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Headergrafik: Paolo G. Rocco: Hermaphrodite, Ancient Rome/istock

Stimmen des Widerstands: Emanzipatorische Räume in Ovids Erzählung der Minyastöchter

31. Juli 2018 Stephanie Sera

Ovid einen Feministen zu nennen wäre nicht nur anachronistisch, sondern auch falsch. Und doch gibt es emanzipatorische Räume in den Metamorphosen. Mit einer exemplarischen Erzähltextanalyse der „Minyastöchter“, die den Blick auf Begehren richtet, können diese Räume erkundet werden. So sind unerfülltes, gewaltsames und schöpferisches Begehren drei Formen, wie Sexualität im Spiegel gesellschaftlicher Konventionen verhandelt wird. Dabei zeigt sich, wie einerseits Räume, um sprechen zu können und Gehör zu finden erkämpft werden und anderseits wie diese Stimmen wieder zum Schweigen gebracht werden. Dennoch bewirkt der Widerstand eine bleibende Veränderung in der Welt, die durch die Verwandlungen symbolisiert werden.

Gender und Begehren

Erweitert man die genderorientierte Erzähltextanalyse der „Minyastöchter“ um den Aspekt des Begehrens, zeigen sich Erzähler*innenrede und Figurenrede als zwei wesentliche erzählerische Mittel, durch die Begehren und Machtstrukturen verhandelt werden. Als Teil der hochgradig verschachtelten Erzählstruktur der Metamorphosen, ist die Erzählung in eine Rahmen- und drei Binnenhandlungen gegliedert, die – wie für das Gesamtwerk charakteristisch – sich referenzieren. Als ein zentrales Motiv kann sowohl in der Rahmen- als auch in der Binnenhandlung die Stimme gelten. So konstatiert Sharrok (2005), dass die Unterdrückung der Stimmen, Körper und Sexualitäten von Frauen ein etabliertes Motiv im Ovid’schen Textkorpus sei. Eine Erweiterung des analytischen Blicks von Gender auf Begehren offenbart jedoch, dass die Frauenfiguren nicht nur unterdrückt werden, sondern auch gegen Unterdrückung aufbegehren und selbst Unterdrückerinnen sein können. Weiterhin wird sichtbar, dass Männer ebenfalls in komplexe Machtstrukturen verstrickt sind und Unterdrückung erfahren.

Erzählen als Widerstand

Die Welt des Epos folgt einer strengen Ordnung, in der Gehorsam und Verehrung gegenüber den Göttern und Göttinnen den Verhaltenskodex abbilden. Das Moment der Transgression, verstanden als Widerstand gegen und Aushandlung von Machtverhältnissen zwischen Gottheiten, Menschen und Fabelwesen, aber auch unter den Menschen, eröffnet emanzipatorische Räume, in denen sich die Welt verändert. In der Rahmenhandlung wird insbesondere das Erzählen zum transgressiven Akt: Die drei Töchter des Königs Minyas Alcithoe, Arsinoe und Leuconoe weigern sich, dem noch neuen Gott Bacchus auf seinem Fest zu huldigen. Sie verspotten ihn und geben ihrem Widerstand durch die Ehrung der Göttin Minerva Ausdruck, indem sie Stoff weben und durch das Erzählen unbekannter Geschichten neues Wissen generieren. Im Gegensatz zum Gott des Weines und des (auch sexuellen) Rausches, ist Minerva die Göttin des Handwerks ebenso wie der Dichtung und des Wissens. Der Nexus zwischen Weben und Erzählen ist ein altes (wortwörtliches) Stoffmotiv und verdoppelt die Kraft des Widerstands. Die Geschichten erfolgen in direkter Rede. In allen drei geht es um die Realisierung eines Begehrens, das im Konflikt mit der Ordnung steht. Die Folgen dieser transgressiven Handlungen sind Verwandlung und/oder Tod. Dieses Ursache-Wirkung-Prinzip bekommen die Schwestern selbst zu spüren als sie nach der dritten Erzählung von Bacchus heimgesucht und schließlich in Nachtvögel verwandelt werden. Die Verwandlung bewirkt sowohl den Verlust der Handwerksfertigkeit als auch den Verlust der (Erzähl-)Stimme: Es spannen sich „zwischen ihren feinen Gelenken eine Flughaut“ (Ov. met. IV, Vers 107) und als sie versuchen zu sprechen „stoßen sie nur einen ganz schwachen Ton aus, der ihrer kleinen Gestalt entspricht“ (Ov. met. IV, Vers 412).

Unerfülltes Begehren

Arsinoes Erzählung handelt von der unerfüllten Liebe zwischen Pyramus und Thisbe, deren Hochzeitswunsch durch ihre Väter verhindert worden war. Ihre einzige Möglichkeit, um ihrer Liebe und ihrem Begehren heimlich Ausdruck zu verleihen, ist ein schmaler Riss in der Wand, durch den sie sich zwar hören, aber weder sehen noch berühren können. Der schmale Riss versinnbildlicht den winzigen Raum, den ihr Begehren innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung besetzen kann. Sie planen deshalb ein nächtliches Treffen am Fuße eines Maulbeerbaums. Aufgrund eines Missverständnisses verpassen sich indes die Liebenden. Weil Pyramus glaubt, Thisbe sei von einer Löwin gefressen worden, stürzt er sich in sein Schwert und wird sterbend von Thisbe gefunden. Seine Entscheidung für den Tod wird durch einen inneren Monolog widergegeben. Es ist jedoch Thisbes Stimme, die in direkter Rede die Machtinstanzen, namentlich die Gottheiten und die Väter, von ihrem Anliegen überzeugt. Sich nun selbst das Leben nehmend bittet sie erstens die Gottheiten darum, die Maulbeere mit ihrem Blut dauerhaft von weiß zu purpurn zu verfärben. Zweitens bittet sie die Eltern, ihre sterblichen Überreste gemeinsam zu begraben. Die Verwandlung der Früchte symbolisiert beides, den Tod aber auch die Erfüllung des Wunsches vereint zu sein. Doch die Vereinigung findet nur symbolisch statt.

Gewaltvolles Begehren

Die Liebeskonstellationen in Leuconoes Erzählung sind von physischer sexualisierter Gewalt geprägt: Der Sonnengott Sol deckt das außereheliche Verhältnis zwischen Venus und Mars auf. Aus Rache belegt Venus Sol mit einem Liebeszauber, der ihn zwingt nur noch die Sterbliche Leucothoe zu begehren. Mittels einer List macht Sol sie gefügig und vergewaltigt sie. Die Tat wird in der Erzählung auch klar als „Gewalttat“ benannt. Die Handlung nimmt durch die Nymphe Clytie eine weitere gewaltvolle Wende als sie, motiviert durch ihre Eifersucht auf Leucothoe, diese an den Vater verrät. Der Moment, in dem die bisher stimmlose Leucothoe sich in direkter Rede an ihren Vater wendet, zeigt hier jedoch ihre Machtlosigkeit: „Er hat mir gegen meinen Willen Gewalt angetan!“ (Ov. met. IV, Vers 238f.). Denn während die Göttin Venus und die Nymphe Clytie mit ihrer Stimme den Fortgang der Ereignisse maßgeblich beeinflussen, besitzt Leucothoe keine Macht. Wegen der als Entehrung empfundenen Tat, begräbt der Vater seine Tochter lebendig. Ihr Leichnam wird von dem trauernden Sol in einen Weihrauchstrauch verwandelt.

Schöpferisches Begehren

In der dritten und letzten Binnenerzählung, „Salmacis und Hermaphroditus“, wird aus zwei Stimmen eine Stimme, als ein Jüngling und eine Nymphe in ein zwischengeschlechtliches Wesen verwandelt werden. Hermaphroditus ist der Sohn des Gottes Hermes (Mercur) und der Göttin Aphrodite (Venus). In seinem 15. Lebensjahr geht er auf Wanderschaft und kommt dabei an den See der Nymphe Salmacis. Das starke Begehren der Nymphe wird von ihm jedoch nicht erwidert. Sie ersucht ihn daraufhin in ihrem See zu vergewaltigen, was ihr nicht gelingt. Salmacis darauffolgende Bitte an die Gottheiten ist wie in den anderen Erzählungen in direkter Rede gehalten: „Magst du dich auch wehren, Böser, trotzdem wirst du mir nicht entrinnen. Ihr Götter laßt es geschehen: kein Tag soll ihn von mir und mich von ihm trennen“ (Ov. met. IV, Vers 369-372). Die direkte Rede wird auch für Hermaphroditus zur Schlüsselszene. Seine Stimme wird als eine, „die nicht mehr männlich war“ (Met. IV., Vers 382) beschrieben. Mit dieser sich verwandelnden Stimme bittet er die Eltern um das Geschenk, jeden Mann, der nachfolgend im Quell bade, ebenfalls zu verwandeln.

Der Fokalisierungswechsel von Salmacis auf Hermaphroditus mit Einsetzen der Verwandlung wurde in der Forschung bisher als das Verschwinden der Nymphe aus der Handlung interpretiert (Zajko 2009) und die Verwandlung des Hermaphroditus als Entmännlichung (Nugent 1990, Brisson 2002). Doch Salmacis kehrt in der Verwandlung an die Oberfläche zurück, wie die Veränderung der Stimme und des Äußeren des Hermaphroditus anzeigen. Bereits zuvor beeinflusst Salmacis maßgeblich die Handlung als sexuelle Aggressorin. Auch wird Hermaphroditus nicht entmännlicht, sondern zeugt im Moment des Widerstands gegen die Verschmelzung ein eigenes Geschlecht. Die Antwort auf den Wechsel der Fokalisierung von Salmacis auf Hermaphroditus findet sich vielmehr in der Rahmenhandlung. Alcithoe kündigt zu Beginn ihrer Erzählung an, die Ursache für ein bereits bekanntes Phänomen zu enthüllen, namentlich die Existenz von Hermaphroditen. Somit muss die Fokalisierung zwangsläufig zur Verwandlung des Jünglings Hermaphroditus schwenken, um der zyklischen Struktur der Erzählung zu entsprechen (Aurnhammer 1986).

In allen drei Binnenerzählungen setzt der Widerstand gegen gesellschaftliche Repressionen die Handlung in Bewegung. Eine literaturwissenschaftliche Analyse der Erzähler*innen- und Figurenrede legt offen, wie die Figuren in Ovids Metamorphosen ihre Stimmen für ein selbstbestimmtes Ausleben ihres Begehrens und gegen herrschende Machtverhältnisse und Gewalt erheben. Obwohl ihre Stimmen in vielfacher Weise zum Schweigen gebracht werden, verändert ihr Handeln – symbolisiert durch die Verwandlungen – doch die Welt.

Headergrafik: Paolo G. Rocco: Hermaphrodite, Ancient Rome/istock

Stephanie Sera

Stephanie Sera ist Doktorandin im Fach Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Gender in der Wissens(chafts)geschichte, Gleichstellung, Gender und Gender Studies an Hochschulen.

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