinnen dieses Bandes bewusst nicht nur solche, die für eine weiße, westlich geprägte Philosophiegeschichte stehen, sondern ebenso die „bedeutendste Intellektuelle der chinesischen Antike“ (S. 21, Ban Zhao), eine „sowohl in ihrer Lebensweise als auch in ihrer Philosophie […] unkonventionelle Person im Kaschmir des 14. Jahrhunderts“ (S. 39, Lalla) und die „ebenso gelehrte[ ] wie provokative[ ] Schöpferin einer zeitgenössischen Version der Yoruba-Philosophie“ (S. 158, Sophie Bosede Oluwole).

Philosophinnen hoch 2

So unterschiedlich die vorgestellten Philosophinnen sind, so verschieden ist manchmal auch die Art und Weise der Vorstellung selbst. Denn es gibt nicht nur die eher sachlichen Texte, in denen die Biografie, das (Lebens-)Werk und die Bedeutung der jeweiligen Frau beschrieben werden. Daneben finden sich auch solche, die aktuelle Bezüge zur politischen Situation unter Donald Trump herstellen, wie es Rebecca Buxton in ihrem Beitrag über Hannah Arendt zu Beginn tut. Und Gulzaar Barn berichtet in ihrer Vorstellung von Mary Warnock (1924–2019) davon, dass deren An Intelligent Person’s Guide to Ethics von 1998 ein Geschenk ihrer Eltern und eines der ersten philosophischen Bücher war, das sie gelesen hat. „Leider vermittelte mir dieses Buch fälschlicherweise den Eindruck, Philosophie sei immer so eingängig und klar verständlich“ (S. 147).

Genau darin liegt eine weitere Stärke des Buches. Denn am Ende jeder Vorstellung einer der Philosophinnen findet sich die kurze Vorstellung einer weiteren klugen, interessanten Frau. „Die Autorinnen wie auch die Themen dieses Buchs entstammen vielen verschiedenen Hintergründen, und jede einzelne von ihnen bringt eigene Ideen, Erfahrungen und Geschichten mit“ (S. 11). Zu den Autorinnen zählt deshalb unter anderem eine Menschenrechtsgelehrte (Zoi Aliozi) und eine Dozentin für nichtwestliche Philosophie (Shalini Sinha) ebenso wie eine Expertin für Datenschutz (Anita L. Allen) und eine Schriftstellerin (Ilhan Dahir) oder die Autorin des Blogs MsAfropolitan (Minna Salami) und die Mitbegründerin einer Organisation für die Betreuung junger erwachsener Geflüchteter (Nima Dahir). Anita L. Allen tritt sogar als vorgestellte Philosophin und Autorin des Bandes auf.

Damit ist Philosophinnen. Von Hypatia bis Angela Davis: Herausragende Frauen der Philosophiegeschichte von Rebecca Buxton und Lisa Whiting ein lehrreiches, spannendes und ermutigendes Buch, in dem man mehr als 20 und sogar mehr als 114 denkende, inspirierende Frauen (wieder)entdecken kann. Und es bleibt letztlich nur ein ganz kleiner Wermutstropfen in der Frage: Müssen es für ein Buch über Frauen – zumindest in der deutschen Ausgabe – wirklich immer bestimmte Farben sein (in diesem Fall lila und rot)?

Das Buch Philosophinnen. Von Hypatia bis Angela Davis: Herausragende Frauen der Philosophiegeschichte, herausgegeben von Rebecca Buxton & Lisa Whiting, ist 2021 in deutscher Übersetzung beim mairisch Verlag erschienen.

Literatur

Buxton, Rebecca & Whiting, Lisa (Hrsg.). (2021). Philosophinnen. Von Hypatia bis Angela Davis: Herausragende Frauen der Philosophiegeschichte. Hamburg: mairisch.

Zitation: Jenny Bünnig: Philosophinnen verzweifelt gesucht?! Herausragende Frauen in der Philosophiegeschichte, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 13.07.2021, www.gender-blog.de/beitrag/philosophinnen-verzweifelt-gesucht/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20210713

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Dr. Jenny Bünnig

Jenny Bünnig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen: Literatur und Kunst der Moderne und Gegenwart, Melancholie, Fremdheit, Zeit- und Raumdarstellungen, „weibliche“ Identitätskonstruktionen in der Literatur, Frauendarstellungen in der Kunst.

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