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Utopien // „Wenn wir streiken, steht die Welt still“

04. Juni 2019 Clara Arnold

Der Internationale Frauen*kampftag am 8. März 2019 hat zu einem Streik gegen herrschende gesellschaftliche Verhältnisse aufgerufen. Der vorliegende Beitrag argumentiert, dass Streik die Verweigerung einer gesellschaftlichen Norm bedeutet und somit als politisches Instrument ein utopisches Potenzial besitzt. So schreibt die Soziologin Ingrid Artus: „Immer dann, wenn sich die Frauen* in die politischen Ereignisse eingemischt haben, wurde es gefährlich für die herrschende Ordnung“ (Artus 2019: 3).

Die symbolische Ordnung infrage stellen

Die Kategorie Geschlecht gilt seit dem Entstehen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung als Dreh- und Angelpunkt gesellschaftlicher Organisation und als Legitimationskriterium für Herrschaftsverhältnisse. Mit ihr konnten Frauen* ins Private verdrängt, aus dem politischen Alltag und damit für lange Zeit auch von politischen Wahlen ausgeschlossen werden.

Mit Pierre Bourdieu gesprochen geht mit der geschlechtlichen Kategorisierung nicht allein die Überordnung des Mannes über die Frau einher, sondern eine umfassende symbolische Ordnung, die die Welt binär erscheinen lässt (vgl. Bourdieu 1997: 161). Darin präsentiert sich die gesellschaftlich konstruierte Einteilung der Geschlechter als natürlich und dient „als ein universelles Prinzip des Sehens und Einteilens“ (Bourdieu 1997: 161). Darunter fällt z. B. die Zuordnung von Eigenschaften an Frauen, wie Emotionalität oder Feinfühligkeit, die traditionell gegenüber männlichen Eigenschaften abgewertet werden. Die Forderung der ersten Frauenbewegung nach der rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau, wie sie im heutigen Grundgesetz verankert ist, war somit ein wichtiger Schritt, die symbolische Ordnung in Frage zu stellen.

Unsichtbare und unentlohnte Care-Arbeit

Die gesetzliche Gleichstellung hat seither einiges erreicht, aber es gibt noch viel zu tun – allem voran im Bereich von unentlohnter Arbeit. So erledigen Frauen* immer noch in weit über 75% der Familien oder Lebensgemeinschaften überwiegend Hausarbeiten wie Waschen, Bügeln, Kochen und Saubermachen (vgl. Notz 2008: 481). Solche Haus- und Care-Arbeiten sind oft mit der Versorgung und Unterstützung von Menschen in ihrer Lebenswelt verbunden. Diese Sorgearbeit bleibt zumeist unsichtbar, abgewertet und unentlohnt. Die zeit- und energieintensive Betreuung von Kindern und die Übernahme der Care-Arbeit durch Frauen* sorgt darüber hinaus dafür, dass sie weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und oftmals nur in Teilzeit arbeiten können.

Während Frauen* ohne Kinder zu 82 % erwerbstätig sind, gehen Frauen* mit Kleinstkindern nur noch zu 33 % einer entlohnten Arbeit nach (vgl. Dressel/Wanger 2010: 490). Frauen* sind zudem häufiger als Alten- oder Krankenpflegerin*, Erzieherin* oder  Reinigungskraft tätig und damit in sorgenden Berufen. Diese Berufe sind gesellschaftlich weniger anerkannt als nicht-sorgende Tätigkeiten und werden entsprechend geringer entlohnt. Frauen* verdienen in Deutschland rund 21 % weniger als ihre männlichen Kollegen (vgl. WSI). Gerade Alleinerziehende, die sich sowohl als Familienernährerinnen als auch als Familienversorgerinnen einsetzen, sind daher oftmals von Altersarmut bedroht.

Dieses Phänomen lässt sich mit der feministischen Marxistin Frigga Haug begreifen, die an die Frage anschließt, warum sich trotz rechtlicher Gleichstellung die ökonomischen Verhältnisse und gesellschaftlichen Lebensrealitäten von Frauen* immer noch eklatant von denen der Männer unterscheiden.

Produktionsverhältnisse = Geschlechterverhältnisse?

Für Haug sind Produktionsverhältnisse immer auch Geschlechterverhältnisse. Die Aufteilung von Gesellschaft in Produktion (traditionell männlich konnotiert) und Reproduktion (traditionell weiblich konnotiert) geht mit der Trennung von entlohnter und unentlohnter Arbeit einher. So fungiert in dieser Logik nur die Produktionssphäre als Akkumulationsfeld des Kapitals. Dem reproduktiven Bereich, der im Kapitalismus die Arbeitskraft hervorbringt, versorgt und pflegt, wird eine abgewertete gesellschaftliche Stellung zugeteilt. Diese Sphärentrennung ist für eine kapitalistisch bürgerliche Funktionsweise konstitutiv. Daher plädiert Haug dafür, jenes Geschlechterverhältnis im Kontext kapitalistischer Produktion anzugreifen. Ein Mittel dies zu tun, ist der arbeitspolitische Kampf.

Seit nunmehr 30 Jahren fordern feministische Stimmen die Anerkennung der weiblichen Reproduktionsarbeit als gleichwertig anerkannte Arbeit (vgl. Voß 2018: 46f.). Dabei wird gefordert, diese Arbeiten nicht mehr in prekäre Beschäftigungsverhältnisse auszulagern und sie sichtbarer zu machen, um ihre gesellschaftliche Relevanz hervorzuheben. Auch wird diskutiert, ob eine ökonomische Inwertsetzung von bisher unentlohnter Sorgearbeit notwendig ist. Anlässlich dieser vielfältigen Forderungen diente der Internationale Frauen*kampftag dazu, die betreffenden Tätigkeitsfelder zu bestreiken und durch eine Verweigerung dieser Arbeiten zu zeigen, dass sie, obwohl sie unsichtbar gemacht und geringgeschätzt werden, ein notwendiger und wichtiger Bestandteil dieser Gesellschaft sind.

Politischer und/oder gewerkschaftlicher Streik?

In Deutschland hat der gewerkschaftlich organisierte Streik eine lange Tradition, aber er unterliegt einem der restriktivsten Streikrechte in Europa. Im Kontext der neuen Frauen*bewegung seit den 1960er- und 1970er-Jahren haben vielerorts Frauen*streiks stattgefunden (vgl. Artus 2019: 4). Der Internationale Frauen*kampftag 1994 war der erste gemeinsame und bundesweite Frauenstreik, an dem sich mehr als eine Million Frauen* beteiligten (vgl. Notz 2011: 59). Dabei ging es vor allem darum, durch die kollektive Identität des Frauseins* einen Interpretationsrahmen zu schaffen, der die weibliche* Lebenssituationen von unentlohnter Arbeit ins Zentrum rückte. Doch seit dieser vor allem symbolischen Aktion 1994 hat sich nicht viel getan. Aktuell streiken Frauen* vor allem in Pflege- oder Erzieherinnenberufen, doch die feminisierte unentlohnte Hausarbeit wird weiterhin nicht im Kontext von Streik problematisiert.

Wie also lässt sich der Ort des Privaten bestreiken? Die aktuelle rechtliche Definition in Deutschland sieht ausschließlich die Arbeitsniederlegung von abhängig Beschäftigten im Rahmen von Tarifverhandlungen vor, für die Gewerkschaften aufrufen müssen. Es gibt in letzter Zeit zwar vermehrt Diskussionen um einen politischen Streik, aber dieser kann aktuell noch zu Sanktionen führen. Eine Broschüre mit dem Titel „Wir streiken! Sei auch du dabei“, die über verschiedene alternative Streikaktionsformen informieren möchte, nennt als mögliche alternative Aktionen die kämpferische Mittagspause, den Bummel- oder Lächelstreik sowie das Krankschreiben. Auch derartige Aktionsformen, darauf weisen die Autor*innen hin, haben keine rechtliche Grundlage und können sanktioniert werden (vgl. Streikkomitee Freiburg 2019).

Utopische Verhältnisse?

Warum ist es dennoch wichtig, unentlohnte Arbeit durch einen Streik sichtbar zu machen? Nancy Fraser plädiert in Die halbierte Gesellschaft für eine radikaldemokratische Utopie. Diese basiert auf der Idee, dass nur „auf der Grundlage sozialer Gleichheit […] kulturelle Unterschiede frei ausgebildet und demokratisch vermittelt werden“ (Fraser 2001: 272) können. Ein Frauen*streik schließt genau an diesem Punkt an, er ist ein gesellschafts- und arbeitspolitischer Kampf, der sowohl Fragen von kultureller Anerkennung vielfältiger Lebensweisen und ökonomischer Gleichheit ins Zentrum stellt. Er gibt die Möglichkeit, für die Wertschätzung jeder Form von Arbeit, für ein selbstbestimmtes Leben sowie gegen jede Form von Gewalt an Frauen* und Mädchen* einzutreten.

Diese Forderungen haben das Potenzial, auf vielfältige Art Geschlecht, Arbeit und Herrschaft sowohl kultur- als auch verteilungspolitisch zu verbinden und für eine neue radikaldemokratische Politik einzutreten. Und wir sind bereits mitten drin: In über 35 Städten haben sich Ortsgruppen gegründet, von Leipzig bis Duisburg und von Augsburg bis Hamburg. Unter einem gemeinsamen Aufruf wurden Streik- und Protestaktionen zum Thema Frauen*streik am 8. März veranstaltet. So wurde der Startschuss für den Aufbau einer feministischen und emanzipatorischen (Streik)Kultur gesetzt, die möglicherweise das Potenzial besitzt, größere feministische Netzwerke in Deutschland aufzubauen. Was also nach dem 8. März passieren wird, ist noch unklar. Aber darum geht es auch nicht, schreibt die Aktivistin Susanne Hentschel (2019) auf dem mosaik blog: „Wichtiger ist, dass in den Aktionen eine neue Welt spürbar wird“.

Literatur

Artus, Ingrid (2019). Frauen*-Streik! Zur Feminisierung von Arbeitskämpfen. ANALYSEN, 54. Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Bourdieu, Pierre (1997). Die männliche Herrschaft. In Dölling, Irene/Krais, Beate (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, S. 153–217. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Dressel, Kathrin/Wanger, Susanne (2008). Erwerbsarbeit. Zur Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. In Becker, Ruth/Kortendieck, Beate (Hrsg.), Handbuch der Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methode, Empirie (2. Aufl.), S. 481–490. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Fraser, Nancy (2001). Die halbierte Gesellschaft. Schlüsselbegriffe des postindustriellen Sozialstaats. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Hentschel, Susanne (2019). Wenn Frauen und Queers* weltweit streiken. In https://mosaik-blog.at/wenn-frauen-und-queers-weltweit-streiken/, zuletzt abgerufen am 12.02.2019.

Notz, Gisela (2008). Arbeit. Hausarbeit, Ehrenamt, Erwerbsarbeit. In Becker, Ruth/Kortendieck, Beate (Hrsg.), Handbuch der Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methode, Empirie (2. Aufl.), S. 472–480. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Notz, Gisela (2011). Der Internationale Frauentag und die Gewerkschaften. Geschichten – Tradition und Aktualität. Berlin: Ver.di Bundesverwaltung, Bereich Frauen- und Gleichstellungspolitik.

Streikkomitee Freiburg (2019). Wir streiken! Sei auch da dabei! „Wenn wir die Arbeit niederlegen, steht die Welt still“. In https://fstreikfreiburg.files.wordpress.com/2019/02/8m-broschuere-streikaktionsformen.pdf, zuletzt abgerufen am 26.02.2019.

Voß, G. Günther (2018). Was ist Arbeit? Zum Problem eines allgemeinen Arbeitsbegriffs. In Böhle, Fritz/Voß, G. Günter/Wachtler, Günther (Hrsg.), Handbuch Arbeitssoziologie (Band 1), S. 23–80. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI). Entgeltungleichheit. Gender Pay Gap 2006-2017. In https://www.boeckler.de/52854.htm#, zuletzt abgerufen 09.05.2019.

Zitation: Clara Arnold: Utopien // „Wenn wir streiken, steht die Welt still“, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 04.06.2019, www.gender-blog.de/beitrag/utopien-wenn-wir-streiken/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20190604

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Clara Arnold

Clara Arnold studiert an der Universität Bielefeld. Im Rahmen des Seminars "Geschlecht. Arbeit. Herrschaft" von Prof.in Diana Lengersdorf hat sie sich mit anderen Kommiliton_innen im Wintersemester 2018/2019 intensiv mit der Frage von Utopie aus arbeitssoziologischer, geschlechtertheoretischer und herrschaftskritischer Perspektive auseinandergesetzt.

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