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Regina Jonas – die erste Rabbinerin weltweit

26. März 2019 Uta C. Schmidt

Was heißt es wohl, die Allererste zu sein? Regina Jonas bemerkte später, es wäre ihr nicht darum gegangen, die Erste zu sein: „Lieber wünschte ich, ich wäre die 100.000!“ – Erfahrungsgeschichte und Erinnerungskultur setzen mitunter andere Akzente. Die Frauen, die sich in den 1970er-Jahren als Rabbinerinnen aufmachten, wussten nicht, dass Regina Jonas 1935 zur ersten Rabbinerin der Welt ordiniert worden war. Dies zeigt eine Ausstellung im Dorstener Jüdischen Museum Westfalen zum Leben und Wirken der Rabbinerin Regina Jonas. Die Präsentation wird gerahmt von Kurzporträts derzeit in deutschen Synagogen praktizierenden Rabbinerinnen sowie von einer Collage mit Porträtfotos und Namen der ersten Rabbinerinnen anderer Länder.

Berliner Scheunenviertel

Regina Jonas erblickte am 3. August 1902 als Tochter von Sara Jonas, geborene Hess, und des Kaufmanns Wolf Jonas in einer eher mittellosen Familie das Licht der Welt. Zusammen mit einem zwei Jahre älteren Bruder wuchs sie im Berliner Scheunenviertel auf, einem dicht besiedelten Viertel für Arbeiter und kleine Angestellte hinter dem Alexanderplatz, das von jüdischen Einwanderern aus Polen und Russland, ihrer Sprache und Religiosität ebenso geprägt war wie von der Berliner Halb- und Unterwelt. Ihre Familie pflegte keine Kontakte ins wohlhabende jüdische Bürgertum, es gab weder eine familiäre rabbinische Tradition, noch Aktivistinnen, die – wie jene im 1902 von Berta Pappenheimer gegründeten jüdischen Frauenbund – für die Gleichberechtigung der Frauen in jüdischen Gemeinden oder für ein Frauenstimmrecht kämpften und als Vorbild hätten dienen können. Vater Jonas verstarb 1913 an einer Lungentuberkulose, die Mutter brachte die Familie von nun an allein durch.

Bildungsaufsteigerin

Regina Jonas begann bereits während der Schulzeit, sich für das Judentum zu interessieren. Nach ihrem Abitur 1923 am Oberlyzeum in Berlin-Weißensee und einer einjährigen Zusatzausbildung zur „Lehrbefähigung für Lyzeen“ schrieb sie sich 1924 an der liberalen „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ ein, an der Religionslehrer und Rabbiner ausgebildet wurden. Sie finanzierte ihr Studium mit Hebräisch- und Religionsunterricht. Ihr erklärtes Ziel war es, das Studium mit einer Rabbinatsprüfung zu beenden, obwohl das Amt des Rabbiners in seiner Funktion als Prediger, Seelsorger, Gemeindeleitung, Schrift- und Rechtsgelehrter nach den jüdischen Religionsgesetzen nur von Männern ausgeführt wurde. Regina Jonas überzeugte mit ihrem Wissen und ihrer Redebegabung ihre Lehrer und Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde, die engagierten Frauen im religiösen Leben durchaus wohlgesonnen waren – niemand konnte sich im Bildungsbürgertum dieser Zeit vor der „Frauenfrage“ verschließen.

„Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“

1930 legte sie bei dem Talmundprofessor Eduard Baneth ihre Abschlussarbeit mit dem Thema: „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ vor. Diese Frage war bislang im Judentum nicht behandelt worden. Regina Jonas entwickelte in dieser Arbeit auf Grundlage der jüdischen Religionsgesetze einen überzeugenden Begründungszusammenhang für das Amt der Rabbinerin. Die Tatsache, dass der Talmundprofessor Baneth dieses Prüfungsthema stellte, zeigt, dass er eine positive Beantwortung der Frage nicht grundsätzlich in Abrede stellte.

Gleichwohl wurde sie nicht ordiniert, da Eduard Baneth unerwartet verstarb. Ihr Abschlusszeugnis wies sie lediglich als Religionslehrerin aus. Erst fünf Jahre später, 1935 – dem Jahr, in dem die Nürnberger Rassegesetze verabschiedet wurden – nahm ihr der für seine fortschrittliche Haltung bekannte Rabbiner Dr. Max Dienemann in Offenbach die mündliche Rabbinatsprüfung ab und beschied, „daß sie dazu geeignet ist, das rabbinische Amt zu bekleiden“ (aus dem Rabbinatsdiplom, zit. in Klapheck 2000, S. 42)

Mit Talar und Barett

Sie arbeitete fortan als Religionslehrerin an öffentlichen Schulen und jüdischen Einrichtungen. Von Gemeinden wurde sie zu Vorträgen und Predigten eingeladen. Als Vortragende und Diskussionsteilnehmerin trat sie zudem bei Veranstaltungen der Frauenbewegung auf. Am 1. August 1937 wurde sie von der jüdischen Gemeinde Berlins als Religionslehrerin und Seelsorgerin für Krankenhäuser und Altenheime angestellt. Sie predigte dort im Talar und mit Barett.

Durch die Emigration von Juden nach 1938 blieben viele Gemeinden ohne geistige Führung. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland beauftragte Regina Jonas in dieser schwierigen Zeit mit der Betreuung kleinerer Gemeinden. Es ist nicht überliefert, ob sie dort auch Amtshandlungen wie Trauungen, Scheidungen oder Beerdigungen durchführte.

Zwangsarbeit und Ermordung

Nach einer Zeit als Zwangsarbeiterin in einer Kartonagenfabrik wurde Regina Jonas zusammen mit ihrer Mutter am 6. November 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Auch hier wirkte sie als Seelsorgerin, so empfing sie die Neuankommenden an der Bahnstation und stand ihnen bei. Im Archiv von Theresienstadt ist eine Liste mit 24 Themen überliefert, zu denen sie Vorträge hielt. Wie für eine Programmankündigung ist sie in feiner Schrift aufgesetzt und betitelt: „Vorträge des einzigen, weiblichen Rabbiners: Regina Jonas.“ (Dokument  zit. in Klapheck 2000, 77ff.) Am 12. Oktober 1944 wurden Regina Jonas und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert und bald nach ihrer Ankunft ermordet.

Geschlechterordnung und Religion

Erst 48 Jahre nach ihrer Ermordung rückte die erste Rabbinerin der Welt wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Es war nicht allein der Traditionsbruch durch die Shoa, der sie vergessen machte. Keiner der überlebenden Wissenschaftler und Rabbiner, die mit ihr zusammengearbeitet hatten, erwähnte sie in seinen Erinnerungen – weder als Irritation oder Kuriosum noch als Pionierin oder Schriftgelehrte. Die Frauen, die sich Jahre später weltweit auf den Weg ins Rabbinat machten, taten dies ohne Wissen um die von Jonas vorgetragenen Argumente für Frauen im Rabbinat.

Die als Wanderausstellung des Centrum Judaicum angelegte Präsentation führt didaktisch gut konzipiert in das Leben und Wirken Regina Jonas‘ ein. Sie stößt weitergehende Fragen zum Verhältnis von Erinnern und Vergessen, Schrift und Auslegung, Beruf und Berufung an.

Erinnern und Vergessen

So scheint es fast, als habe man sich in den 1930er-Jahren darauf geeinigt, Regina Jonas aufgrund ihres Wissens, ihrer Redebegabung, ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrer Integrität als Ausnahme anzuerkennen. Es hat immer Frauen gegeben, die als Ausnahme in Berufsfeldern tätig waren, erinnert sei an die Physikerin Lise Meitner. Doch sollten sie nicht zur Regel werden. Im Vorwort der von Elisa Klapheck herausgegebenen Edition der Jonas’schen Abschlussarbeit schreibt Hermann Simon, dass zum Beispiel in den veröffentlichten Erinnerungen seines Religionslehrers der Name Jonas nicht vorkam, und dass seine Mutter erzählte: „Jedermann in der Alten Synagoge wusste, daß sie Rabbinerin war, und nicht selten sprachen auch Mitglieder des Vorstands von Fräulein Rabbiner Jonas. Dieses Wort wurde in einer unangenehmen, fast möchte man sagen ein bißchen hämischen Weise artikuliert […]. Es ist bekanntlich der Ton, der die Musik macht“ (Simon, zit. n. Klapheck 2000, S. 11). Das Vergessen wurde durch habituelle Übereinkünfte, durch Abwertung und Ausschluss aus der strukturierenden Struktur der Erinnerungskultur organisiert.

Schrift und Auslegung

Die Zeitumstände eröffneten für Regina Jonas Möglichkeiten, als Rabbinerin zu wirken. Das erinnert an die Situation evangelischer Theologinnen, denen in Kriegszeiten ebenfalls Gemeindeämter übertragen wurden, um sie anschließend wieder zurückzudrängen, weil nach Paulus die Frauen in den Gemeinden zu schweigen haben (1 Kor 14, 33b). Regina Jonas hat die Grundsatzfrage nach Frauen und Rabbinat aus dem rabbinischen Schrifttum selbst abgeleitet. Elisa Klapheck sieht die Besonderheit ihrer Begründung dort, wo sie das weibliche Rabbinat nicht als Beginn eines neuen Zeitalters, sondern als eine Fortführung bestehender Traditionen exponiert: „Indem sie die Halacha mit der Frauenemanzipation verknüpfte, gelang ihr eine beachtliche Gratwanderung zwischen einer konservativ-bewahrenden Haltung und modernen Forderungen. Sie setzte sich sowohl von den orthodoxen Rabbinern ab als auch von der Reformbewegung, die sich als alleinige Verfechterin weiblich-emanzipativer Interessen im Judentum wähnte.“ (Klapheck 2000, S. 32)

Beruf und Berufung

Vielleicht konnte Regina Jonas diese starke Argumentation entwickeln, weil sie eine Berufung in sich trug und von der zentralen Botschaft des Judentums getragen wurde: In jedem Menschen offenbart sich das Ebenbild Gottes. Denn, so heißt ein zentraler jüdischer Mythos, Gott habe diejenigen, die sein Volk Israel in die Zukunft führen sollen, nicht nach Ansehen, Macht, Reichtum oder Abstammung erwählt (vgl. auch Klapheck 2000, S. 15). Regina Jonas hat diese allzeit gültige Botschaft, von der sozialen Herkunft abzusehen, um die Kategorie Geschlecht erweitert. In einem Brief schrieb sie: „Wenn ich nun aber doch gestehen soll, was mich, die Frau, dazu getrieben hat, Rabbiner zu werden, so fällt mir zweierlei ein: mein Glaube an die göttliche Berufung und meine Liebe zu den Menschen. Fähigkeiten und Berufungen hat Gott in unsere Brust gesenkt und nicht nach dem Geschlecht gefragt. So hat ein jeder die Pflicht, ob Mann oder Frau, nach d e n  Gaben, die Gott ihm schenkte, zu wirken und zu schaffen. Wenn man die Dinge so betrachtet, nimmt man Weib und Mann als das, was sie sind: als Menschen.“ (Hervorhg. in der Überlieferung von Regina Jonas, zit. n. Klapheck 2000, S. 54)

Literatur

Klapheck, Elisa (Hrsg.). (2000). Fräulein Rabbiner Jonas: Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden? Eine Streitschrift [Stiftung "Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum"]. 2. korr. Aufl. Teetz: Hentrich und Hentrich.

Zitation: Uta C. Schmidt: Regina Jonas – die erste Rabbinerin weltweit, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 26.03.2019, www.gender-blog.de/beitrag/regina-jonas/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20190326

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

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Dr. Uta C. Schmidt

Historikerin und Kunsthistorikerin; wiss. Mitarbeiterin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW; Kuratorin im DA. Kunsthaus Kloster Gravenhorst; Mitarbeiterin der Website frauen/ruhr/geschichte und Mitarbeiterin des Forschungsprojekts „Auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie.100 Jahre Frauenwahlrecht im Ruhrgebiet“ als Teil des Großprojekts „100 jahre bauhaus im westen“; Arbeiten und Interessen an der Schnittstelle von Raum, Repräsentation, Geschlecht, Macht.

 

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