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Utopien // Wege zur inklusiven (Arbeits-)Welt

06. Juni 2019 Sascha Dresing

Ist Differenz ohne Herrschaft möglich? Ist eine Gesellschaft ohne Hierarchie möglich und wenn ja, wie? Oder: Kann jemand, der noch nie ein Pferd oder ein Tier mit einem Horn gesehen hat, sich ein Einhorn vorstellen? Was schwer vorstellbar ist, muss nicht unmöglich sein. Wir wissen aus der Physik und Mathematik, dass es die Unendlichkeit gibt, auch wenn das unsere Vorstellungskraft übersteigt. Entsprechendes gilt auch für gesellschaftliche Verhältnisse. Nur weil diese im Moment noch von vielen offenen oder manchmal auch subtilen Ungleichheiten und Benachteiligungen durchzogen sind, muss das nicht so bleiben. Wir können uns nur jetzt noch nicht konkret ausmalen, wie eine Gesellschaft ohne (symbolische) Herrschaft aussehen könnte.

Verantwortung, Schutz und Schwäche

Das sollte uns aber nicht davon abhalten, zumindest Ideen zu skizzieren. Viele, insbesondere Leser*innen dieses Blogs, denken jetzt vermutlich an die bestehende Geschlechterordnung. Was sich hierzu sagen ließe, trifft jedoch auch auf andere Herrschafts-/Differenzbeziehungen zu. Insbesondere auf solche, die an körperlichen Merkmalen festgemacht werden bzw. an scheinbar unveränderlichen individuellen Merkmalen und Voraussetzungen. Insbesondere die Leistungsfähigkeit spielt hier eine große Rolle: Die kapitalistische Gesellschaft setzt Individuen mit einem gewissen Maß an Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit voraus. Wer dieses Mindestmaß nicht erfüllt, wird schnell stigmatisiert und/oder muss mit Sanktionen rechnen. Man kann diesem Druck zwar durch ärztliche und andere Diagnosen (man denke z. B. an das Konzept der „verminderten Erwerbsfähigkeit“) entgehen, sich ihm entziehen oder ihn zumindest mildern. Je nachdem, wie diese Zuordnung konkret begründet und gerahmt wird, kann dies aber zugleich zu einem hohen Maß an Fremdbestimmung führen bzw. wird zur Legitimierung dieser herangezogen.

Beschützt oder fremdbestimmt?

So können Personen, die als nicht oder nicht in dem Maße als belastbar gelten, wie es der konventionelle Arbeitsmarkt erfordert, einen sog. „beschützten Arbeitsplatz“ in einer Behindertenwerkstatt erhalten. Da sie durch die Diagnose einer Schwerbehinderung häufig generell als besonders schutz- und betreuungsbedürftig gelten, bringt dies zugleich auch ein hohes Maß an Fremdbestimmung mit sich. Personen, die aufgrund einer solchen Diagnose in einer solchen Werkstatt beschäftigt sind, stehen überdurchschnittlich oft unter sog. gesetzlicher Betreuung. Zudem sind diese Werkstätten in einem Maße hierarchisch organisiert, das weit über die sonst üblichen Hierarchien in Unternehmen hinausgeht. In einer mir bekannten Werkstatt wurde diese Hierarchie terminologisch durch die Bezeichnungen „Beschäftigte“ für die beeinträchtigten Personen und „Mitarbeiter“ für das sonstige Personal markiert. Letztere sind dabei ersteren übergeordnet und haben umfassende Kompetenzen, die es ihnen ermöglichen, den Alltag der „Beschäftigten“ in einem weitaus größeren Maße zu kontrollieren, als dies üblicherweise einem Arbeitgeber gegenüber seinem Arbeitnehmer möglich ist. Das kann sehr persönliche Bereiche wie Arztwahl, Medikationen etc. betreffen.

Die Relativität von Stärke- und Schwächebegriffen

Wieso aber befinden sich dann so viele Menschen in  „geschützten Werkstätten“ in gesetzlicher Betreuung? Ist es nicht möglich, zu schützen, ohne zu bevormunden? Wie würde eine Gesellschaft, die wirklich offen und frei ist, mit diesem „Problem“ umgehen oder wäre es für sie überhaupt eines?

Zunächst ist festzuhalten, dass Begriffe wie „Schutzbedürftigkeit“ und „Belastbarkeit“ immer relativ bzw. relational sind, d. h. wer als wie stark „belastbar“ bzw. „schutzbedürftig“ gilt und wer nicht, ist immer auch eine Frage des kulturellen und sozialen Kontextes. Die wenigsten von uns könnten wohl den Belastungen prähistorischer Zeiten standhalten, ebenso wenig wüssten wir, wie wir mit akuten Bedrohungslagen jener Zeit umgehen müssten. Wir wüssten weder, wo und wie wir uns selbstständig Nahrung beschaffen, noch wie wir uns beim Angriff eines Säbelzahntigers oder anderer Raubtiere zu verhalten hätten. Ebenso wäre aber auch der Steinzeitmensch mit der Bedienung  einer Mikrowelle oder dem Einkauf im Supermarkt überfordert. Letzteres wohl schon deshalb, weil ihm jeglicher Bezug zu Geld als Zahlungsmittel fehlen würde. All diejenigen, bei denen in unserer Zeit und in dieser Kultur eine sog. Lese-Recht-Schreib-Schwäche diagnostiziert wurde, hätten vermutlich nie von dieser erfahren und es wäre erst recht nicht zum Problem geworden, wenn sie in einer schriftlosen Kultur oder Gesellschaft leben würden.

Abhängigkeit als anthropologische Grundkonstante

Was als Stärke und was als Schwäche gilt, ist also stark abhängig von den konkreten Anforderungen, die an das Individuum gerichtet werden und diese sind wiederum abhängig vom kulturellen und sozialen Kontext, in dem es sich bewegt. Beide, der Steinzeitmensch wie der heutige Mensch, hätten aber wohl nicht überlebt, wenn sie die einzigen Menschen auf der Welt wären. Wenn es also niemanden gegeben hätte, der sie mindestens in den ersten Lebensjahren versorgt hätte. Auch danach wäre dies oft schwierig. Möglicherweise bestünde also ein erster Schritt, der „Schutzbedürftigkeit“ ihr Stigma zu nehmen darin, sich einzugestehen, dass wir als Menschen alle bis zu einem gewissen Grad voneinander abhängig und aufeinander angewiesen sind. Die vermeintlich „besonders“ Schutzbedürftigen sind somit nicht die einzigen, die Unterstützung und vielleicht Schutz und Entlastung benötigen. Ist die Notwendigkeit von Unterstützung erst einmal raus aus der „Tabuzone“, so könnte eine gewisse „Augenhöhe“ (Symmetrie) hergestellt werden. Wir alle sind gleich darin, dass wir voneinander abhängig bzw. aufeinander angewiesen sind. Eine Gesellschaft, die sich dies eingesteht, ist möglicherweise auch bereit, Strukturen abzubauen, die diese Abhängigkeit bisher verschleiern.

Separierung zu wessen Schutz?

Zu diesen Strukturen gehört nach meinem Dafür-Halten auch die Separierung vermeintlich besonders Schutzbedürftiger. Sog. beschütze Werkstätten schützen nicht nur die dort Untergebrachten, sondern auch und gerade deren Umwelt. Ähnliches gilt für die Institution der geschlossenen Psychiatrie, Seniorenheime etc. Häufig wird argumentiert, insbesondere im Falle der geschlossenen Psychiatrie, diese Segregation bzw. Exklusion sei notwendig, um Menschen, die eine „Gefahr für sich und andere“ darstellen, „vor sich selbst“ bzw. vor deren Umwelt zu schützen. Gegen letzteres spricht jedoch, dass dort häufig auch Personen untergebracht sind, die gar keine unmittelbare Gefahr/Bedrohung für ihre Umwelt darstellen, z. B. depressive Menschen. Tervooren weist darauf hin, dass der Begriff der „Behinderung“ und die mit diesem Label einhergehende Legitimierung von Exklusion, der Konstruktion von Normalität dient (Tervooren 2003, 287ff). Indem alle, die zu offensichtlich von anderen abhängig und auf diese angewiesen sind, als „behindert“ also „normabweichend“ gelten, wird das Gegenteil, also Autarkie und Autonomie als Normalität konstruiert. Indem Abhängigkeit und mangelnde Autonomie zur Ausnahme, zur Krankheit, zum Sonderfall erklärt werden, werden Unabhängigkeit und Autarkie zur anthropologischen Grundkonstante verklärt.

Abhängigkeiten sichtbar machen

Ein erster Schritt zur Überwindung von Exklusion und Stigmatisierung des o.g. Personenkreises wäre also, die Abhängigkeit aller Menschen einzugestehen und Bedingungen zu schaffen, durch die Abhängigkeit ihr Stigma verliert. Wenn wir alle als gleichermaßen abhängig gelten würden, wäre dadurch eine Art Augenhöhe hergestellt, die die gegenwärtige Asymmetrie überwinden könnte. Dazu müssten Strukturen abgebaut werden, die gegenwärtig die Abhängigkeit der vermeintlich Normalen verschleiert. So ist ein Großteil der unsichtbaren Arbeit, von der insbesondere die westlichen Gesellschaften profitieren, größtenteils immer noch Frauenarbeit (vgl. Clara Arnolds Beitrag in diesem Blog). Eine Funktion dieser Unsichtbarkeit besteht wohl auch darin, die Abhängigkeit, insbesondere von Männern, von dieser unsichtbaren Arbeit zu verschleiern. Die sog. klassische „Frauenarbeit“ findet im Hintergrund statt, um gängige Männlichkeitsbilder, die die Autonomie des Mannes betonen, aufrechtzuerhalten. Sowohl Sexismus als auch Exklusion und Separierung bestimmter Menschen sollten daher gemeinsam betrachtet und das gängige Menschen- bzw. Männlichkeitsbild dahinter überwunden werden.

Literatur

Tervooren, Anja (2003). Phantasmen der (Un)Verletzlichkeit: Körper und Behinderung. In Petra Lutz, Thomas Macho, Gisela Staupe & Heike Zirden (Hrsg.), Der (im‐)perfekte Mensch. Metamorphosen von Normalität und Abweichung. Schriften des Deutschen Hygiene‐Museums Dresden, Bd.2 (S. 280–293). Köln: Böhlau.

Zitation: Sascha Dresing: Utopien // Wege zur inklusiven (Arbeits-)Welt, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 06.06.2019, www.gender-blog.de/beitrag/utopien-inklusive-arbeitswelt/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20190606

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Sascha Dresing

Sascha Dresing studiert an der Universität Bielefeld. Im Rahmen des Seminars "Geschlecht. Arbeit. Herrschaft" von Prof.in Diana Lengersdorf hat er sich mit anderen Kommiliton_innen im Wintersemester 2018/2019 intensiv mit der Frage von Utopie aus arbeitssoziologischer, geschlechtertheoretischer und herrschaftskritischer Perspektive auseinandergesetzt.

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