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Rojavas radikaler Feminismus – Ende eines basisdemokratischen Projekts?

04. Februar 2020 Josef Mühlbauer

Im Zuge des syrischen Bürgerkrieges bzw. des Stellvertreterkrieges errichteten Kurd*innen die Demokratische Föderation Nordsyrien – besser bekannt als Rojava. Es handelt sich hierbei um ein einzigartiges politisches System, dessen Prinzipien feministische, basisdemokratische und progressive Züge aufweist. Doch die Invasion der Türkei in Rojava hat die vorerst letzte Chance auf eine demokratische Entwicklung in Teilen Syriens zerschlagen. Es geht nicht mehr um Perspektiven, Chancen und die Überwindung der eigenen Widersprüche, sondern um Krieg und das Ringen ums Überleben.

Am 17. März 2016 wurde Rojava von 31 Parteien, 200 Delegierten sowie einigen arabischen, assyrischen, armenischen, turkmenischen und tschetschenischen Vertreter*innen der Region ausgerufen (Burç 2019: 20). Das politische System wurde aufgebaut in Anlehnung an anarchistisch-feministische Theorien von Abdullah Öcalan und Murray Bookchin (Leezenberg 2016). Anarchafeminismus kann hierbei als eine Verbindung von radikalfeministischen Elementen und anarchistischer Theorie und Praxis angesehen werden. Laut Susan Brown (1988) vertreten Anarchafeminist*innen eine Theorie, die alle Formen von Hierarchien und Herrschaft bekämpft, vor allem wenn sie sexistisch, rassistisch, klassenbezogen oder staatlich sind. Der geistige Mitbegründer dieses Projekts, Murray Bookchin (2015), theoretisiert selbst basisdemokratische und konföderale Demokratiemodelle und plädiert für Dezentralisierung, Selbstsuffizienz, Autonomie (Selbstgesetzgebung), ökologische Nachhaltigkeit und flache Hierarchien. Die anti-etatistischen Diskurse rund um Öcalan und Bookchin können aufgrund der jahrhundertelangen Geschichte staatlich-kolonialer Repressionen der Kurd*innen als eine weitere Form der politischen Legitimation des Systems Rojavas betrachten werden (Gerber & Brincat 2018: 7).

Egalitäre Geschlechterverhältnisse und Intersektionalität

In Rojava existierten eigenständige Frauenräte, Frauenbildungsvereine und Frauenkooperativen im Rahmen der Selbstverwaltung sowie eine spezielle Gerichtsbarkeit für patriarchale Gewalt (Brauns 2016: 97; Burç 2019). Frauenräte sind hierbei für bestimmte politische Bereiche zuständig – sie sollen Zwangsehen, Ehrenmorde, (unfreiwillige) Polygamie, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung verhindern.

Darüber hinaus gab es Frauenhäuser (Mala Jinan) als Rückzugs- bzw. Freizeiträume für Frauen jeglicher Ethnizität und Religion (Colasanti et al. 2018: 819). Das System der Co-Vorsitzenden (Hevserok-System) sieht vor, dass der zu wählende Posten der Vorsitzenden, der Kommunalvertretung oder im Gericht jeweils von einem Mann und einer Frau besetzt wird (Burç 2019: 20). Quoten für sprachliche und ethnische Minderheiten sollen eine basisdemokratische Mitsprache und politische Partizipation garantieren. Schon diese heterogene und inklusive Mischung der Vertreter*innen lässt die in der Verfassung Rojavas zu findenden Prinzipien der Selbstverwaltung, des Multikulturalismus und des basisdemokratischen Konföderalismus in Erscheinung treten (Brauns 2016).

Die kurdische Lehre der Frau, auch Jinealogy genannt (Düzgün 2016), wurde von Feminist*innen wie Judith Butler, Emma Goldman, aber auch vom Poststrukturalismus inspiriert (Shahvisi 2018: 8f.). Jinealogy und Rojavas Feminismus muss dabei deutlich vom liberalen Feminismus abgegrenzt werden, da nicht das atomisierte Individuum, sondern die gesamte Gesellschaft mit ihrer Interessens- und Identitätsvielfalt egalitär ins Zentrum gerückt wird (ebd.). Es werden sogar Vergleiche zu den Kämpfen der Schwarzen Frauen in den USA gezogen (Al-Rebholz 2012; Özcan 2011 zit. in Shahvisi 2018: 9). Intersektionalität spielt darüber hinaus eine zentrale Rolle für Rojava, da die Komplexität und Vielfältigkeit der Unterdrückungsformen und der marginalisierten Identitäten in den Blick genommen werden (Tank 2017: 419).

Überwindung der Maskulinität

Die gesellschaftliche Transformation gelingt laut Öcalan mittels Überwindung der Maskulinität und der männlich dominierten Normen und politischen Strukturen (Öcalan 2013; Shahvisi 2018: 16). Die politische Ideenlehre Öcalans wird im folgenden Zitat von einer der bedeutendsten kurdischen Politiker*innen, Asya Abdullah, widergespiegelt:

„Wenn Frauen nicht in der Politik sind, dann gibt es Kriege, weil Männer Kriege führen […]. Deshalb ist der Feminismus nicht nur eine Bewegung zum Schutz von Frauenrechten, sondern viel mehr als das. Wir schützen all das, indem wir die Identität der Frau unterstützen“ (Abdullah zit. in Schmidinger 2014: 228).

Für Öcalan ist die 5.000-jährige Zivilisation, in der wir leben, eine Geschichte der Versklavung der Frau (Öcalan 2013: 9). Biologische Differenzen werden missbraucht, um die Versklavung der Frau zu rechtfertigen (ebd.). Mit anderen Worten: Ihre Arbeit wird als gegeben, selbstverständlich und als unbezahlt wahrgenommen (Öcalan 2013: 11). Die Ausbeutung des vermeintlich „schwachen Geschlechts” sowie die Institution der (bürgerlichen) Familie sind für Öcalan Eckpfeiler des Kapitalismus (Tank 2017: 419). Hier lehnt er sich stark an Friedrich Engels an und konstatiert, dass die monogame Familienstruktur ein Mikromodell des patriarchalen Staates darstellte (Tank 2017: 419). Frauen werden in den Büchern von Öcalan sogar positiv diskriminiert, da für ihn die matriarchale Gesellschaft, die vor unserer Zivilisation existiert haben soll, weder institutionalisierte Hierarchien, ökonomische Depressionen, noch Ausbeutung und Verschmutzung der Umwelt kannte (Öcalan 2013: 15ff.).

Solidarische Ökonomie – Das Kooperativsystem Rojavas

Jede*r Bürger*in Rojavas hat laut Art. 30 der Verfassung das Recht auf Wohlstand, gebührenfreie Bildung, Arbeit, Unterkunft, sowie das Recht auf Gesundheits- und Sozialversicherung. Der Art. 38 garantiert für alle Chancengleichheit und der Art. 39 besagt, dass alle natürlichen Ressourcen der gesamten Gesellschaft gehören. Die Verwaltung von Grundbesitz und Boden wird durch die demokratisch gewählten Verwaltungen aufgeteilt und deren Nutzung durch Gesetze geregelt (Art. 40). Organisationen wie Kongreya Star, Desteya Jin oder auch die Women’s Economy Conference versuchen die anarchafeministischen Theorien Öcalans mittels selbstverwalteter Kooperativen zu implementieren. Arbeiter*innen sind in den Kooperativen gleichzeitig Miteigentümer*innen und sind in den Entscheidungsfindungsprozessen des Unternehmens eingebunden. Gewinnorientierung ist nicht das primäre Ziel, sondern eine gerechte Wohlstandsverteilung: Privateigentum wird nach dem Prinzip „Eigentum durch Gebrauch“ organisiert. Das heißt, dass die Vermehrung von Privateigentum nicht als Selbstzweck, sondern im Dienste aller Bürger*innen angesehen wird (Tax 2017: 179ff.). Kooperativen sind an die demokratische Selbstverwaltung angebunden, von wo aus die gesamte Gesellschaft über weitere Öffnungen und über die Distribution und Preise der Produkte bestimmt (Schmidinger 2018). Kooperativen bieten Baby-Horte, drei Monate Mutterschutz, zwei Freistunden am Tag für Stillen an und es gibt Nähwerkstätten für geflüchtete Frauen (Tax 2017: 183). Ideologisch wie theoretisch spielen Frauen eine zentrale Rolle im sozialen Leben, in der Politik, in Militärorganisationen aber auch in der Wirtschaft Rojavas (Colasanti et al. 2018: 818).

Perspektiven und Ausblicke

Der Blick auf Rojava ergibt ein buntes Mosaikbild geprägt von progressiven anarchafeministischen Elementen (Shahvisi 2018), realpolitischem Pragmatismus (Khalaf 2016) und einigen Widersprüchen (Leezenberg 2016). Rojava kann als basisdemokratisches und radikalfeministisches Projekt angesehen werden: Es wurde der Versuch unternommen, Frauen und ethnische Minderheiten auf allen politischen Ebenen zu integrieren, wirtschaftlich zu fördern und ihnen eine Stimme zu geben. Kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse, Formen der Diskriminierung und auch patriarchale Hierarchien wurden weitestgehend bekämpft. Die politischen Errungenschaften dieses basisdemokratischen Projekts verdienen es, hervorgehoben zu werden, da es eine demokratietheoretische Einzigartigkeit vorweist und sich zudem explizit für egalitäre Geschlechterverhältnisse und flache Hierarchien ausspricht. Gleichzeitig existieren, wie in jedem anderen menschlichen Projekt, auch in Rojava innere Widersprüche. Diese artikulieren sich, wie wir beispielsweise im Zitat von Ayse Abdullah und anhand der Bücher Öcalans sehen, in der Hierarchisierung bzw. in der Priorisierung einzelner intersektionaler Kategorien: Die Kategorie Gender wird beispielsweise über die von Class und Race gestellt (Öcalan 2013: 90). Öcalans scheinbare Omnipräsenz, die stillschweigende Kooperation der PYD mit dem Assad-Regime, der intransparente Einfluss der PKK und das Fehlen einer starken Opposition waren ebenfalls negative Faktoren (Leezenberg 2016; Khalaf 2016).

Aufgrund der türkischen Invasion wurden die Chancen, an diesen Widersprüchen zu arbeiten, unterbunden. Die derzeitige Kriegs- und Krisensituation erschwert zusätzlich den Blick auf das feministische und basisdemokratische Projekt, da aufgrund der Notlagen pragmatische Handlungsmuster über die eigenen Ansprüche gestellt werden mussten. Es bleibt abzuwarten, ob Rojava internationale Hilfe bekommt, um ihr Projekt fortzuführen. Ansonsten, so meine Befürchtung, muss das historisch einzigartige politische Projekt für beendet erklärt werden.

Literatur

Al-Rebholz, Anıl (2012). Das Ringen um die Zivilgesellschaft in der Türkei. Intellektuelle Diskurse, oppositionelle Gruppen und Soziale Bewegungen seit 1980. Bielefeld.

Brauns, Nikolaus (2016). Die Kurden in Syrien und die Selbstverwaltung in Rojava. In Fritz Edlinger (Hg.), Der Nahe Osten brennt. Zwischen syrischen Bürgerkrieg und Weltkrieg (S. 91–112). Wien.

Bookchin, Murray (2015). The Next Revolution. Popular Assemblies & The Promise of Direct Democracy. London/ New York.

Braun, Susan (1988). Warum Anarcha-Feminismus? Schwarzer Faden, 2/1988, 20–21.

Burç, Rosa (2019). Demokratische Autonomie. Staatenlos regieren als gesellschaftliche Alternative zum Nationalstaat in Nordsyrien und der Türkei. In Ismail Küpeli (Hg.), Kampf um Rojava, Kampf um die Türkei (S. 20–29). Münster.

Colasanti, Nathalie; Frondizi, Rocco; Liddle, Joyce & Meneguzzo, Marco (2018). Grassroots democracy and local government in Nothern Syria: the case of democratic confederalism. Local Government Studies, 44(6), 807825.

Düzgün, Meral (2016). Jineology. The Kurdish Women’s Movement. Third Space. Journal of Middle East Women’s Studies, (12)2, 284–287. https://doi.org/10.1215/15525864-3507749

Gerber, Damian & Brincat, Shannon (2018). When Öcalan met Bookchin: The Kurdish Freedom Movement and the Political Theory of Democratic Confederalism. Geopolitics, 125. https://doi.org/10.1080/14650045.2018.1508016

Khalaf, Rana Marcel (2016). Governing Rojava: Layers of Legitimacy in Syria. Chatham House. Zugriff am 24.04.2019 unter https://www.chathamhouse.org/publication/governing-rojava-layerslegitimacy-syria.

Leezenberg, Michiel (2016). The ambiguities of democratic autonomy: the Kurdish movement in Turkey and Rojava. Southeast European and Black Sea Studies, (16)4, 671–690.

Öcalan, Abdullah (2013). Liberating Life: Woman’s Revolution. Köln.

Schmidinger, Thomas (2014). Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan. Analysen und Stimmen aus Rojava. Wien.

Schmidinger, Thomas (2018). Kampf um den Berg der Kurden. Geschichte und Gegenwart der Region Afrin. Wien.

Shahvisi, Arianne (2018). Beyond Orientalism: Exploring the Distinctive Feminism of Democratic Confederalism in Rojava. Geopolitics, 125. https://doi.org/10.1080/14650045.2018.1554564

Tank, Pinar (2017). Kurdish Woman in Rojava: From Resistance to Reconstruction. Die Welt des Islam, 57, 404–428.

Tax, Meredith (2017). Auf einem unwägbaren Weg. Die Frauen im kurdischen Freiheitskampf. Münster.

Zitation: Josef Mühlbauer: Rojavas radikaler Feminismus – Ende eines basisdemokratischen Projekts?, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 04.02.2020, www.gender-blog.de/beitrag/rojavas-radikaler-feminismus/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200204

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Josef Mühlbauer

Josef Mühlbauer BA – studiert im Master Politikwissenschaft und nebenbei Philosophie. Er arbeitet ehrenamtlich für das Varna Institute for Peace Research (VIPR) und seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Theorie und Internationale Politik.

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