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Wahlfamilie Xenomorph – queere Metaphern in Alien: Earth (2025)

03. Februar 2026 Max Königshofen

Transition ist kein Fremdwort für die Protagonist*innen der Science-Fiction-Serie Alien: Earth, der neuesten Ergänzung zum Universum von Ridley Scotts Genreklassiker Alien (1979). Im Fokus des Spin-offs steht weniger der ikonische Xenomorph – die „fremde Form“, die einst der schweizerische Surrealist HR Giger entwarf, sondern eine Gruppe ehemals todkranker Kinder, denen von einem Trillionär mit Gottkomplex zu neuen, synthetischen Körpern verholfen wurde. Aus dieser Prämisse ergeben sich unter anderem queer codierte Fragen über Körperlichkeit, medizinische Eingriffe, Selbstbestimmung, Familie und Zugehörigkeit.

Märchenhafte Dystopie

Trillionär Boy Kavalier ist selbsternanntes Wunderkind und CEO der Prodigy Corporation, eines der fünf Megaunternehmen, die die Erde und das kolonisierte Sonnensystem im Jahre 2120 unter sich aufgeteilt haben. Hinter seinem Experiment an den Kindern, denen er im Zuge ihres Bewusstseinstransfers Namen aus Peter Pan gibt, verbirgt sich keine Philanthropie, sondern wirtschaftliches Interesse: Die „Hybriden“ aus menschlichem Bewusstsein in synthetischen Körpern sind der Versuch der Prodigy Corp., das Rennen der Megaunternehmen um eine funktionierende Unsterblichkeitstechnologie zu gewinnen.

Das erste Kind, das diese Verwandlung zur hybriden Lebensform vollzieht, ist die an Krebs erkrankte elfjährige Marcy. Ihr wird von Kavalier der Name Wendy zugedacht, in Anspielung auf das Lieblingskind Peter Pans (in dem er sich wiederum selbst sieht). Bald darauf folgen Marcy fünf weitere Kinder, die ihre alten Namen zusammen mit ihren todkranken Körpern ablegen und stattdessen Nibs, Tootles, Slightly, Curly und Smee getauft werden. Gemeinsam leben diese Auserwählten in artifiziellen Erwachsenenkörpern unter strenger Überwachung auf Kavaliers abgelegener Privatinsel Neverland.

Wie trans* ist Transhumanismus?

Der Hybridisierungsprozess wird von den Charakteren der Serie explizit als „Transition“ bezeichnet (Abb. 1) und bietet auch darüber hinaus zahlreiche Parallelen zu Queerness und Transgeschlechtlichkeit. Im Science-Fiction-Genre – etwa in Neuromancer von William Gibson, unzähligen Star-Trek-Episoden oder in Videospielen wie Cyberpunk 2077 – kehrt das Motiv des Transhumanismus immer wieder. Menschen werden in diesen Erzählungen durch medizintechnische Eingriffe, Implantate, Neurochips etc. modifiziert und dadurch gezwungen, ihr eigenes Selbstverständnis neu zu verhandeln. Neben oft fragwürdigen Heilungsfantasien im Kontext von chronischer Krankheit und Behinderung (Shew 2020) spiegeln Narrative über medizintechnische Körpermodifikation immer auch Erfahrungen von vielen trans* und nichtbinären Menschen mit ihrer eigenen Körperlichkeit wider.

Abb. 1: Boy Kavalier erklärt Marcy sein Unsterblichkeitsrezept. Was er ihr vorenthält, ist, dass sie durch die Prozedur zum Gegenstand wird und in sein Eigentum übergeht. © Disney/FX Networks

Abb. 1: Boy Kavalier erklärt Marcy sein Unsterblichkeitsrezept. Was er ihr vorenthält, ist, dass sie durch die Prozedur zum Gegenstand wird und in sein Eigentum übergeht. © Disney/FX Networks

Physische Abhängigkeiten

Alien: Earth bedient sich ebenfalls am transhumanistischen Cyberpunk-Subgenre und zimmert daraus seine eigene dystopische Perspektive auf das Recht am eigenen Körper in einer hyperkapitalistischen, corporatokratischen Welt (Shaw 2008): Statt eines hippokratischen Gesundheitssystems, das Menschen allein um ihrer selbst willen behandelt, werden die Kinder von Boy Kavalier vor die vermeintlich freie Wahl gestellt, entweder an ihren schweren Krankheiten zu sterben, oder in neue Körper zu transitionieren, die allerdings Eigentum der Prodigy Corporation sind. Diesen Besitzanspruch nutzt Kavalier in der Serie immer wieder aus, um den Wunsch der Kinder nach Selbstbestimmung zu missachten und frei über ihre übermenschlichen Fähigkeiten zu verfügen.

Neben feministischen Diskursen über körperliche Selbstbestimmung, die hier indirekt aufgegriffen werden, können auch viele genderqueere, trans* und nichtbinäre Zuschauer*innen potenziell Zusammenhänge zu eigenen Erfahrungen mit Gesundheitssystemen herstellen: Selbst wenn der Zugang zu einer geschlechtsaffirmierenden Transition, etwa durch Hormontherapie, gegeben ist, wird von der transitionierenden Person verlangt, sich in eine extrem hierarchische Abhängigkeit von einem System zu begeben, das es angeblich gut mit ihr meint, in dem ihr allerdings viele machtvolle Akteur*innen (Ärzt*innen, Apotheker*innen, Psychotherapeut*innen) Unverständnis bis offene Ablehnung entgegenbringen und besagtes Abhängigkeitsverhältnis nicht selten ausnutzen (Puckett et al. 2018).

Gesellschaftliche Erwartungen vs. Selbstdefinitionen

Im Verlauf der acht Episoden von Alien: Earth gibt es zahlreiche Momente, die queere Interpretationen zulassen (Clements 2025), aber gerade in der letzten Folge sticht eine Szene besonders hervor: Hier unterhält sich die Protagonistin Marcy bzw. Wendy mit ihrem Bruder Joe über die Implikationen ihres neuen Körpers für ihre Selbstwahrnehmung: „I don’t know what I am. I’m not a child. I’m not a grown-up. I’m not Marcy. I’m not Wendy. And I can’t be what everyone wants me to be“ (Abb. 2). 

Abb. 2: „I don’t know what I am. I’m not a child. I’m not a grown-up. I’m not Marcy. I’m not Wendy. And I can’t be what everyone wants me to be.“ © Disney/FX Networks

Abb. 2: „I don’t know what I am. I’m not a child. I’m not a grown-up. I’m not Marcy. I’m not Wendy. And I can’t be what everyone wants me to be.“ © Disney/FX Networks

An diesem kritischen Punkt am Ende der ersten Staffel emanzipiert sich die Figur, die wir als Zuschauer*innen erst als Marcy, dann als Wendy kennengelernt haben, von den (auch gegenderten) Erwartungshaltungen, die zwei andere Hauptfiguren an sie stellen. Beide sind – sicher nicht zufällig – cis Männer, wobei der eine ihr mehr, der andere weniger wohl gesonnen ist. Einerseits ist da der tyrannische CEO Kavalier, der Wendy als Werkzeug, Waffe und vor allem als sein Eigentum betrachtet, aber auf der anderen Seite auch Joe, der seine jahrelang tot geglaubte Schwester Marcy zurückhaben möchte, und feststellen muss, dass Wendy zwar nicht Wendy sein will, aber dass Marcy auch nicht länger Marcy ist, und sich nicht in ihre ehemalige Form zurückzwängen kann und möchte, sondern ihre Identität neu aushandelt. Auch hier sind Metaphern für trans* Erfahrungen mit gesellschaftlichen und familiären Ansprüchen, insbesondere mit alten und neuen Namen, unübersehbar – es sei denn, man will sie nicht sehen.

Queere Vorfahren und außerirdische Seelenverwandte

Und das titelgebende Alien, ist es für den Plot etwa völlig irrelevant? Wer diese Kritik an Alien: Earth herantragen würde, müsste wohl auch Ridley Scotts Original von 1979 für Etikettenschwindel halten. Denn auch damals war – allein schon aus Budgetgründen – nicht der Xenomorph Protagonist des Weltraumhorrortrips, sondern Sigourney Weaver als heute legendäre Sci-Fi-Heldin (und schon damals implizit queere Ikone) Ellen Ripley (Barton 2020), die dem extraterrestrischen Raubtier mit viel Mut und Klugheit die Stirn bietet, und am Ende nicht nur sich selbst, sondern auch noch eine Katze rettet. Slay, Queen.

Anders als im Original und den meisten anderen Filmen der Reihe geht die Rolle des Xenomorphen in Alien: Earth sogar über die des an der Decke lauernden, säuretriefenden Monsters hinaus. Denn als das Alien im Laufe der Handlung auf Boy Kavaliers Privatinsel eintrifft, lernt Marcy bzw. Wendy bzw. someone new?, sein Klicken und Gurren nicht nur zu verstehen, sondern auch sich selbst in dessen Sprache verständlich zu machen. Vielleicht ist die offensichtlichste queere Metapher in Alien: Earth die Fähigkeit der Protagonistin, in Missverstandenen, Außenseiter*innen und anderen „fremden Formen“ Seelenverwandte, eine chosen family zu finden (Abb. 3). 

Abb. 3: Wendy und der Xenomorph: What if our real family is the hybrid and extraterrestrial friends we made along the way? © Disney/FX Networks

Abb. 3: Wendy und der Xenomorph: What if our real family is the hybrid and extraterrestrial friends we made along the way? © Disney/FX Networks

Bitterer Nachgeschmack

Aus der Perspektive von genderqueeren, nichtbinären und trans* Zuschauer*innen, die diese Codierung sicher am schnellsten entziffern, kann sich wiederum eine gut nachvollziehbare Kritik ergeben (Rodríguez-Grey 2025): All dieser Subtext mag schön und gut gemeint sein, aber fliegt eben auch immer knapp unter dem Radar eines in Teilen konservativen und queerfeindlichen Publikums; gerade in einem Nerd-Genre wie Science-Fiction, in dem es von antifeministischen und queerfeindlichen cis Bros wimmelt. Warum nicht Dinge beim Namen nennen, im transfeindlichen Klima der trumpistischen USA Stellung beziehen und sich solidarisch erklären, etwa durch echte trans* oder genderqueere Repräsentation in einer der meistgesehenen Serien des Jahres 2025? Das haben Showrunner Noah Hawley und sein Team sich wohl nicht getraut – oder die Wichtigkeit einer solchen Repräsentation, gerade in einem Genre, das eine Zukunft der Menschheit imaginiert, unterschätzt.

Literatur

Barton, Michaela (2020): How ‘Alien’ (1979) Queered the Binaries of Traditional Gender. In: Flip Screen. https://flipscreened.com/2020/08/18/how-alien-queered-the-binaries-of-traditional-gender/, abgerufen am 17.11.2025.

Clements, Sara (2025): 'Alien: Earth' Review: The Franchise Evolves into a Bold, Queer Story With a Terrifying Trip to Neverland. In: Peliplat. https://www.peliplat.com/en/article/10074444/alien-earth-review-the-franchise-evolves-into-a-bold-queer-story-with-a-terrifying-trip-to-neverland, abgerufen am 17.11.2025.

Puckett, Jae A.; Cleary, Peter; Rossmann, Kinton; Mustanski, Brian & Newcomb, Michael E. (2018): Barriers to Gender-Affirming Care for Transgender and Gender Nonconforming Individuals. In: Sexuality Research & Social Policy, 15 (1), S. 48–59. https://doi.org/10.1007/s13178-017-0295-8 

Rodríguez-Grey, Jaina (2025): ‘Alien: Earth’ is Terrified of its Own Queerness. In: Strapped. https://strapped.news/alien-earth-is-terrified-of-its-own-queerness/, abgerufen am 17.11.2025.

Shaw, Hillary J. (2008): The Rise of Corporatocracy in a Disenchanted Age. In: Human Geography, 1 (1), S. 1–11. https://doi.org/10.1177/194277860800100113 

Shew, Ashley (2020): Ableism, Technoableism, and Future AI. In: IEEE Technology and Society Magazine, 39 (1), S. 40–85. https://doi.org/10.1109/MTS.2020.2967492 

Filmverzeichnis

Alien (USA 1979, Regie: Ridley Scott).

Alien: Earth (USA 2025, Regie: Noah Hawley).

Abbildungsverzeichnis und Rechteerklärung

Abb. 1: Boy Kavalier erklärt Marcy sein Unsterblichkeitsrezept. Was er ihr vorenthält, ist, dass sie durch die Prozedur zum Gegenstand gemacht wird und in sein Eigentum übergeht. Screenshot aus Alien: Earth, Episode 1. © Disney/FX Networks.

Abb. 2: „I don’t know what I am. I’m not a child. I’m not a grown-up. I’m not Marcy. I’m not Wendy. And I can’t be what everyone wants me to be.“ Screenshot aus Alien: Earth, Episode 8. © Disney/FX Networks.

Abb. 3: Wendy und der Xenomorph: What if our real family is the hybrid and extraterrestrial friends we made along the way? Screenshot aus Alien: Earth, Episode 8. © Disney/FX Networks.

Alle genutzten Abbildungen sind unveränderte Screenshots der Disney/FX Networks-Produktion Alien: Earth und werden hier im Rahmen des Zitatrechts im wissenschaftlichen Kontext nach § 51 UrhG reproduziert.

Zitation: Max Königshofen: Wahlfamilie Xenomorph – queere Metaphern in Alien: Earth (2025), in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 03.02.2026, www.gender-blog.de/beitrag/wahlfamilie-xenomorph-alien-earth/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260203

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: muratart/stock.adobe.com

Max Königshofen

Max Königshofen (keine/they/er) studiert im 2-Fach-Master Gender Studies und Medienwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Darüber hinaus arbeitet Max als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Gender Media Studies unter besonderer Berücksichtigung von Diversität bei Prof.in Dr.in Julia Bee, ebenfalls an der RUB. Max forscht an der Schnittstelle von Medien und sozialen Gerechtigkeitsfragen und schreibt derzeit eine Masterarbeit über Antifaschismus in Videospielen.

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Kommentare

Katharina Tolle | 04.02.2026

Danke vielmals! Die Serie ist komplett an mir vorbei gegangen, insofern war die Einordnung für mich auch ein Filmtipp.

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