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Headergrafik: Stan Rohrer Dayton Ohio/istock

Ilse Lenz' Plädoyer für einen ‚reflektierten Universalismus‘

26. Juni 2018 Heike Mauer

Der Hörsaal an der Ruhr-Universität Bochum ist am 20. Juni 2018 mit interessierten Zuhörer_innen gut gefüllt, als Ilse Lenz anlässlich ihres 70. Geburtstags zum Thema „Feminismen und Geschlechterkonflikte in postkolonialen Welten“ spricht. Aktuelle Geschlechterkonflikte, wie die Debatten über #metoo, das ‚Ereignis Köln‘ und der neue Antifeminismus, bilden den Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Lenz begreift diese Konflikte als globale, die jeweils spezifische nationale, regionale und kulturelle Interpretationen erfahren.

Vor allem die Frauenbewegungen warfen und werfen Geschlechterkonflikte auf und entwickeln kritische Interventionen zu globalen, nationalen und lokalen Geschlechterordnungen. Solche Interventionen können zu einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel führen, wie Lenz am Beispiel der Delegitimierung von geschlechtlicher Gewalt illustriert. Kennzeichnend hierbei sei insbesondere eine Entbiologisierung der geschlechtlichen Gewalt, die nicht mehr mit einer ‚Natur‘ des Mannes erklärt werde. Ebenso sei mittlerweile anerkannt, dass diese Gewalt nicht zwingend von Männern ausgehe und sie sich weder ausschließlich gegen Frauen richte noch sich auf heterosexuelle Beziehungen beschränke.

Umdeutungen und antifeministischer Backlash

Obwohl geschlechtliche Gewalt mittlerweile als gesellschaftlicher ‚Normbruch‘ geächtet werde, so Lenz, bleibe sie weiterhin ein Element eines Geschlechterkonfliktes: Beispielsweise mutiere der Begriff des sexuellen Missbrauchs im rechtspopulistischen Diskurs der AfD zu einem politischen Kampfbegriff – indem unter diesem Label vor einer „‚Relativierung‘ von Heterosexualität“ im Schulunterricht gewarnt und sich gegen die „Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen“ als Unterrichtsziel ausgesprochen werde. Geschlechtliche Gewalt erfahre im rechtspopulistischen Diskurs eine Umdeutung, die diese nicht allein rassistisch auflade und kulturalisiere, sondern in Teilen auch erneut zu legitimieren suche.

Damit interpretiert Lenz den antifeministischen Backlash gegen sexuelle Vielfalt, den Trumpismus ebenso wie die autoritäre Wende in Russland und die Rassisierung des Sexismus durch die AfD als parallele Selbstbehauptungsdiskurse, die sich sowohl gegen vermeintlich ‚westliche‘ Werte als auch gegen Migration richten. Gemeinsam zielten sie darauf, eine biologistisch legitimierte, zweigeschlechtliche Ordnung zu (re)stabilisieren, Gleichstellungsanliegen zu delegitimieren sowie feministische Kräfte in Politik, Wirtschaft und Verwaltung auszuschalten. Nicht zuletzt diese Konstellation mache es erforderlich, auch die feministischen Reaktionen auf Geschlechterkonflikte sowie die gesellschaftspolitischen Interventionen der Frauenbewegung in einem internationalen Kontext zu betrachten.

Transnationale Feminismen

Geschlechterkonflikte werden, so Lenz, in einem Mehrebenensystem ausgetragen, das sich nicht auf die nationale Ebene beschränkt, sondern internationale Institutionen ebenso wie nicht-staatliche Akteurskonstellationen umfasst. Deshalb plädiert sie für eine Auseinandersetzung mit postkolonialen Perspektiven, die die international und global wirksamen Machtverhältnisse kritisch beleuchten und infrage stellen.

Transnationale Feminismen eignen sich Lenz zufolge als ein Forschungsfeld, anhand dessen die Fragen beantwortet werden können, die postkoloniale Perspektiven aufwerfen. Postkoloniale Perspektiven zeichneten sich dadurch aus, dass sie die Wechselverhältnisse von globalen und nationalen Ungleichheiten in den Blick nehmen. Wie Lenz selbst einräumt, bleibt sie allerdings sowohl in der Darstellung der postkolonialen Perspektiven als auch in der Ausarbeitung möglicher Antworten eher vage.

Entschieden wendet sich Lenz gegen die Konstruktion und Festschreibung ‚neuer‘ Dualismen – etwa zwischen (ehemals) Kolonisierten und Kolonisator_innen bzw. zwischen ‚Weißen‘ und ‚People of Color‘, wie sie dies Vertreter_innen von Critical Whiteness sowie Teilen des Queerfeminismus vorwirft. Stattdessen geht sie von komplexen Ungleichheitslagen und einer „Diversität der postkolonialen Konstellation“ aus. Unklar bleibt allerdings ihre Kritik an postkolonialen Positionen insofern, als sie kaum zwischen aktivistischen und wissenschaftlichen Perspektiven unterscheidet und ihre Auseinandersetzung mit den vielfältigen postkolonialen Positionen nicht genau genug erfolgt.

‚Blended Composition‘ oder ausgeblendete Machtverhältnisse?

Lenz plädiert nachdrücklich für einen ‚reflexiven Universalismus‘, der auf einem Austausch zwischen Wissenschaftler_innen aus dem Norden und dem Süden basiert, in transnationalen Sozialräumen situiert ist und die internationale Wissenszirkulation vertiefen soll. Auch hierbei wendet sich Lenz gegen ein Denken in Dichotomien, da Wissen – auch feministisches Bewegungswissen – immer zirkuliere und durch lokal verortete Feminismen adaptiert werde. Lenz spricht hier von einer ‚Blended Composition‘ mit der Frauenbewegungen im transnationalen Austausch neue Positionen und Synthesen entwickeln, die sich einer simplen Dichotomisierung des Westlichen vs. des Östlichen entziehen.

Bei diesem – durchaus sympathischen – Plädoyer für einen reflexiven Universalismus bleiben allerdings die Machtverhältnisse, die Lenz als Nexus von Staat, Nation und Geschlecht beschreibt, weitestgehend unberücksichtigt. Ebenso bleibt die Frage nach den Machtverhältnissen ausgeblendet, die im wissenschaftlichen Diskurs mitbestimmen, wer spricht, welche Theorien gehört werden und welche Wissenschaftler_innen als Stimmen in einem interkulturellen und selbstreflexiven Dialog Gehör finden.

Insofern warfen Lenz' Überlegungen viele weitere Fragen auf. Nicht zuletzt um über diese Fragen mit Ilse Lenz weiter debattieren zu können, wünsche ich ihr noch viele weitere Festvorträge zu vielen weiteren Geburtstagen.

Ein Interview mit Ilse Lenz zum Thema Frauenbewegungen ist im Journal 42 des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW erschienen. Der ausführliche Bericht zum Vortrag „Feminismen und Geschlechterkonflikte in postkolonialen Welten“ erscheint im Journal 43.

Headergrafik: Stan Rohrer Dayton Ohio/istock

Dr. Heike Mauer

Heike Mauer, Dr., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Hochschul- und Gleichstellungsforschung, Intersektionalität sowie eine Politische Theorie des Rechtspopulismus.

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