Skip to main content
Headergrafik: Oleg/adobe.stock.com

Interview

Die langen Schatten der Tradition des Frankfurter Instituts für Sozialforschung

08. Juli 2025 Sarah Speck Barbara Umrath Johanna Niendorf

Der Band Im Schatten der Tradition wirft einen dezidiert feministischen Blick auf die 100-jährige Geschichte des Instituts für Sozialforschung (IfS) und verdeutlicht dabei die Ausblendung der Arbeit von Frauen in der bisherigen Rezeptionsgeschichte sowie zentraler geschlechtertheoretischer Analysen im Kontext der Forschung am Institut. Johanna Niendorf sprach mit einer der Herausgeber*innen, Sarah Speck, stellvertretende Direktorin des IfS, und der Autorin Barbara Umrath über das Buch.

J.N.: Für mich stellt das Buch eine Fundgrube für feministische Denkansätze und vergessene Frauen-Biografien dar und hat mich dazu angeregt, über die aktuellen (Re-)Produktionsbedingungen feministischer Wissenschaft nachzudenken. Wie kam dieser Band zustande?

S.S.: Ich habe mir im Zuge der Vorbereitungen zu den 100-Jahres-Feierlichkeiten des Instituts die Frage gestellt, wie wir uns zu der Historiografie des IfS stellen, die, wie zu erwarten war, in den Feuilletons erneut vielfach verhandelt werden würde. Und da kam mir der Gedanke, dass es bislang keine feministische Geschichtsschreibung dieses Instituts gibt. Ich habe dem Kollegium dann ein solches Forschungsprojekt vorgeschlagen, was begeistert aufgenommen wurde. Bea Ricke wurde dafür am Haus angestellt und es hat sich eine Gruppe von Mitarbeitenden gefunden, die Lust hatten, an diesem Buchprojekt mitzuarbeiten. Dabei haben wir uns zunächst mit der systematischen Frage beschäftigt, was eigentlich eine feministische Geschichtsschreibung beinhaltet. Natürlich sollte es darum gehen, noch einmal anders über die Frauen im Kontext des Instituts nachzudenken, als es in der bisherigen, androzentrischen Geschichtsschreibung geschehen ist. Aber uns wurde auch schnell bewusst, dass man, wenn man nur grandiose Frauen herausstellt, die androzentrische Sichtbarkeitslogik gewissermaßen reproduziert. Deshalb war uns wichtig, auch über die konkreten Arbeitsbedingungen und -prozesse nachzudenken und allgemeiner über die Bedingungen von Wissensproduktion, was ja ein genuin materialistischer Zugang ist. Dabei hatten wir von Anfang an nicht im Sinn, eine vollständige Geschichte zu erzählen, sondern einen ersten Aufschlag zu machen, um andere zu motivieren, zum IfS oder zu anderen Institutionen und wissenschaftlichen Zusammenhängen auf eine feministische Weise nachzudenken und zu forschen.

B.U.: Als Autorin in dem Band war ich nicht an dem gesamten Entstehungsprozess beteiligt, aber was ich an dem Band sehr beeindruckend finde, ist, was so eine kollektive Arbeit zutage fördern kann im Unterschied zu einer einzelnen Arbeit.

J.N.: Ein zentraler Punkt des Bandes ist ja, dass in der bisherigen Geschichtsschreibung etwas verloren gegangen ist. Inwieweit wart ihr auf andere Quellen jenseits publizierter Texte angewiesen?

S.S.: Wir hatten drei Perspektiven: Erstens wollten wir beleuchten, welche Frauen in die intellektuelle Arbeit am Institut auf welche Weise eingebunden waren, und damit aufzeigen, wer in der und durch die bisherige Geschichtsschreibung nicht wahrgenommen wurde. Zweitens beschäftigten uns die Bedingungen dieser Sichtbarkeitsordnung – Prozesse vergeschlechtlichter Arbeitsteilung und damit verbundene Abwertungen sowie die Ausblendung kollektiver Arbeitsprozesse. Damit reihen wir uns auch ein in die feministische Kritik des (männlichen) Genie-Mythos. Die dritte Perspektive richtete sich auf das am IfS produzierte geschlechtertheoretische Wissen, das in der androzentrischen Rezeption ebenfalls unsichtbar gemacht wurde. Alle drei Dimensionen stehen vor methodologischen Herausforderungen: Um die herrschende Sichtbarkeitsökonomie aufzubrechen, muss auf andere Quellen zurückgegriffen werden; Briefwechsel spielen etwa eine große Rolle, aber auch sowas wie Oral History und dokumentierte Erinnerungen. Es ist immer komplizierter, an die Lebenswelt und Realität derjenigen zu kommen, die nicht schriftlich in der herrschenden Geschichtsschreibung berücksichtigt wurden.

B.U.: Für mich haben Manuskripte eine zentrale Rolle gespielt, um in der Rezeption tradierte Lesarten zu hinterfragen. Also in die Archive zu gehen, Manuskripte von frühen Texten zu finden, auch eben Hinweise darüber, wer Gedanken eingebracht hat, die im schriftlichen Text nicht mehr als Gedanken bestimmter Personen sichtbar werden, sondern den zentralen Theoretikern zugeordnet und subsummiert wurden. Die offiziellen, die publizierten Texte – das genügt nicht für einen feministischen Zugang.

J.N.: Welche Erkenntnisse ergeben sich aus dem Band?

S.S.: Erstmal können wir zeigen, dass von Anfang an eine große Zahl Frauen am Institut beschäftigt war, und das ist ja zum Zeitpunkt der Institutsgründung überhaupt keine Selbstverständlichkeit: Frauen hatten ja gerade erst Zugang zur Wissenschaft bekommen. Sie sind allerdings durch die Hierarchiestrukturen am Institut und dann durch die Rezeption im Nachhinein nochmal ausgeschlossen worden. Hier lassen sich eine ganze Reihe von Namen nennen: Hilde Weiss, Käthe Leichter, Else Frenkel-Brunswik und Gretel Adorno u.v.m. Außerdem sind zu verschiedenen Zeitpunkten geschlechtertheoretische Arbeiten am Institut entstanden, die systematisch aus der Rezeption ausgeschlossen wurden. So ist z. B. die wichtige Rolle des Instituts für die Entwicklung und Etablierung der Frauen- und Geschlechterforschung in der Bundesrepublik kaum bekannt. Und es ist nicht zufällig, dass drei Geschlechterforscherinnen „avant la lettre“, also bevor es das als Fach gab, aus dem Institut kamen: Mirra Komarovsky in den USA, Helge Pross und Regina Becker-Schmidt in der BRD. In unserem Band treten damit ambivalente Ein- und Ausschlüsse zutage. Man war auf die Arbeit von Frauen angewiesen, sie waren in den verschiedene Schreibprozessen involviert und Teil einer intensiven und kooperativen Forschungsarbeit, die dann einzelnen zugerechnet wurde. So waren etwa Adornos Beziehung zu Elisabeth Lenk und Max Horkheimers Beziehung zu Käthe Weil für das Denken beider sehr wichtig, sie tauchen aber in den Schriften und in der Publikationsform nicht auf.

J.N.: Es waren ja nicht nur Wissenschaftlerinnen, sondern auch Wissenschaftler mit radikaleren politischen Ansichten, die in der Rezeptionsgeschichte weniger Raum bekommen haben. Wie stand es um die Verbindung zur Arbeiterbewegung, zur proletarischen Frauenbewegung und vielleicht auch insgesamt zu gesellschaftskritischer feministischer Praxis?

S.S.: Das muss man jeweils im spezifischen zeithistorischen Kontext sehen. Als das Institut gegründet wurde, das wissen wir auch über die Marxistische Arbeitswoche, waren die Akteure sehr nah an der Arbeiterbewegung und hatten zu Teilen auch personelle Berührungspunkte zur proletarischen Frauenbewegung. Dies zeigen die Beiträge von Christina Engelmann, die u. a. auf die Beziehung Felix Weils zu Clara Zetkin eingeht, und von Veronika Duma über die in der Historiographie des Instituts völlig unbeachtete Käthe Leichter: Eine wirklich beeindruckende materialistische Feministin, die gleich zu Anfang eigentlich als Mitarbeiterin ans Institut kommen sollte, dann aber eine bedeutende politische Position im Roten Wien angenommen hat. Später hat sie im Exil an den Studien über Autorität und Familie mitgearbeitet. Es ist meines Erachtens nicht ohne Grund, dass gerade auch die Frauen aus dem Kontext des IfS in der Arbeiter*innenbewegung aktiv waren, weil das für sie auch ein Ort der Bildung war und die Akademie ihnen vorher verschlossen war. Horkheimer und Adorno war aber beispielsweise die Radikalität von Hilde Weiss tatsächlich ein Dorn im Auge; sie wollten sie, wie Briefwechsel belegen, ganz bewusst „verstecken“. Auch für die 1970er-Jahre, also die unmittelbare Zeit nach Adornos Tod, lässt sich ganz klar sagen, dass es einen engen Kontakt der Mitarbeiter*innen des Instituts zu den sozialen und feministischen Bewegungen gab bzw. sie Teil eben dieser waren, das argumentiert auch Lena Reichardt. Damit zeigen sich in der 100-jährigen Geschichte des Instituts Wellen der Nähe und Distanz der Theorie zur Praxis. Und vielleicht lässt sich auch sagen, dass das Verhältnis von Kritischer Theoriebildung und politischer Praxis für die Frauen am Institut in besonderer Weise ein dialektisches war – dies gilt wahrscheinlich bis heute.

J.N.: Besonders an dich, Barbara, noch mal die Frage, wie Geschlechterverhältnisse in den Analysen am Institut reflektiert wurden und vieles davon in der Rezeptionsgeschichte verschwunden ist?

B.U.: Was für mich in meiner Auseinandersetzung mit der sogenannten ersten Generation Kritischer Theorie sehr deutlich wurde, war, dass das Institut in den 1930er-Jahren kein hierarchie- und konkurrenzfreier Raum war. Die Studien über Autorität und Familie sind ein kollektives Arbeitsergebnis und müssen als solches gelesen werden. Gleichzeitig gab es darin Konkurrenzen und Personen hatten unterschiedliche Vorstellungen, welchen Stellenwert dieses gemeinsame Forschungsprojekt haben sollte. Andries Sternheim z. B. hat Ideen entwickelt zum Zusammenhang von Sexualaufklärung und autoritären Einstellungen, die er in einem weiteren Band weiterführen wollte, aber Horkheimer hatte dazu andere Vorstellungen und als Institutsdirektor mehr zu sagen. Und so sind nicht nur Frauen in die zweite Reihe verwiesen worden.

J.N.: Wie ließe sich eurer Meinung nach heute an diese Analysen anschließen?

B.U.: Gudrun-Axeli Knapp hat das, glaube ich, mal so formuliert, dass die erste Generation Kritischer Theorie die Familie als Schauplatz gesellschaftlicher Grundkonflikte ernst genommen hat. Das ist in der Rezeption verloren gegangen und daran wäre wieder anzuknüpfen. Die Kritische Theorie hat dabei sehr stark auf die Generationenverhältnisse abgestellt. Wohingegen mir das Thema Generationenverhältnisse in zeitgenössischen feministischen Debatten gar nicht so präsent zu sein scheint. Das wäre vielleicht etwas, was erst neu wieder einzuholen wäre und wirklich mehr die Bedeutung der Familie als vor allem die Arbeitsteilung heterosexueller Paare zu analysieren wäre. Zu letzterem haben wir ganz viel zeitgenössische Forschung aus einer feministischen geschlechtertheoretischen Perspektive, aber zu deren Zusammenspiel mit den Generationenverhältnissen und was z. B. zeitgenössische Formen familialer Arbeitsteilung mit Blick auf Sozialisationsbedingungen bedeuten eher weniger.

S.S.: Ja, Familie als Eingangspunkt für eine materialistische Gesellschaftsanalyse, also welche Widersprüche zeigen sich dort, wäre so ein Ansatz. Gegenwärtig müsste man dabei natürlich von einem neuen Familienbegriff ausgehen – aber das ist durchaus ein Erbe, an dass es sich lohnt anzuknüpfen.

 

Das Buch „Im Schatten der Tradition. Eine Geschichte des IfS aus feministischer Perspektive“ ist 2025 bei Bertz + Fischer erschienen, herausgegeben von Christina Engelmann, Lena Reichardt, Bea S. Ricke, Sarah Speck und Stephan Voswinkel, mit Beiträgen u. a. von Bruna Della Torre, Veronika Duma, Judy Slivi, Karin Stögner, Barbara Umrath und dem AK Gender Kinship Sexuality.

Zitation: Sarah Speck, Barbara Umrath im Interview mit Johanna Niendorf: Die langen Schatten der Tradition des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 08.07.2025, www.gender-blog.de/beitrag/schatten-der-tradition-ifs/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20250708

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Oleg/adobe.stock.com

Prof. Dr. Sarah Speck

Sarah Speck ist seit April 2025 Professorin für Vergleichende Kultursoziologie an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und Mitglied des Kollegiums des Instituts für Sozialforschung, dessen stellvertretende Direktorin sie in den letzten Jahren war. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich kultursoziologischer und kritisch-theoretischer Zeitdiagnosen sowie der Geschlechterforschung.

Zeige alle Beiträge

Dr. Barbara Umrath

Barbara Umrath studierte Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie an der Universität Augsburg und der New School for Social Research und promovierte in Soziologie an der Universität Flensburg. Derzeit ist sie Vertretungsprofessorin für „Soziale Arbeit und Gesellschaft“ an der Hochschule Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Soziologie und Geschlechterforschung für die Soziale Arbeit, feministische Gesellschafts- und Subjekttheorie, partizipative Sozial-/Praxisforschung.

Zeige alle Beiträge

Johanna Niendorf

Studium Soziologie, Psychologie, Sozialwissenschaften.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Else-Frenkel-Brunswik-Institut in Leipzig. Promotion zu autoritären Dynamiken und Geschlechterverhätlnissen. Arbeitsschwerpunkte: Antifeminismus, Autoritarismus, Antisemitismus, pschychoanalytische Sozialisationsforschung.

Zeige alle Beiträge

Kommentare

Angelika | 15.07.2025

Unlängst hat der Wiener Friedensforscher Franz Jedlicka in seinem Podcast darauf hingewiesen, dass das Engagement für eine gewaltfreie Kindererziehung entscheidend für den Feminismus sein könnte. Das Thema Kindererziehung gab es ja auch schon bei den Studien zum autoritären Charakter .. LG Angelika

Schreibe einen Kommentar (max. 2000 Zeichen)

Es sind max. 2000 Zeichen erlaubt.
Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.