18. August 2026 Lara Wolbeck
Mit dem am 22. Juli 2026 online vorgestellten „Lagebericht Queerfeindlichkeit NRW 2025“ der Melde- und Informationsstelle Queerfeindlichkeit NRW (MIQ NRW) wurde erneut sichtbar, wie sehr Queerfeindlichkeit den Alltag von LSBTIQ*-Personen prägt und dass Handlungsbedarf besteht, um dem entgegenzuwirken. Die Dringlichkeit spiegelte sich auch in den Teilnehmer*innenzahlen: Um die 170 Menschen kamen zur Vorstellung des Lageberichts im ZOOM-Raum zusammen.
Nach dem Video-Grußwort von Verena Schäfer, Ministerin für Kinder, Jugend, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes NRW, stellte Benjamin Kinkel vom MIQ NRW das Netzwerk vor. Er betonte, dass Meldestellen eine wichtige Funktion erfüllen, da es für Betroffene kaum institutionelle Unterstützungsangebote gebe, sofern Vorfälle queerfeindlicher Gewalt nicht strafrechtlich relevant sind. Die Meldestelle selektiert hier nicht, da jeder Diskriminierungsvorfall bei den betroffenen Personen Schaden anrichten kann. Im vergangenen Jahr erreichten 258 Meldungen zu queerfeindlichen Vorfällen das Netzwerk.
Das Wichtigste zur Lage in Kürze
Ronja Maier und Nicole Roy stellten die wichtigsten Ergebnisse aus dem Lagebericht vor. Die beiden Sprecherinnen des Netzwerks erklärten, dass die Meldestelle sowohl Formen beobachteter als auch erlebter Diskriminierung und Gewalt erfasse und daraus dann Daten und Maßnahmen zur Unterstützung der Betroffenen ableite. Aus einem Überblick der Meldungen wurde ersichtlich, dass eine Rückmeldung häufig erst zu einem späteren Zeitpunkt nach dem Ereignis erfolgte. Zudem wurden vermehrt Mobbing und langanhaltende Diskriminierung gemeldet, sodass sich nicht nur von einzelnen Vorfällen sprechen lässt. Die meisten Meldungen kamen von den Betroffenen selbst, nur wenige ließen sich als Zeugenaussagen kategorisieren. Auffällig viele Angriffe ereigneten sich um den CSD herum, was laut Meier und Roy mutmaßlich auf eine erhöhte Repräsentation zurückzuführen sei.
Vor dem Hintergrund eines üblicherweise angenommenen Stadt-Land-Unterschieds vielleicht überraschend, wurden Vorfälle im ländlichen und urbanen Raum zu gleichen Anteilen gemeldet. Allerdings mangelt es im ländlichen Raum häufig an Unterstützung, die notwendig wäre, denn immerhin 39 % der Betroffenen berichteten von psychischen Auswirkungen wie Angst, Hilflosigkeit, Ohnmachts- und Minderwertigkeitsgefühlen.
Bei 57 % der gemeldeten Vorfälle war die Angabe bei MIQ NRW die einzig getroffene Maßnahme. Nur etwa 11 % haben den Vorfall auch der Polizei gemeldet und 4 bis 5 % haben sich an eine weitere Beratungs- oder Meldestelle gewandt. Von den Vorfällen ereigneten sich fast die Hälfte im öffentlichen Raum und die Verursacher*innen waren zu 67 % unbekannte Personen. Bei 64 % der Diskriminierungen handelte es sich um Belästigung, bei 30 % um physische Gewalt.
Handlungsempfehlungen
Damit queerfeindliche Angriffe in Zukunft weniger passieren, arbeitete das Netzwerk auf Basis des Lageberichts eine (unvollständige) Liste mit Empfehlungen an Politik und Verwaltung aus: dabei soll sich über Queerfeindlichkeit informiert sowie das Beratungs- und Hilfenetzt in NRW ausgebaut, verpflichtende kommunale Diversitäts- und Antidiskriminierungspläne sowie gesetzliche Regelungen ausgeweitet und verbessert werden; Polizei und Justiz sollen Vorfälle besser erfassen, Ansprechpersonen für Betroffene bereitstellen und eine unabhängige Beschwerdestelle für Polizeigewalt, Rassismus und Queerfeindlichkeit einrichten; im Gesundheitswesen sollen verbindliche Standards für queersensible und rassismussensible Gesundheitsversorgung und Pflege aufgestellt werden, auch bessere Erreichbarkeit bzw. Ansprechbarkeit von Gesundheitseinrichtungen sollte angestrebt werden. Im Bildungsbereich sollten Fortbildungen für das Fachpersonal, Beschwerde- und Schutzstrukturen für diskriminierte Schüler*innen und eine schnellere Umsetzung von queersensiblem Schullernmaterial anvisiert werden. In Bezug auf die Zivilgesellschaft und Zivilcourage sollte Queerfeindlichkeit im privaten Umfeld benannt werden, Öffentlichkeitskampagnen gestärkt, Maßnahmen im digitalen Raum eingeführt, solidarische Sorgenetzwerke und zivilgesellschaftliche Initiativen, vor allem im ländlichen Raum, gestärkt werden.
Meldestellenverbund und Netzwerkarbeit
Im Anschluss an die ausführliche Berichterstattung betonte Nabila Juma, die Sprecherin der Melde- und Informationsstelle für anti-Schwarzen, antiasiatischen und weitere Formen von Rassismus (MIRa NRW), die Vorteile des Zusammenschlusses der unterschiedlichen Meldestellen. Neben MIRa NRW arbeitet das MIQ auch mit der Dokumentations- und Informationsstelle Antiziganismus/Antiromaismus (DINA NRW) und der Melde- und Dokumentationsstelle antimuslimischer Rassismus (MEDAR NRW) zusammen.
Nabila Juma verdeutlichte, dass die Arbeit in den jeweiligen Teams den Zugriff auf gesammeltes Wissen aus unterschiedlichen Ebenen gewährt. Fälle können intern (anonym) weitergegeben werden, was gerade für eine intersektionale Arbeitsweisehilfreich ist. Betroffene queerfeindlicher Gewalt sind teils auch mehrfach diskriminiert, z. B. durch Rassismus oder andere Formen von Diskriminierung. Die Meldestellen arbeiten dann mit den jeweilig anderen zusammen, die beispielsweise auf Rassismus ausgelegt sind.
Diskussions- und Fragerunde
In den letzten 30 Minuten der Veranstaltung konnten die Teilnehmer*innen ihre Fragen und Antworten in das ZOOM-Chatfenster schreiben. Dabei formulierte die Meldestelle auf Nachfrage ihre Ziele für das kommende Jahr, worunter die Verbreitung des jetzigen Lageberichts, die Herstellung von Vergleichbarkeit mit dem jetzigen Bericht, gesteigerte Vernetzung und ggf. weitere Bündnispartner*innen fielen. Es kam die Frage auf, was queere Vereine im ländlichen Raum noch tun können, außer mit Material etc. aufzuklären. MIQ antwortete, dass Vereine sich mit dem Netzwerk in Verbindung setzen können und auch kostenfreie Materialien von MIQ selbst genutzt werden können, um das Unterstützungsangebot zu steigern.
Eine weitere Frage war, wie die Entwicklung zu queerfeindlichen Gegenmaßnahmen vonseiten der Politik eingeschätzt werde. Dazu äußerte sich Benjamin Kinkel von MIQ, es sei einerseits ein kontinuierlicher Abbau von Queerfeindlichkeit zu beobachten, andererseits passiere immer noch zu wenig. Vor allem in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Pflege müsse mehr geschehen. Ob dies in Zukunft zu erwarten ist, darf allerdings eher bezweifelt werden. Beispielsweise hat das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gerade die Rahmenvereinbarung mit Lambda e.V. gekündigt, einer bundesweiten Selbstorganisation für LSBTIQ*-Jugendliche. Die Stärkung von Jugendverbandsarbeit über finanzielle Mittel ist auch eine Maßnahme zur Stärkung der Community, die hiermit wegfällt.
Der vollständige Jahresbericht 2025 der Melde- und Informationsstelle Queerfeindlichkeit MIQ NRW kann hier abgerufen werden.
Literatur
MIQ NRW – Melde- und Informationsstelle Queerfeindlichkeit NRW (2026): Jahresbericht MIQ NRW – Lagebild Queerfeindlichkeit NRW 2025. Hrsg. v. Queeres Netzwerk NRW e. V., Köln. Online verfügbar unter: https://shop.queeres-netzwerk.nrw/wp-content/uploads/2026/07/MiQ_Jahresbericht_finaldigital.pdf (Zugriff: 03.08.2026).
Zitation: Lara Wolbeck : Lagebild zur Queerfeindlichkeit in NRW , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 18.08.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/queerfeindlichkeit-nrw-2025/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260818
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