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Forschung

Reproduktive Gerechtigkeit in der Debatte um selektive Pränataldiagnostik

25. August 2026 Lisa Koopmann

Mit der Einführung nichtinvasiver Pränataltests (NIPT) und deren vermehrter Inanspruchnahme wurde ein rechtliches Spannungsverhältnis sichtbar: Auf der einen Seite steht das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung der beteiligten schwangeren Person, auf der anderen steht das Existenzrecht von Menschen mit Behinderungen bzw. das Recht auf Diskriminierungsfreiheit (Tolmein 2012).

In meinem Beitrag in der GENDER-Ausgabe 2/26 diskutiere ich dieses Spannungsverhältnis besonders mit Blick auf ableistische Ausschlüsse (Koopmann 2026). Die von mir vertretene medizinethische und menschenrechtsorientierte Position verortet sich disziplinär in dem Bereich Heilpädagogik/Disability Studies und kann als eine mögliche Lesart innerhalb verschiedener Blickwinkel verstanden werden. Der folgende Beitrag fasst meine Argumentation, in der ich Ansätze feministischer, behindertenpolitischer und machtkritischer Analysen aufgreife und vertiefe, zusammen [1].

Pränataldiagnostik und elterliche Entscheidung

Unter Pränataldiagnostik (PND) werden sämtliche Verfahren verstanden, die genetische Eigenschaften und demzufolge Entwicklungsauffälligkeiten des Embryos/Fötus vorgeburtlich erkennen (Gasiorek-Wiens 2014: 9). Mittels invasiver, d. h. in den Körper eingreifender und nichtinvasiver pränataldiagnostischer Maßnahmen kann so die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Erkrankung oder Chromosomenvariation des Embryos/Fötus vorgeburtlich ermittelt werden (Hennen/Petermann/Sauter 2001). Mit Blick auf Verfahren, die keine therapeutischen Optionen beinhalten, wird von selektiver Pränataldiagnostik gesprochen.

Die Entscheidung für die Kassenzulassung der NIPT wurde im Jahr 2019 durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beschlossen. Seit der Finanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen ist die Nachfrage deutlich angestiegen – von rund 52 000 Tests im zweiten Quartal 2022 auf 71 477 Tests im ersten Quartal 2023 (Heinkel 2024: 57).

Die fehlenden therapeutischen Optionen stellen werdende Eltern jedoch vor „konfliktreiche Entscheidungen“ (Heinkel 2024: 57), da sich die Handlungsmöglichkeiten lediglich auf eine Weiterführung oder einen Abbruch der Schwangerschaft nach der pränatalen Diagnose beschränken. Eine zentrale Kritik an den NIPT entzündet sich daher an der allgemeinen Aussagekraft der pränatal gewonnenen Ergebnisse sowie an der Auffassung, dass es sich bei PND oder NIPT um rein medizinische Verfahren handelt, wobei ethische, soziale und gesellschaftspolitische Fragen und Auswirkungen ausgeblendet würden.

Das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung im feministischen Diskurs

Im Fokus des feministischen Diskurses rund um reproduktive Selbstbestimmung stand seit jeher die Frage, für wen und unter welchen Bedingungen reproduktive Autonomie möglich sei (Sänger 2018). Seit den 1980er-Jahren spielt dabei die Thematisierung der neuen Gen- und Reproduktionstechnologien eine zunehmend wichtigere Rolle und erschwerte eine einheitliche Begriffsbestimmung (Nüthen 2010). Kritiker*innen problematisierten bspw. die vermutete neoliberale Interessensstrategie, die hinter vermeintlich selbstbestimmten reproduktiven Entscheidungen stehe (Krolzik-Matthei 2016).

Zwar ist mittlerweile unstrittig, dass es ein zentrales Recht auf reproduktive Selbstbestimmung gibt, die Frage nach der Ausgestaltung und Reichweite dieses Rechts ist jedoch keineswegs eindeutig oder trivial (Kösters 2012). Die ohnehin komplexe Frage wird durch neue medizinisch-technische Entwicklungen zusehends erschwert. Im Zuge neuer fortpflanzungsmedizinischer Verfahren scheint sich das grundsätzliche Recht auf reproduktive Selbstbestimmung in zwei Richtungen auszudifferenzieren: Einer zunehmend liberalen Interpretation im Sinne eines „Anspruchsrechts“ auf ein Kind steht die durch die neuen Möglichkeiten begünstigte „Pflicht“ zur Inanspruchnahme von medizinisch-technischen Verfahren gegenüber. Am Beispiel der NIPT und des Zulassungsverfahrens zeigt sich exemplarisch, wie anhand staatlicher Politiken das Recht auf ein eigenes/gesundes Kind konstruiert wird, während reproduktionstechnische Verfahren und deren Nutzung normalisiert werden (Wichterich 2015).

Die kritische behindertenpolitische Perspektive

Die anfänglich meist von Feminist*innen mit Behinderungen in die Debatte eingebrachten „eugenischen Seiten“ (Feyerabend 2015: 32) von reproduktionsmedizinischen Verfahren beleuchteten damals eine Leerstelle der feministischen Debatte, die teilweise auch heute noch aufgrund einer Engführung der Perspektive auf den Schwangerschaftsabbruch ableistische und intersektionale Perspektiven ausblendet. Der Selektionsvorwurf, der sich einerseits auf die selektive pränatale Suche nach Behinderungen richtet, andererseits auf die Möglichkeit eines selektiven Schwangerschaftsabbruchs, stellt einen zentralen Bestandteil der behindertenpolitischen Kritik dar. Mit Blick auf NIPT wird besonders die Verfügbarkeit von immer niedrigschwelligeren Tests als eine Infragestellung des Existenzrechts von Menschen mit Behinderungen gewertet (Evangelische Konferenz für Familien- und Lebensberatung e. V. et al. 2013).

Die kritische behindertenpolitische Perspektive nimmt mit ihrer übergeordneten sozialethischen Position gerade nicht die individuelle Entscheidung schwangerer Personen in den Blick und bewertet diese, sondern problematisiert vielmehr eine gesellschaftlich normalisierte Praxis der PND, die ein „diskriminierendes Signal aussende, dass nämlich das Leben der Menschen mit Behinderungen nicht lebenswert sei“ (Rehmann-Sutter 2021: 293). Innerhalb der Disability Studies wird dieses Argument auch als „expressivist argument“ (Asch/Parens 2000: 13) bezeichnet und beschreibt den Umstand, dass eine Behinderung als Grund für einen selektiven Abbruch fungieren könne und dürfe.

Wessen Selbstbestimmung?

Das Konzept der reproduktiven Selbstbestimmung und der damit verbundene Anspruch auf eine autonome Entscheidungsfindung in reproduktiven Belangen scheinen in der Realität in vielerlei Hinsicht deutlich limitiert zu sein. Es stellt sich die Frage, wessen Selbstbestimmung auf dieser konzeptuellen Basis überhaupt gemeint und verhandelt wird bzw. werden kann und soll.

Historisch gesehen waren sowohl reproduktive Belange als auch die Inanspruchnahme reproduktiver Rechte stets verknüpft mit Fragen nach Rassismus, Klassismus und Ableismus: Während die Reproduktion einiger Menschen in der Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart, als erwünscht angesehen und durch pronatalistische Praktiken unterstützt wurde, wurde die Reproduktion bei anderen gesellschaftlichen Gruppen weniger unterstützt oder gar aktiv verhindert (Nüthen 2018; Wichterich 2015).

Trotz des konzeptuellen Anspruchs auf Universalität scheinen Zugänge zu und die Möglichkeit der Inanspruchnahme von reproduktiven Rechten nach wie vor sehr unterschiedlich gestaltet zu sein. Deshalb wird zunehmend vorgeschlagen, Selbstbestimmung im Kontext reproduktiver Belange mit der Forderung nach reproduktiver Gerechtigkeit zu verknüpfen.

Notwendigkeit einer Neuorientierung der Debatte

Das Konzept der Reproduktiven Gerechtigkeit – „reproductive justice“ (Schultz 2022: 349) – wurde in den 1970er-Jahren von US-amerikanischen Schwarzen Feminist*innen entwickelt, um intersektionale Unterdrückungsformen rund um das Thema Reproduktion in den Blick zu nehmen (Ross 2021). Ein Hauptkritikpunkt der Bewegung war die Verengung der damaligen Diskussion um reproduktive Rechte auf die Perspektive von weißen, heterosexuellen, der Mittelschicht zugehörigen Cis-Frauen sowie auf die Pole „pro life“ und „pro choice“ (Netzwerk Reproduktive Gerechtigkeit 2022). Anders als das Konzept der reproduktiven Selbstbestimmung und dessen oftmals individualistische Auslegung ermöglicht das Konzept der Reproduktiven Gerechtigkeit eine Analyse gesellschaftlicher und systematischer Strukturen und schärft so den Blick für eine machtkritische Auseinandersetzung (Nüthen 2018). Die Debatte um PND erweitert der Begriff der Reproduktiven Gerechtigkeit entscheidend, indem er Forderungen nach reproduktiven Rechten mit politischen Zielen sozialer Gerechtigkeit kombiniert (Netzwerk Reproduktive Gerechtigkeit 2022).

Damit zeigt sich die Notwendigkeit einer Neuorientierung der bisherigen Debatte, in der Reproduktive Gerechtigkeit als leitendes Konzept und Handlungsprinzip für eine feministische Diskussion um PND angesehen wird. Die daraus erwachsende Position sollte gesellschaftliche Folgen pränataler Diagnostik für Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen kritisch reflektieren, ohne dabei das Selbstbestimmungsrecht schwangerer Personen und prospektiver Eltern in reproduktiven Belangen infrage zu stellen (Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik 2017).

 

[1] Dieser Beitrag beruht auf der folgenden Publikation:

Koopmann, Lisa (2026). Selektive Pränataldiagnostik – zwischen reproduktiver Selbstbestimmung, Reproduktiver Gerechtigkeit und Inklusion. GENDER. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 18(2), 120–134. https://doi.org/10.3224/gender.v18i2.09 

Teile des Textes sind mit dem Originalbeitrag identisch; die Verantwortung der Bearbeitung liegt bei der Autorin.

Literatur

Asch, Adrienne & Parens, Erik (2000). Prenatal Testing and Disability Rights. Washington D. C.: Georgetown University Press.

Evangelische Konferenz für Familien- und Lebensberatung e. V. (EKFuL) (2013). Pränataldiagnostik und Schwangerschaft aus ethischer Sicht. Positionspapier der evangelischen Verbände EKFuL, BeB und DEKV als Grundlage für die Kooperation bei der Beratung und Begleitung schwangerer Frauen und ihrer Partner. Berlin: Bundesverband evangelische Behindertenhilfe. Zugriff am 21.07.2026 unter https://www.ev-medizinethik.de/damfiles/default/ev-medizinethik/dokumente/Texte.zip/Texte/Lebensanfang/Praenatal-und-Pr-implantationsdiagnostik/DEKV-BeB-EKFuL---PND-und-Schwangerschaftskonflikt-aus-ethischer-Sicht-2013.pdf-54b03b192b230ce1fa7a9a7a99689a2e.pdf.

Feyerabend, Erika (2015). Reproduktive Freiheit? Eine feministische Spurensuche. Gen-ethischer Informationsdienst (GiD), 232, 31–33. Zugriff am 21.07.2026 unter https://www.gen-ethisches-netzwerk.de/reprotechnologien/232/reproduktive-freiheit

Gasiorek-Wiens, Adam (2014). Ultraschalldiagnostik, Pränataldiagnostik in der Praxis. In Florian Steger, Simone Ehm & Michael Tchirikov (Hrsg.), Pränatale Diagnostik und Therapie in Ethik, Medizin und Recht (S. 7–33). Berlin, Heidelberg: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-45255-0_2 

Heinkel, Claudia (2024). Der Nicht-invasive Pränataltest, Teil 1: Vorgeburtliche Verunsicherung. Deutsche Hebammenzeitschrift, 76(2), 56–61.

Hennen, Leonard; Petermann, Thomas & Sauter, Arnold (2001). Das genetische Orakel. Prognosen und Diagnosen durch Gentests. Eine aktuelle Bilanz. Berlin: Edition Sigma.

Kösters, Andreas (2012). Vorgeburtliche Selektion und Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen. Eine medizinethische Analyse (Dissertation). Münster: Westfälische Wilhelms-Universität.

Krolzik-Matthei, Katja (2016). Selbstbestimmung und das Recht auf Abtreibung. In Michaela Katzer & Heinz-Jürgen Voß (Hrsg.), Geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung. Praxisorientierte Zugänge (S. 299–314). Gießen: Psychosozial Verlag. https://doi.org/10.30820/9783837967999-297 

Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik (2017). Feministisches Positionspapier des Netzwerks gegen Selektion durch Pränataldiagnostik. Weder sogenannter Lebensschutz noch neoliberaler Feminismus. In Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik (Hrsg.), Rundbrief 29. Dokumentation der Netzwerktagung 2017. Pränataldiagnostik: eine organisierte Verantwortungslosigkeit?! (S. 35–36). Würzburg: Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik. Zugriff am 23.07.2026 unter https://www.netzwerk-praenataldiagnostik.de/praenatal-diagnostik/bilder/2017_Tagungs_Dokumentation.pdf

Netzwerk Reproduktive Gerechtigkeit (2022). Warum wir von Reproduktiver Gerechtigkeit sprechen. Ein Manifest. In Marie Fröhlich, Ronja Schütz & Katharina Wolf (Hrsg.), Politiken der Reproduktion. Umkämpfte Forschungsperspektiven und Praxisfelder (S. 203–214). Bielefeld: transcript. https://doi.org/10.14361/9783839452721-013 

Nüthen, Inga (2010). Mein Bauch gehört mir: Von der Selbstbestimmung über „unseren“ Körper. Gender-Politik-Online. Zugriff am 21.07.2026 unter https://www.fu-berlin.de/sites/gpo/pol_sys/politikfelder/Mein_Bauch_gehoert_mir/inga_nuethen_.pdf

Nüthen, Inga (2018). (K)ein Recht auf Selbstbestimmung. Gesellschaftskritische Perspektiven. FAMA – feministisch-theologische Zeitung, 3, o. S.

Rehmann-Sutter, Christoph (2021). Zur ethischen Bedeutung der vorgeburtlichen Diagnostik.  In Reiner Anselm & Olivia Mitscherlich-Schönherr (Hrsg.), Gelingende Geburt. Interdisziplinäre Erkundungen in umstrittenen Terrains (S. 273–298). Berlin, Boston: De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783110719864-014 

Ross, Loretta J. (2021). Reproductive Justice. Ein Rahmen für eine anti-essentialistische und intersektionale Politik. In Kitchen Politics (Hrsg.), Mehr als Selbstbestimmung! Kämpfe für reproduktive Gerechtigkeit (S. 17–60). Münster: Edition Assemblage.

Sänger, Eva (2018). Reproduktionstechnologien: Herausforderung für die feministische Geschlechterforschung. In Beate Kortendiek, Birgit Riegraf & Katja Sabisch (Hrsg.), Hand- buch Interdisziplinäre Geschlechterforschung (S. 2–8). Wiesbaden: Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-12500-4_75-1 

Schultz, Susanne (2022). Reproduktive Gerechtigkeit. In Lisa Yashodhara Haller & Alicia Schlender (Hrsg.), Handbuch Feministische Perspektiven auf Elternschaft (S. 349–359). Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich. https://doi.org/10.2307/j.ctv25c4z9b.31 

Tolmein, Oliver (2012). Selbstbestimmungsrecht der Frau, Pränataldiagnostik und die UN-Behindertenrechtskonvention. Kritische Justiz, 45(5), 420–434. https://doi.org/10.5771/0023-4834-2012-4-420 

Wichterich, Christa (2015). Sexuelle und reproduktive Rechte. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung. Zugriff am 21.07.2026 unter https://www.boell.de/sites/default/files/sexuelle-und-reproduktive-rechte.pdf

Zitation: Lisa Koopmann : Reproduktive Gerechtigkeit in der Debatte um selektive Pränataldiagnostik , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 25.08.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/reproduktive-gerechtigkeit/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260825

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Lisa Koopmann

Lisa Koopmann, M. A., ist Heilpädagogin und Doktorandin der Universität zu Köln, Lehrbeauftragte der Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung. Sie forscht und lehrt zu ethischen und gesellschaftspolitischen Dimensionen von Reproduktionstechnologien mit besonderem Fokus auf PND/NIPT, dabei bezieht sie sich auf feministische Theorien und Disability Studies.

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