14. Juli 2026 Sandra Beaufaÿs
Kürzlich stieß ich unverhofft auf einen Artikel mit dem Titel „How astrophysics helped me embrace my nonbinary gender identity“. Überrascht war ich weniger über die Themenkombination, die in meinem Berufsalltag nicht so ungewöhnlich ist, sondern vielmehr über die Platzierung in der ‚High-Impact‘-Zeitschrift Science. Der Fund regte mich dazu an, Details über die Editorial Policies und Positionierungen hochrangiger naturwissenschaftlicher Fachzeitschriften zutage zu fördern. Es zeigt sich, dass auch besonders sichtbare naturwissenschaftliche Journals – namentlich Science und Nature – (geschlechter)politisch Position beziehen.
Science und Nature im Wandel
Science und Nature gehören zu den ältesten und renommiertesten Fachzeitschriften im Bereich Naturwissenschaften, beide wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Nature erschien erstmals 1869 in Großbritannien, 1880 folgte die US-amerikanische Science. Beide entwickelten sich zu den meistgelesenen und am häufigsten zitierten Peer-Reviewed-Journals der Welt. Mindestens einmal in Nature zu publizieren, ist das Ziel aller aufstrebenden Naturwissenschaftler_innen. Die Redaktionen haben sich mit der Zeit, wenn auch langsam, gewandelt. So hat Nature seit 2018 erstmals in seiner Geschichte eine Chefredakteurin. Bei Science, das aufgrund seiner Herausgabe durch die American Association for the Advancement of Science (AAAS) eine etwas komplexere Führungsstruktur aufweist, sind genau die Hälfte der leitenden Editors Frauen.
Auf der Website von Nature richten sich gleich die ersten Sätze unter „History of Nature“ an ein Publikum, das gewohnt ist, Diskriminierung als solche zu erkennen:
„Nature’s archive […] includes some images, articles and language that by twenty-first-century standards are offensive and harmful, including sexist, racist and other discriminatory content. This content does not represent Nature’s current values and would be unacceptable to publish today.”
Bei Science fehlen ähnlich sensibilisierende Hinweise auf die eigene Geschichte, beide Zeitschriften haben aber in ihren Policy Statements Passagen zum Thema „Diversity, Equity, and Inclusion“ (DEI) verankert.
Vom „Können“ und „Sollen“: Editorial Policies
In den Policy Statements von Science findet sich ein Unterpunkt zur Förderung von Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion, der sich sowohl auf die Seite der Autor_innen als auch auf gutachterliche und redaktionelle Tätigkeiten sowie auf die eigenen Mitarbeitenden bezieht. Eher allgemein wird verwiesen auf die Werte, die von der AAAS vertreten werden und auf die DEI-Aktivitäten der Organisation, festgehalten in einem öffentlich zugänglichen Jahresbericht, dem Inclusivity for Excellence Report. Potenziellen Autor_innen wird signalisiert, dass sie im Abschnitt „Danksagungen“ ihre eigene Positionalität angeben („e.g., One or more authors identify as…“) und DEI-Fragen im Rahmen des Studiendesigns begrenzten Platz („200 words“) einräumen können. Auch wird betont, dass die Erwähnung von DEI-Aspekten sich nicht auf die Beurteilung des eingereichten Manuskripts auswirke.
Bei Nature sind die Editorial Policies zu DEI unter dem etwas blumigen Header „Principles of scholarly freedom and scholarly responsibilty“ versteckt. Dort werden jedoch ausführliche, direktive Hinweise für Autor_innen gegeben, die zu oder mit Menschen forschen („authors should …“; Herv. S. B.). Kategorisierungen wie „race, ethnicity, national or social origin, sex, gender identity, sexual orientation, religion, political or other beliefs, age, disease, (dis)ability, socio-economic status” werden als soziale Konstruktionen ausgewiesen. Die Konstruiertheit von race wird besonders hervorgehoben und es wird deutlich unterstrichen, dass die Forschung auch methodologisch und methodisch daran auszurichten sei. Zum Umgang mit Geschlecht und sexueller Orientierung in der Forschung wird auf die SAGER-Richtlinien verwiesen. Ausdrücklich wird gesagt, dass sexistische und misogyne sowie LGTBIQ-feindliche Inhalte „kritikwürdig“ bzw. „anstößig“ (objectionable) seien. Die Herausgeber_innen behalten sich unabhängig von anders urteilenden Gutachter_innen oder Ethikkommissionen vor, von Autor_innen Änderungen einzufordern, Beiträge abzulehnen oder sogar nach Veröffentlichung zurückzuziehen.
Wissenschaftliche Publikationen und ihr politisches Umfeld
Kann die unterschiedliche Rigorosität, mit der die Zeitschriften ihre DEI-Statements vorbringen, auf das jeweilige gesellschaftspolitische Umfeld zurückgeführt oder darin verortet werden? Über die Art, wie sie ihre Vorworte gestalten, lässt sich einer Studie zufolge auf eine (unterschiedliche) politische Positionierung von Science und Nature schließen. Das hat ein britisches Forscher_innenteam anhand des Themas „Klimawandel“ für beide Zeitschriften im Vergleich gezeigt (Hulme et al. 2018).
Dabei wurde deutlich, dass die jeweiligen editorialen Positionierungen zum Thema „Klimawandel“ die Situation im US-Kontext und im europäischen Raum widerspiegelten bzw. darauf reagierten. Während im europäischen Kontext offenbar selbstverständlich vorausgesetzt wurde, dass das Phänomen überhaupt existiert und in Nature daher Strategien und Lösungen fokussiert wurden, stand im amerikanischen Kontext für Science-Redakteur_innen im Vordergrund, das Problem überhaupt an die Öffentlichkeit zu vermitteln. Kurz gesagt, zeigt die Studie von Hulme et al., dass wissenschaftliche Journale sich aus dem politischen Umfeld, in dem sie publizieren, nicht heraushalten (können), sondern dass dieses Umfeld beeinflusst, wie Themen lanciert werden – und umgekehrt Journals ihren Einfluss nutzen, um auch politische Apelle zu platzieren.
Auch zu DEI haben sich die Zeitschriften – dezidiert befürwortend – geäußert, bspw. im Vorwort von Nature Computational Science und in der Rubrik Expert-Voices von Science. Letztere reagierte damit auf die unmittelbar nach der Wiederwahl von Donald Trump im Januar 2025 durch die US-Administration verabschiedete Executive Order „Ending Radical and Wasteful Government DEI Programs and Preferencing“.
Karriere-Rubriken im Licht von Diversity, Equity & Inclusion
Redaktionelle geschlechterpolitische und DEI-Positionierungen finden sich außerdem in den Career-Sections von Science und Nature. Beide Journals veröffentlichen berufsbiografische Artikel, in denen individuelle Karrierewege von Forschenden vorgestellt werden.
Science geht hierbei vielfach auf die Karrieren von Frauen ein und lässt Wissenschaftlerinnen sprechen, so bspw. in dem Beitrag „To succeed in my Ph.D., I had to rethink my mother’s story“. Diversität wird bei diesem Beitrag zusätzlich suggeriert über die Headergrafik, die eine Muslimin mit Hijab zeigt. Auch in „I may not ‘look like’ a professor, but now I know I belong“ wird eine intersektionale Perspektive vorgestellt. Eine Professorin schildert in dem Beitrag ihre Statuskämpfe vor dem Hintergrund ihrer Herkunft: „As a petite, 34-year-old Indian woman working at a U.K. university, I do not fit the usual archetype of authority.”
In der Career-Sektion von Nature gibt es die Serie „Working scientists profiles“. Einzelne Wissenschaftler_innen mit „ungewöhnlichen Karrierewegen, Erfolgen, Fähigkeiten oder Interessen außerhalb der Arbeit“ werden hier portraitiert: Ein Erfinder adaptiver Technologie teilt seine Mission, das Leben für die „disability community“ einfacher zu machen, eine australische Forscherin erklärt „Why I made a river my co-author“ und eine Meereswissenschaftlerin bekennt im Interview „I paused my PhD for 11 years to help save Madagascar’s seas“. Die Beiträge zeigen Forschende und ihre Arbeit, allerdings gerade nicht stromlinienförmige Big Shots und Nobelpreisträger_innen. Es wird offensichtlich eine empowernde Absicht verfolgt.
Was Fachzeitschriften tun können, um Vielfalt zu ermöglichen
Beide Zeitschriften orientieren sich in ihren Policies und Veröffentlichungen vermutlich an den Empfehlungen des Council of Science Editors zu „Diversity, Equity, and Inclusion in Scholarly Publishing“. Der Rat empfiehlt verschiedene Schritte, die Herausgeberinnen unternehmen können, um für ihre Fachblätter disziplinäre, ethnische, institutionelle und geografische Diversität sowie Geschlechtervielfalt zu erreichen.
Die empfohlenen Maßnahmen gehen jedoch weit über ein reines Bekenntnis hinaus. Es wird bspw. darauf hingewiesen, dass eine Vertretung der DEI-Belange nicht bei einer einzigen Person zusammenlaufen kann, sondern sich auf Führungskräfte, Mitherausgebende, Mitglieder des Redaktionsbeirats, Peer-Reviewer_innen und Mitarbeitende erstrecken sollte. Alle sollten proaktiv daran mitwirken, die Repräsentation zu erweitern. Dabei sollte auch auf Rückmeldungen von verschiedenen Seiten reagiert werden, um ggf. bestimmte Praktiken oder Richtlinien anzupassen. Es gelte zu verhindern, dass eine eingeschränkte Perspektive in Wissenschaft und Redaktionspraxis die Entscheidungen und die veröffentlichten Inhalte dominiere.
Die wohl wichtigste Maßnahme ist, realistische Ziele, Vorgaben und Maßstäbe festzulegen, um überhaupt Fortschritte und Verbesserungsmöglichkeiten hinsichtlich DEI messen zu können – und dann eben auch zu messen und die Ergebnisse transparent zu kommunizieren. Denn sonst bleibt es bei dem hehren Ziel, eine faire Vertretung von unterschiedlichen Perspektiven zu gewährleisten.
Literatur
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Ghai, Sakshi (2026). I may not ‘look like’ a professor, but now I know I belong. Science Careers, 04.06.2026. https://doi.org/10.1126/science.z11x6bu
Hulme, Mike, Obermeister, Noam, Randalls, Samuel & Borie, Maude (2018). Framing the challenge of climate change in Nature and Science editorials. Nature Clim Change 8, 515–521. https://doi.org/10.1038/s41558-018-0174-1
Khaled, Houda (2026). To succeed in my Ph.D., I had to rethink my mother’s story. Science Careers, 11.06.2026. https://doi.org/10.1126/science.zl7zahd
Ogdan, Lesie Evans (2026). Why I made a river my co-author. Nature Career Feature, 30.03.2026. https://doi.org/10.1038/d41586-026-00973-3
Rasmussen, Kaitlin (2022). How astrophysics helped me embrace my nonbinary gender identity—in all its complexity. Science Careers, 18.08.2022. https://doi.org/10.1126/science.caredit.ade4593
Udesky, Laurie (2026). My mission to make life more user friendly for the disability community. Nature Career Feature, 09.02.2026. https://doi.org/10.1038/d41586-026-00389-z
Zitation: Sandra Beaufaÿs : Vielfältige Perspektiven in naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften? , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 14.07.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/vielfalt-in-fachzeitschriften/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260714
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