Skip to main content
Headergrafik: Cozine/stock.adobe.com

Forschung

Schönheit und „innere Werte“: Körperwahrnehmung und Wohlbefinden von Kindern

06. Januar 2026 Anastasiya Bobrova

Die Wirkung normierender Schönheitsvorstellungen betrifft nicht nur Erwachsene, sondern beginnt bereits im Kindesalter. Besonders durch die sozialen Medien werden Jugendliche und auch zunehmend Kinder mit geschlechtsspezifischen Schönheitsidealen konfrontiert, die ihr Selbstbild prägen und ihre Körperwahrnehmung beeinflussen (Busch/Schreiber, 2021Grabe/Hyde/Ward, 2008).

Im Rahmen einer Studienarbeit habe ich den Einfluss von geschlechtsspezifischen Schönheitsidealen auf das körperbezogene Wohlbefinden von Grundschulkindern empirisch untersucht. Ich wollte herausfinden, wie Kinder ihren eigenen Körper wahrnehmen, wie sie ihn im Hinblick auf Schönheitsnormen bewerten und inwiefern sich diese Bewertungen auf ihr Wohlbefinden auswirken.

Die Wirkung von geschlechtsspezifischen Schönheitsidealen

Schönheit ist zutiefst geschlechtlich konnotiert (Degele, 2022). Insbesondere Weiblichkeit wird rund um Schönheit konstruiert und der Wert von Frauen wird damit unter anderem über ihr Äußeres bestimmt: Die Zuschreibung „der Weiblichkeit an die Schönheit [trägt] zu einer geschlechtlich kodierten sozialen Ordnung bei, die in Körperwahrnehmung und -bewertung, körperlichen Praxen und auf den Körper zurückzuführbaren Machtverschränkungen sichtbar wird“, so Birgit Görtler (2012, S. 21). Entsprechend führen Natalie Baumgartner-Hirscher und Jörg Zumbach in ihrer Studie zur Auswirkung von Medien auf das Körperbild von Jugendlichen aus, dass insbesondere bei Mädchen eine Korrelation zwischen „hohem Medienkonsum und Defiziten im eigenen Körperbild“ (Baumgartner-Hirscher/Zumbach, 2019, S. 51) besteht. Mädchen sind von den negativen Konsequenzen gesellschaftlicher Schönheitsvorstellungen somit besonders betroffen.

Digitale Medien als Verstärker

Durch die Digitalisierung hat sich die Dynamik von Schönheitsidealen und Körperwahrnehmung noch weiter verstärkt. Der (oft ausschließlich) visuelle Input bspw. in sozialen Medien vermittelt und formt Vorstellungen davon, wie Körper auszusehen haben und was mit Schönheit in Verbindung gebracht werden sollte. Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich die regelmäßige Rezeption idealisierter und normschöner Körperbilder negativ auf das Körperempfinden auswirken und mit einem erhöhten Risiko für mentale Belastungen verbunden sein kann (Goldmann/Herbst, 2023).

Die Repräsentation weiblicher Schönheitsideale in den Medien hat außerdem Auswirkungen auf die Ernährungsweise von Frauen, welche in bulimischen oder anorektischen Essverhalten resultieren (Grabe, Hyde/Ward, 2008; Hausenblas et al. 2013). Der drastische Anstieg von diagnostizierten Essstörungen von fast 50 Prozent bei Mädchen im Kinder- und Jugendalter wird in der öffentlichen Debatte vor allem auf das idealisierte weibliche Körperbild in den (sozialen) Medien zurückgeführt (MDR Wissen, 2025).

Körperwahrnehmung bei Grundschulkindern

Kinder sind medialen Bildern häufig ungefiltert und unreflektiert ausgesetzt, sodass das Selbstbild, die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper und das allgemeine körperbezogene Wohlbefinden darunter leiden können (Roth, 2002; Hausenblas et al., 2013). Es ist deshalb sinnvoll, den Einfluss von gesellschaftlichen Schönheitsnormen und -vorstellungen auf das körperbezogene Wohlbefinden bereits bei Kindern in den Blick zu nehmen. Schwerpunkt meiner Untersuchung war die persönliche Körperwahrnehmung und das Körperempfinden in Bezug auf Schönheitsideale sowie der individuelle Stellenwert von Schönheit bei Grundschulkindern. Die Datenerhebung erfolgte anhand eines standardisierten Fragebogens inklusive qualitativer Elemente (bei denen die Kinder Aussagen vervollständigen oder Fragen beantworten konnten wie „Ich finde eine Person schön, wenn sie…“). Es wurden 30 Kinder aus zwei vierten Klassen einer Schule befragt. Davon waren 17 Mädchen, 12 Jungen und ein Kind ohne Geschlechtsangabe.

Die Ergebnisse zeigen, dass ein Großteil der befragten Kinder ein hohes Wohlbefinden sowie eine positive Körperwahrnehmung aufweist. 80 Prozent geben an, sich in ihrem Körper wohlzufühlen, und 77 Prozent stimmen zu, sich selbst als schön zu empfinden. Einen aktiven performativen Schönheitsdruck verspüren die wenigsten Kinder. Auch ihr persönliches Wohlbefinden machen sie (noch) nicht so stark von äußeren Schönheitsnormen abhängig. Knapp die Hälfte ihrer Aussagen zu „Ich fühle mich wohl, wenn ich…“ beziehen sich vielmehr auf die Familie, Freund*innen, das Zuhause oder ein soziales Hobby. Familie, Freund*innen und Freizeitaktivitäten scheinen damit weitaus bedeutender zu sein als abstrakte Schönheitsideale. Dies verdeutlicht, dass Wohlbefinden immer auch im Kontext sozialer Anerkennung oder Abwertung zu verstehen ist.

Schönheitsvorstellungen und Geschlecht

Geschlecht spielt bei den Kindern in der Bewertung und Auseinandersetzung mit Körper und Schönheit eine bedeutende Rolle. Das weibliche Schönheitsstereotyp (blond, schlank, lange Haare, sportlich) ist in den Aussagen der Kinder besonders häufig vertreten. Es wird sowohl von Jungen als auch von Mädchen mehrfach aufgegriffen. Die klare Assoziation von Schönheit mit Weiblichkeit verweist auf die frühe Internalisierung geschlechtsspezifischer Schönheitsnormen.

Schönheitsvorstellungen werden von den Kindern je nach Geschlecht unterschiedlich wahrgenommen und argumentiert. Mädchen reflektieren das Konzept Schönheit häufiger in Bezug auf Persönlichkeit, Individualität und Selbstwert. Insbesondere betonen sie innere Werte, charakterliche Eigenschaften und Selbstakzeptanz und zeigen eine ausgeprägtere Auseinandersetzung mit diesen Aspekten. Jungen beziehen sich hingegen stärker auf performative oder körperliche Merkmale. Sie äußern häufiger den Wunsch, ihr Aussehen zu verändern und verweisen vermehrt auf inszenatorische Aspekte wie Kleidung, Frisur oder körperliche Erscheinung. Nahezu ein Drittel der Kinder macht sich häufig Gedanken über ihr Äußeres, jeder zweite Junge bestätigt diese Aussage. Bei den Mädchen ist es nur etwa jedes vierte. Mädchen suchen deutlich häufiger als Jungen den Vergleich mit anderen, und mehr Mädchen als Jungen fühlen sich eher unwohl in ihrem Körper.

Kompensatorische Strategien von Mädchen

Die Verbindung zwischen Schönheit und Weiblichkeit wird bereits in einem frühen Kindesalter hergestellt. Dabei scheint es, als würden Mädchen früh erkennen, dass es nahezu unmöglich ist, den gesellschaftlich-akzeptierten, vergeschlechtlichten Schönheitsidealen zu entsprechen. Diese Dissonanz resultiert in der Verlagerung von Schönheit auf „das Innere“: Die auffällig häufige Nennung von Persönlichkeit, charakterlichen Eigenschaften, Individualität sowie die Betonung der Selbstakzeptanz und des Selbstwerts von Mädchen spiegelt deren Reflexionskompetenz wider. Die Kluft zwischen körperbezogener Realität und dem Ideal scheinen bereits junge Mädchen durch Persönlichkeitseigenschaften überbrücken zu wollen. Mädchen internalisieren somit einerseits Schönheitsdenken und Schönheitshandeln bereits in jungen Jahren, konstruieren womöglich ihre (geschlechtliche) Identität entlang von Schönheitsnormen, andererseits entwickeln sie ein Schönheitsnarrativ, das sich an charakterlichen Eigenschaften orientiert. Diese teils bewussten, teils unbewussten Prozesse und Auseinandersetzungen dürften das Wohlergehen von Mädchen insofern beeinflussen, als sie gezwungen sind, sich mit den weiblichen Schönheitsidealen auseinanderzusetzen und sich zu ihnen ins Verhältnis zu setzen.

Implikationen für pädagogisches Handeln

Die Ergebnisse machen deutlich, dass Kinder bereits früh mit Schönheitsnormen und Geschlechterstereotypen in Berührung kommen und diese Wahrnehmungen ihr Selbstbild beeinflussen. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass soziale Bindungen für das Wohlbefinden von Kindern bedeutsam sind und ihre Vorstellung von Schönheit wesentlich beeinflussen. Daraus lässt sich ableiten, dass pädagogische Konzepte nicht nur die Reflexion über Schönheitsnormen, sondern auch die Stärkung von sozialen Beziehungen und gemeinschaftlichem Zusammenhalt fördern sollten. Gemeinsame Aktivitäten, kooperative Lernformen und ein wertschätzendes Klassenklima bilden dabei das Fundament für ein positives Selbstbild jenseits von Äußerlichkeiten.

Konkret bedeutet dies: Pädagogische Fachkräfte sollten Schönheitsideale im Unterricht explizit thematisieren und kritisch hinterfragen. Wichtig ist dabei auch eine aktive Thematisierung und Dekonstruktion geschlechtsspezifischer Stereotype, insbesondere jener, die Weiblichkeit mit Schönheit verknüpfen. Medienbilder können gemeinsam analysiert werden, um Kindern bewusst zu machen, wie stark diese wirken und inszeniert sind. Projekte zur Körperwahrnehmung können alternative Narrative zu normierten Schönheitsidealen schaffen. Besonders wichtig ist es, Mädchen in ihrem Selbstvertrauen zu bestärken, dass ihr Wert nicht von ihrem Aussehen abhängt.

Literatur

Baumgartner-Hirscher, Natalie & Zumbach, Jörg (2019). Die Auswirkungen medialer Angebote auf das Körperbild von Jugendlichen. Eine experimentelle Studie mit impliziten und expliziten Methoden. MedienPädagogik, 37–60. https://doi.org/10.21240/mpaed/00/2019.10.15.X 

Busch, Katharina & Schreiber, Julia (2021). Sich optimieren (müssen) in der Adoleszenz. In: Deinet, Ulrich, Sturzenhecker, Benedikt, Von Schwanenflügel, Larissa & Schwerthelm, Moritz (Hrsg). Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. Springer eBooks. S. 1357–1364. https://doi.org/10.1007/978-3-658-22563-6  

Degele, Nina. (2022). Schönheit und Attraktivität. In: Gugutzer, Robert, Klein, Gabriele & Meuser, Michael (Hrsg.). Handbuch Körpersoziologie 1: Grundbegriffe und theoretische Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS. S. 147–150. https://doi.org/10.1007/978-3-658-04136-6_19 

Goldmann, Julia Elea & Herbst, Liesa (2023). Wer schön sein will… Körpernormen und Schönheitsdiskurse in den Medien. In: Dorer, Johanna, Geiger, Brigitte, Hipfl, Brigitte & Ratković, Viktorija (Hrsg.). Handbuch Medien und Geschlecht. Perspektiven und Befinde der feministischen Kommunikations- und Medienforschung. Wiesbaden: Springer VS. S. 937–950. https://doi.org/10.1007/978-3-658-20712-0 

Görtler, Birgit (2012). Schönheit und Weiblichkeit – eine geschlechtsspezifische Betrachtung der sozialen Ungleichheitswirkungen von physischer Schönheit. In: Filter, Dagmar & Reich, Jana (Hrsg.). „Bei mir bist du schön. . .“: Kritische Reflexionen über Konzepte von Schönheit und Körperlichkeit. Herbolzheim: Centaurus Verlag & Media. S. 9–59. https://doi.org/10.1007/978-3-86226-981-5_1 

Grabe, Shelly, Hyde, Janet Shibley & Ward, L. Monique (2008). The role of the media in body image concerns among women. A meta-analysis of experimental and correlational studies. Psychological Bulletin 134(3), 460–476. https://doi.org/10.1037/0033-2909.134.3.460 

Hausenblas, Heather A., Campbell Anna, Menzel, Jessie E., Doughty, Jessica, Levine, Michael & Thompson, J. Kevin (2013). Media effects of experimental presentation of the ideal physique on eating disorder symptoms. A meta-analysis of laboratory studies. Clinical Psychology Review 33(1), 168–181. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2012.10.011 

MDR Wissen (2025). Bulimie, Anorexie, Binge-Eating. Essstörungen bei Mädchen um 50 Prozent angestiegen. Online zuletzt aufgerufen am 03.09.2025 unter https://www.mdr.de/wissen/medizin-gesundheit/zahl-der-essstoerungen-bei-maedchen-stark-gestiegen-100.html (letzter Zugriff: 30.10.2025).

Roth, Marcus (2002). Geschlechtsunterschiede im Körperbild Jugendlicher und deren Bedeutung für das Selbstwertgefühl. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 51(3), 150–164. https://doi.org/10.23668/psycharchives.11028 

Zitation: Anastasiya Bobrova: Schönheit und „innere Werte“: Körperwahrnehmung und Wohlbefinden von Kindern, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 06.01.2026, www.gender-blog.de/beitrag/schoenheit-innere-werte/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260106

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Cozine/stock.adobe.com

Anastasiya Bobrova

Anastasiya Bobrova (sie/ihr) ist Masterstudierende der Gender Studies und Erziehungswissenschaft an der Universität Paderborn. Als ausgebildete Grundschullehrkraft liegen ihre Interessensschwerpunkte im Bereich der feministischen Schulforschung, gendersensiblen Pädagogik und heteronormativitätskritischen Aufklärung.

Zeige alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar (max. 2000 Zeichen)

Es sind max. 2000 Zeichen erlaubt.
Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.