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Headergrafik: Tom Biela

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„UEBERAINS WERDEN“ – Erinnern an die Opfer der Hexenverfolgung im Lavanttal

24. März 2026 Adina Camhy Daniel Gönitzer Katharina Pressl Christof Volk

Ein Hang im Süden der ca. 4.000-Einwohner:innen-Gemeinde Bad St. Leonhard im Lavanttal wurde zum Träger des Schriftzugs „UEBERAINS WERDEN“. Die zwanzig Meter großen, freigemähten Buchstaben formen ein temporäres Monument in Erinnerung an die Opfer der Hexenverfolgung im Lavanttal. Initiiert von der Kulturinitiative Container 25 als Teil des Projekts „Nullpunkte der Gewalt im Lavanttal“, sowie konzipiert und realisiert von der Künstlerin Adina Camhy, wurde hiermit im Herbst 2025 das vermutlich erste Erinnerungszeichen für Opfer der Hexenverfolgung in Kärnten/Koroška eröffnet. Eine in Stahl gefasste Gedenktafel am Fuße des Hangs ergänzt und kontextualisiert den ephemeren Text auf der Weide (Abb. 1). Das Monument steht in räumlicher Beziehung zu dem Ort der ehemaligen Hinrichtungsstätte des Landgerichts St. Leonhard, die sich einige hundert Meter entfernt – auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses Lavant – befand (Swatek 2025: 18).

Abb. 1: Gedenktafel am Fuße des Hangs, Foto: 심해인, Haein Shim.

Der Hexereiprozess von 1493 und Hexenverfolgung in Kärnten/Koroška

Ausgangspunkt für das Projekt ist ein Hexereiprozess aus dem Jahr 1493, im Zuge dessen das Landgericht St. Leonhard Cristina Trünkhlin, Barbara Ößlin und Wolfin als Hexen verurteilte. Aus der sogenannten „Urgicht“, dem unter Folter erpressten „Geständnis“ vom 21. März 1493, geht hervor, dass sie des „Teufelsbundes“ sowie „zauberischer Mordanschläge gegen den Schloßherrn Wolfgang von Pain“ beschuldigt wurden. Es ist anzunehmen, dass die drei angeklagten „Bürgerfrauen“ zuerst gefoltert und anschließend zum Tode verurteilt wurden. Der Prozess gilt als erster im Raum des heutigen Österreichs, bei dem der Vorwurf des „Teufelsbunds“ ausschlaggebend für Todesurteile war. Infolge des Prozesses wurden weitere Personen der Hexerei bezichtigt, darunter Wolf, Walthaser und Ößlins Bruder – die genaue Opferzahl ist unbekannt (Swatek 2025: 20 ff.).

Bezeichnend für die Hexenverfolgungen im Lavanttal ist eine Differenzierung zweier Phasen: In der ersten Phase der Lavanttaler Hexenprozesse wurden meist sesshafte Frauen verfolgt, ab 1650 rückten zunehmend umherziehende Männer und Menschen am Rande der Gesellschaft ins Visier – sie galten als Bedrohung der sozialen Ordnung. Während die Hexenverfolgungen sich insgesamt überwiegend gegen Frauen richteten, waren in Kärnten/Koroška knapp über 50 % der Opfer Männer (Schönleitner 1987: 290). Von 1493 bis 1725 sind landesweit 140 Prozesse mit 250 Angeklagten belegt, wobei 110 Personen hingerichtet wurden (Swatek 2025: 31).

Abb. 2: Ausschnitt aus der Urgicht 1493 (unter Folter erstelltes Einvernahmeprotokoll, Kärntner Landesarchiv, Klagenfurt, sog. „Hexenfaszikel“, Geschichtsverein-Sammelarchiv (G.V.SA) 35).

Die „Urgicht“ als Ausgangspunkt

Die Spuren des Prozesses von 1493 sowie die Stimmen der drei verurteilten Frauen sind heute nur noch in den Worten ihrer Verfolger – in Form der „Urgicht“ – überliefert. Das Monument bezieht sich auf eine Passage aus ebenjenem Dokument: „Da sie nu beieinander gew[esen] sein, da sind sie überains worden […]“ (Abb. 2). Die Worte dienten der damaligen Rechtsprechung dazu, den Vorwurf des „Teufelsbunds“ gegen die drei Frauen zu untermauern, denn Hexerei musste nach der Hexenlehre mehrere Personen betreffen. Das Monument deutet die Textpassage um bzw. lädt sie mit neuen Bedeutungen auf: „UEBERAINS WERDEN“ verweist auf solidarische Beziehungen und kann als „zusammenkommen“ oder „mehr als eine:r werden“ interpretiert werden. Die Worte können als Aufruf verstanden werden, heute wachsam zu sein gegenüber Mechanismen der Ausgrenzung, der Konstruktion von Sündenböcken und Formen geschlechtsspezifischer Gewalt.

Abb. 3: UEBERAINS WERDEN, Foto: Tom Biela.

Hecken, Commons, Care

Das Belassen eines ungemähten Streifens verweist auf den Feldrain: ein mit Wiesen, Bäumen oder Hecken bewachsener Streifen zwischen Feldern bzw. entlang von Grundstücksgrenzen. Das Wort Hecke bzw. Einfriedung findet sich auch als „hag“ in „Hagzissa“ (althochdeutsch: Zaunreiterin) wieder, von dem sich das Wort „Hexe“ ableitet. Neben etymologischen Bezügen bietet die Hecke bzw. der verwandte Feldrain auch historische Bezugspunkte. In Silvia Federicis Caliban und die Hexe werden die Kämpfe gegen Einhegungen von Commons (gemeinsam genutzten Ressourcen, Allmenden) und das Entwurzeln von Hecken zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert als „am weitesten verbreiteten Form von Sozialprotest“ und als „Symbol des Klassenkonflikts“ bezeichnet (Federici 2015: 92). Laut Federici hatten Commons insbesondere für bäuerliche Frauen eine bedeutende soziale Funktion als Räume der Solidarität und Gesellschaftlichkeit, wobei sich Frauen an den Kämpfen zur Verteidigung der gemeinschaftlich genutzten Flächen maßgeblich beteiligten (Federici 2015: 90 ff.; vgl. auch Camhy 2025: 85). Dies veranschaulicht die Zusammenhänge von Kämpfen um selbstbestimmtes Wissen, Körper sowie Grund und Boden.

Die beim Mähen ausgesparten Buchstaben sind durch ein heterogenes Schriftbild gekennzeichnet, bedingt durch unterschiedliche Wuchshöhen, -dichten und Farben der Vegetation. Das „WERDEN“ ist dem Schriftzug immanent – er unterliegt einem unaufhörlichen Veränderungsprozess und wandelt sich je nach Jahreszeit, Zeitpunkt der Mahd, Licht und Bewuchs – bis er wieder verschwindet. Das Mähen selbst wird zu „Care“ – zur sorgetragenden, fortwährenden Erinnerungsarbeit.

Abb. 4: Das Freimähen des Schriftzugs als fortwährende Erinnerungsarbeit, Foto: Adina Camhy.

Kontinuitäten im Heute

Schriftzug und Gedenktafel erinnern an ein vergangenes gewaltvolles Ereignis, das sich einreiht in weitere „Punkte der Gewalt“ – Ausdruck systematischer Verfolgung, legitimiert durch das jeweilig geltende Recht. Diese „Punktwolken der Gewalt“ (historisch verteilte Gewaltmomente in relationalem Zusammenhang) und ihre Denkmuster wirken bis heute fort – in weltweiten Hexenverfolgungen, Verschwörungsmythen, Ausgrenzung und Hetze gegen bestimmte Gruppen sowie in Femiziden – der gezielten Tötung von Mädchen und Frauen aufgrund ihres Geschlechts. So waren es 2025 in Österreich 15 Femizide und 45 Fälle schwerer Gewalt an Frauen; im Jahr 2024 wurden 29 Femizide und 41 Fälle schwerer Gewalt an Frauen dokumentiert – dabei handelt es sich überwiegend um Täter aus dem engsten Beziehungs- und Familienkreis (Autonome Österreichische Frauenhäuser 2026).

Das „WERDEN“ im Schriftzug verweist auch auf Kontinuitäten im Heute und die Notwendigkeit solidarischer intersektionaler Zusammenschlüsse im Kontext gegenwärtiger emanzipatorischer Kämpfe. „UEBERAINS WERDEN“ kann im Sinne von „mehr als eine:r werden“ im Kontext von „Ni Una Menos“ (Spanisch für „Nicht eine weniger“) gelesen werden, eine von Zentral- und Mittelamerika ausgehende queerfeministische Bewegung, die sich im Kampf gegen patriarchale und geschlechtsspezifische Gewalt wie Femizide organisiert.

Darüber hinaus verweist das Wort „WERDEN“ auch auf die Zukunft, auf eine andere, solidarische Zukunft, auf eine Revolution der Beziehungsweisen (Adamczak 2017), es steht für Offenheit, Gemeinsamkeit, für ein Beisammensein, für übereins Werden.

Abb. 5: Blick von der Hofbauersiedlung auf das Monument, Foto: Tom Biela.

Das Monument für die Opfer der Hexenverfolgung im Lavanttal wurde am 18. Oktober 2025 in Form einer Gedenkveranstaltung eröffnet. Passagen aus diesem Text sind aus den Eröffnungsreden von Adina Camhy, Daniel Gönitzer und Katharina Pressl abgeleitet.

Konzept und Realisierung: Adina Camhy
Initiiert durch: freie Kulturinitiative Container 25 im Rahmen von „Nullpunkte der Gewalt im Lavanttal
Unterstützt durch: Gemeinde Bad St. Leonhard
Gefördert durch: Land Kärnten Kultur

Literatur

Adamczak, Bini (2017): Beziehungsweise Revolution 1917, 1968 und kommende, Suhrkamp Verlag, Berlin.

Autonome Österreichische Frauenhäuser (2026): Femizide in Österreich, https://www.aoef.at/index.php/zahlen-und-daten/femizide-in-oesterreich, abgerufen am 09.02.02026.

Schönleitner, Ulrike (1987): Zauberei- und Hexenprozesse in Österreich, Wien.

Swatek, Manuel (2025): Hexenprozesse im Lavanttal. In: Daniel Gönitzer, Katharina Pressl (Hg.), Nullpunkte der Gewalt, CLIO, Graz.

Camhy, Adina (2025): Ein Heckenmonument für das Lavanttal. Erinnern an die Opfer der Hexenverfolgung. In: Daniel Gönitzer, Katharina Pressl (Hg.), Nullpunkte der Gewalt, CLIO, Graz.

Federici, Silvia (2015): Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Mandelbaum Verlag, Wien.

Abbildungsverzeichnis

Titelbild: Foto: Tom Biela

Abb. 1: Gedenktafel am Fuße des Hangs, Foto: 심해인, Haein Shim

Abb. 2: Ausschnitt aus der Urgicht 1493 (unter Folter erstelltes Einvernahmeprotokoll, Kärntner Landesarchiv, Klagenfurt, sog. „Hexenfaszikel“, Geschichtsverein-Sammelarchiv (G.V.SA) 35)

Abb. 3: UEBERAINS WERDEN, Foto: Tom Biela

Abb. 4: Das Freimähen des Schriftzugs als fortwährende Erinnerungsarbeit, Foto: Adina Camhy

Abb. 5: Blick von der Hofbauersiedlung auf das Monument, Foto: Tom Biela

Zitation: Adina Camhy, Daniel Gönitzer, Katharina Pressl, Christof Volk : „UEBERAINS WERDEN“ – Erinnern an die Opfer der Hexenverfolgung im Lavanttal , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 24.03.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/ueberains-werden/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260324

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Tom Biela

Adina Camhy

Dipl.-Ing.in Adina Camhy studierte Architektur an der Technischen Universität Graz und der UPV Valencia und absolviert derzeit den Master Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien. Camhys recherchebasierte, multimediale künstlerische Arbeiten verhandeln drängende Fragen der Gegenwart zu Technologie, Geschichte und Erinnerung. Für die Realisierung des Monuments erhielt sie das Jahresstipendium des Landes Kärnten//Koroška für interdisziplinäre Kunstformen (2023).

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Daniel Gönitzer

Daniel Gönitzer, MA, studierte Philosophie und Germanistik in Graz und Wien. Seit 2022 Universitätsassistent im Bereich Medienwissenschaft am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien. In seinem Dissertationsprojekt beschäftigt er sich mit Walter Benjamins Verhältnis zur künstlerischen Avantgarde. Lehrbeauftragter an der Universität Wien und der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Vorstandsmitglied der IG KiKK sowie der freien Kulturinitiative Container 25.

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Katharina Pressl

Katharina Pressl, MA, geb. 1992, studierte Literarisches Kreatives Schreiben, Sprachkunst und Transkulturelle Kommunikation in Wien, Leipzig, Graz und Edinburgh. Sie war im elementaren Bildungsbereich tätig, ist Teil des Literaturvermittlungsprojekt „Prosa für PROSA“ und im Vorstand der Kulturinitiative Container 25. Ihr Debütroman Andere Sorgen erschien 2019 im Residenz Verlag und war für den Rauriser Literaturpreis nominiert.

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Christof Volk

Christof Volk, geboren 1971, ausgebildet in der Sozialen Arbeit; Mitbegründer zahlreicher Sozialprojekte. Seit 1995 in der Kulturarbeit tätig. 2002–2008 Kulturveranstalter im Jugendkulturzentrum Wolfsberg. 2009 Mitbegründer des Vereins Container 25, bis 2021 Obmann, seit 2022 kaufmännisch-administrativer Leiter, tätig in der Begleitung und Programmierung von Veranstaltungen. 2022 Abschluss des Lehrgangs für Kulturmanagement am Institut für Kulturkonzepte Wien mit ausgezeichnetem Erfolg.

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