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Forschung

Queertheoretische Perspektiven auf Freund*innenschaft

16. September 2025 Sarah Carbow

Freund*innenschaften sind in der klassischen Freundschaftsforschung und gesellschaftlichen Wahrnehmung durch heteronormative, patriarchale und binäre Denkweisen und Praktiken geprägt. Bestimmte Beziehungsweisen (Adamczak 2017) werden privilegiert, während andere marginalisiert oder unsichtbar gemacht werden. Gemeinschaft und Zugehörigkeit werden nach der heteronormativen Vorstellung in romantischen, verwandtschaftlichen und familiären Verhältnissen verortet. Aber sind es nicht vor allem auch die engen und vertrauten Freund*innen, die uns im Leben halten? Queer Theory bietet einen entscheidenden Perspektivwechsel, indem fluide, nicht-binäre und anti-normative Aspekte von Freund*innenschaft in den Vordergrund gerückt werden.

Freund*innenschaften werden durch heteronormative Lebensentwürfe eingeschränkt

Der individuelle Wert der Freund*innenschaft wird in Relation zu Familie und romantischen Beziehungen festgelegt. Hetero- und Amatonormativität führen auf struktureller Ebene dazu, dass Freund*innenschaften patriarchal bevorzugten Beziehungsweisen nachgeordnet werden (Brake 2012, 88ff.; Warner 1993, xxi; Wittig 1992, 40). Freund*innenschaften wird weniger Wert und Wichtigkeit zugeschrieben – Zeit, Ressourcen und schließlich auch die Lebensführung selbst werden entlang romantischer und familiär-verwandtschaftlicher Beziehungen organisiert (Bücker 2022, 212ff.; Halberstam 2005, 1). Freund*innenschaften bleiben in individuellen Beziehungsnetzwerken eine Randerscheinung und werden zudem insbesondere hinsichtlich Sexualität, Gemeinschaft und Verantwortung stark normiert und eingeschränkt, um patriarchale Konzepte von Verwandtschaft, Familie und Reproduktion unangreifbar zu machen (Lewis 2023). Freund*innen haben so nicht länger den Status wichtiger Bezugspersonen, sondern spielen „[d]ie Rolle eines Ersatzglücks“ (Schreiber 2022, 44).

Queertheoretische Perspektiven für eine Neubewertung

Sich aus queertheoretischer Perspektive mit Freund*innenschaft zu beschäftigen, ist in verschiedener Hinsicht relevant. Zunächst fordert die zunehmende Anerkennung und Sichtbarkeit queerer Lebensweisen traditionelle Konzepte von Familie und Partner*innenschaft heraus (Weston 1991). Freund*innenschaft lässt sich neu lesen und formulieren, sobald deren Kontext um queere Lebensrealitäten und Perspektiven erweitert wird. Zum Beispiel können wir bei der kritischen Auseinandersetzung mit feministischer und queerer Literatur und Kultur feststellen, dass Freund*innenschaften häufig im Rahmen marginalisierter Communities (intensiver) thematisiert und praktiziert werden (Weston 1991; Arni 2019). Privilegierte Subjekte, d. h. in heteronormativen Beziehungsgeflechten verankerte Personen, scheinen nicht im gleichen Maße auf Freund*innenschaften angewiesen zu sein. Diese Bedeutung von Gemeinschaft und Unterstützungsstrukturen wurde besonders in Zeiten sozialer Isolation und Unsicherheit während der COVID-19-Pandemie sichtbar (Hahmann 2022; Schreiber 2022). Pandemische Zeiten haben eindrücklich und schmerzlich verdeutlicht, „wie dringend wir verstehen müssen, dass es die anderen sind, die uns im Leben halten“ (Hark 2021, 176). Außerdem zeigt sich, dass im Zeitalter serieller Romantik zuverlässige und langlebige Bezugspersonen seltener in romantischen Beziehungen zu finden sind (Newerla 2023). Diese Entwicklungen fordern eine Neubewertung von Freund*innenschaft als potenzielles Modell für Formen des Zusammenlebens und der Fürsorge, jenseits biologisch-verwandtschaftlicher Beziehungsweisen.

Beziehungsweise ohne institutionelle Form

Freund*innenschaften sind in ihrem Kern amorph, es lässt sich in der modernen Gesellschaft kein allgemeiner Typus erkennen, da sich die Beziehungsweisen fluide und vielfältig ausgestalten (Schobin u. a. 2016, 14f.). Aus diesem Grund besteht eine Notwendigkeit zur situationellen Ausgestaltung: Einzig durch die in sie investierten Praktiken treten Freund*innenschaften zutage. Freund*innenschaft ist also kein (Beziehungs-)Zustand mit einer festen Definition, sondern eine Beziehungspraxis, die individuell ausgehandelt werden muss.

Gerade in dieser Flexibilität können Freund*innenschaften sich den wechselnden Lebenssituationen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen – die Flexibilität stellt ihre Existenz und Beständigkeit sicher. Denn insbesondere durch das Fehlen einer institutionellen Form, muss Freund*innenschaft eine hohe Anpassung und Widerstandsfähigkeit aufbringen. Um sich gegen die Vorherrschaft heteronormativer Vorstellungen von Gemeinschaft zu behaupten, muss sie sich immer wieder aufs Neue beweisen, ihre Legitimation erkämpfen und neue Wege finden, um widerständige und eigenwillige Praktiken einzuführen, solidarische Verquickungen zu vertiefen und Verwandtschaft für sich – als Kategorie der Zugewandtheit – zu vereinnahmen (Haraway 2018, 10f.; Hill Collins 1998, 77; Weston 1991, 213).

Freund*innenschaft als Beziehungen des Widerstands und der Emanzipation

Aus queertheoretischer Sicht kann Freund*innenschaft als eine Beziehungsweise verstanden werden, in der normative Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität und Beziehung, aber auch Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Verantwortung hinterfragt und dekonstruiert werden. Freund*innenschaften sind demnach nicht nur soziale Bindungen, sondern auch Widerstandspraxis gegen herrschende Normen und Machtstrukturen. Sie bieten die Möglichkeit, alternative Formen des Zusammenlebens und der Fürsorge zu entwickeln, die über die herkömmlichen Vorstellungen von Familie, Partner*innenschaft und Verwandtschaft hinausgehen. Eine queertheoretische Perspektive ermöglicht eine Neuinterpretation von Freund*innenschaft, die nicht mehr statische, klar definierte Beziehungen bezeichnet, sondern dynamische, flexible und vielfältige Verbindungen, die sich jenseits der binären Logik von Freund*innenschaft und Liebe, von platonisch und sexuell bewegen. Diese Reformulierung ermöglicht es, Freund*innenschaften als offene, inklusive und vielschichtige Beziehungsweisen zu begreifen, die den traditionellen Kategorisierungen von Intimität und Zugehörigkeit entkommen.

Die politische Aufgabe der Freund*innenschaft

Mit einem queertheoretischen Anspruch besteht die Aufgabe von Freund*innenschaft darin, Herrschaft zu entsagen und neue Beziehungsweisen zu entwerfen, die nicht auf dem Leid anderer, sondern auf Fürsorge und Egalität beruhen und die ohne Ausnahme allen ein gutes Leben ermöglichen. Diese Aufgabe ist eine mühsame, denn es müssen neue Denkformen und Praktiken entwickelt werden, um historisch gewachsene Herrschaftszusammenhänge zu entschlüsseln und aufzubrechen: Praktiken, mit denen die Dominanzkultur und die eigenen Privilegien aufrechterhalten werden, gilt es zu durchkreuzen, und die damit einhergehenden Verluste wollen anerkannt werden.

Aus einer queertheoretischen Perspektive lässt sich erkennen, dass andere Beziehungsweisen nicht existieren, weil sie verunmöglicht und behindert werden. Gleichzeitig können neue Formen des Zusammenlebens und des In-der-Welt-Seins auch imaginiert und ermöglicht werden, wenn kollektiv die Bedingungen dafür geschaffen werden. Die politische Aufgabe besteht darin, eine neue Wirklichkeit zu erfinden und damit anzufangen, sie zu praktizieren – erst dann entsteht die Welt, die imaginiert wird, denn die neuen Bedingungen werden nicht frei vergeben, es muss mühsam um sie gerungen und gekämpft werden (Hark 2021, 100ff.). Freund*innenschaft muss dabei uneindeutig bleiben, da Normen immer auf eine Normalisierung und Hierarchie verweisen (Laufenberg 2023, 132f.). Das Anliegen von Queer Theory ist, zu hinterfragen und zu veruneindeutigen, ohne selbst zur Norm zu werden. Eine (neue) Definition für Freund*innenschaften festzulegen, reproduziert nur die Grenzen und Einschränkungen, die ihnen durch (heteronormative) Verständnisse zugrunde gelegt werden.

Die Zukunft der Freund*innenschaft in kontrapunktischer Beziehungspraxis

Eine queertheoretische Reformulierung von Freund*innenschaft ist ein Ansatz, um die traditionellen, normativen Vorstellungen von sozialen Beziehungsweisen zu hinterfragen und neue, inklusivere und emanzipatorische Formen des Zusammenlebens zu entwickeln. Queer Theory eröffnet einen wichtigen Raum für Reflexion und Innovation, der es ermöglicht, die Grenzen des Denkens über Freund*innenschaft zu erweitern und neue, zukunftsweisende Perspektiven zu entwickeln.

Eine queertheoretische Perspektive auf Freund*innenschaft versteht diese als kontrapunktische Praxis (Castro Varela 2021, 123f.). Es geht dabei darum, die Mehrstimmigkeit gesellschaftlicher Realitäten, Prekaritäten und Verhältnisse zu hören, um davon ausgehend eurozentrische, hegemoniale Konzepte von Zugewandtheit, Verwandtschaft und Zugehörigkeit zu irritieren, zu durchkreuzen und zu vereinnahmen. Eine kontrapunktische Praxis der Freund*innenschaft, in der alte Beziehungsformen kollektiv verlernt und neue imaginiert werden, ebnet den Weg für eine planetarische und gesellschaftliche Zukunft einer Gemeinschaft, die sich bewusst ist, dass wir letztlich füreinander verantwortlich sind und voneinander abhängen.

Dieser Beitrag fasst Teile der Forschungsergebnisse meiner Masterarbeit mit dem Titel „Freund*innenschaft: Eine queertheoretische Reformulierung“ zusammen. Die theoretische Arbeit entstand 2024 im Rahmen des Masters Gender & Queer Studies der Universität zu Köln.

Literatur

Adamczak, Bini (2017): Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Arni, Caroline (2019): Jahrhunderte der Freundschaft – ein Essay. In: Zur Zukunft der Freundschaft: Freundschaft zwischen Idealisierung und Auflösung, herausgegeben von Steve Stiehler. Transposition, Band 7, 19–32. Berlin: Frank & Timme.

Brake, Elizabeth (2012): Minimizing Marriage: Marriage, Morality, and the Law. Oxford: Oxford University Press.

Bücker, Teresa (2022): Alle_Zeit: eine Frage von Macht und Freiheit. Berlin: Ullstein.

Castro Varela, María do Mar (2021): Kontrapunktische Bildung, Critical Literacy und die Kunst des Verlernens. In: Bildung. Macht. Diversität. Critical Diversity Literacy im Hochschulraum., herausgegeben von Serena O. Dankwa, Sarah-Mee Filep, Ulla Klingovsky und Georges Pfruender, 111–127. Bielefeld: transcript. https://doi.org/10.14361/9783839458266 

Hahmann, Julia (2022): Freundschaftszentrierte Care-Praktiken: Solidarische Arrangements als Ausweg aus der ‚Crisis of Care‘? In: Solidarität und Krise: Sozialpädagogische Perspektiven auf Herausforderungen unter krisenhaften Bedingungen, herausgegeben von Silke Jakob und Nikias Obitz, 71–84. Opladen: Verlag Barbara Budrich. https://doi.org/10.3224/84742557 

Halberstam, Jack (2005): In a Queer Time and Place. Transgender Bodies, Subcultural Lives. New York: NYU Press.

Haraway, Donna (2018): Unruhig bleiben: die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Übersetzt von Karin Harrasser. Frankfurt am Main New York: Campus.

Hark, Sabine (2021): Gemeinschaft der Ungewählten: Umrisse eines politischen Ethos der Kohabitation: ein Essay. Berlin: Suhrkamp.

Hill Collins, Patricia (1998): It’s All In the family: Intersections of Gender, Race and Nation. Hypatia, Nr. 13(3), 62–82. Verfügbar unter: https://www.jstor.org/stable/3810699 (Letzter Zugriff: 11.08.2025).

Laufenberg, Mike (2023): Queere Theorien zur Einführung. 2., verbesserte Auflage. Zur Einführung. Hamburg: Junius.

Lewis, Sophie (2023): Die Familie abschaffen: wie wir Care-Arbeit und Verwandtschaft neu erfinden. Übersetzt von Lucy Duggan. Frankfurt am Main: S. Fischer.

Newerla, Andrea (2023): Das Ende des Romantikdiktats: warum wir Nähe, Beziehungen und Liebe neu denken sollten. München: Kösel.

Schobin, Janosch, Andrea Knecht, Christian Kühner und Kai Marquardsen (Hrsg.) (2016): Freundschaft heute: eine Einführung in die Freundschaftssoziologie. Kulturen der Gesellschaft, Band 22. Bielefeld: transcript.

Schreiber, Daniel (2022): Allein. 8. Aufl. München: Hanser Berlin.

Warner, Michael (1993): Fear of Queer Planet. Queer Politics and Social Theory. Minneapolis: University of Minnesota Press.

Weston, Kath (1991): Families We Choose: Lesbians, Gays, Kinship. Between men--between women. New York: Columbia University Press.

Wittig, Monique (1992): The Straight Mind. Boston: Beacon Press.

Zitation: Sarah Carbow : Queertheoretische Perspektiven auf Freund*innenschaft , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 16.09.2025 , www.gender-blog.de/beitrag/queertheoretisch-freundschaft/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20250916

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Sarah Carbow

Sarah Carbow (sie/ihr) hat einen Master in Gender & Queer Studies und ist ausgebildete Diversity Trainerin. Beruflich bewegt sie sich zwischen innerbetrieblicher Gleichstellungsarbeit und feministischer Erwachsenenbildung in aktivistischen Kontexten.

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Kommentare

Sabine_ Hark | 16.09.2025

Liebe Sarah Carbow,

 

es freut mich, dass offenbar mein Buch "Gemeinschaft der Ungewählten" eine Inspirationsquelle für Ihre Arbeit gewesen ist. Ich vermisse das Buch jedoch im Literaturverzeichnis. Würde mich über eine entsprechende Korrektur freuen.

Mit bestem Gruß

Sabine_ Hark

Sarah Carbow | 19.09.2025

Guten Tag Sabine Hark,

 

Vielen Dank für den Hinweis.

 

Tatsächlich habe ich in meiner Masterarbeit u.a. auf Ihre Veröffentlichung „Die Gemeinschaft der Ungewählten“ zurückgegriffen. Ich schätze Ihre Arbeit sehr und Ihre Argumentationen haben mir sehr geholfen. Tatsächlich verweise ich im Fließtext auf „Die Gemeinschaft der Ungewählten“ (unter der Zwischenüberschrift „Die politische Aufgabe der Freund*innenschaft“). Dass das Buch in der Literaturliste nicht auftaucht, tut mir sehr leid. Das ist mein Fehler, der nicht hätte passieren dürfen. Den Nachtrag habe ich bei der Redaktion angemerkt.

 

Viele Grüße

Sarah Carbow

Redaktion | 19.09.2025

Hallo Sabine_ Hark und Sarah Carbow,

auch vonseiten der Redaktion eine herzliche Entschuldigung - tatsächlich ist uns bei der Prüfung nicht aufgefallen, dass der im Text sehr wohl angeführte Titel nicht in der Literaturliste enthalten war. Wir haben dies nun bereinigt und hoffen, damit die gegenseitige Wertschätzung wieder hergestellt zu haben.

Jedenfalls freuen wir uns sehr über das Interesse an dem Beitrag!

Viele Grüße aus der Redaktion,

Sandra Beaufays

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