Skip to main content
Headergrafik: © Marina Abramović Courtesy of the Marina Abramović Archives VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Radikale Performance-Kunst: Abramovićs Retrospektive in Bonn

19. Juni 2018 Johanna Forth

Auf ihrer Homepage warnt die Bundeskunsthalle vor verstörend wirkenden Kunstwerken und schmerzhaften Grenzerfahrungen im Rahmen der Retrospektive von Marina Abramović. Damit sind genau die extremen Darstellungen und Performances beschrieben, durch die sich die Künstlerin einen Namen gemacht hat und die auch bei der Ausstellung in Bonn im Mittelpunkt stehen. Zu sehen und mitunter zu fühlen, bekommen die Besucher*innen noch bis zum 12. August sowohl Projektskizzen, Foto- und Videografie als auch diverse Re-Performances. Schon der Titel der Ausstellung The Cleaner (dt.: der Reiniger, ugs. Tatortreiniger) lässt auf Themen schließen, die Abramović umgegeben: Blut, Schweiß, nackte Haut, Schmerzen und Gewalt sind präsent in vielen ihrer Werke und Performances. Aber auch abseits der expliziten Bezüge verlangt das Konzept der Ausstellung den Besucher*innen einiges ab. Die Räume sind überladen mit akustischen und visuellen Eindrücken, da mittels von Beamern dokumentierte Performances abgespielt werden. Die Reizüberflutung innerhalb der Ausstellung ist als ein konzeptuelles Mittel der Strapaze zu verstehen. Es sind Mittel, die Marina Abramovićs künstlerisches Schaffen insgesamt durchziehen. Als Tochter kommunistischer Eltern wächst sie ab 1946 in Belgrad unter Tito auf. Die Eltern werden als Partisan*innen gefeiert. Diese politische Gegebenheit spiegelt sich in vielen Werken Abramovićs wider und gehört zum künstlerischen Mythos, der sie umgibt. Teil dieser Erzählung ist es, dass sie in ihren Arbeiten die strenge, gewaltvolle und als militärisch beschriebene Erziehung ihrer Eltern verarbeitet.

Abramović und der Feminismus

Wer Aussagen der Künstlerin kennt, weiß, dass sie keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegenüber feministischen Diskursen macht. Aber wie steht es um die Verortung ihrer Kunst innerhalb solcher Diskurse? Knüpft man zum Beispiel an Performances wie Role Exchange aus dem Jahr 1975 an, könnte man annehmen, Abramovićs Arbeiten sind in einen feministischen Kontext zu stellen. Hier tauscht Abramović ihren Arbeitsplatz in einer Galerie mit dem Arbeitsplatz einer Sexarbeiterin in einem Amsterdamer Bordell. Die Künstlerin bedient damit avantgarde Thematiken der 1970er-Jahre und greift politische Auseinandersetzungen um Sexarbeit, Sexualität oder weibliche* Selbstbestimmtheit auf. Sie stellt allerdings klar: „To label your work as performance art, conceptual art, political art or even feminist art is dangerous because it deals with specific issues […]. I avoid defining myself like that. That’s how I am able to survive all this time“ (Interview mit Marina Abramović 2009 in Art in America). Abramović ordnet ihre Arbeiten also keinesfalls als feministische Kunst ein. Aus kunsthistorischer Sicht ist mit Aufkommen der Performance-Kunst in den 1960er-Jahren ein Schritt in Richtung radikale Kunstform gemacht, der erstmals besonders auch von Künstlerinnen gegangen wird. Hinzu kommt, dass in der Kunstwelt eine gendertheoretische Auseinandersetzung einsetzt, die Künstlerinnen und deren Körper in den Mittelpunkt rückt. Dies lässt sich zum Teil auch bei Abramović erkennen, denn sie arbeitet wie zum Beispiel Cindy Sherman oder Yoko Ono mit Bildern von Weiblichkeit, Sexualität oder sexueller Gewalt. Dennoch reiht sie sich nicht in eine politische Auseinandersetzung darüber ein, wie die anderen beiden Künstlerinnen es tun (vgl. Klein: 4). In ihren Arbeiten steht Abramović als Person im Mittelpunkt, dieses Subjektwerden ist durchaus als feministisches Moment zu begreifen. Darüber hinaus erfolgt allerdings keine Einordnung innerhalb eines feministischen Diskurs oder ein kritischer Anstoß in Richtung feministischer Debatten.

Heteronormative Aspekte

In der Bundeskunsthalle können die Besucher*innen wählen, ob sie sich zwischen den beiden, sich einander gegenüberstehenden, nackten Körpern im Türrahmen hindurchzwängen möchten, die Bestandteil einer prominenten Performance von Abramović sind. Es ist ein Auf-die-Probestellen von gesellschaftlichen Nähe-Distanz-Verhältnissen, das die Besucher*innen hier am eigenen Leib erfahren können. Abweichend von der ursprünglichen Performance, kann in Bonn ein anderer Durchgang zwischen den einzelnen Ausstellungsräumen gewählt werden, um das Hindurchzwängen zu vermeiden. Mit dieser Arbeit findet eine radikale Auseinandersetzung um Nacktheit, Körper und gesellschaftliche Normvorstellungen statt, die aber innerhalb der heteronormativen Matrix zu lesen ist. Denn in der ursprünglichen Performance inszenierte sich Abramović zusammen mit dem Künstler Ulay und repräsentierte mit ihm eine heteronormative Paarbeziehung. Die Beziehung war Ausgangspunkt, um im künstlerischen Rahmen Themen wie Sexualität oder Gewalt zu untersuchen. Als Gegenentwurf dazu sind Cosey Fanny Tutti und P-Orrdige von dem Künstler*innenkollektiv COUM Transmission zu verstehen, die ebenfalls in den 1970er-Jahren mit ähnlichen Thematiken bekannt wurden und als heterosexuelles Paar auftraten. Obwohl sich die beiden Künstler*innenpaare vergleichen lassen, brechen Tutti und P-Orridge die Heteronormativität auf, indem sie in einem Künstler*innenkollektiv auftreten (vgl. Wilson: 101). Durch das Arbeiten im Kollektiv werden weitere Personen einbezogen, wodurch versucht wird, das normative Mann-Frau-Beziehungskonstrukt aufzulockern und dies innerhalb von Performances zu thematisieren. Dagegen greifen Abramović und Ulay gendersensible Thematiken wie Gewalt oder Machtunterschiede auf, brechen heteronormative Zustände aber nicht auf.

Einen Besuch wert

The Cleaner fügt sich in eine Reihe von aktuellen Ausstellung ein, die Werke von Künstlerinnen* der 1960er- und 1970er-Jahre zeigen. Allerdings wird deutlich, dass hier keine Re-Inszenierung beziehungsweise Dokumentation von feministischer Kunst zu erwarten ist. Obwohl Abramović ihre Arbeiten nicht selbst re-inszeniert, sind die täglich variierenden und live aufgeführten Re-Performances mit angestellten Künstler*innen, wie zum Beispiel bei Art Must Be Beautiful, Artist Must Be Beautiful, trotzdem sehr eindrucksvoll. Das Ganze wird abgerundet durch ausgestellte Originalrequisiten vergangener Performances. Alle Besucher*innen sind außerdem herzlich eingeladen, ausgewählte Performances im Rahmen dieser Ausstellung selbst auszuprobieren.

Headergrafik: © Marina Abramović Courtesy of the Marina Abramović Archives VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Johanna Forth

Johanna Forth ist wissenschaftliche Hilfskraft der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Außerdem studiert sie den Gender Studies Master an der Ruhr-Universität in Bochum.

Zeige alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.

Dieses Weblog wird betrieben von

Banner Netzwerk FGF NRW