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Weltfrauenkonferenz in Peking – 30 Jahre später

09. September 2025 Rita Schäfer

Im September 1995 fand die Weltfrauenkonferenz in Peking statt. Dieser Beitrag erläutert Hintergründe und Folgen, insbesondere mit Blick auf Südafrika. Denn dortige Aktivist*innen brachten wichtige Forderungen in die Konferenz ein und halten Erinnerungen an dieses frauenpolitisch wichtige Ereignis bis heute wach.

Aktionsplan für Frauen-Empowerment

Zehn Jahre nach der Weltfrauendekade (1976–1985) der Vereinten Nationen, die mit der Weltfrauenkonferenz in Nairobi, Kenia, endete, kamen über 6.000 offizielle, zumeist männliche Delegierte – also Regierungsvertreter – zur Folgekonferenz in die chinesische Hauptstadt. 189 Staaten votierten für die Abschlusserklärung von Peking und den Aktionsplan zu Frauen-Empowerment und Geschlechtergerechtigkeit. Dieser enthielt inhaltliche Forderungen, die regional und international vernetzte Aktivist*innen erhoben hatten.

Zu den zentralen Handlungsfeldern im Aktionsplan zählten Überwindung von Armut und geschlechtsspezifischer Gewalt, Verbesserung von Bildung, Gesundheit und politischer Partizipation sowie Etablierung institutioneller Mechanismen zur Frauenförderung. Weitere Themen waren Medien, Umwelt und Kriege/bewaffnete Konflikte. Hinzu kamen der Schutz von Mädchen vor Diskriminierung und Gewalt und die Verbesserung ihrer Rechte sowie der Frauenrechte insgesamt. Völkerrechtliche Bezugsrahmen waren bestehende internationale Vereinbarungen zu Frauen-/Menschenrechten.

Afrikanische Aktivist*innen für Frieden

Zivilgesellschaftlich organisierte Frauenrechtsorganisationen hatten sich über Jahre dafür stark gemacht, Gewalt gegen Frauen als politisches Problem anzugehen, wobei vor allem Afrikaner*innen die Auswirkungen von kolonialer Gewalt und Kriegen thematisierten. Schließlich waren Länder wie Namibia 1985 noch nicht politisch unabhängig und wurden vom hochgradig militarisierten Apartheidstaat Südafrika in Stellvertreterkriege im Kontext des Kalten Krieges verwickelt. Die Leidtragenden der Kampfhandlungen waren vor allem Frauen in ländlichen Regionen, da Tretminen an Pfaden zu Brunnen oder Feldern gelegt wurden.

Deshalb hatte das Motto der Weltfrauendekade „Gleichheit, Entwicklung und Frieden“ einen hohen Stellenwert, insbesondere die friedenspolitischen Forderungen der Weltfrauenkonferenz in Nairobi und Geschlechtergerechtigkeit in Nachkriegsgesellschaften als ein Kernpunkt der Aktionsplattform 1995 im südlichen Afrika. Dortige feministische Aktivist*innen brachten diese Anliegen auf die internationale Agenda. Die Forderung nach der Mitwirkung von Frauen in Friedensprozessen im Abschlussdokument der Nairobi-Konferenz 1985 zählt ausdrücklich dazu.

Südafrikaner*innen für Frauenrechte und Geschlechtergerechtigkeit

Federführend waren Südafrikaner*innen, die den Militarismus, bspw. Kriegshandlungen der südafrikanischen Armee in Nachbarländern, ablehnten. Sie hatten selbst über Jahrzehnte unter dem weißen, rassistischen Apartheidregime gelitten. Denn staatliche Sicherheitskräfte wollten den Widerstand Schwarzer Regimegegner*innen mit sexualisierten Übergriffen brechen. Die Aktivist*innen verlangten umfassende politische und legale Strukturreformen zur Beendigung der Mehrfachdiskriminierung auf der Basis von race, class und gender, zumal vor allem Schwarze, ökonomisch marginalisierte Frauen von multiplen Gewaltformen und systematischen Benachteiligungen betroffen waren.

Die Ende April 1994 demokratisch gewählte Regierung unter Nelson Mandela wollte einen grundlegenden Wandel und unterzeichnete die Abschlussvereinbarung der Weltfrauenkonferenz in Peking im September 1995. Zudem ratifizierte sie zahlreiche Deklarationen der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union zu Frauen- und Menschenrechten. Sie verstand sich als Vorreiterin von Frauen-Empowerment und Geschlechtergleichheit, deshalb verabschiedete sie darauf abzielende politische Leitlinien und richtete Gremien und Kommissionen zur Institutionalisierung von Gender Mainstreaming ein (Schäfer 2024). Zwar erwies sich die Umsetzung in den Folgejahren als schwierig, was Südafrikas offizielle Berichte zur eigenen Frauen-/Gender-Politik detailliert und transparent dokumentieren (siehe bspw. Government of South Africa 2024). Dennoch bot die Phase der demokratischen Wende Mitte der 1990er-Jahre mit der Ausrichtung auf internationale (Frauen-)Rechtsstandards zivilgesellschaftlich organisierten Feminist*innen Chancen zur politischen Mitgestaltung.

Beverley Palesa Ditsie für Frauenrechte von Lesben

Diese Chance nutzten lesbische Aktivist*innen, richtungsweisend war Beverley Palesa Ditsie, die gleichzeitig auch als Schwarze Anti-Apartheidkämpfer*in im Großraum Johannesburg wirkte. Sie war im infrastrukturell schlecht ausgestatteten und von Polizeigewalt immer wieder erschütterten Township Soweto aufgewachsen und Gründungsmitglied der Gay and Lesbian Organisation of the Witwatersrand (GLOW). Diese Organisation einte Aktivist*innen aller Hautfarben, die auch gegen das Apartheidregime protestiert hatten und im Zuge der demokratischen Wende gemeinsam in einem Netzwerk Gleichgesinnter erfolgreich die Verankerung der Rechte von sexuellen Minderheiten in der neuen südafrikanischen Verfassung einforderten (Cock 2003).

In Südafrika und auf internationaler Ebene argumentierte Beverley Palesa Ditsie „lesbische Rechte sind Frauenrechte“. Als Interessenvertreter*in der International Gay and Lesbian Human Rights Commission und fünfzig weiteren Organisationen von sexuellen Minderheiten forderte sie in ihrer Stellungnahme während der Weltfrauenkonferenz 1995 den Schutz vor Diskriminierung und Gewalt für alle Frauen, ausdrücklich auch für Lesben. Dazu veranschaulichte sie Rechtsverletzungen, beispielsweise Angriffe auf das Recht zu leben und auf körperliche Unversehrtheit sowie multiple Gewaltformen. Ihre argumentative Bezugnahme auf UN-Menschenrechtsvereinbarungen ist im Unterschied zu weiteren Reden von Lesben während UN-Frauenkonferenzen offiziell dokumentiert.

Globale Solidarität von Lesben für Lesben

Lesbische Aktivist*innen aus aller Welt hatten sich im konferenzbegleitenden Forum von Nichtregierungsorganisationen für eine eigene Stellungnahme abgesprochen, ihr Austausch fand im „Zelt der Lesben“ statt, das von chinesischen Geheimdienstmitarbeitern besonders aggressiv und kritisch beobachtet wurde. Das zeigt Ditsie, die seit etlichen Jahren als Filmemacherin arbeitet, in ihrem Dokumentarfilm „Lesbians Free Everyone – The Beijing Retrospective“ (2020). Dieser Film erinnert an die Mitwirkung von Lesben aus allen Kontinenten an der Weltfrauenkonferenz 1995, in Interviews kommen sie selbst zu Wort. Wegen der Reisebeschränkungen während der Corona-Pandemie musste Ditsie diese Gespräche online führen. Die so entstandenen virtuellen Erinnerungsmomente bringen die konstruktive Kooperation und die globale Solidarität zwischen den lesbischen Aktivist*innen zum Ausdruck.

Zahlreiche öffentliche Filmvorführungen und wertschätzende Filmkritiken ermöglichten Südafrikaner*innen, die internationale Lobbyarbeit von Lesben kennenzulernen und Bezüge zur Situation im eigenen Land herzustellen. Ditsie setzt sich weiterhin für die Situationsverbesserung Schwarzer Lesben in Südafrika ein; auch die südafrikanische Regierung benennt in ihrem Bericht zu Peking +30 die Probleme und konkrete Maßnahmen, u. a. gegen Hassgewalt. Zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und Regierungsvertreter*innen ist klar, dass Angriffe auf Lesben heute nicht nur nationale historische Ursachen haben, sondern auch von homophoben und fundamentalistischen Interessengruppen, u. a. aus den USA, forciert werden. Um so wichtiger sind umfassende Gegenstrategien.

Literatur

Cock, Jacklyn (2003): Engendering Gay and Lebian Rights. The Equality Clause in the South African Constitution. In: Women’s Studies International Forum, vol. 26, no. 1, S. 35-45. https://doi.org/10.1016/S0277-5395(02)00353-9 

Government of South Africa (2024): South Africa’s report on the progress made on the implementation of the Beijing Platform for Action 2019-2024. Department of Women, Youth and Persons with Disabilities, Pretoria/Tshwane. https://www.uneca.org/eca-events/sites/default/files/resources/documents/gender-poverty-social-policy/beijing-30/b_30_report_republic_of_south_africa_final.pdf (letzter Zugriff 5. Juli 2025).

Schäfer, Rita (2024): 30 Jahre Demokratie – Gender-Perspektiven auf Politik und Rechtsreformen in Südafrika, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 28.05.2024. https://doi.org/10.17185/gender/20240528 

United Nations (1986): Report of the World Conference to review and appraise the achievements of the United Nations Decade for Women: Equality, Development and Peace, Nairobi 15-26 July 1985, A/CONF.116/28/Rev.1, New York. https://digitallibrary.un.org/record/113822?v=pdf (letzter Zugriff 8. Juli 2025). 

United Nations (1996): Report of the Forth World Conference on Women, Beijing, 4-15 September 1995. A/Conf.177/20/Rev.1, New York. https://docs.un.org/en/A/CONF.177/20/Rev.1 (letzter Zugriff 8. Juli 2025).

Zitation: Rita Schäfer: Weltfrauenkonferenz in Peking – 30 Jahre später, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 09.09.2025, www.gender-blog.de/beitrag/weltfrauenkonferenz-peking-30-jahre/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20250909

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Dr. Rita Schäfer

Rita Schäfer ist freiberufliche Afrika-Wissenschaftlerin, Dozentin und Gutachterin für Entwicklungsorganisationen. Ihr regionaler Schwerpunkt ist das südliche Afrika. Sie forscht über Frauenrechtsorganisationen, geschlechtsspezifische Gewalt, Maskulinitäten in Post-Konfliktgesellschaften und LSBTIQ. Buchpublikation u. a.: Migration und Neuanfang in Südafrika (2019).

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