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Schreiben Lernen auf den Spuren Virginia Woolfs

13. November 2018 Mariam Irene Tazi-Preve

In ihrem neuen Buch „Schafft Euch Schreibräume“ nimmt Judith Wolfsberger die Leserin mit auf eine Reise in die (Un)Tiefen dessen, was an Texten in ihr selbst und allen Frauen schlummern kann. Die Werke von Virgina Woolf stellen den Leitfaden dar. Die Autorin begibt sich auch geografisch auf Spurensuche und stellt Fragen zur eigenen Identität als Autorin, als Mutter, als Feministin und als Lehrende von Schreibseminaren. Erneut nimmt Wolfsberger damit das Thema (wissenschaftliche) Schreibpraxis auf, nachdem sie das 2007 äußerst erfolgreiche und erhellende Buch Frei geschrieben bereits in der 3. Auflage veröffentlicht hatte.

Autorin werden

Im ersten Kapitel, „Autorin werden“, geht Wolfsberger dem Prozess des Schreibens nach. Virginia Woolf gilt als die erste Autorin, die selbst ausführlich den Prozess darlegte, wie sie zu ihren Themen kam, zu ihren Figuren und zur Handlung ihrer Geschichten und Romane. Ihre Tagebücher haben Generationen von Schriftstellerinnen inspiriert. Antworten dazu, wie die äußeren Bedingungen für angehende Autorinnen aussehen sollen, gab Woolf in ihrem berühmten Buch A Room of One’s Own, wo sie nicht nur ein eigenes Zimmer für jede Frau fordert, sondern auch eine bestimmte Summe Geldes, nämlich 500 Guineen, womit damals ein gutes Auskommen möglich war. Neu an Woolfs Texten war, dass sie die ökonomische und abhängige Situation der Frauen ihrer Zeit benannten und ebenso neu war, dass die Autorin offen darüber schrieb, Menschen, Orte und Ereignisse aus ihrem eigenen Leben als Quelle für ihre Literatur zu verwenden. Lange verpönt, entspricht dies heute dem expliziten Ansatz des amerikanischen creative writing, das Autobiografische als besondere Kraft für das eigene Schreiben zu nutzen.

Methoden des Schreibens

Judith Wolfsberger beschreibt Methoden des Schreibens, die den Text aus der Tiefe des Selbst ziehen, um ihn in einem ersten Schritt einfach unzensiert aus der Feder fließen zu lassen. Während sie ihre Schreibseminare entwickelt, besucht sie fortlaufend selbst Seminare in den USA, wo sie die Schreibform des Memoir erlernt und viele Seiten zu Papier bringt. Die Autorin vermag genau zu beschreiben, wie es gelingt, durch die Arbeiten am Schreibprozess zu ganz neuen Dimensionen des Schreibens vorzudringen. So tritt sie in einen imaginären Dialog mit der verstorbenen Schriftstellerin und schreibt täglich in den frühen Morgenstunden. Für Virginia Woolf galt es, „für sich einen offenen, weiblichen Raum zu schaffen, in dem sie ihrer inneren Stimme anstatt der eines Priesters oder Vaters folgen konnte“ (S. 255). Erst in einem späteren Schritt soll die Überarbeitung stattfinden. Damit räumt Wolfsberger mit dem Bild des – männlichen – Genies auf, der in der Einsamkeit und auf Anhieb erstklassige Literatur produziert. In den deutschsprachigen Ländern ist es ja immer noch verpönt, dass man Schreiben lernen könne, dass es neben Talent also viel um Technik und Methode geht. Für Virgina Woolf wie für Judith Wolfsberger wird Wandern, Schreiben und Malen zu ihren Mitteln des Selbstausdrucks. Und zum Kampf gegen alle, die Frauen entmutigen wollen.

Feministin, Autorin und Mutter sein

Im letzten Kapitel vertieft Wolfsberger Gedanken dazu, was es bedeutet, im boys club der Wissenschaft zu arbeiten, wo auch die Regeln des Schreibens die der Männer sind. Sie beschreibt, wie sie bei der Entwicklung eines Workshops zu feministischer Schreibpraxis gemeinsam mit den jungen Frauen der Gruppe, die in- und außerhalb des Wissenschaftsbetriebs arbeiten, ein neues Manifest entwickelt. Es entsteht aus dem von den Teilnehmerinnen artikulierten großen Unbehagen daran, nicht als das angenommen zu werden, was sie sind und aus dem Gefühl, sich im Wissenschaftsbetrieb verbiegen zu müssen und trotzdem nicht reüssieren zu können. Was sie abschreckt, gilt als oberstes Prinzip wissenschaftlichen Schreibens, nämlich die Abstraktion, die sich als Objektivität geriert und de facto dazu dient, (nicht Eingeweihte) abzuschrecken und auf Distanz zu halten. So postulieren die Frauen gemeinsam das Weimarer Manifest zur feministischen Schreibpraxis. Frauen seien „keine reinen Kopf- und Vernunftwesen“, sondern sie verstünden „das Leben als Teil unserer Arbeits-, Schreib- und Denkprozesse“ (S. 246). Sie weigern sich, sich zurückzunehmen, sondern reklamieren im Gegenteil, dass die „Autorin spürbar sein, anwesend sein“ (S. 241) darf.

Das Alte und das Neue verbinden

Allein der Untertitel „weibliches Schreiben“ mag für manche Leserinnen eine Provokation darstellen. Denn Begriffe wie „weiblich“ und „Frau“ stehen seit einiger Zeit von Teilen der feministischen Theorie und von Aktivistinnen des transgender rights movement, ausgehend von den USA, unter Beschuss. Daher tut eine Neuverortung dessen, was als feministische Praxis bezeichnet werden kann, not. Beim Lesen dieses Buches kommt mir das autobiografische Schreiben von Frauen in den Sinn, das mit der zweiten Frauenbewegung in die Welt kam und viele Geschichten von Frauen hervorbrachte: Fast immer Leidensgeschichten, die vorher nie gesagt werden durften. Und sie erinnern an die methodischen Postulate, die Maria Mies in den 1970er Jahren entwickelt hatte. Dass Wolfsbergers Memoir und Entwicklung der Schreibpraxis gerade zusammen mit anderen Frauen und in Abgrenzung zum akademischen Diskurs entstanden ist, ist umso bedeutsamer und führt letztlich zurück zum Aufbruch der Frauen in der zweiten Frauenbewegung, wo so viel an Experimentieren und Selbstfindung möglich war. Das Buch leistet einen Beitrag dazu, das „Alte“ wiederaufzunehmen und ist wertvoll für alle, die neu schreiben lernen wollen, sei es innerhalb oder außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses. Und es macht Lust darauf, Virginia Woolf wieder zu lesen.

Judith Wolfsberger, Schafft Euch Schreibräume. Weibliches Schreiben auf den Spuren Virginia Woolfs. Ein Memoir. 2018, Böhlau Verlag. https://doi.org/10.7767/9783205208105

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Dr. Mariam Irene Tazi-Preve

Adj.Prof an der University of Central Florida (Politikwissenschaft, Frauenforschung), Lehre in den USA, Österreich und Deutschland. Forschungsinteressen: Politik und Reproduktion, politische und feministische Theorie, Entwicklung post-patriarchaler Visionen. Autorin, Koautorin und Herausgeberin zahlreicher Bücher und wissenschaftlicher Artikel, zuletzt das vielbeachtete Buch "Das Versagen der Kleinfamilie". Vorträge weltweit und in zahlreiche internationale Netzwerke involviert.

 

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