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Sport für alle – auch für LSBTIQ?

12. November 2019 Ilse Hartmann-Tews

Sport ist eine Männerdomäne. Diese Charakterisierung trifft in besonderem Maße auf den Fußball zu, ist aber auch generalisierbar. Ein historischer Blick verdeutlicht die tiefe Verankerung einer hierarchischen Geschlechterordnung im Sport. Nach dem zunächst gänzlichen Ausschluss von Frauen aus den olympischen Spielen der Neuzeit öffneten sich einzelne Sportarten nur nach und nach für Frauen, wobei die Widerstände umso stärker waren, je eindeutiger eine Sportart mit Attributen der Männlichkeit verbunden war und eine soziale Öffnung die hierarchische Geschlechterordnung sichtbar herausforderte (Pfister 2017).

‚Frauensport‘ und Heteronormativität

Diese partielle Inklusion wurde durch die Etablierung geschlechterdifferenzierter Wettbewerbe, Leistungsanforderungen und auch Wettkampfregeln begleitet. Letzteres meistens unter dem Gesichtspunkt, Frauen angesichts ihres geringeren körperbezogenen natürlichen Leistungspotenzials vor Überforderungen oder Verletzungen zu schützen (Hartmann-Tews 2019). Parallel dazu findet ein Gender Marking statt, d. h. die sprachliche Kennzeichnung von Frauensport als etwas Anderes, Besonderes und Zweitrangiges, das sich vom Sport der Männer, also dem Sport an und für sich, absetzt (‚die Bundesliga‘ vs. die ‚Frauen-Bundesliga‘) (Bruce 2013).

Im Sport lässt sich auf vielfältige Weise eine besondere Aktualisierung der Heteronormativität beobachten. Verschiedene institutionelle Arrangements und Diskurse reproduzieren zum einen die Norm der Zweigeschlechtlichkeit und zum anderen die Norm der Heterosexualität. Sie privilegieren dabei das Eindeutige in der binären Geschlechterordnung, das vermeintlich Männliche und die Heterosexualität. In diesem Kontext lassen sich im Sport zwei Phänomene beobachten.

Vereindeutigung des Geschlechts und Inszenierung von Männlichkeit

Zum einen wird die Erwartung an eine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit (einseitig) verschärft. Athletinnen, deren Physiognomie von der dualen Geschlechtervorstellung abweicht und die überdurchschnittliche Spitzenleistungen erbringen – wie die 800-m-Läuferin Caster Semenya –, sind eine besondere Herausforderung und Verunsicherung für den Sport. Der Internationale Leichtathletikverband machte hieraus einen ‚Fall‘ und schuf eine neue Regel: Wer als Frau zu viel Testosteron produziert, darf nicht starten oder muss sich einer Therapie unterziehen. Unausgesprochen bleibt, dass ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Testosteronlevel und der Leistungsfähigkeit wissenschaftlich nicht mit ausreichender Evidenz nachgewiesen wurde (Jones et al. 2017) und die bisherige Politik des IOC und insbesondere des IAAF als diskriminierend einzustufen ist.

Zum anderen bietet dieser Kontext der Heteronormativität des Sports ein legitimes Terrain der Inszenierung von Männlichkeit. Vor allem in der Fußballfankultur, aber auch im Breitensport sind verbale Wettbewerbe der Marginalisierung und Degradierung der jeweils anderen zu beobachten, die oft hochgradig sexualisiert und homonegativ sind. Typisch sind Behauptungen, der Gegner spiele wie eine Frau/ein Mädchen oder Schmähungen, mit denen Spieler unter Homosexualitätsverdacht gestellt werden (Meuser 2017). Wie dominant und prägend die Privilegierung der männlichen Heterosexualität im Sport im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Teilsystemen wie der Politik oder den Medien ist, lässt sich unmittelbar an der geringen Zahl von öffentlich bekannten homosexuellen Spitzensportlern ablesen.

LSBTIQ und Minderheitenstress

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Erfahrungen Personen mit Sport machen, die nicht der Heteronormativität entsprechen. Fühlen sich lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere (LSBTIQ) Menschen im Sport akzeptiert und einbezogen? Haben sie Diskriminierungen erlebt? Und wenn ja, welche? Wie verhalten sie sich angesichts dieser Erfahrungen? Der Forschungsstand allgemein zeigt, dass Personen mit Minderheitenstatus und sozialer Stigmatisierung vermehrtem Stress ausgesetzt sind, der sich auf ihren Gesundheitszustand negativ auswirkt (in Bezug auf Homo- und Bisexuelle; vgl. Meyer 2003; Steffens 2010). Dieser Stress setzt sich zusammen aus distalen Ereignissen, d. h. externen, objektiv stressvollen Ereignissen und Bedingungen (wie z. B. die Beobachtung homo- oder transphober Sprache oder persönlich erfahrene negative Ereignisse), sowie proximalen Faktoren, d. h. internalisierte negative Einstellungen in Bezug auf die Eigengruppe (bspw. sich Unwohlfühlen in einem spezifischen Kontext aufgrund der Antizipation negativer Ereignisse). Der Forschungsstand zu den Erfahrungen von LSBTIQ Personen im Sport ist mager, aber immerhin wurde das Thema ‚Queere Freizeit‘ jüngst vom deutschen Jugendinstitut aufgegriffen und mit einer Studie über die Ex- und Inklusionserfahrungen von LSBTIQ Jugendlichen erforscht (Krell & Oldemeier 2018). Hier zeigt sich, dass nur zwei Drittel der Befragten in ihrer Freizeit Sport treiben, d. h. ein deutlich geringerer Anteil als bei Jugendlichen allgemein, wie repräsentative Jugendstudien zeigen (Krell & Oldemeier 2018, S. 27; Züchner 2013). Implizit wird damit das Minoritätenstressmodell bestätigt.

OUTSPORT

Vor dem insgesamt eher defizitären Forschungshintergrund in Bezug auf den Sport ist das europäische Projekt OUTSPORT entstanden, das im Rahmen des Erasmus+ Programms der europäischen Kommission ko-finanziert wird. Auf der Basis der Ergebnisse einer Online-Befragung von LSBTIQ Personen und Interviews mit Sportorganisationen soll eine Sensibilisierung der Gesellschaft und des Sports in Bezug auf Diskriminierung von LSBTIQ Personen erfolgen. Darüber hinaus sind Bildungsmaßnahmen für Sportler*innen, Übungsleiter*innen, Trainer*innen und Funktionär*innen zentraler Bestandteil des Projekts. An der EU-weiten Online-Befragung haben sich 2018 mehr als 5.500 LSBTIQ-Personen (Ø 27 Jahre) aus allen 28 EU-Mitgliedstaaten beteiligt und über ihre Erfahrungen im Sport berichtet (Menzel, Braumüller & Hartmann-Tews 2018). Insgesamt zeigt sich, dass fast 80 % der Befragten in dem zurückliegenden Jahr homonegative Äußerungen im Sportkontext beobachtet haben. 16 % derjenigen, die sportlich aktiv sind, berichten in Bezug auf die vergangenen 12 Monate von persönlichen negativen Erfahrungen in ihren Sportaktivitäten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität.

Erfahrungen von LSBTIQ Personen im deutschen Sport

Insgesamt haben 81 % der befragten LSBTIQ Personen der deutschen Stichprobe (n=858, Ø33 Jahre) in dem zurückliegenden Jahr homo- bzw. transphobe Sprache im Sport beobachtet. Unter den sportlich Aktiven sind es 57 %, die im Kontext der von ihnen hauptsächlich ausgeübten Sportarten in den letzten 12 Monaten homo- bzw. transphobe Sprache wahrgenommen haben. Von diesen wiederum fühlen sich 79 % dadurch angegriffen oder diskriminiert. Darüber hinaus haben 16 % der aktiven Sportler*innen in den letzten 12 Monaten persönlich negative Erfahrungen im Sport aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität gemacht. In den meisten Fällen handelt es sich um verbale Anfeindungen und strukturelle Diskriminierung, aber auch verbale Bedrohungen, digitales Mobbing sowie körperliche Übergriffe finden statt.

Eine Differenzierung nach Genderidentität zeigt, dass vor allem bei den Personen, die sich nicht der traditionellen binären Geschlechtszuordnung zugehörig fühlen, der Anteil mit Diskriminierungserfahrung im Sport überproportional hoch ist. Dazu zählen insbesondere Personen mit nicht-binären Geschlechtsidentitäten (40 % mit negativen Erfahrungen) sowie Trans-Frauen, d. h. Personen, deren weibliche Geschlechtsidentität von dem bei der Geburt zugeordneten Geschlecht abweicht (30 %). In Bezug auf die sexuelle Orientierung sind eher schwule Männer als lesbische Frauen betroffen und Personen, die sich in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung nicht festlegen.

Das Gefühl der Ausgrenzung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechteridentität haben 20 % der Befragten und es bezieht sich insbesondere auf die Sportarten Fußball und Schwimmen sowie – mit etwas Abstand – Tanzen und Kampfsport. Auch hier zeigt sich, dass sich Transpersonen insgesamt deutlich häufiger ausgeschlossen fühlen (56 %), vor allem Transpersonen mit männlicher Geschlechtsidentität (73 %).

Einsichten und Aussichten

Die Ergebnisse zeigen die machtvolle Wirksamkeit der Heteronormativität des Sports. Negative Einstellungen, diskriminierende Äußerungen und gewalttätiges Verhalten gegenüber LSBTIQ Personen im Sport sind in ganz Europa beobachtbar und erlebbar. Transpersonen sind hiervon in besonderem Maße betroffen. Diese distalen, vorurteilsbasierten und diskriminierenden Ereignisse sind gekoppelt mit proximalem Stress, d. h. der Antizipation solcher negativen Ereignisse und des Vermeidens solcher Orte und Aktivitäten.

Hier zeichnet sich Handlungsbedarf sowohl für die Gesellschaft und Politik, als auch für den organisierten Sport ab. Dass diese Botschaft auf sportpolitischer Ebene wahrgenommen wird, zeigt die erste Bundesnetzwerktagung der queeren Sportvereine (BuNT), die 2018 unter Beteiligung des Deutschen Olympischen Sportbundes und einiger Mitgliedsorganisationen stattgefunden hat. 2019 richtet Hamburg die zweite Bundesnetzwerktagung aus, um die Vernetzung und den Austausch zusammen mit dem organisierten Sport, Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Gesellschaft zu intensivieren.

Am Projekt OUTSPORT sind neben der Autorin die Mitarbeiter_innen Dr. Birgit Braumüller und Tobias Menzel beteiligt. Nähere Informationen zum Projekt und zur Arbeitsgruppe erhalten Sie auf der Website des Instituts für Soziologie der Deutschen Sporthochschule Köln.

Literatur

Bruce, Toni (2013). Reflections on Communication and Sport: On Women and Femininities. Communication & Sport, Jg. 1, H. 1–2, 125–137. https://doi.org/10.1177/2167479512472883

Krell, Claudia; Oldemeier, Kerstin (2018): Coming-out - und dann...?! Coming-out-Verläufe und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Hartmann-Tews, Ilse (2019). Sportsystem: Geschlechterforschung im Kontext von Sport und Bewegung. In Kortendiek, Beate; Riegraf, Birgit & Sabisch, Katja (Hrsg.): Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung, Geschlecht und Gesellschaft (S. 1291–1298). Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-12496-0_96

Jones, Bethany A.; Arcelus, Jon; Boumann, Walter P. & Haycraft, Emma (2017). Sport and Transgender People: A Systematic Review of the Literture Relating to Sport Participation and Competitive Sport Policies. Sports Medicine, Jg. 47, H. 4, 701–716. https://doi.org/10.1007/s40279-016-0621-y

Menzel, Tobias; Braumüller, Birgit; Hartmann-Tews, Ilse (2019): The Relevance of Sexual Orientation and Gender Identity in Sport in Europe. Findings from the OUTSPORT Survey, in: OUTSPORT, 04.11.2019, http://www.out-sport.eu/wp-content/uploads/2019/05/OUTSPORT-Report-Relevance-of-SOGI-in-Sport-in-Europe-3.pdf.

Meuser, Michael (2017). Fußballfans: Inszenierung alltäglicher Männlichkeit. In Sobiech, Gabriele & Günter, Sandra (Hrsg.): Sport & Gender – (inter) nationale sportsozilogische Geschlechterforschung: Theoretische Ansätze, Praktiken und Perspektiven (S. 179–194). Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-13098-5_13

Meyer, Ilan H. (2003). Prejudice, social stress and mental health in lesbian, gay and bisexual populations: Conceptual issues and research evidence. Psychological Bulletin, Jg. 129, H. 5, 674–697. https://doi.org/10.1037/0033-2909.129.5.674

Pfister, Gertrud (2017). 100 Jahre Frauen im Sport. Anfänge, Entwicklungen, Perspektiven. In Sobiech, Gabriele & Günter, Sandra (Hrsg.): Sport & Gender – (inter) nationale sportsoziologische Geschlechterforschung. Theoretische Ansätze, Praktiken und Perspektiven (S. 23–24). Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-13098-5_2

Steffens, Melanie Caroline (2010). Diskriminierung von Homo- und Bisexuellen. Aus Politik und Zeitgeschichte, 15–16, S. 14–19.

Züchner, Ivo (2013). Sportliche Aktivitäten im Aufwachsen junger Menschen. In Grgic, Mariana, Züchner, Ivo (Hrsg.): Medien, Kultur und Sport. Was Kinder und Jugendliche machen und ihnen wichtig ist. Die MediKuS-Studie (S. 89–138). Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Zitation: Ilse Hartmann-Tews: Sport für alle – auch für LSBTIQ?, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 12.11.2019, www.gender-blog.de/beitrag/sport-fuer-lsbtiq/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20191112

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Prof. Dr. Ilse Hartmann-Tews

Prof. Dr. Ilse Hartmann-Tews ist Leiterin des Instituts für Soziologie und Genderforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Forschungsschwerpunkte: Soziale Konstruktion von Geschlecht in der Sportberichterstattung; Somatische Kultur, Alter(n) und Geschlecht; Sexualisierte Gewalt im organisierten Sport; LSBTIQ im Sport.

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