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Interview

Ungleichheiten neu denken in einer komplexen sozialen Welt

30. Juni 2026 Barbara Grüning Ingrid Jungwirth Catharina Peeck-Ho Sandra Beaufaÿs

Die GENDER-Ausgabe vom Juni 2026 präsentiert den Heftschwerpunkt „Ungleichheiten neu denken“. Unter dem Titel versammeln sich fünf Beiträge aus der aktuellen Forschung zu intersektionalen sozialen Ungleichheiten sowie theoretische und methodologische Weiterentwicklungen. Die Herausgeberinnen Ingrid Jungwirth, Barbara Grüning und Catharina Peeck-Ho reflektieren im Gespräch mit Sandra Beaufaÿs das Konzept der Intersektionalität, sprechen über ihre eigenen Bezüge zum Thema und geben Einblick in das Heft.

Was versteht ihr unter „Ungleichheiten“? Weshalb der Plural und was ist daran „neu gedacht“?

Ingrid Jungwirth: In der intersektionalen Geschlechterforschung wird der Blick auf die Komplexität und die Interdependenz von Ungleichheiten gerichtet. Im Anschluss an die Problematisierung von Kimberlé Crenshaw und dem Combahee River Collective, die auf den Ausschluss von Women of Color in der US-Bürgerrechtsbewegung und der Frauenbewegung hingewiesen haben, werden in der intersektionalen Geschlechterforschung über Geschlecht hinaus auch Klasse und zugeschriebene Ungleichheiten wie Religion, Migrantisierung, Sexualität oder Behinderung einbezogen. Je nach sozialer Situation, die untersucht wird, können dann auch weitere Ungleichheiten von Bedeutung sein. Wir sprechen deshalb von Ungleichheiten im Plural, da es sich eben um eine Komplexität von Ungleichheiten handelt. Die intersektionale Geschlechterforschung hat damit eine neue Perspektive auf soziale Ungleichheiten in einer komplexer gewordenen sozialen Welt gewonnen. Sie ist in dieser Hinsicht wegweisend im Vergleich zur etablierten Ungleichheitsforschung.

Catharina Peeck-Ho: Wir können Intersektionalität als eine Art Heuristik verstehen, die es uns ermöglicht, die verschiedenen Arten von Ungleichheiten sichtbar zu machen, zu beschreiben und zu analysieren. Schauen wir uns beispielsweise Diskriminierung im Bildungswesen an und, dann sehen wir in einem klassischen Text wie T. H. Marshalls Citizenship and Social Class vor allem einen Bezug auf ökonomische Ungleichheiten. In dieser Hinsicht hat Intersektionalitätsforschung einen ganz wichtigen Beitrag geleistet, indem sie zeigt, wie Ungleichheiten, Diskriminierungsverhältnisse, gesellschaftlicher Ausschluss vonstattengehen und analysiert werden können.

Welche eigenen Perspektiven bringt ihr als Herausgeberinnen jeweils auf das Thema mit?

Barbara Grüning: Ich beschäftige mich mit der Geschichte der Soziologie und Wissenssoziologie. Seit Jahren richten sich meine Forschungsinteressen auf die Ungleichheitsstrukturen im soziologischen Feld im Deutschland vom Ende der 1880er-Jahre bis zum 2. Weltkrieg (vgl. z. B. Grüning 2024). Die Intersektionalitätsperspektive ist für mich, neben Bourdieus Theorie, sehr wichtig. Denken wir bspw. an Frauen mit jüdischem Hintergrund in der Weimarer Republik oder im Nationalsozialismus.

IJ: Ich forsche mit einer intersektionalen Perspektive auf Geschlecht und Arbeit zu Erfahrungen von Migrantinnen und von Frauen mit Behinderung (vgl. Jungwirth 2017). Aktuell haben wir ein Projekt zur Fleischindustrie und zur Saisonarbeit in der Landwirtschaft, da erweist sich die intersektionale Perspektive als sehr wichtig. Die Hälfte der Saisonarbeiter_innen sind Frauen, aber bisher gibt es nicht einmal eine geschlechterdifferenzierende Perspektive und erst recht keine, die mehrdimensionale Ungleichheiten oder intersektionale Perspektiven berücksichtigt. Die drei Felder Arbeit, Migration und Geschlecht müssen in ihrem Zusammenhang analysiert werden.
Auch unsere Mitherausgeberin des GENDER-Schwerpunkts, Anna Amelina, hat zusammen mit Helma Lutz aus der Perspektive der Migrationsforschung versucht, einen konzeptionellen Zugang zu finden, wie Geschlechterforschung und Migrationsforschung zusammengebracht werden können (vgl. Lutz/Amelina 2017). Anna Amelina verknüpft den intersektionalen Ansatz in ihrer Forschung auch mit Fragen der Dekolonialisierung.

CPH: Mein Schwerpunkt liegt in den Citizenship Studies und mir ist in meiner Arbeit oft deutlich geworden, wie wichtig eine intersektionale Perspektive für das Feld ist, weil soziale Ungleichheiten eine große Rolle in Kämpfen um Rechte und Teilhabe spielen (vgl. Peeck-Ho 2017). Besonders spannend finde ich, das Konzept im Spannungsfeld von Aktivismus und Theorieentwicklung zu sehen. Das Konzept ist seit seiner Entstehung in den USA stark an aktivistische Kontexte geknüpft, zugleich gibt es das Bestreben, es auch gesellschaftstheoretisch zu verorten. Auch die Frage der Möglichkeiten und Grenzen einer Übertragung vom US-Kontext auf den europäischen Kontext ist spannend.

Wie seid ihr zur gemeinsamen Herausgabe des Schwerpunkts in der GENDER gekommen?

IJ: Wir haben in der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) 2024 ein Panel „Intersektionale Ungleichheiten“ ausgerichtet. Auf unseren Call haben wir sehr viele Zusendungen bekommen und konnten nur die Hälfte der Beiträge annehmen, obwohl wir die Zeit des Panels verdoppelt hatten. Da haben wir gemerkt, wie relevant intersektionale Geschlechterforschung in den Sozialwissenschaften inzwischen ist. Auch darum haben wir uns entschlossen, einen Heftschwerpunkt in der GENDER zu machen. Als Herausgeberinnen arbeiten wir schon länger zusammen innerhalb einer AG der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der DGS mit dem Ziel, eine intersektionale Perspektive auf die Soziologie zu begründen. Auf dem DGS-Kongress diesen September werden wir die GENDER mit dem Heftschwerpunkt zu intersektionalen Ungleichheiten vorstellen und weitere Kolleg_innen zur Zusammenarbeit in der AG einladen.

Was erwartet die Leser_innen im Heft?

CPH: Der Heftschwerpunkt versucht verschiedene Perspektiven aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenzubringen, was ja auch das Anliegen der GENDER ist. Wir haben Beiträge aus der Soziologie, Pädagogik, Geschichtswissenschaft, also sehr unterschiedliche Zugänge, die sich entsprechend auch sehr unterschiedlichen Fragen widmen. Auf der methodischen Ebene finde ich den Beitrag von Esto Mader, Lea Luttenberger und Mirjam Fischer bspw. interessant. Sie stellen sich die Frage, wie das Intersektionalitätskonzept in quantitativer Methodik angewendet werden kann, und sie schlagen ein partizipatives Mixed-Methods-Design vor, um das weiterzudenken. Auf der anderen Seite haben wir auch biografische Ansätze. Ich finde es sehr produktiv, diese unterschiedlichen Positionen in Dialog zu bringen. Zur Frage der theoretischen Erweiterungen ist der Beitrag zum Thema „Intrasektionalität“ von Charlotte Pezeril und Yagos Koliopanos zu nennen. Die Autor_innen thematisieren, wie auch innerhalb bestimmter Kategorien neue Ungleichheiten entstehen und im Alltag performativ reproduziert werden. Das ist ein gutes Beispiel, wie das Konzept theoretisch weitergedacht werden kann.

BG: Ich finde, die Beiträge im Heftschwerpunkt zeigen, wie flexibel das Konzept der Intersektionalität als analytisches Instrument ist und wie gut es mit verschiedenen anderen Theorien und Methoden verknüpft werden kann. Es gelingt damit, diese Methoden und Theorien auch neu zu denken und die die unterschiedlichen Thematisierungen von Ungleichheiten zu verbinden. Wir können damit Intersektionalität fast als ein sensibilisierendes Konzept im Sinne von Herbert Blumer verstehen. Intersektionalität verbindet außerdem die Makroperspektive mit der subjektiven Ebene der Phänomene. Dieser Aspekt kann in jedem Beitrag wiedergefunden werden. Der Beitrag von Randi Becker ist ein gutes Beispiel dafür. Er beschäftigt sich mit der Verfolgungspraxis im Nationalsozialismus gegen Jüd_innen, Sinti und Roma, wobei ein biografischer Ansatz verwendet wird. Dabei beleuchtet die Autorin die Verbindungen zwischen den staatlichen Mechanismen und Dynamiken der Diktatur und den Trajektorien der Individuen, die ermordet wurden.

IJ: Natalie Gasser beschäftigt sich mit Bildungswegen junger Musliminnen in der Schweiz und untersucht ihre subjektiven Aneignungsprozesse. In diesem Beitrag wird nicht von Ungleichheiten gesprochen, sondern von Differenzverhältnissen – einbezogen sind Religion, soziale Klasse, Gender und Migrantisierung. Es geht darum, wie diese Kategorien Bildungsbiografien prägen. Dabei macht die Autorin Gebrauch vom Agency-Begriff, um eine reduktionistische Perspektive zu vermeiden. Der Beitrag von Nabila Sayah, Minna-Kristiina Ruokonen-Engler und Encarnación Gutiérrez Rodríguez thematisiert – und vertritt – eine aktivistische Perspektive auf die Alltagserfahrungen intersektional positionierter Studierender und Lehrender in hochschulpolitischen Gremien. Es wird auch herausgearbeitet, wie eine intersektionale Perspektive auf Antidiskriminierungspolitiken dazu beiträgt, diese weiterzuentwickeln und schließlich in die Gremienarbeit zu tragen. Die Autorinnen prägen den Begriff der „restaurativen Antidiskriminierungspolitik“, die einer „postmigrantischen Gesellschaft und ihren globalen Verflechtungen“ gerecht wird.


Die GENDER-Ausgabe 2 | 2026 mit dem Schwerpunkt „Ungleichheiten neu denken“ (herausgegeben von Ingrid Jungwirth, Barbara Grüning, Catharina Peeck-Ho und Anna Amelina) ist im Juni erschienen und bei Budrich Journals im Open Access abrufbar.

Literatur

Combahee River Collective (1977). The Combahee River Collective Statement. Online verfügbar unter: https://americanstudies.yale.edu/sites/default/files/files/Keyword%20Coalition_Readings.pdf (letzter Zugriff: 29.06.2026).

GENDER. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, Jg. 18, Nr. 2-2026, Ungleichheiten neu denken: theoretische und methodologische Fragen intersektionaler Geschlechterforschung (Hrsg. Ingrid Jungwirth, Barbara Grüning, Catharina Peeck-Ho, Anna Amelina). https://doi.org/10.3224/gender.v18i2  

Grüning, Barbara (2024). Marianne Weber and the (wo)men's condition. Love as a device for social change. In: E. Bevilacqua, M. Longo, M.H. Jacobsen (Hrsg.), Love and Sexuality in Social Theory (S. 72–89). Routledge. https://dx.doi.org/10.4324/9781003396932-7 

Jungwirth, Ingrid (2017). Geschlecht und Migration in der Lebenslaufanalyse – Berufsverläufe hochqualifizierter Migrantinnen im technischen Feld und darüber hinaus. In: I. Jungwirth, A. Wolffram (Hrsg.), Hochqualifizierte Migrantinnen – Teilhabe an Arbeit und Gesellschaft (S. 33–82). Opladen: Verlag Barbara Budrich. https://doi.org/10.2307/j.ctvddzwnb.4 

Lutz, Helma; Amelina, Anna (2017). Gender, Migration, Transnationalisierung. Eine intersektionelle Einführung. Bielefeld: transcript. https://doi.org/10.14361/9783839437964 

Marshall, Thomas Humphrey; Bottomore, Tom (1992). Citizenship and Social Class. London: Pluto Press. https://doi.org/10.2307/j.ctt18mvns1

Peeck-Ho, Catharina (2017). Sicherheit, Geschlecht und Minderheitenpolitik. Kritische Perspektiven auf die britische Antiterrorstrategie. Bielefeld: transcript. https://doi.org/10.14361/9783839439777 

Zitation: Barbara Grüning, Ingrid Jungwirth, Catharina Peeck-Ho im Interview mit Sandra Beaufaÿs: Ungleichheiten neu denken in einer komplexen sozialen Welt , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 30.06.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/ungleichheiten-neu-denken/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260630

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Prof. Dr. Barbara Grüning

Barbara Grüning ist Professorin für Soziologie der Kulturellen und Kommunikativen Prozessen an dem Institut für Soziologie und Sozialforschung der Universität Mailand-Bicocca. Ihre Forschungsgebiete sind Geschichte der Soziologie, Wissenssoziologie, Raumsoziologie, Soziologie des Körpers, sowie Comics Studies.

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Prof. Dr. Ingrid Jungwirth

Ingrid Jungwirth ist Professorin für Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Diversität und Inklusion an der Fakultät Gesellschaft und Ökonomie der Hochschule Rhein-Waal. Ihre Forschungsgebiete sind Mobilität und Migration, Gender and Diversity Studies, Arbeit und Gender sowie soziale Theorien.

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Dr. Catharina Peeck-Ho

Catharina Peeck-Ho ist Soziologin am Arbeitsbereich Soziologische Theorie am Institut für Soziologie der Leibniz Universität Hannover. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Citizenship Studies, Migration, Intersektionalität und soziale Bewegungen.

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Dr. Sandra Beaufaÿs

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Wissenstransfer sowie bei den Themen Geschlechterverhältnisse in Wissenschaft, Professionen und Arbeitsorganisationen.

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