Skip to main content
Headergrafik: Juhani Viitanen/istock

Unterscheiden und Herrschen ‚nach Köln‘

29. Mai 2018 Heike Mauer

Bereits ein flüchtiger Blick in die neuere Geschichte des Feminismus verdeutlicht, dass das Verhältnis von Rassismus, Sexismus und Feminismus ein ebenso komplexes wie kontroverses ist: Während Chandra Mohanty feministische Forschungen dafür kritisierte, koloniale Bilder über die ‚Dritte-Welt-Frau‘ zu konstruieren, beantwortete Susan Okin ihre rhetorische Frage Is multiculturalism bad for women? mit einem eindeutigen Ja. Okin plädierte für einen liberalen Feminismus, der individuelle Freiheitsrechte gegenüber kollektiven Zugriffen von (Minderheits-)Kulturen verteidigt.

Die aktuellen Debatten der feministischen Community über das Verhältnis von Rassismus und Sexismus kommen zumeist ohne historischen Rekurs aus. Sie werden aber in größter Schärfe öffentlich ausgetragen. Als Brennpunkt der Debatte erweisen sich hierbei konträre Interpretationen der Geschehnisse der Kölner Silvesternacht 2015 – ein Ereignis, das der Essay Unterscheiden und Herrschen von Sabine Hark und Paula-Irene Villa ebenfalls zum Anlass nimmt, die ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart zu analysieren.

Denken in Differenz

Hark und Villa wollen ihren Text nicht allein als wissenschaftliche Publikation, sondern zugleich als „Übung in kritischem Denken“ verstanden wissen, die „feministische Theorie mit sozialwissenschaftlichem Wissen, den postkolonialen Analysen, den Queer und Critical Race Studies sowie der Migrations-, Rassismus- und Grenzregimeforschung“ (S. 20) verbindet. Diese theoretische Basis fächern sie im einleitenden Kapitel mit dem Ziel auf, ein „Denken in Differenz“ (S. 123) und eine „Haltung zu entwickeln, die gleichermaßen epistemisch wie politisch ist“ (S. 123). Jedoch spart der Essay die Frage „nach der objektiven Wahrheit der Kölner Nacht“ (S. 11) bewusst aus. Stattdessen stehen der Diskurs ‚nach Köln‘ und dessen Effekte im Zentrum der Überlegungen: Nicht die tatsächlichen Geschehnisse in der Silvesternacht sind ihr Thema, sondern Köln als „Signatur“, als „Chiffre“, die „leer und aufgeladen zugleich“ ist und sich gerade deshalb dazu eigne, „als ordnende Kraft […] Diskurse auch rückwirkend zu verändern“ (S. 9).

Die Debatte ‚nach Köln‘

Der Essay richtet sich gegen jene (sprachlichen und medialen) Fundamentalisierungen, Versämtlichungen und Essentialisierungen, die ‚nach Köln‘ verstärkt den Diskursraum bestimmen. Hierzu untersuchen Hark und Villa anhand exemplarischer Beiträge die Debatte in der Tagespresse, die ‚Köln‘ bereits früh als „‚Nacht, die alles verändert‘“ (S. 35) in Szene gesetzt habe. Die Debatte ‚nach Köln‘ zeichnete sich, so Hark und Villa, durch einen „Ton der Veranderung“ (S. 37) aus, der eine manichäische ‚Wir-Sie‘-Unterscheidung aufgriff und verhärtete. Die konkreten Konturen des jeweiligen ‚Wirs‘ und der jeweils ‚Anderen‘ müssten dabei gerade aus einer historisierenden Perspektive als verschwommen und als changierend begriffen werden. Konkret stelle der Diskurs ,nach Köln‘ die „gefährlichen, zu Triebkontrolle unfähigen arabischen bzw. muslimischen Flüchtlinge“ (S. 42) dem Phantasma einer westlichen, liberalen und säkularen Bürger_innenschaft gegenüber, die zur Selbstregierung und zum Gebrauch ihrer Vernunft fähig sei. Wie Hark und Villa im dritten Kapitel darlegen, sind solche manichäischen Differenzkonstruktionen tief in der Bildsprache der Berichterstattung nach Köln sowie allgemeiner im kulturellen Repräsentationsregime der Mehrheitsgesellschaft verankert.

Femonationalismus

Dieser Hang zu manichäischen Dichotomisierungen macht auch vor einer feministischen Kritik nicht Halt, so die Autorinnen. Eine bestimmte Form des Feminismus – namentlich diejenige von Alice Schwarzer – trage zu einem rassistischen Diskurs bei, sodass eine „‚toxische Verflechtung‘“ (S. 79) zwischen antisexistischem und rassistischem Sprechen entstehe. Dies diskutieren Hark und Villa mithilfe des Konzeptes des ‚Femonationalismus‘ von Sara Farris, das feministische Themen mittels naturalistischer, familiaristischer, aber auch christlicher Perspektiven reartikuliert. Hark und Villa erkennen zwar explizit Unterschiede zwischen Schwarzers Feminismus und einer femonationalistischen Position an. Dennoch kritisieren sie Schwarzers Ignoranz gegenüber der rechtspopulistischen Aneignungen ihrer feministischen Sexismuskritik und werfen ihr zudem einen „falschen Universalismus“ sowie eine „ideologisierte Betrachtung des Islam und der Muslime und der Musliminnen“ (S. 89) vor. Schwarzers Feminismus zeichne sich deshalb durch eine „mindestens kulturessentialistisch[e], wenn nicht gar rassistisch zu nennende toxische Aufladung“ (S. 89) aus.

(Selbst-)Kritische Debatte?

Allerdings wird bei Unterscheiden und Herrschen nicht unbedingt deutlich, ob und wie ein nichtrassistisches Sprechen über das ‚Ereignis Köln‘ möglich wäre und welche normativen Kriterien zur Unterscheidung von rassistischer und nichtrassistischer Sexismuskritik herangezogen werden könnten. Dies liegt u. a. daran, dass sich die Autor_innen weder mit dem Tatgeschehen auseinandersetzen, noch sich auf die innermuslimische Kritik an islamspezifischen Elementen von Sexismus inhaltlich einlassen. Nicht zuletzt deshalb hinterlässt die Lektüre eine gewisse Ratlosigkeit. Einerseits wird die Notwendigkeit eines Austauschs, einer (selbst)kritischen Debatte und Reflexion betont, die sich auf die Positionen der Anderen einlässt. Zugleich steht dieser Anspruch in einem gewissen Widerspruch zu der gewählten Vorgehensweise einer Entlarvung rassistischer Diskurse.

Erfrischend ist deshalb das abschließende Kapitel, das in einer dialogischen Form als Gespräch zwischen den Autor_innen gestaltet ist. Hier gelingt es den Autor_innen, die jeweils eigenen Positionierungen zu den komplexen Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus deutlich zu machen Dieser Dialog, in dessen Verlauf auch Fragen und Unsicherheiten benannt werden, lädt auch die Lesenden zum Nachdenken ein.

Lesen Sie auch die ausführliche Rezension von Heike Mauer zu Hark/Villa „Unterscheiden und Herrschen“ in GENDER. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft (Heft 1/2018).

Headergrafik: Juhani Viitanen/istock

Dr. Heike Mauer

Heike Mauer, Dr., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Hochschul- und Gleichstellungsforschung, Intersektionalität sowie eine Politische Theorie des Rechtspopulismus.

Zeige alle Beiträge
Netzwerk-Profil Dr. Heike Mauer

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.