05. August 2025 Sandra Beaufaÿs
Wenn es um historische Beispiele der Naturforschung geht, fällt uns inzwischen Maria Sibylla Merian wie selbstverständlich als frühe Expertin ein. Das liegt vor allem daran, dass sich in den letzten Jahrzehnten erfolgreich darum bemüht wurde, den Status Merians als Pionierin der Ökologie hervorzuheben, während ihr Beitrag dazu im langen 19. Jahrhundert heruntergespielt und vergessen gemacht wurde (Schiebinger 1993: 122f.). Sie ist nicht die einzige Naturforscherin, die der männlichen Anerkennungspraxis der sich etablierenden Scientific Community zum Opfer fiel, und sie war nicht die letzte.
Der Name der Irin Ellen Hutchins ist hierzulande vielleicht weniger bekannt. Ihre Person ist von größerem Interesse, als der enge regionale Bezug vermuten lässt. An ihr lässt sich nachvollziehen, wie Region, Herkunft und Geschlecht, aber auch historische Umstände dazu beitragen, welche Beachtung wissenschaftliche Leistungen erfahren und ob sie Personen zugeschrieben werden.
Pflanzenjägerin und Botanik-Künstlerin
Ellen Hutchins lebte von 1785 bis 1815 an der Küste von West Cork, Irland. Sie wird beschrieben als Feldbotanikerin oder „Pflanzenjägerin“ (plant hunter).* Damit beteiligte sie sich an der Erforschung der Pflanzenwelt ihrer Region, spezialisierte sich auf Algen und andere nicht blühende Pflanzen, sogenannte Kryptogame. Zwischen 1805 bis 1813 war sie besonders aktiv und leistete einen beachtlichen Beitrag zum wissenschaftlichen Wissen in der Botanik. Zu ihrer Zeit war über Algen nicht sehr viel bekannt, damalige Naturkundler waren zunächst noch der Ansicht, dass einige Algenarten gar keine Pflanzen seien, sondern Schwämme. Ellen Hutchins war die erste Botanikerin, die bei einer bestimmten Algenart (Fucus tomentosus) Anzeichen für die Bildung von Fruchtkörpern fand. Damit konnte der Nachweis erbracht werden, dass es sich um Pflanzen handelte.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Fotografie als Dokumentationsmethode keine Option. Aus eher entlegenen Gebieten konnten zudem nicht alle Pflanzenexemplare (bspw. im Fruchtstadium) per Post verschickt werden, wenn sie die Übermittlung in einem ansehnlichen Zustand überleben sollten. Daher war es wichtig, dass die Pflanzen akribisch gezeichnet und so anderen Forschenden für weitere Studien zugänglich gemacht werden konnten. Ellen Hutchins war eine hervorragende Zeichnerin. Die Genauigkeit und ästhetische Vollendung ihrer Pflanzenbilder wurde von Naturforschern ihrer Zeit gelobt und hervorgehoben. Denn Hutchins' Leistungen blieben in der zeitgenössischen Botanik keineswegs unbeachtet.
Austausch mit Gleichgesinnten
Die Anerkennung ihrer Arbeit drückt sich vor allem darin aus, dass diverse Pflanzenarten nach ihr benannt wurden, darunter Flechten, Meeresalgen und Moose. Sie war also nicht nur Zulieferin von Informationen und Wissen, für das dann andere die Ehre einstreiften.
Ellen Hutchins korrespondierte über Jahre hinweg mit Botanikern wie Dawson Turner, Lewis Dillwyn, William Hooker und James T. Mackey. An die Kollegen versandte sie viele gefundene Exemplare und Zeichnungen sowie Pflanzenlisten, die in Enzyklopädien und Systematiken eingingen. Auf Anregung Dawson Turners fertigte sie eine Liste mit über 1.100 Pflanzenarten ihrer Region für die Linnean Society of London an. Mit Turner unterhielt sie siebeneinhalb Jahre einen intensiven Briefwechsel, in dem die beiden ihr Wissen über Moose, Flechten und Algen sowie ihre Begeisterung für diesen Gegenstand teilten. Aus ihren Briefen spricht zudem tiefe Freundschaft, Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung, obgleich sie sich nie persönlich trafen. Turner benannte sogar eine seiner Töchter nach Ellen und bat sie, die Patin des Kindes zu werden. Im letzten Brief an Turner, geschrieben im November 1814, kurz vor ihrem Tod und ans Bett gefesselt, findet sich die rührende Zeile: „Send me a moss, anything just to look at.“
Madeline Hutchins, die sich heute darum kümmert, das Andenken an die Forschung und das Leben ihrer Ur-Ur-Großtante zu fördern und zu verbreiten (vgl. Hutchins 2019), hat viele der Briefe transkribiert und für die Allgemeinheit zugänglich gemacht. Es finden sich darin auch Hinweise auf die Lebensumstände, unter denen Ellen Hutchins ihrer Passion nachging.
Arbeitsbedingungen
Wir erfahren z. B., weshalb es nie zu einem leibhaftigen Treffen zwischen ihr und Dawson Turner kam.
“I thank you most kindly for your wish to see me, but I must not even allow the thoughts of gratifying myself so highly enter my mind. My dear Mother’s health & age confines me almost entirely to the house.” (Ellen Hutchins an Dawson Turner, 8. März 1811)
Hutchins kümmerte sich nicht nur um ihre alte Mutter, sondern auch um einen jüngeren Bruder, der aufgrund einer Gehbehinderung besonderer Unterstützung bedurfte. Dabei war sie selbst nicht gesund, wobei das genaue Krankheitsbild nicht überliefert ist. Bis sich ihr Zustand ca. zwei Jahre vor ihrem frühen Tod verschlechterte, war sie unermüdlich in der Natur unterwegs, sofern es ihre häuslichen Aufgaben zuließen.
Das Sammeln und Präparieren von Pflanzen war dabei keine leichte Nachmittagsbeschäftigung für ‚junge Damen‘. Vielmehr muss es schwere Arbeit gewesen sein, unter den zuweilen rauen Wetterbedingungen an Irlands Westküste über Felsen auf Anhöhen zu klettern, um an Moose und Flechten zu gelangen, sowie im Meer und anderen Gewässern nach Algenexemplaren zu fischen, sie zu sammeln, nach Hause zu bringen und dort in noch frischem Zustand zu präparieren. Dabei halfen weder Funktionskleidung noch Motorisierung oder sonstiges Equipment, das Forschende heute zur Verfügung haben. Vielmehr trug Hutchins vermutlich lange Kleider, wie alle Frauen ihrer Zeit, war (meistens allein) zu Fuß unterwegs und mit Botanisiertrommeln und anderen Behältnissen ohne großen Tragekomfort beladen (Bolger/Hutchins 2022).
Bürgertum und frühe Naturforschung als „emerging field“
Die Biografie von Ellen Hutchins, so ungewöhnlich sie klingen mag, unterliegt bestimmten historischen und sozialen Bedingungen. Ich möchte sogar behaupten, dass erst durch die getrübte Linse der Jahrhunderte als unwahrscheinlich empfunden wird, was unter bestimmten Bedingungen möglich war: ein relativ unabhängiges Frauenleben an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert sowie die Anerkennung erbrachter wissenschaftlicher Leistungen durch Zeitgenossen.
Dies hat mehrere Gründe, die einerseits in der Person und ihrer sozialräumlichen Verortung sowie in der Entwicklung der Naturforschung als Feld begründet liegen. Ellen Hutchins war ökonomisch unabhängig und gebildet, sie war weder gezwungen zu heiraten noch eine Erwerbsarbeit aufzunehmen, da ihr Vater der Familie ein bescheidenes Vermögen hinterlassen hatte. Die Betätigung des Botanisierens wurde ihr buchstäblich vom eigenen Arzt verordnet: Aufgrund ihrer Kränklichkeit ermutigte dieser sie, sich mit dem Pflanzensammeln zu beschäftigen, um den gesundheitlich förderlichen Aufenthalt an der „frischen Luft“ zu unterstützen. Es war somit kein Hobby, das einer jungen Frau nicht geziemte, sondern offenbar eine weitverbreitete Outdoor-Aktivität.
Zudem war die Botanik nichts, das zu Hutchins' Zeit in Form eines wissenschaftlichen Feldes existierte. Vielmehr war letzteres selbst überhaupt erst im Begriff, sich auszubilden (vgl. Felt/Nowotny/Taschwer 1995: 40). Kaum einer der Korrespondenzpartner und Pflanzenfreunde von Ellen Hutchins war an einer Hochschule angestellt und falls doch, dann erst später. Die frühen Botanisten waren vielmehr in bürgerlichen Berufen tätig, auffallend häufig waren es Textilindustrielle (Lawley 2008), Dawson Turner war Bankier wie sein Vater.
Das Andenken bewahren
Dennoch war die Expertise und Stellung Ellen Hutchins' zu ihrer Zeit einzigartig im Forschungsfeld der Moose und Algen. Im historischen Überblick britischer Bryolog*innen (Mooskundler*innen) auf der Website der British Bryological Society finden sich weitere Frauen, die auch – im Gegensatz zu Hutchins – eigene, eher populärwissenschaftliche Werke verfassten und etwas später lebten, so Margaret Plues (1828–1901) und Fanny Tripp (1832–1890). Beide blieben ledig, wohnten mit ihren Geschwistern zusammen und verfügten über ein (bescheidenes) Vermögen. Hierin waren sie Hutchins ähnlich, nicht aber den Botanikern ihrer Zeit, denn bürgerliche Berufe übten sie nicht aus.
Wer sich für Leben und Werk der Pionierin Ellen Hutchins und die Pflanzenwelt ihrer Region interessiert, findet eine Fülle an Informationen auf der sorgfältig gestalteten Website. Und wer im August Lust und Zeit hat, nach Irland zu reisen, kann sich beim Ellen-Hutchins-Festival anmelden, das auch attraktive Angebote für Familien bereithält – etwa Workshops zu botanischer Kunst und Kunsthandwerk mit Pflanzenmaterialien oder Ausflüge an die Bantry-Küste zur Erkundung der regionalen Flora und Fauna. Eine freundliche und schöne Art, das Andenken an eine frühe Wissenschaftlerin lebendig zu halten!
Literatur
* Alle Details und Informationen zu Ellen Hutchins' Leben und wissenschaftlichen Leistungen, die in diesem Beitrag enthalten sind, stammen – sofern nicht anders belegt – von der Website https://ellenhutchins.com.
Bolger, Paul & Hutchins, Madeline (2022). The Story of Ellen Hutchins, Ireland’s forgotten first female botanist, 21 September 2022, RTÉ Brainstorm. https://www.rte.ie/brainstorm/2022/0921/1324401-ellen-hutchins-ireland-first-female-botanist-ucc-eri/
Felt, Ulrike; Nowotny, Helga & Taschwer, Klaus (1995). Wissenschaftsforschung. Eine Einführung. Frankfurt/Main: Campus.
Hutchins, Madeline (2019). Ellen Hutchins (1785–1815): botanist of Bantry Bay. Ellen Hutchins Festival, Bantry Historical and Archaeological Society. Bantry, Ireland.
Lawley, Mark (2008). The influence of social background on the emergence of British field botanists in the 17–19th centuries. Field Bryology (94), 28–35. Zugriff am 03.01.2024 unter https://www.britishbryologicalsociety.org.uk/wp-content/uploads/2021/01/FB94_The-influence-of-social-background-on-the-emergence-of-British-field-botanists.pdf.
Lawley, Mark (o. J.). Ellen Hutchins (1785–1815). Zugriff am 13.02.2025 unter https://www.britishbryologicalsociety.org.uk/wp-content/uploads/2024/10/ELLEN-HUTCHINS.pdf.
Lawley, Mark (o. J.). Margaret Mary Plues (1828–1901). Zugriff am 13.02.2025 unter https://www.britishbryologicalsociety.org.uk/wp-content/uploads/2021/01/MARGARET-PLUES.pdf.
Lawley, Mark (o. J.).Frances Elisabeth Tripp (1832–1890). Zugriff am 13.02.2025 unter https://www.britishbryologicalsociety.org.uk/wp-content/uploads/2021/01/FRANCES-ELIZABETH-TRIPP.pdf.
Schiebinger, Londa (1993). Schöne Geister. Frauen in den Anfängen der modernen Wissenschaft (2. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta.
Zitation: Sandra Beaufaÿs: Eine Pionierin der Naturforschung – die Geschichte von Ellen Hutchins, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 05.08.2025, www.gender-blog.de/beitrag/pionierin-der-naturforschung/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20250805
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