Skip to main content
Headergrafik: ink drop/StockAdobe

Polizieren als intersektional-rassistisches Verhältnis. Vanessa E. Thompson im Interview

07. Juli 2020 Heike Mauer Vanessa E. Thompson

Seit dem Tod von George Floyd durch rassistische Polizeigewalt erlebt die #BlackLivesMatter-Bewegung erneut einen großen Zulauf. Und auch in Deutschland und Europa wird wahrnehmbar über rassistische Strukturen in der Gesellschaft und insbesondere über Polizeigewalt debattiert. Vanessa E. Thompson ist Post-Doc an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und forscht aus intersektionalen, de- und postkolonialen Perspektiven zu einer Kritik der Polizei und des Polizierens, zu Schwarzen Widerständen und transformativen Alternativen. Heike Mauer hat mit ihr über die aktuelle Bewegung gegen rassistische Strukturen in Gesellschaft und Polizei gesprochen.

Die Debatte um rassistische Polizeigewalt ist in Deutschland gerade sehr dynamisch. Welche Herausforderungen ergeben sich für die Entwicklung einer wissenschaftlichen Kritik?

Die gesellschaftliche Debatte zeichnet sich insgesamt durch das systematische Abwehren von Rassismus als institutionellem und gesellschaftlichem Verhältnis und der damit zusammenhängenden Dehumanisierung, Ausbeutung und Kriminalisierung aus. Rassismus wird auf individuelle Vorurteile sowie auf Einzelfälle reduziert und dies ist ganz charakteristisch für die Verhandlung von Rassismen im deutschen Kontext. Hierbei ist sogar eine erneute Rassifizierung des Diskurses und der Sprache zu bemerken, indem andauernd der Begriff des „schwarzen Schafs“ (statt zum Beispiel der der „faulen Äpfel“) mobilisiert wird, zumal der Begriff bereits prominent von rechten Parteien wie bspw. der SVP (Schweizerische Volkspartei) genutzt wurde.

Ein solches verengtes Verständnis von Rassismus als Intention, Vorurteil und Einzelfall fällt komplett hinter die Erkenntnisse der Rassismusfoschung zurück, die auch in Deutschland schon lange vorliegen und ignoriert die jahrzehntelangen Kämpfe gegen Rassismus hierzulande. Und dies erschwert es natürlich, über institutionellen Rassismus in der deutschen Polizei zu sprechen. Institutioneller Rassismus beruht auf einem Zusammenwirken von Bildern, Normen oder Gesetzgebungen, Praktiken, Ausschlussprozessen, Wissensbeständen, Ausbeutungsprozessen in allen Institutionen postkolonialer Gesellschaften, und dies umfasst natürlich auch die Polizei. Bezeichnend ist hierbei, dass polizeilich-rassistische Gewalt in den USA verurteilt werden kann, für den hiesigen Kontext jedoch stets die Einzelfallthese dominiert. Die Rassismusforschung bezeichnet diesen Vorgang als Externalisierung oder auch als weiße Unschuld, wie Gloria Wekker es nennt.

Wie unterscheiden sich die Kontexte in Deutschland und den USA?

USA und Deutschland sind unterschiedliche, historisch gewachsene und politisch unterschiedliche Kontexte. Auch die Polizeien haben sehr unterschiedliche Entstehungsgeschichten, sind unterschiedlich aufgebaut und aufgestellt. Das fängt bei der Ausbildung an und reicht bis zu den polizeilichen Befugnissen und Gesetzen. Auch sind die USA und Europa von unterschiedlichen Konjunkturen des Rassismus geprägt. Bei den USA haben wir es mit einer Versklavungsökonomie und einer siedlungskolonialen Konfiguration zu tun. Europa hingegen ist historisch durch externe Plantagenwirtschaft und Kolonien geprägt, wenngleich Europa Initiator dieses globalen, nach außen gerichteten Versklavungshandels war. Zugleich wirkten und wirken innerhalb Europas ganz stark Antisemitismus und Rassismen nach innen: gegen Roma, anti-slavischer Rassismus etc. Dabei hat der anti-schwarze Rassismus natürlich auch immer eine grundlegende Rolle gespielt.

Diese unterschiedlichen Konfigurationen und Konjunkturen des Rassismus, die auch Arbeitsmigrationsregime umfassen, machen eine relationale Analyse notwendig. Dies erlaubt, die Kontinuitäten, die Diskontinuitäten, die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede in den Blick zu nehmen und die Wirkweisen des Rassismus in Deutschland und Europa kontextspezifisch zu analysieren. Eine solche Analyse muss eine – historisch wie gegenwärtige – Kritik der Polizei umfassen. Hierbei ist ein Verständnis von Rassismus als ein gesellschaftliches zentral, denn dies ermöglicht es, dass wir anders über Rassismus bei der Polizei sprechen können – und zwar nicht als Einzelphänomen. Es geht nicht um die Verurteilung einzelner Polizist*innen, sondern um eine historisch informierte Kritik einer Institution in einer postkolonialen und postnationalsozialistischen Migrationsgesellschaft.

Was ist damit gemeint?

Eine postkoloniale, rassismuskritische Perspektive auf die Polizei analysiert, wie Polizieren und Kriminalisierung auf gesellschaftlicher, medialer, institutioneller sowie auf der subjektiven Ebene wirkt. Für wen bedeutet Polizei eigentlich Schutz und Sicherheit und wie artikuliert sich das intersektional? Die Entstehung der modernen Polizei ist dabei nicht nur an koloniale, sondern auch an patriarchale und sozioökonomische Wirkweisen gebunden; es geht um die Sicherstellung von Besitzverhältnissen, die vergeschlechtlicht und rassifiziert sind sowie um das Management von Körpern, die als „störend“ kriminalisiert werden – beides spielt historisch eine große Rolle in Bezug auf Bürger*innenrechte, Dehumanisierungs- und Ausschlussprozesse.

Um ein Beispiel zu nennen: Das Einhegen von sogenannten Vagabunden war auch oft mit der Kriminalisierung von Romnja* und Sintezzi* verknüpft. Racial profiling als eine Praxis des Kriminalisierens, des Kontrollierens und des Anhaltens reicht also historisch weit zurück und zieht sich durch die die Geschichte des deutschen Nationalstaats. Fatima El-Tayeb hat in ihren Arbeiten gut aufgezeigt, dass diverse polizeiliche Verordnungen explizit Rassismus gegen Romnja* und Sintezzi* zum Inhalt und befördert haben, und dass diese nicht erst im Nationalsozialismus die Basis für Verfolgung waren, sondern bereits zuvor in vielen Orten in Deutschland angewandt wurden. Dabei sind die sogenannten „Landfahrerkarten“ aus der NS-Zeit auch in polizeiliches Wissen in der BRD eingegangen. Fatima El-Tayeb weist nach, dass diese im Raum Hamburg bspw. noch bis 1970 das polizeiliche Wissen geprägt haben. Das Kontrollieren und Erfassen von rassifizierten Körpern hat auch in Deutschland eine Geschichte.

In Bezug auf die „kolonialen“ Laboratorien zielten die polizeilichen Praktiken auf die Sicherstellung von rassifiziertem Besitz und die Ausbeutung von rassifizierter vergeschlechtlichter Arbeitskraft ab. In den Kolonien existierten Versammlungsverbote von kolonisierten Bevölkerungen, es gab ein Einhegen von Widerstand gegen koloniale Praktiken etc. Dies zeigt, dass wir gar nicht über die Frage von institutionellem Rassismus in der Polizei nachdenken können, ohne diese historischen Dimensionen miteinzubeziehen. Es ist natürlich nicht alles linear gleichgeblieben, die Entwicklungen sind auch durch Brüche gekennzeichnet. Aber wir müssen die historischen Dimensionen ernst nehmen, weil sie zeigen, dass rassistische Polizeipraktiken nicht ausschließlich ein US-Phänomen sind, auch wenn sie sich in Deutschland anders artikulieren.

Wie können Polizeipraktiken, aber auch Phänomene der Kriminalität und der Delinquenz, die durch sie hervorgebracht werden, intersektional gedacht werden?

Hier können verschiedene Ebenen von Intersektionalität unterschieden werden: Intersektionalität betrifft erstens die Formen des Rassismus – etwa gegen Roma, anti-muslimischer Rassismus, anti-schwarzer Rassismus, die alle auch in Deutschland eine lange Geschichte haben. Eine weitere Ebene von Intersektionalität bezieht sich auf das Zusammenwirken und die Verschränkung von Ungleichheits- und Ausbeutungsverhältnissen. Hierbei geht es darum, eine Analyse des Polizierens rassifizierter Männlichkeiten zu dezentrieren und Polizieren intersektional zu denken:

Der Name von George Floyd ist nach seinem gewaltsamen Tod um die Welt gereist. Es musste erst darum gerungen werden, dass auch an Breonna Taylor, eine Schwarze Frau, und an Tony McDade, eine Schwarze Transperson, erinnert wird. Um zu verstehen, wie Polizieren funktioniert, muss auch in den gegenhegemonialen Kämpfen eine zu enge Fokussierung auf rassifizierte Männlichkeiten überwunden werden. Racial Profiling wird zumeist auf Grund der Erfahrungen und dem Leiden rassifizierter Männlichkeiten im öffentlichen Raum kritisiert. Dabei wissen wir durch intersektionale Analysen von Schwarzen Feministinnen, dass sich die Gewalt des Polizierens auch im vermeintlich Privaten vollzieht und entlang von Migrationsstatus, Heterosexismus, sozio-ökonomischem Status und Be_hinderung wirkt. Andrea J. Ritchie etwa hat im nordamerikanischen Kontext genauer analysiert, in welchen Räumen Schwarze Frauen, Schwarze nichtbinäre Personen, Frauen of Color und nichtbinäre Personen of Color poliziert werden.

Hier kommt die genderbezogene Dimension ins Spiel, um die Komplexität der von der Polizei praktizierten und reinforcierten Gewalt präzise zu verstehen?

Breonna Taylor etwa wurde in ihrem eigenen Haus erschossen. Aber auch im deutschen Kontext wurde Christy Schwundeck in einem Frankfurter Jobcenter von der Polizei getötet, N’deye Mariame Sarr war im Haus ihres Expartners, um ihren Sohn abzuholen, als sie durch einen Schuss durch die Polizei ums Leben kam (vgl. Thompson 2018: 210). Eine intersektionale Perspektive des Polizierens muss diese sehr vergeschlechtlichte Trennung zwischen dem öffentlichen und dem privaten Raum sowie Colorism, Migrationsstatus, Heterosexismus, sozio-ökonomischer Status und Be_hinderung einbeziehen, um die verschränkten Modalitäten von Gewalt durch Polizieren zu erfassen.

Ein anderes Beispiel ist der Fall von Rita Awour Ojunge, eine Schwarze geflüchtete Frau, die in Hohenleipisch in Brandenburg von sexualisierter Gewalt bedroht war. Ihr Kind und ihr Partner haben ihr Verschwinden angezeigt. Aber die Polizei hat erst nach ca. drei Monaten auf Grund von massivem Druck durch Women in Exile, einer selbstorganisierten Gruppe geflüchteter Frauen, mit einer systematischen Suche begonnen. Hierbei handelt es sich um eine weitere Modalität des Polizierens: die polizeiliche Inaktion, das Nichthandeln, die Unterlassung. Im Fall von Rita Awour Ojunge war diese Inaktion zudem mit ihrer Kriminalisierung als Schwarzer Mutter verknüpft. Ihr wurde implizit unterstellt, ihr Kind einfach zurückgelassen zu haben und dem Kind wurde nicht geglaubt, was auf eine Form des adultistischen Rassismus hinweist. Von einer solchen Kriminalisierung von Mutterschaft sind auch Romnjafrauen betroffen und sie zeigt sich auch bei N’deye Mariame Sarr und Christy Schwundeck. Hier wird deutlich, dass das Polizieren auch mit Fürsorgeregimen und weiteren Institutionen des vergeschlechtlichten und rassifizierten Wohlfahrtsstaats verschränkt ist und weit über die Institution Polizei hinausreicht.

Literatur

El-Tayeb, Fatima & Thompson, Vanessa E. (2019). Alltagsrassismus, staatliche Gewalt und koloniale Tradition. Ein Gespräch über Racial Profiling und intersektionale Widerstände in Europa. In Mohamed Wa Baile, Serena O. Dankwa, Tarek Naguib, Patricia Purtschert & Sarah Schilliger (Hrsg.), Racial Profiling. Struktureller Rassismus und antirassistischer Widerstand (S. 311–328). Bielefeld: transcript. https://doi.org/10.14361/9783839441459-021

El-Tayeb, Fatima (2016). Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft. Bielefeld: transcript. https://doi.org/10.14361/9783839430743

Ritchie, Andrea J. (2017). Invisible no More. Boston: Beacon Press.

Salem, Sara & Thompson, Vanessa (2016). Old Racisms, New Masks: On the Continuing Discontinuities of Racism and the Erasure of Race in European Contexts. nineteen sixty nine: an ethnic studies journal, 3(1). Zugriff am 03.07.2020 unter https://escholarship.org/uc/item/98p8q169.

Thompson, Vanessa E. (2018). "There is no justice, there is just us!". Ansätze zu einer postkolonial-feministischen Kritik der Polizei am Beispiel von Racial Profiling. In Daniel Loick (Hrsg.), Kritik der Polizei (S. 197-219). Frankfurt/Main: Campus Verlag.

Wekker, Gloria (2016), White Innocence. Paradoxes of Colonialism and Race. Durkam/North Carolina: Duke University Press.

Zitation: Heike Mauer, Vanessa E. Thompson: Polizieren als intersektional-rassistisches Verhältnis. Vanessa E. Thompson im Interview, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 07.07.2020, www.gender-blog.de/beitrag/polizieren-rassistisches-verhaeltnis/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200707

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: ink drop/StockAdobe

Dr. Heike Mauer

Heike Mauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW und eine der Sprecher*innen der Sektion 'Politik und Geschlecht' in der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft (DVPW). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Hochschul- und Gleichstellungsforschung, Intersektionalität sowie Rechtspopulismus und Antifeminismus.

Zeige alle Beiträge
Netzwerk-Profil Dr. Heike Mauer

Dr. Vanessa E. Thompson

Vanessa E. Thompson ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). In ihrer Forschung und Lehre beschäftigt sie sich mit Black Studies, kritischer Rassismusforschung, post- und dekolonialen feministischen Theorien, Intersektionalität, Polizeiforschung, und abolitionistischen Gerechtigkeitstheorien.

Zeige alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar (max. 2000 Zeichen)

Es sind max. 2000 Zeichen erlaubt.
Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.