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Sprache // Wer wird Millionärin? Interview mit Prof. Dr. Luise F. Pusch

18. Oktober 2019 Ina Laiadhi

Die Sprachwissenschaftlerinnen Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz gelten als die Begründerinnen der feministischen Linguistik in Deutschland. Pusch hatte Professuren an den Universitäten Hannover, Duisburg, Konstanz und Münster inne. Als Herausgeberin zahlreicher Bücher inspizierte sie mit kritischen Beiträgen die Herrenkultur, fragte, ob das Deutsche eine Männersprache sei oder verlangte zur Abwechslung mal „Alle Menschen werden Schwestern“. Die Linguistin hat eine umfassende Datenbank an Frauenbiographien erarbeitet und schreibt regelmäßig Glossen über alltägliche Sexismen. Der Stoff geht ihr nicht aus.

Fr. Dr. Pusch, vor 40 Jahren haben Sie die feministische Linguistik in Deutschland mitbegründet. Erzählen Sie uns von diesem Abenteuer.

Seltsam, dass bei Frauen so oft ihr Professorinnentitel übergangen wird. Ich habe selten, oder eigentlich noch nie erlebt, dass männliche Professoren in dieser Weise „degradiert“ werden. Persönlich ist es mir egal, ich bin 75 und schon lange raus aus dem akademischen Gerangel. Aber es fällt doch auf und passt ins Bild: Die Frau ist nicht der Rede wert bzw. hat einen Professorinnentitel eigentlich nicht verdient.

Von dem „Abenteuer“ möchte ich eigentlich nichts mehr erzählen. Ich habe das schon so oft getan, dass es mich sehr ermüdet. Ganz kurz nur: Das „Abenteuer“ hat mich meine akademische Karriere gekostet, für die ich etwa zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte und vom Staat großzügig gefördert wurde. Meiner Freundin, Kollegin und Mitstreiterin Senta Trömel-Plötz ging es genauso. Feministische Forschungsinteressen galten unter den überwiegend männlichen Professoren = Torhütern damals als bekloppt; infolgedessen waren sie für ein akademisches Fortkommen nur schädlich.

Sie haben gesagt, dass Goethes Sprache krank sei. Ist sie immer noch krank?

Ich kann mich nicht erinnern, das gesagt zu haben. Vielleicht hat mich ein Interviewer mal provozieren wollen mit einer Frage wie „Sie meinen also allen Ernstes, Frau Pusch, dass unsere geliebte Muttersprache, die Sprache Goethes und Schillers - krank ist?!“ Auf diese Provokation mag ich wohl entnervt einfach „Ja, natürlich!“ geantwortet haben. Krank insofern, als sie Männer privilegiert und Frauen gern zum Verschwinden bringt, sowie Männer auftauchen. Eine Gruppe von Frauen - sagen wir 99 Sängerinnen - wird symbolisch zu einer Männergruppe, sowie nur ein einziger Mann sich hinzugesellt. Dann sind das „100 Sänger“, denn es ist dem Mann nicht zuzumuten, sich unter einem weiblichen Oberbegriff „mitgemeint“ zu fühlen. Den 99 Frauen hingegen wird es täglich und routinemäßig zugemutet, in der „Männerschublade“ quasi zu verschwinden. Diese Männersprache können wir mit Recht „krank“ nennen.

Ist sie immer noch krank, fragen Sie. Vielleicht nicht mehr ganz so krank, seit Frauen den öffentlichen Raum und die Machtzentralen erobern. Etwa seit 50 Jahren ändern sich die Sprachregeln und -konventionen. Politikerinnen und Politiker sprechen – besonders vor Wahlen - von „Wählerinnen und Wählern“, denn die Stimmen der Wählerinnen hätten sie natürlich auch gern und wollen sie deshalb nicht verärgern durch männliche Ansprache.

Wie sieht es mit anderen Sprachen aus?

Andere Sprachen sind genauso „krank“, besonders die europäischen Genus-Sprachen. Das maskuline Genus bezeichnet Männer sowie Männer und Frauen sowie Personen, deren Geschlecht (noch) nicht bekannt ist wie in „Wer wird Millionär“. Auf Italienisch heißt das Quiz „Chi vuol essere milionario?“, auf Portugiesisch „Quem quer ser millionario“, usw. Immer nur Maskulina, dabei wollen doch auch Frauen gern Millionen gewinnen. Nett angesprochen werden sie aber nicht, dürfen sich höchstens mitgemeint fühlen. Aber auch andere Sprachen haben sich in den vergangenen 50 Jahren, seit Beginn der Zweiten Frauenbewegung, unter dem Einfluss der feministischen Sprachkritik geändert. Um im Bild zu bleiben: Sie sind schon etwas gesünder heute.

Sind sich die Frauen bewusst, dass Sprache ein Machtinstrument der Männer ist?

Die meisten sind sich dessen nicht bewusst oder nicht genug. Viele Frauen finden es lästig, ihre Ausdrucksweise ändern zu sollen, nur weil die Sprache, mit der sie doch bisher „immer gut zurechtgekommen sind“, plötzlich „frauenfeindlich“ sein soll. Die Grammatik mag ja auch schwer begreifbar sein, nehmen wir also als Beispiel den gemeinsamen Ehenamen. Im Grundgesetz steht „Frauen und Männer sind gleichberechtigt“ (natürlich nicht in dieser Reihenfolge, das habe ich jetzt schon mal ein wenig korrigiert; die Männer müssen ja nicht immer zuerst genannt werden). Bis 1976 war aber der Name des Mannes als gemeinsamer Ehename vorgeschrieben. Danach wurde das Namensrecht noch mehrere Male geändert, aber erst seit 1994 können Ehefrau und Ehemann den eigenen Namen behalten. Auch in diesem Bereich lag das Prinzip zugrunde: Der Mann ist höherwertig, die Frau ihm untergeordnet.

Ein Betrugsfall: Wir lernen unsere Sprachen als Muttersprache, aber als Referenz sind sie dann die Sprache von Goethe, Molière, Cervantes oder Shakespeare. Werden wir in Zukunft von Puschs Sprache sprechen?

Das wäre ja direkt eine Zungenbrecherin. Ich hoffe, dass die Geschlechter sich bald auf eine Sprache einigen, die für alle Geschlechter gerecht und bequem ist, was eigentlich eine Mindestanforderung an jede Sprache sein sollte.

Welche feministischen Bewegungen oder Schulen haben Relevanz in Deutschland heutzutage?

Auf alle Fälle die #MeToo-Bewegung. 2014 erregte die #Aufschrei-Kampagne großes Aufsehen. Die Queer- und Transgender-Bewegung, die sich in der Folge der AIDS-Katastrophe etabliert hat, bekommt derzeit viel Aufmerksamkeit; ihre Ziele sind allerdings nicht primär feministisch. Die „uralten Frauenthemen“ wie sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, Inzest, „häusliche Gewalt“, sexuelle Versklavung, wirtschaftliche, soziale und rechtliche Diskriminierung, Geburtenkontrolle, Recht auf Abtreibung, etc., etc. bleiben weiter hoch aktuell, stehen aber derzeit leider nicht im Fokus.

Sie arbeiten seit langem auch in den USA. Die Weinstein-Affäre hat eine Lawine ausgelöst. Gibt es wirklich ein Vorher und ein Nachher? Hat sich etwas geändert?

Noch vor der Weinstein-Affäre hat natürlich der Wahlsieg von Trump eine massive Protestbewegung ausgelöst, die beispielsweise den gewaltigsten Marsch auf Washington organisierte, den die Hauptstadt je gesehen hat. Unmittelbar nach Trumps Amtsantritt zeigten ihm Millionen von Frauen mit ihren „Pussyhats“ die rote Karte. Bei den Zwischenwahlen gewann eine bis dahin undenkbare Zahl von Frauen Parlamentssitze, und sie werden im „House“ dem Präsidenten das Missregieren erheblich erschweren, wenn nicht vermasseln. Das Land bereitet sich schon jetzt auf die nächsten Präsidentschaftswahlen vor; und auch hier wollen mehr Frauen sich bewerben als je zuvor: z. B. Elizabeth Warren, Kamala Harris, Kirsten Gillibrand - alles demokratische Senatorinnen.

Doch, ich finde, es gibt eindeutig neuen Schwung in der US-amerikanischen Frauenbewegung - aber das hat nicht nur mit #MeToo zu tun, sondern vor allem mit Trump. Obwohl ihn ja viele Frauen gewählt haben, sind doch viele Frauen aus der „schweigenden Mehrheit“ wach geworden und schweigen nun nicht mehr. Sie sehen ein, dass sie aktiv etwas tun müssen, um die Nation zu retten.

Wie erklären Sie das fehlende Engagement junger Frauen im Feminismus? Liegt es daran, dass das Wort Feminismus negativ besetzt ist?

Ich habe ja gerade ausgeführt, dass von fehlendem Engagement junger Frauen, zumindest in den USA, keine Rede sein kann. Und auch in Deutschland registriere ich viel mehr Engagement als während der 90er- und der Nuller-Jahre. Das hängt wahrscheinlich mit zwei Dingen zusammen: Erstens ist die Vernetzung durch die Sozialen Medien sehr vereinfacht worden. Zweitens laufen ja solche Bewegungen oft in Wellen ab. Die Töchter der Feministinnen der 70er-Jahre wollten natürlich etwas anderes machen als die Mütter. Da galt deren Feminismus als „alt, abgestanden, überholt“. Jetzt sind aber die Töchter dieser miesepetrigen Töchter dran und distanzieren sich ihrerseits von den „alten Antifeministinnen“, ihren Müttern. Jetzt ist das, was die Großmütter gemacht haben, also meine Generation, plötzlich wieder schick und angesagt.

Wenn eine Junge oder ein Junge Sie nach einem Buch für Einsteiger zum Feminismus bittet, was empfehlen Sie?

Antje Schrupp, Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext ISBN 978-3-89771-314-7

Wie setzen Sie Satire und Humor in Ihren Arbeiten ein?

Zunächst als Waffe, als Waffe gegen männlichen Stumpfsinn und männliche Orthodoxie. Es fing an mit meiner Antwort auf Hartwig Kalverkämpers Angriff gegen Senta Trömel-Plötz in der Zeitschrift „Linguistische Berichte“. Ich betitelte diese satirische Replik mit „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, doch weiter kommt man ohne ihr. Eine Antwort auf Kalverkämpers Kritik an Trömel-Plötz' Artikel über ‚Linguistik und Frauensprache‘.“ In: Linguistische Berichte 63, S. 84–102. Im Jahre 2015 habe ich mich in einem Vortrag „Die Männersprache als komische Alte“ in Linz ausführlich über meinen strategischen Einsatz von Humor geäußert; Sie können sich das hier ansehen: https://www.dorftv.at/video/23789

Welche Frauen haben Sie beeinflusst?

Erstens meine Mutter: Sie war ziemlich aufmüpfig und ungewöhnlich sprachbegabt und -sensibel. „Schlechtes Deutsch“ konnte sie z. B. nicht vertragen. Beides – Eigensinn und Sprachgefühl – hat sie mir, wenn nicht vererbt, so doch beigebracht und vorgelebt. Zweitens meine Lebensgefährtin. Sie ist US-Amerikanerin, wir ergänzen uns wunderbar. Drittens natürlich die vielen bedeutenden Frauen, deren „Ausgrabung“ und Wiederbelebung bzw. Bekanntmachung ich mein halbes Leben gewidmet habe, u. a. mit dem frauenbiographischen Portal „FemBio“ und der dazugehörigen Datenbank mit Einträgen zu 32.000 bedeutenden Frauen. Auch der Kalender „Berühmte Frauen“ gehört dazu, den ich seit über 30 Jahren herausgebe.

An welchem Projekt arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite weiter an meinen beiden feministischen Frauenbiographieprojekten Kalender und FemBio.org (Web-Portal) und habe wieder angefangen, Klavier zu spielen. Da übe ich täglich 1–2 Stunden und mache langsam Fortschritte. Das macht mir große Freude. Eventuell werde ich auch ein Erinnerungsbuch in Angriff nehmen.

Das Interview wurde zuerst am 30. Dezember 2018 auf taschenspiegel.es veröffentlicht.

Zitation: Ina Laiadhi: Sprache // Wer wird Millionärin? Interview mit Prof. Dr. Luise F. Pusch, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 18.10.2019, www.gender-blog.de/beitrag/sprache-interview-pusch/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20191018

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Ina Laiadhi

Ina Laiadhi studierte Französisch, Spanisch und Pädagogik in Münster und Brüssel. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie 1984 in Soziolinguistik zur Anwendung sprachwissenschaftlicher Theorien, Schwerpunkt Frauensprache, Männersprache. Aktuell ist sie in der Geschäftsleitung Brose, S.A. Spanien verantwortlich für Kommunikation, Organisation und Corporate Design. Seit 1997 ist sie Herausgeberin der deutschsprachigen Zeitschrift Der TaschenSpiegel in Barcelona.

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Kommentare

Irene Kambas | 22.10.2019

ein großartiges Interview mit den richtigen Fragen und aufrüttelnden Antworten. Nie aufgeben, ist mein Fazit.

Irene

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