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Headergrafik: Laura Chlebos

„Unser Campus“ – eine Kampagne gegen sexualisierte Diskriminierung. Interview mit Laura Chlebos

17. Dezember 2019 Johanna Forth

Im November 2018 lief „Unser Campus“ an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) an. Mit der Kampagne setzt die RUB ein Zeichen gegen sexualisierte Diskriminierung und Gewalt. Ziel der Awareness- bzw. Präventionskampagne ist es, einen offenen Dialog über die sensiblen Themen zu ermöglichen und eine breite Öffentlichkeit für die Thematik zu sensibilisieren. Ein Jahr nach dem Start sprach Johanna Forth mit der Koordinatorin Laura Chlebos über sexualisierte Gewalt im Umfeld der Hochschule.

Womit genau beschäftigt sich die Kampagne „Unser Campus“?

„Unser Campus“ ist eine Kampagne gegen sexualisierte Diskriminierung und Gewalt, die gemeinsam von der RUB und dem Akademischen Förderungswerk (AKAFÖ) getragen wird. Sie wird am Marie Jahoda Center for International Gender Studies (MaJaC) durchgeführt. Die Kampagne wurde außerdem vom Gleichstellungsbüro gefördert. Trotz #metoo ist dieses Thema nach wie vor tabuisiert – gerade in Bezug auf Hochschulen und auf die dort vorherrschenden Machtverhältnisse. Mit „Unser Campus“ soll durch gezielte Wissensvermittlung ein „Darüber-Sprechen“ ermöglicht werden und Beratungs- und Verfahrenswege transparenter gemacht werden. Dafür muss zuallererst bekannt sein, welche Anlaufstellen es an der RUB gibt, die beraten und unterstützen. Das betrifft allerdings nicht nur die RUB, sondern auch die Stadt Bochum, da wir uns dort ebenfalls mit den relevanten Anlaufstellen ganz im Sinne von Univercity vernetzen möchten. Wir haben festgestellt, dass die Beratungsmöglichkeiten und Verfahrenswege an der RUB nicht so transparent sind, wie sie sein sollten, um die Unterstützung leisten zu können, die im Fall von sexualisierter Gewalt nötig ist. Deshalb ist unser erster Schritt, zu informieren, Awareness zu schaffen und zu sensibilisieren. Im nächsten Schritt wollen wir auch einen Blick hinter die Kulissen werfen. Einheitliche Verfahrenswege sollen geschaffen werden, damit an den unterschiedlichen Stellen innerhalb der Universität mehr Klarheit und Sicherheit darüber erzeugt werden kann, was zu tun ist. Aktuell liegt aber unser Fokus primär auf der Öffentlichkeitsarbeit und dem Wissenstransfer, um eine breite Öffentlichkeit zu mobilisieren. Dieses Ziel spiegelt sich auch im Design der Kampagne wider, das identitätsstiftend wirkt. „Unser Campus“ vermittelt komplexe Phänomene niederschwellig. Außerdem erfolgt die Ansprache „geschlechtsneutral“, damit sich möglichst viele Menschen angesprochen fühlen. Dadurch zeigen wir: Dieses Thema geht uns alle etwas an!

Du hast es gerade bereits kurz angerissen: Mit wem genau kooperiert ihr?

Wir haben uns zunächst bemüht, relevante Akteur*innen an der RUB zu finden, die sich mit dem Thema beschäftigen, um sie zu einem gemeinsamen Runden Tisch einzuladen. Dabei haben wir festgestellt, dass das Thema für alle präsent ist, aber nicht alle untereinander vernetzt sind. Sie alle wollten wir zusammenbringen. Am Runden Tisch saßen dann u.a. die Gleichstellungsbeauftragte der Uni, der Dezernent für Gebäudemanagement und -betrieb, eine Mitarbeiterin des International Office, die Vorsitzende des AStAs, die Leitung der Unternehmenskommunikation des AKAFÖ, Referent*innen des Autonomen FrauenLesben Referat und des  Autonomen Schwulen Referat, die Koordinatorin von mINKLUSIV und Mitarbeiterinnen der  psychologischen Beratung. Wir versuchen, durch die Einbeziehung der vielfältigen Blickwinkel eine intersektionale Perspektive einzubringen und Mehrfachdiskriminierung zu adressieren.

Von den verschiedenen Beteiligten zu den konkreten Zielen: Welche verfolgt ihr mit „Unser Campus“?

Wir wollen die Bedarfe in einzelnen Bereichen identifizieren und gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten erarbeiten. Vor diesem Hintergrund sollen dann gemeinsame Aktionen entstehen und Strukturen verändert werden. Im aktuellen Semester haben wir mit dem AStA innerhalb der Antisexismus-Woche kooperiert und uns mit einem Infostand und Workshop daran beteiligt. Ich sehe hier großes Interesse und das ist wirklich schön. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Im Vorfeld des Projekts habe ich viel darüber nachgedacht, wie die Kampagne aufgenommen werden würde, und war letztlich positiv überrascht. Das Projekt trifft bei den Menschen, die dazu arbeiten, auf jeden Fall einen Nerv. Ich habe die Kampagne auch im Netzwerk Frauengesundheit & Gewalt vorgestellt und war sehr gespannt auf die Rückmeldung, weil dort viele Frauen aus der Praxis aktiv sind. Das Treffen hat mich sehr motiviert, weil unser Ansatz als gut und innovativ eingeschätzt wurde. Positiv wurde vor allem hervorgehoben, dass das Projekt weniger opferzentriert ist und alle Geschlechter anspricht.

Zum Stichwort „opferzentriert“: Wie geht ihr mit dem Dualismus der Begrifflichkeiten Täter und Opfer um?

Ich spreche mehr von Betroffenen und Aggressor*innen und verharre weniger im Täter-Opfer-Dualismus. Die Diskussion darum ist bekannt und ich möchte das nicht reproduzieren. Aber selbstverständlich kommt es immer auf den Kontext an, wo ich bin oder mit wem ich spreche. Und natürlich respektiere ich die Selbstbezeichnung von jeder Person, die zu uns kommt.

Bis jetzt haben wir mehr über den Campus gesprochen. Welche Rolle spielen die Wohnheime innerhalb der Kampagne?

An den Wohnheimen wird in besonderer Weise deutlich, dass Gewalt viele Gesichter hat. Die Personen, die dort wohnen, können Gewalt auf verschiedenen Ebenen erfahren. Zum einen als Student*innen auf dem Campus, aber natürlich auch als Bewohner*in durch häusliche Gewalt – durch Mitbewohner*innen und/oder durch Personen von außerhalb. Es sind viele verschiedene Gewalterfahrungen, über die wir aufklären wollen. Eine Aufgabe ist es deshalb, dafür zu sensibilisieren, diese Gewalt auch als solche wahrzunehmen. Zu dem Thema ist aktuell eine Instagram Story geplant. Darüber hinaus können sich Betroffene immer an die Leiterin der Wohnheime wenden, Michaela Knapp, um lange Wege zu vermeiden. Hier erhalten sie Informationen, damit sie so wenig wie möglich selbst recherchieren müssen. Leider stellt die Thematik ein Forschungsdesiderat dar. Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt an Hochschulen ist in Deutschland leider wenig erforscht und für Wohnheime gilt das in noch stärkerem Maße. Dabei ist wichtig, dass zwar spezifische Gewalterfahrungen existieren, aber die Herangehensweisen sowohl bei den Wohnheimen als auch beim Campus sehr ähnlich sind. Der einzige Unterschied sind oft die Akteur*innen, mit denen wir zusammenarbeiten.

Wie steht es um die Aufklärung in Bezug auf stereotype Vorstellungen rund um den Themenkomplex Gewalt im Geschlechterverhältnis?

Auch hier greifen Stereotype, da oft davon ausgegangen wird, dass Aggressor*innen Fremde sind. Zahlen zu sexualisierter Gewalt belegen jedoch das Gegenteil. Das ist ein wichtiger Punkt, über den ich viel nachdenke, denn das eigene Sicherheitsempfinden weicht in Bezug auf Gewalt teilweise stark von der Realität ab. Auch hier spielt Aufklärung eine wichtige Rolle. An einem dunklen und öffentlichen Ort ist die Angst oft größer, obwohl dort statistisch gesehen weniger Übergriffe stattfinden als im Privaten. Aber das betrifft ja nicht nur die Studierenden, sondern spiegelt sich in allen gesellschaftlichen Bereichen wider. Gleichzeitig passieren auf dem Campus natürlich Übergriffe. Das darf nicht ignoriert werden.

Die Kampagne ist in ihrer Form eine der ersten an einer deutschen Hochschule. Habt ihr in der Zeit seit dem Start neue Erkenntnisse gewonnen?

Unsere Kampagne zeigt, wie groß der Bedarf ist, etwas zu ändern. Das Besondere unserer Herangehensweise ist dabei, dass wir verschiedene Ansätze miteinander verschränken. Wir beschäftigen uns zum Beispiel intensiv mit Männlichkeit bzw. der Reflexion von Männlichkeit. Ich glaube insgesamt, dass unsere „geschlechtsneutrale“ Ansprache im Rahmen der Kampagne dazu führt, dass die „Unser Campus“- Veranstaltungen in Bezug auf Geschlecht sehr divers besucht sind. Außerdem sind, wie sonst oft, nicht nur die Geisteswissenschaften vertreten, sondern zum Beispiel auch Personen aus der Medizin. Das finde ich super. Es zeigt, dass die Ansprache von großer Bedeutung ist und darüber verschiedene Personen erreicht werden können, die als Multiplikator*innen die Inhalte ebenfalls weitergeben. Natürlich gibt es Personen, die die Kampagne ablehnen oder nicht über das Thema nachdenken, aber daneben sind viele für das Thema offen. Gleichzeitig ist das Projekt noch jung und ich bin gespannt, welche Erkenntnisse wir in der Zukunft gewinnen können.

Magst du zum Abschluss noch etwas über deine eigene Motivation erzählen?

Zu meiner Zeit als Studentin habe ich mit Beate von Miquel, der Geschäftsführerin des Marie Jahoda Centers of International Gender Studies, die Kampagne „Erkenne die Grenze“ konzipiert. Die lief in Kooperation mit der Stadt Bochum und war hinsichtlich der Diskriminierungsformen breiter angelegt als „Unser Campus“. Dabei wurde uns einmal mehr die große Relevanz des Themas deutlich. Eine weitere große Antriebskraft ist es, mit daran zu arbeiten, einen Campus zu schaffen, auf dem sich alle Menschen gerne bewegen. Eine Universität trägt Verantwortung und sie sollte es sich auf die Fahne schreiben, gegen jede Form von Gewalt und Diskriminierung vorzugehen. Ich bin sehr froh, dass die RUB so engagiert ist und damit eine Vorreiterinnenrolle einnimmt.

Zitation: Johanna Forth: „Unser Campus“ – eine Kampagne gegen sexualisierte Diskriminierung. Interview mit Laura Chlebos, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 17.12.2019, www.gender-blog.de/beitrag/kampagne-unser-campus/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20191217

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Laura Chlebos

Johanna Forth

Johanna Forth ist wissenschaftliche Hilfskraft der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Außerdem studiert sie den Gender Studies Master an der Ruhr-Universität in Bochum.

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