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Rape-and-Revenge ad absurdum: die Serie „I May Destroy You“

10. Mai 2022 Mascha Helene Lange

In der TV-Serie I May Destroy You (2020) erzählt Michaela Coel die Geschichte von Arabella Essiedu, einer jungen Schwarzen Schriftstellerin in London, die wiederholt Opfer sexualisierter Gewalt wird. Die Serie basiert auf autobiografischen Erfahrungen Coels und ist gerade deshalb so nahegehend, weil in ihr gekonnt und kritisch fiktionale gegen realweltliche Referenzen ausgespielt werden. Im Folgenden sollen insbesondere die Darstellung von sexualisierter Gewalt als systemische Gewalt sowie die innovative Nutzung des Rape-and-Revenge-Topos in der Serie diskutiert werden.

Arabellas Erfahrung(en) von Gewalt

Die erste Folge der Serie zeigt in schmerzvoll körperlichen Bildern, wie die Protagonistin Opfer sexueller Gewalt wird. Arabella geht mit einem Freund feiern, um sich von einer Schreibblockade abzulenken. Am nächsten Morgen kommt sie im Büro wieder zu sich. Nur langsam stellt sie fest, dass etwas nicht stimmt: Da ist ein wirrer Textentwurf, eine seltsame Platzwunde am Kopf, etwas Blut am T-Shirt, das immer wiederkehrende Bild eines rhythmisch auf sie niederpressenden Mannes ... Arabella kann sich nicht erinnern, wie es zu all dem kam. Nur langsam stellt sich sowohl für Arabella selbst als auch für die Zuschauenden heraus, dass Arabella unter Einfluss von K.-o.-Tropfen Opfer einer Vergewaltigung wurde. Bemerkenswert ist die Darstellung in I May Destroy You dadurch, dass sexualisierte Gewalt, wie das Erlebnis Arabellas, nicht als sensationalisierter Einzelfall dasteht. Vielmehr dient Arabellas Fall als Ausgangspunkt für die Re-Evaluierung einer Vielzahl von gewaltvollen Erfahrungen, die Arabella und ihr Freund:innenkreis gemacht haben.

Sexuelle Gewalt als systemisches Problem

So erfährt nicht nur Arabella sexuelle Gewalt, auch ihre besten Freund:innen Terry (Weruche Opia) und Kwame (Paapa Essiedu) geraten in gewaltvoll sexualisierte Situationen – Situationen, die aufgrund der unterschiedlichen Positionierungen der drei Freund:innen von deren Umgebung sehr unterschiedlich und nicht immer als Verletzung gelesen werden. Während Arabella beispielsweise umfassende Unterstützung durch die Polizei erhält (auch wenn diese letztlich wenig zur Aufklärung des Falls beitragen kann), wird Kwame als schwuler Schwarzer Mann von einem beschämten und ungläubigen Polizisten auf dem Präsidium abgewiesen. Michaela Coel versteht es darüber hinaus hervorragend, Diskussionen um Einvernehmen auszuloten und wichtige Nuancen zwischen „Nein heißt Nein“ und „Ja heißt Ja“ darzustellen. So stimmt Terry zwar dem Sex mit zwei ihr unbekannten Männern in einem Dreier zu, jedoch ohne zu wissen, dass die beiden einander kennen und die Begegnung im Vorhinein geplant war. Im Verlauf der Serie versucht Terry, mit diesem Ereignis abzuschließen, was ihr letztlich erst gelingt, als sie es aus dem diffusen Graubereich „schlechten Sexes“ heraushebt und als Verletzung ihres Einverständnisses benennt.

Wege nach vorne

In I May Destroy You wird keineswegs allein die Verletzung durch sexualisierte Gewalt in den Mittelpunkt gestellt, sondern es werden vielmehr die unterschiedlichen Wege der drei Freund:innen fokussiert, mit Gewalterfahrungen umzugehen. Wie bereits angeklungen, sind staatliche Institutionen (allen voran die Polizei) in diesem Verarbeitungsprozess keine Hilfe. Die Serie spiegelt damit einen kritischen, intersektionalen Blick auf die Rolle staatlicher Einrichtungen in der Aufklärung und Prävention von sexueller Gewalt wider, der schon seit Jahrzenten insbesondere von afroamerikanischen Feminist:innen wie Angela Y. Davis hervorgebracht wird (Davis 2003).

Rape-and-Revenge in I May Destroy You

Eine Kritik an institutionellen Lösungen äußert sich explizit in der letzten Folge der Serie. Diese bedient sich des sogenannten „Rape-and-Revenge“-Topos, um einen möglichen Weg der Verarbeitung des erlebten Traumas zu eröffnen. Nachdem Arabella in der vorletzten Folge nach monatelanger Suche den Mann, der sie zu Anfang der Serie vergewaltigt hat, in einer Bar wiedererkennt, zeigt die letzte Folge ihre Reaktion auf die Konfrontation mit dem Vergewaltiger. Michaela Coel belässt es dabei allerdings nicht bei einer einzigen möglichen Reaktion. Vielmehr werden gleich vier Szenarien eines Endes angeboten, die alle in einen Rahmen des „Die-eigene-Geschichte-Fortschreibens“ (Arabella, die Schriftstellerin, schreibt ihre eigene Zukunft) eingebettet sind.

Szenario 1: Kill your rapist!

Das erste Szenario zeigt Arabella als Rächerin, die ihrem Vergewaltiger (abwechselnd Patrick oder David genannt (Lewis Reeves)) „seine eigene Medizin verabreichen“ will. Mithilfe ihrer Freundinnen Terry und Theo (Harriet Webb) spritzt Arabella dem Vergewaltiger K.-o.-Tropfen, folgt ihm durch das nächtliche London, bis er zusammenbricht, und prügelt ihn auf einer verlassenen Straße zu Tode. Diese Inszenierung bedient sich stilistischer Mittel des Rape-and-Revenge-Genres, das in US-amerikanischer Popkultur (insbesondere in Filmen) des 20. und 21. Jahrhunderts große Erfolge feiert.

Eine Rape-and-Revenge-Inszenierung folgt einem spezifischen Erzählmuster, das zunächst eine oft sehr brutale Vergewaltigung zeigt und darauf die Planung und Ausführung einer ebenso brutalen Vergeltung durch das Opfer selbst oder eine nahestehende Person folgen lässt. In der Rape-and-Revenge-Erzählung ersetzt Selbstjustiz staatliche Rechtssysteme.

In I May Destroy You ist augenfällig, dass Arabella ihren Rachefeldzug nicht – wie sonst üblich – im Alleingang plottet und durchführt, sondern in Zusammenarbeit mit ihren Freundinnen Terry und Theo. Dies folgt dem Fokus der Serie auf Freundschaft als wichtige Struktur in der Verarbeitung von Traumata (vgl. Wanzo 2020). Davon abgesehen ist die Szene deutlich als Rape-and-Revenge-Inszenierung markiert: Sowohl Arabellas sexualisiertes schwarzes Lederoutfit als auch eine drastische Persönlichkeitsveränderung und sehr grafisch abgebildete Gewalt stellen die Szene in direkte Konversation mit der Rape-and-Revenge-Tradition.

Kritik an Rape-and-Revenge

In ihrer umfassenden Untersuchung des Genres kritisiert Julia Reifenberger eben diese Form der Darstellung. Reifenberger stellt heraus, dass moderne Rape-and-Revenge-Inszenierungen nur die oberflächliche Fantasie einer feministischen Selbstermächtigung darstellen, wenn sie auf der visuellen Erotisierung der Protagonistinnen, der Auslöschung von deren Subjektivität und der Verschiebung der Schuld vom Täter auf das Opfer fußen. Dies weise, so Reifenberger, „auf eine Instrumentalisierung der Ermächtigungs-Erzählung im Dienste einer traditionellen hierarchischen Geschlechterordnung hin“ (Reifenberger 2013, S. 105).

Auch hier erweist sich I May Destroy You als äußerst durchdacht und kritisch. Das Rape-and-Revenge-Szenario wird abgelöst durch drei weitere, gleichsam (un)mögliche Auflösungen der Geschichte. In einer zweiten Version stellt sich David selbst als Opfer sexueller Gewalt heraus. Um der Gewaltspirale zu entkommen, reagiert Arabella überraschenderweise mit Empathie. In einer dritten Version wird ein Patriarchat durch ein Matriarchat abgelöst, in dem David willenlos Arabellas Befehlen folgt. Und in einer letzten Version, der kürzesten und „realistischsten“, bleibt Arabella zu Hause und ihr Leben geht weiter. Brutale Rache, so scheint Michaela Coel in ihrer Serie zu argumentieren, ist eine (pop)kulturell weit verbreitete Darstellung, aber für einen Fall, der so in der Realität verankert ist wie der von Coel, keine zufriedenstellende Lösung.

„Komische“ Rache

Über die beschriebene Abfolge verschiedener Endszenarien hinaus wird die Rape-and-Revenge-Inszenierung durch Humor ad absurdum geführt. Komik ist ein für die Darstellung sexueller Gewalt selten genutztes Register. Und das aus gutem Grund. Wie Rebecca Wanzo feststellt, wird Vergewaltigung zu oft als geschmacklose Punch Line in misogynen Comedy-Programmen genutzt (Wanzo 2020). Dadurch ist die Verbindung von Komik mit dem Thema Vergewaltigung zu einem Tabu geworden. I May Destroy You zeigt, dass dies jedoch nicht zwangsläufig der Fall sein muss. Momente wie der, in dem Arabella den blutüberströmten, leblosen David im Bus transportiert und eine Frau die Situation mit einem deplatzierten „Boys will be boys“ kommentiert, bieten Möglichkeiten vielschichtiger Kritik – an der dargestellten Gewalt, an der Alltäglichkeit der Situation, am unangebrachten Kommentar –, die anders nicht möglich wäre.

Michaela Coel vermag es in I May Destroy You, verschiedenste Genres zu einem innovativen Blick auf die Prävalenz sexueller Gewalt in unseren Gesellschaften zusammenzubringen. Die Kritik der Serie bleibt dabei immer systemisch, intersektional und an der Auflösung patriarchaler Gewalt im Ganzen orientiert.

Literatur

Davis, Angela Y. (2003). Are Prisons Obsolete? New York: Seven Stories Press.

Reifenberger, Julia (2013). Girls with Guns. Rape and Revenge Movies: Radikalfeministische Ermächtigungsfantasien? Berlin: Bertz+Fischer.

Wanzo, Rebecca (2020). „Rethinking Rape and Laughter: Michaela Coel’s ‘I May Destroy You’.” In: LA Review of Books, 22.09.2020. Zugriff am 08.03.2022 unter www.lareviewofbooks.org/article/rethinking-rape-and-laughter-michaela-coels-i-may-destroy-you/.

Zitation: Mascha Helene Lange : Rape-and-Revenge ad absurdum: die Serie „I May Destroy You“, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 10.05.2022 , www.gender-blog.de/beitrag/rape-and-revenge-ad-absurdum/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20220510

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Mascha Helene Lange

Mascha Helene Lange ist Doktorandin am Institut für Amerikanistik der Universität Leipzig. Sie forscht zur Darstellung von sexualisierter Gewalt in gegenwärtiger Literatur und Kultur der USA.

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