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Headergrafik: Foto: Florian Yeh

Verleihung des IphiGenia Awards – von Gendersensibilität, Seesternen und kritischen Designer*innen

27. November 2018 Johanna Forth

„No gender sensitive design without gender sensitivity – and no gender sensitivity without gender sensitive design.“ Mit diesen simplen, aber treffenden Worten leitete Prof. Dr. Uta Brandes am 8. November 2018 die Preisverleihung des IphiGenia Awards in Köln ein, der in diesem Jahr zum zweiten Mal vergeben wurde. Die Preisverleihung des internationalen Gender Design Awards fand erneut im Museum für Angewandte Kunst Köln – kurz MAKK – statt. Verliehen wird der Preis vom international Gender Design Network iGDN. Es war eine gelungene Veranstaltung, die wenig von einer trockenen und langatmigen Preisverleihung hatte. Das lag hauptsächlich an den spannenden Redner*innen und Moderator*innen, die das Publikum in einem zweisprachigen Mix aus Englisch und Deutsch mit interessanten Beiträgen und erheiternden Überleitungen durch den Abend führten.

Zu den Nominierten

Genau genommen, wurde am Abend der Awardverleihung nicht nur ein Preis überreicht, sondern gleich drei. Die Preise waren dabei nicht vom ersten bis zum dritten Platz gestaffelt, stattdessen wurde in den Kategorien „Evolution“, „Revolution“ und „Volition“-Nachwuchspreis jeweils ein eigener Award vergeben. Für das gendersensibelste Gesamtkonzept wurde dieses Jahr das Unternehmen AESOP in der Kategorie „Evolution“ ausgezeichnet. AESOP vertreibt sowohl über einen Onlineshop als auch in nicht virtuellen Geschäften, die mittlerweile weltweit ihre Standorte haben, Körperpflegeprodukte. Zur Entscheidung der Jury, AESOP zu nominieren, trug bei, dass das Unternehmen „Körper-Pflegeprodukte in ebenso gender-sensiblen wie architektonisch beeindruckend gestalteten Shops“ (vgl. Presseerklärung) vertreibt. Dabei wird unter anderem darauf verzichtet, eine Produktpalette zu schaffen, die sich mit unterschiedlichen Produkten an Männer und Frauen wendet. Es werden außerdem keine Produkte durch genderspezifisches Marketing vertrieben und Geschlechterstereotype auch beim Verpackungsdesign vermieden. In der Kategorie „Revolution“ gewinnt dieses Jahr das Digital- und Print-Magazin A Women’s Thing, das von Publizistinnen* und Designerinnen* in den USA betrieben wird und sich laut Selbstbeschreibung mit unkonventionellen Genderthemen beschäftigt. Zum feierlichen Anlass der Verleihung war Saskia Ketz, Founder und Editor-in-Chief bei A Women’s Thing, an diesem Abend extra aus New York City angereist. Der Nachwuchspreis in der Kategorie „Volition“ ging an Silvia Baum, Claudia Scheer und Lea Sievertsen. Die drei Studentinnen* der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) haben im Rahmen ihrer Masterarbeit das Projekt „notamuse“ ins Leben gerufen. Auf ihrer Website setzen sie sich mit dem männlich dominierten Designdiskurs auseinander und haben zu diesem mit weiblichen Rolemodels einen Gegenentwurf geschaffen. Für die Printfassung sammeln die Drei aktuell Geld und freuen sich über Unterstützung.

Gendersensibel bis ins Detail

Das international Gender Design Network hat sich Gendersensibilität nicht nur bei der Auswahl der Preisträger*innen auf die Fahne geschrieben. Mit Liebe zum Detail oder besser gesagt konsequentem Anspruch an eine gendergerechte Umsetzung ist dies auch bei Trophäen und Namensgebung bedacht worden. So wurde auf eine phallisch geformte Trophäe verzichtet, wie sie bei bekannten Awards sonst oft üblich ist. Stattdessen hat die Objektdesignerin Naama Agassi drei Trophäen entwickelt, die sich in ihrer Form und Oberfläche an Seesternen orientieren. Mehrere Arten dieser Unterwassertiere sind intergeschlechtlich, und durch die Gestaltung knüpft die Designerin einen binäre Geschlechterverhältnisse aufbrechenden Bezug an die Awards. Die Trophäen sind damit auf mehreren Ebenen eine passende Ehrung für die Preisträger*innen. Darüber hinaus liegt auch dem Namen des Awards eine kritische Auseinandersetzung mit Geschlecht zugrunde. IphiGenia ist angelehnt an die Geschichte der Iphigenie und an die, vorsichtig gesagt, progressiven Rollenbilder dieser Figur. Darüber hinaus bedeutet „iphi“ übersetzt aus dem Altgriechischen so viel wie „stark“. Der Begriff „genia“ bezeichnet die weibliche Form von „genus“, was sich wiederum mit „Geschlecht“ übersetzen lässt. Werden die beiden Wörter zusammengefügt, ergibt sich das „starke Geschlecht“ und dabei ist Geschlecht in weiblicher Form gehalten – ein schönes Wortspiel und gleichzeitig treffender Titel für diesen Award. Mit einem kleinen Augenzwinkern wiesen die beiden Moderator*innen darauf hin, dass sich zusätzlich das englische Wort „genius“ darin verbirgt und damit die Assoziation zum Genie ebenfalls gegeben sei.

Gender en vogue?

Für kluges Design ohne Stereotype stehen der Award und das iGDN. Damit ist das Netzwerk Teil eines zunehmenden Wandels hin zu einer stärkeren gesellschaftlichen Relevanz von gendergerechten oder -sensiblen Themen. Es geht dabei zum einen um die Sichtbarmachung von Designerinnen*, die sich mit einem männlich dominierten Designdiskurs konfrontiert sehen, zum anderen um das Design selbst. Und das ist dringend nötig. Denn wer sich in den Warenregalen umschaut, wird auf den ersten Blick feststellen, dass es nicht einfach ist, überhaupt etwas zu finden, was nicht mit binären, stereotypen Geschlechtervorstellungen arbeitet. Besonders betrifft das zum Beispiel Pflegeprodukte oder Produkte für Kinder – von Spielzeugen bis Kleidung. Ziel sollte es sein, dass nicht Geschlecht, sondern die Funktionen der Produkte relevant sind. Gendersensibles Design vermeidet es außerdem, soziale Ungleichheiten zu reproduzieren, und hinterfragt, ob eine Differenzierung nach Geschlecht sinnvoll ist – und das ist sie in vielen Fällen nicht. Die Awardverleihung reiht sich in diese Auseinandersetzung ein und fördert damit ein kritisches Umdenken bezüglich Design und Geschlecht. Und dabei ist wichtig, dass es sich um ein tiefgreifendes und umfassendes Umdenken handelt. Denn T-Shirt-Aufschriften wie „Fuck gender roles“ allein leiten noch lange keinen emanzipatorischen Umgang mit Gender ein.

 

2017 haben Uta Brandes und Sigrid Metz-Göckel einen Heftschwerpunkt der Zeitschrift GENDER zum Thema Gender und Design herausgegeben.

Headergrafik: Foto: Florian Yeh

Johanna Forth

Johanna Forth ist wissenschaftliche Hilfskraft der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Außerdem studiert sie den Gender Studies Master an der Ruhr-Universität in Bochum.

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