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Post aus Ungarn - Gender-Studies im europäischen Hochschulraum

28. August 2018 Uta C. Schmidt

Mit dem Dekret 42294/2018 verfolgt die ungarische Regierung die Absicht, Gender-Studies an den Universitäten ihres Landes abzuschaffen – an der renommierten privaten Zentraleuropäischen Universität (CEU) ebenso wie an der Eötvös Lorand University (ELTE), der größten staatlichen Universität in Budapest. Mit dem aktuellen Vorstoß zielt sie auf ein akkreditiertes, gut funktionierendes MA-Programm in Gender Studies mit konstant hohen Einschreibungen und mit internationaler Reputation. Die Osteuropaexpertin Andrea Pető [1] schrieb uns, seit 2006 habe die CEU 139 internationale Studierende aus der ganzen Welt graduiert. An der staatlichen ELTE startete im Jahre 2017 die erste Studiengruppe mit zehn Studierenden. Diesen Herbst sollten eigentlich die nächsten zehn im Gender-Studiengang in ungarischer Sprache beginnen.

Die Gender-Studies an der CEU sind zudem Teil eines Erasmus-finanzierten europäischen Verbundes, dem acht Universitäten angehören, auf die die Einstellung der Programme in Ungarn ebenfalls negative Auswirkungen hätte.  

Debatte um Gender Studies stimuliert nationalistische Affekte 

Andrea Pető hatte bereits kurz nach der Lex CEU in einem Artikel für die Böll-Stiftung die Debatten um die Gender-Studies eingeordnet: So nutzten illiberale Populisten in Ungarn das Konzept der „Geschlechterideologie“, um von Unsicherheit in der sozioökonomischen Ordnung und ihren strukturellen Ungerechtigkeiten abzulenken und die Unzufriedenheit der Bevölkerung auf Fragen der Gleichstellung der Geschlechter zu kanalisieren. Anti-Gender-Bewegungen haben sich, so Pető, als Reaktion auf die Krise der neoliberalen Weltordnung im populistischen, neokonservativen Lager formiert, die das Konzept des „Gender“ nicht nur gegen Gender Studies, sondern auch gegen LGBTQI-Rechte, die Istanbul Konvention, Sexualerziehung in Schulen, internationale Organisationen wie die EU, die Vereinten Nationen und die WHO richten. Kirchlich fundamentalistisch oder säkular verortet benutzen sie den „Anti-Gender“-Duktus, um damit auch den Neoliberalismus zu kritisieren. Zum „Gender-Mainstreaming“ als Inbegriff europäischer Übergrifflichkeit verdichtet, vermag die Debatte um die Gender Studies nationalistische Affekte zu stimulieren, zu denen konstitutiv naturalisierende Vorstellungen von Mann und Frau in einem geschlossenen Volkskörper gehören. Die ungarische Regierungspartei ist in der Tat davon überzeugt, dass Geschlecht allein biologischer Natur und kein gesellschaftlich veränderbares Ungleichheitsverhältnis sei, weshalb man über Geschlechterverhältnisse auch nicht an der Universität zu lehren und das Verbot schon gar nicht zu begründen braucht.

Antidemokratische Zielscheibe

Paula-Irene Villa, Lehrstuhlinhaberin am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat im Interview mit dem ARD-faktenfinder auf den Punkt gebracht, warum gerade den Gender-Studies nicht nur in Ungarn eine solch große Aufmerksamkeit zukommt: „Weil auf den Begriff drei politische Dynamiken projiziert werden“: Erstens lehnten die KritikerInnen der Gender Studies die Vorstellung ab, dass wir uns, unsere Natur eingeschlossen, selber gestalten – also auch unsere Körper, unsere Identitäten, unsere Rollen und sozialen Verhältnisse, weil dies ihrem Bedürfnis nach naturalisierter Ordnung widerspricht. Zweitens diskreditierten sie die Gender-Studies als „intellektuelle, akademische und realitätsferne Spinnerei“, um sich anti-elitär und volksnah zu positionieren. Und drittens werde Gender als "Gender Mainstreaming" fokussiert, „und damit als Symptom für eine angeblich böse EU, die mit scheinbar widernatürlichen, elitären Programmen unsere Steuergelder zugunsten fragwürdiger Lobbys verschwendet und alle gängelt.“

Eine neue Stufe der Auseinandersetzung

Das Verbot gehört zu einem vielgestaltigen Maßnahmenbündel, zu dem auch die Änderungen des Hochschulgesetzes vom 4. April 2018 gehören. Sie wurden international als Lex CEU, also gegen die Zentraleuropäische Universität CEU wahrgenommen. Denn diese private Universität wurde 1991 von dem amerikanischen Investor ungarischer Herkunft George Soros (*1930) gegründet, mit dem der ungarische Regierungschef Victor Orban seit Jahren eine erbitterte politische Auseinandersetzung ausficht, die nicht frei ist von Konkurrenzgebaren zwischen mächtigen Männern, Denkstilen und Ordnungsvorstellungen.

Andrea Pető sieht in der aktuellen Entwicklung eine neue Stufe der Auseinandersetzung: “Never before has the government sought to legislate the curriculum of universities without consultation with the appropriate university institutions, Hungarian Accreditation Committee and the Higher Educational Planning Council.” Vor allem aber sieht sie grundsätzlich einen gefährlichen Präzedenzfall für Übergriffe des Staates auf die verfassungsrechtlich gesicherte Freiheit der Wissenschaft. Der ungarische Vorstoß, Gender-Studies abzuschaffen, sendet ein Alarmzeichen an den gesamten Europäischen Hochschulraum (ESG): Denn was passiert, wenn (autoritäre) Regierungen die Lizensierung von Studienprogrammen direkt regulieren können, außerhalb eines gemeinsamen europäischen Rahmens für die Qualitätssicherung von Forschung und Lehre? 

Europäischer Hochschulraum  

Der Europäische Hochschulraum reagierte am 24. August 2018. Der Vorstand der European University Association (EUA) als Zusammenschluss von Universitäten und Rektorenkonferenzen, dem auch CEU und ELTE angehören, richtete eine eindeutige Protestnote an den ungarischen Minister für Humanressourcen: “EUA condemns Hungarian government plan to ban gender studies”. Das Verbot stelle einen Eingriff in die akademische Freiheit dar und fördere den Trend zu einer verstärkten staatlichen Kontrolle in Ungarn, der bereits seit 2014 voranschreite. Die EUA forderte die ungarische Regierung deutlich und unmissverständlich auf, weitere Einmischungen in akademische Angelegenheiten zu unterlassen.

Auch die 10te Europäische Konferenz zur Gleichstellung in der Hochschulbildung (GEHE) in Dublin, an der vom 20. bis 22. August über 360 Vertreter_innen aus Forschung, Lehre, Politik und Hochschulverwaltung teilnahmen, formulierte eine Stellungnahme, in der sie die Bedeutung von Gender Studies für Gleichstellungspolitik und den Wissenszuwachs auf allen wissenschaftlichen und politischen Feldern hervorhebt. Die deutsche Fachgesellschaft Geschlechterstudien richtete einen offfenen Brief an Minister Josef Bodis.

Einen kreativen, praxisorientierten Vorschlag, wie dieses Verbot konstruktiv gewendet werden könnte, unterbreitete laut taz der Politikwissenschaftler Csaba Tóth von der ELTE. Er schlug vor, vom nächsten Semester an in jeder Vorlesung eine Lehrstunde der feministischen Perspektive zu widmen. So würden sich alle Wissenschaftsbereiche mit Feminismus und Gender Studies befassen. Diese zukunftsweisende Idee aus Ungarn käme – nicht nur in Zeiten der Bedrohung, sondern allgemein und überall – dem historischen wie gesellschaftspolitischen Reflexionsvermögen sehr zugute.

 

[1] Andrea Pető ist am Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung (2018) mit einem Artikel zu „Gender-Forschung in Osteuropa“ beteiligt.

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Dr. Uta C. Schmidt

Historikerin und Kunsthistorikerin; Arbeiten und Interessen an der Schnittstelle von Raum, Repräsentation, Geschlecht, Macht.

 

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Kommentare

Sandra Beaufays | 04.09.2018

Zu diesem Beitrag gibt es ein Update, nachzulesen auf dem Twitteraccount von Andrea Pető:

Die ungarische Regierung hat ihre Entscheidung aufgrund internationalen Drucks verschoben:

twitter.com/petoandrea/status/1035284616356216837

 

 

Sandra Beaufays | 17.10.2018

Es gibt ein weiteres Update zum Thema:

Das Studienfach Gender Studies wird an den ungarischen Universitäten verboten.

www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/ungarn-schafft-das-fach-gender-studies-ab-a-1233500.html

Uta C. Schmidt | 22.10.2018

Auf der Jahrestagung des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW am 19.10.2018 in Essen haben die Teilnehmenden mit einer Unterschriftenliste scharf gegen die Streichung der Gender Studies in Ungarn protestiert. Sie stellt einen massiven Eingriff in die Freiheit von Lehre und Forschung dar. Das ungarische Ministerium für Humanressourcen wurde aufgefordert, die Geschlechterstudien wieder auf die Liste der lizensierten Studienfächer zu setzen und neue Studienprogramme zu ermöglichen. Gleichzeitig erklären sich die Teilnehmenden solidarisch mit den Studierenden und Lehrenden der Gender Studies und unterstützen die Geschlechterforscherin Prof. Dr. Andrea Petö, mit der das Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW im Austausch steht.

 

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