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Jede Kultur ist ‚Transkultur’ – auch die japanische. Michiko Mae im Interview

24. August 2021 Michiko Mae Uta C. Schmidt

Michiko Mae ist mit dem Höffmann-Wissenschaftspreis für interkulturelle Kompetenz der Universität Vechta ausgezeichnet worden. Die emeritierte Professorin der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf und Mitglied des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW erklärt im Gespräch mit Uta C. Schmidt ihr Transkulturalitätskonzept.

Warum ist Transkulturalität ein Schlüsselbegriff für zeitgenössische Gesellschaftsanalyse und gesellschaftliche Praxis?

Die heutige Gesellschaft ist längst eine multikulturelle Gesellschaft – nicht nur wegen der vielen Menschen mit Migrationshintergrund, die hier leben, sondern weil wir alle ständig mit anderen, neuen, auch fremden kulturellen Kommunikations-, Verhaltens- und Denkweisen konfrontiert sind. Wir müssen also lernen, mit sozialer und kultureller Vielfalt umzugehen und brauchen dafür interkulturelle Kommunikations- und Handlungskompetenz. Wir können uns nicht mehr selbstverständlich und unreflektiert mit einer bestimmten nationalen und ethnischen Kultur identifizieren und fraglos von vorgegebenen Lebensformen, Denk- und Verhaltensweisen bestimmen lassen. Unsere multikulturelle Realität ist für viele Menschen eine große Herausforderung, wenn nicht sogar Überforderung. Aber wir müssen uns öffnen für andere Kulturen und über kulturelle Unterschiede und Grenzen hinweg kommunizieren, andere kulturelle Lebensformen verstehen lernen, ja, sie sogar in unser eigenes Leben aufnehmen. Und diese Art, Kultur als Prozess in ihrer Offenheit und Vielfalt zu erfahren, zu verstehen und zu leben, bezeichne ich als Transkulturalität.

Wo liegen die Unterschiede zwischen Multikulturalität, Interkulturalität und Transkulturalität?

Die Unterschiede liegen in dem jeweils verschiedenen Verständnis von Kultur und des Verhältnisses von Kulturen zueinander. Im Jahr 2006 hat man in Japan das Konzept der multikulturellen Koexistenz eingeführt, nach dem Menschen verschiedener nationaler und kultureller Herkunft ihre kulturellen Unterschiede anerkennen, sich gegenseitig respektieren und als gleichberechtigte Mitglieder einer regionalen Gesellschaft zusammen leben sollen. Das wäre die ideale Vorstellung einer multikulturellen Gesellschaft: ein gleichberechtigtes Nebeneinander in wechselseitiger Anerkennung. Das Interkulturalitätskonzept geht darüber hinaus und möchte zwischen Menschen verschiedener Kulturen Kommunikation, Austausch, wechselseitiges Verstehen, voneinander Lernen ermöglichen. Die Kulturen öffnen sich hier zwar und treten in ein Wechselverhältnis, bleiben aber doch in ihrer jeweiligen Besonderheit bestehen. Das ändert sich in der Transkulturalität. Hier öffnet sich die Kultur nicht nur, sondern sie ist diese Offenheit, sie ist Prozess, ständiger Wandel, Wechselseitigkeit etc. Und Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft können sich begegnen und sich selbst verstehen in dieser Offenheit und Prozesshaftigkeit. Sie erkennen dabei z.B. das kulturell Fremde und Andere nicht nur im jeweiligen Anderen, sondern auch in sich selbst. Transkulturalität bedeutet also vor allem ein neues Verständnis von und einen neuen Umgang mit Kultur, kultureller Identität und Andersheit.

Transkulturalität als analytisches Konzept beruht auf „Selbstreflexivität“. Spricht da auch die in Japan geborene und nun bereits seit langem in Deutschland lebende Wissenschaftlerin?

Ja, selbstverständlich! Wenn man in zwei oder mehreren Kulturen lebt, wird man ohnehin selbstreflexiv, man betrachtet die vermeintlich eigene Kultur mit fremden Augen. Die kritische Reflexion der eigenen Subjektivität und kulturellen Prägung ist ein wichtiger Bestandteil transkultureller Analysen. Denn nicht nur Kulturen sind immer auch ‚Transkulturen’, sondern wir alle haben eine „transkulturelle[n] Binnenverfassung“ (Welsch 2005, S. 333), wie der Philosoph Wolfgang Welsch es nennt. Bei mir ist sie nur besonders stark ausgeprägt. Ich habe daraus die Motivation für meine kulturwissenschaftliche Forschungs- und Lehrtätigkeit geschöpft. So führte mich meine Forschungsbiographie von der Analyse der national orientierten Kultur im japanischen Modernisierungsprozess zur Transkulturalität.

Sie betonen radikale Kontextualisierung als zentrale Methode der Transkulturalität. Ich würde von Historisierung sprechen. Wo geht ihre Kontextualisierung über die Historisierung hinaus?

Auch wenn Kulturen immer als aufeinander bezogen betrachtet werden müssen, ist es wichtig, sie in ihren jeweiligen Besonderheiten zu analysieren. Die Transkulturalitätsforschung muss also die kulturellen Differenzen und Grenzziehungen in ihrem jeweiligen Kontext untersuchen und damit ihren Konstrukt-Charakter herausarbeiten. Und dabei wird dann sichtbar, wie ein kultureller Kontext nicht nur durch seine geschichtliche Entstehung geprägt ist, sondern wie sich in ihm verschiedene kulturelle Elemente mischen, denn Transkulturalität ist eigentlich der Normalzustand einer Kultur und prägt ihre jeweilige Geschichte. Gerade die japanische Kultur zwischen der chinesischen und der westlichen ist dafür ein sehr aufschlussreiches Beispiel. Und auch der Umgang mit den Auswirkungen des Kolonialismus bis heute ist ein Beispiel für transkulturelle Kontextualisierung. Es geht hier um die Verwobenheit und Vermischung kultureller Diskurse, Praxen und Bedeutungen. Diese Auflösung der Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden prägt heute viele Menschen in ihren transkulturellen Biographien und Lebensformen.

Inwieweit hängt das Transkulturalitätskonzept mit Ihren Forschungen zum modernen Japan zusammen?

Durch die erzwungene Öffnung Japans durch westliche Mächte Mitte des 19. Jahrhunderts und die Notwendigkeit, eine starke moderne Nation zu werden, um der drohenden Kolonialisierungsgefahr zu entgegnen, konstituierte sich Japan als eine ‚eigenursprüngliche’, ‚homogene’ Nation mit einer gemeinsamen Geschichte, Kultur, Tradition, Sprache, Ethnie etc. Diese homogenisierende Kulturvorstellung ist besonders durch das Konzept der Nation geprägt. Bis heute gibt es in Japan eine starke Tendenz, sich an Nation und die Nationalkultur festzuklammern. Dabei ist die japanische Kultur selbst eine exemplarische ‚Transkultur’ von Anbeginn. In tiefgreifender Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur, aber dann auch unter Einflüssen aus Korea, Europa, USA hat sich die japanische Kultur von heute herausgebildet. Sie zeigt also besonders deutlich, wie aufnahmebereit und -fähig, wie durchlässig und wandelbar eine Kultur sein kann. Auch wenn eigentlich jede Kultur Transkultur ist, gibt es dennoch so etwas wie die japanische Kultur, aber sie ist in sich vielfältig und offen für andere Kulturen.

Zentral in ihren Forschungen ist die Bedeutung der Geschlechterordnung für die Herausbildung des japanischen Nationalstaates. Was hat Gender mit Nation und Kultur zu tun?

Nationsbildung war der Schlüssel zur erfolgreichen Modernisierung in unserer heutigen Welt seit dem 19. Jahrhundert. Kultur wird dabei benutzt als – inhaltliche – Grundlage für die Nation. Sie verleiht ihr Besonderheit und ‚Einmaligkeit’. Wenn man auf die japanische Modernisierung zurückblickt, kann man erkennen, dass sich die moderne Geschlechterordnung erst durch die Nationsbildung und Nationalkultur als eine einheitliche Struktur herausgebildet hat. Bis dahin wurde Gender in Japan durch die Zugehörigkeit zu einem der vier Stände – das waren Krieger, Bauern, Handwerker und Kaufleute – jeweils unterschiedlich bestimmt. In der Moderne wurden dann Frauen zu einer Gruppe zusammengefasst und vereinheitlicht und zu Staatsbürgerinnen zweiter Klasse gemacht. Sie wurden als „border guards“ (Yuval-Davis 1997, S. 23) der Nation und der nationalen Kultur betrachtet, weil sie die nächste Generation gebären und an sie ihre Kultur weitergeben sollten. Durch die moderne Geschlechterordnung, die sich in Japan aus patriarchal-konfuzianischen und aus westlich-patriarchalen Elementen zusammensetzte, wurde die öffentliche Sphäre als männliche Domäne und die private Sphäre als weibliche Domäne betrachtet und das führte zur geschlechtlichen Arbeitsteilung. Grundsätzlich hat sich diese moderne Geschlechterstruktur in Japan und auch in Deutschland nur wenig verändert.

Sie schreiben, dass in der japanischen Geschlechterordnung Preußen drinsteckt. Können Sie mir dies erklären? Interessanterweise gehen bei mir im Kopf sofort zwei Bilder ab, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Hier preußische Pickelhauben, dort eine Geisha, die Tee reicht …

Vergessen Sie die preußischen Pickelhauben – es geht um Deutschland, das, wie Japan, eine „verspätete Nation“ war – die Gründungsdaten der modernen Nationen Japan (1868) und Deutschland (1871) sind etwa zeitgleich. Zuerst Preußen, dann ab 1871 Deutschland dienten als Vorbild für den Aufbau des modernen japanischen Nationalstaats; Japan war bis dahin etwa 200 Jahre lang in Selbstisolation. Wichtige Institutionen und Einrichtungen im Modernisierungsprozess wie das Rechtssystem, Wissenschaft und Technik, Medizin, Militär und das Bildungssystem haben Japaner nach deutschem Vorbild in eigenen Strukturen aufgebaut. Zu dieser modernen Grundstruktur gehört die Geschlechterordnung. In beiden Ländern ist die geschlechtliche Arbeitsteilung eine strukturelle Grundlage der Gesellschaft bis heute, was die Gleichstellung der Geschlechter und gleiche gesellschaftliche Partizipation erschwert. Man kann also von einer strukturellen Ähnlichkeit beider Länder sprechen, was die vergleichende Untersuchung sinnvoll macht. Dagegen haben die preußischen Pickelhauben und die Tee-reichende Geisha gar nichts miteinander gemeinsam – außer dass wir sie als Klischeebilder längst vergangener Welten im Sinne der Transkulturalität „kontextualisieren“ und „dekonstruieren“ sollten.

Literatur

Yuval-Davis, Nira (1997): Gender and Nation. London/Thousand Oaks/New Delhi: Sage.

Welsch, Wolfgang (2005): Auf dem Weg zu transkulturellen Gesellschaften. In: Allolio-Näcke, Lars/Kalscheuer, Britta/Manzeschke, Arne (Hg.): Differenzen anders denken. Bausteine zu einer Kulturtheorie der Transdifferenz. Frankfurt/Main: Campus.

Zitation: Michiko Mae, Uta C. Schmidt: Jede Kultur ist ‚Transkultur’ – auch die japanische. Michiko Mae im Interview, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 24.08.2021, www.gender-blog.de/beitrag/transkulturalitaet-japan/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20210824

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Prof. Dr. Michiko Mae

Bis zur Emeritierung 2016 Lehrstuhlinhaberin am Institut für Modernes Japan an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; zahlreiche Beiträge zur japanbezogenen Kultur- und Genderforschung sowie zur Transkulturalität; besondere Forschungsinteressen gelten dem Zusammenspiel von Nation, Kultur, Geschlecht (nicht nur) im japanischen Modernisierungsprozess.

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Dr. Uta C. Schmidt

Historikerin und Kunsthistorikerin; Forschungen an den Schnittstellen von Raum, Wissen, Geschlecht und Macht; Publikationen zu Klöstern, Klanggeschichte und Industriekultur; wiss. Mitarbeiterin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW; Kuratorin im DA. Kunsthaus Kloster Gravenhorst; Mitherausgeberin von www.frauenruhrgeschichte.de.

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