27. Januar 2026 Sandra Beaufaÿs
Akademische Karrieren waren für Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus unwahrscheinlich. Und doch gab es Wissenschaftlerinnen, die reüssierten. Deren Biografien lassen eine widersprüchliche Haltung sowohl des Regimes gegenüber diesen Frauen als auch der Frauen gegenüber dem ‚Dritten Reich‘ aufscheinen.
Um die durchaus zahlreichen Wissenschaftlerinnen, die verfolgt, in die Emigration getrieben oder ermordet wurden, um Akademikerinnen im Widerstand oder um deren Gegenteil, die (Mit-)Täterinnen, soll es im Folgenden nicht gehen. Vielmehr wird der Blick auf solche gerichtet, die vor allem ‚ihren Job gemacht‘ haben und in keine dieser Kategorien fallen. Üblicherweise werden sie als „Mitläuferinnen“ bezeichnet (vgl. Bock 2023). Es ist jedoch fraglich, ob diese Bezeichnung auf alle Wissenschaftlerinnen zutrifft, die nicht verfolgt waren und ihre Existenzen nicht riskiert haben.
Das Frauenbild des NS und die Akademikerin
Im Nationalsozialismus hing das Bild ‚der Frau‘ in erster Linie davon ab, welcher „ethischen und sozialen Herkunft, […] Religionszugehörigkeit und […] politischen Gesinnung“ (Wogowitsch 2004: 1) sie jeweils war. Der Mutterkult der Nazis war den ‚arischen‘ Frauen vorbehalten und deren Erwerbstätigkeit sollte sich möglichst auf pflegerische und haushaltsnahe Berufe beschränken (Wagner 2010: 94ff.). So wurde Juristinnen die Richterlaufbahn komplett untersagt, Ärztinnen dagegen ‚nur‘ die Kassenzulassung erschwert (Wagner: 106). Es gab eindeutige politische Ziele im Hinblick auf studierende und wissenschaftlich tätige Frauen:
„Die ideale Akademikerin im Nationalsozialismus soll zur wissenschaftlichen Unterstützung ideologischer Grundannahmen bereit sein, sich an der Ideologie- und Propagandaproduktion mit ihrem Wissen beteiligen sowie in ihrem gesellschaftlichen Arbeitsgebiet […] ihre Arbeitskraft auch praktisch einsetzen.“ (Manns 1997: 270)
Der Studentinnenanteil sollte 1934 auf zehn Prozent begrenzt werden, was allerdings nicht dauerhaft gelang und aufgrund eines befürchteten Akademikermangels nicht mehr weiter propagiert wurde (Kompisch 2008: 146f.). In der Medizin wurde der Frauenanteil sogar gesteigert, da „der Beruf der Ärztin eher den als ‚weiblich‘ definierten Aufgaben“ der Fürsorge und Pflege entsprach (Wagner 2010: 108).
Wissenschaftlerinnen an NS-Universitäten
Durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ (BBG) vom 07.04.1933 und weitere flankierende Gesetze und Verordnungen verloren Universitäten in der NS-Zeit ca. 20 Prozent ihres Personals (Grüttner/Kinas 2007: 140). „Politisch Unzuverlässige“ und „Nichtarier“ wurden aggressiv vertrieben, nur sehr wenige gingen aus politischen Gründen, obgleich sie nicht angegriffen wurden (Grüttner/Kinas: 141). Die wenigen Dozentinnen (1,2 % des Lehrkörpers) waren nicht nur von den Entlassungswellen wesentlich stärker betroffen als ihre Kollegen (nämlich zu 38,3 %), sie verließen auch häufiger aus eigenem Entschluss die Universität aus politischen Gründen (Grüttner/Kinas 2007: 142).
Auf der anderen Seite eröffnete die später auch kriegsbedingte Ausdünnung des männlichen Personals jungen Akademikerinnen neue Perspektiven, insbesondere in den Naturwissenschaften, und sie bekleideten sogar Leitungspositionen, z. B. an den außeruniversitären Kaiser-Wilhelms-Instituten (Kompisch 2008: 149f.). Laut Kathrin Kompisch verhielten sich die verbliebenen Wissenschaftlerinnen zum NS-Regime entweder konform oder „ausgesprochen ambivalent“ (Kompisch 2008: 149).
Angepasste Mitläuferinnen oder „stille Heldinnen“?
Die Genetikerin Paula Hertwig (1889–1983) durchschritt während ihrer Berufslaufbahn unbeschadet vier verschiedene politische Systeme, von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik bis zur ehemaligen DDR. Auch wenn sie versuchte, sich im Nationalsozialismus politischer Vereinnahmung zu entziehen, jüdische Studierende promovierte und emigrierte Forschende zitierte, hielt sie bspw. zwischen 1940 bis 1942 Vorlesungen zu „Vererbungs- und Rassenlehre“ zusammen mit Bruno Kurt Schultz (Gerstengarbe 2013: 106f.). Gerade durch die Zusammenarbeit mit dem SS-Standartenführer Schultz konnte sie es vermeiden, selbst den geforderten Teil der „Rassenlehre“ übermitteln zu müssen. Seine Fürsprache trug entscheidend dazu bei, dass sie ihre Dozentur behielt, als sie im Rahmen der neuen Reichs-Habilitationsordnung 1939 gestrichen werden sollte. Sie war auf diese Stelle angewiesen, wie aus ihrem Einspruch gegen die Streichung hervorgeht:
„Wenn mir jetzt die Dozentur entzogen wird, gehöre ich in die Kategorie der ,überalterten Assistenten‘ und muss durchaus damit rechnen, dass mir nach Ablauf von 1 ½ Jahren auch noch die Assistentenstelle und dadurch die Möglichkeit weiterer Forschungsarbeit entzogen wird. Damit ist auch eine Gefährdung meiner wirtschaftlichen Existenz verbunden, denn sehr viel andere Möglichkeiten werden mir dann mit 52 Jahren nicht mehr offen stehen.“ (Hertwig, zit. nach Gerstengarbe 2013: 109)
Hertwigs Kollegin, der Pflanzengenetikerin Elisabeth Schiemann (1881–1972), wird heute als „stiller Heldin“ gedacht. 1940 wurde ihr in Berlin die Lehrerlaubnis entzogen mit der Begründung, „politisch unzuverlässig“ zu sein. Schiemann verhielt sich gegenüber verfolgten Kolleg_innen solidarisch und unterstützte sie teilweise aktiv, womit sie sich durchaus selbst gefährdete. Sie positionierte sich als Genetikerin auch gegen die Rassenideologie (vgl. Lipphardt 2014), wobei Letzteres im Kontext der Zeit differenziert zu betrachten ist: Obgleich Schiemanns Sicht keineswegs ideologisch war, blieb sie „mit den damals vorherrschenden Vorstellungen eng verwoben" (Lipphardt 2014: 310). Und trotz ihrer Haltung nahm sie eine Beschäftigung als Abteilungsleiterin am KWI für Kulturpflanzenforschung ab 1943 in Wien auf, wobei die agrarwissenschaftlichen Institute der KWG während des ‚Dritten Reiches‘ „erheblich an Bedeutung“ (Hachtmann 2008: 21f.) gewannen und damit auf Linie lagen (vgl. dazu auch Kompisch 2008: 149f.).
Ein „respektables Maß an Wissenschaftlichkeit“?
Doch trugen Wissenschaftlerinnen, die mit regimetreuen Kollegen zusammenarbeiteten und deren inhaltliche Arbeit die Interessen des NS-Staats unmittelbar berührten, nicht letztlich zur „wissenschaftlichen Unterstützung ideologischer Grundannahmen“ bei, auch dann, wenn sie nicht dazu „bereit“ waren? Diese Frage ließe sich am Beispiel der Soziologin Elisabeth Pfeil (1901–1975) sehr gut diskutieren.
Pfeil promovierte 1929 zu einem historischen Thema und war ab 1935 Schriftleiterin der Zeitschrift „Archiv für Bevölkerungswissenschaften und Bevölkerungspolitik“, stellvertretende Schriftleiterin der Zeitschrift „Volk und Rasse“ und war zwischen 1941 und 1945 für die Forschungsgemeinschaft für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik tätig (Liebsch 2016: 243f.). Dabei arbeitete sie eng mit dem Sozialhygieniker Hans Harmsen zusammen, der sich 1939 zum Thema Eugenik habilitierte. Pfeils eigene Arbeiten waren grundlegend empirisch angelegt und bedienten sich einer konsequent soziologischen Methodik, womit sie ein „respektables Maß an Wissenschaftlichkeit“ (Schnitzler 2012: 242) und Zitierfähigkeit bis in die Nachkriegszeit bewahrte. Gleichzeitig waren ihre Beiträge in den einschlägigen Zeitschriften in den „antisemitischen, völkischen und rassistischen“ (Liebsch 2016: 247) Diskurs eingebettet. Das rahmende „Bekenntnis zur Erbbiologie“ (Schnitzler 2012: 403) war in ihren Texten nach 1945 jedoch nicht mehr zu finden (Schnitzler 2012: 409).
Unangenehme Frage
Die angeführten Beispiele von Wissenschaftlerinnen in der NS-Diktatur zeigen die Gratwanderung, die sie als weder Verfolgte noch als (Mit-)Täterinnen vollzogen haben, um die eigene Arbeit fortzusetzen. Sie haben dies unterschiedlich gelöst. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihre Glaubwürdigkeit in der Scientific Community wahren konnten und den mehr oder weniger überzeugenden Versuch unternommen haben, Abstand gegenüber der herrschenden Ideologie zu halten.
Angesichts dieses Spagats muss gefragt werden, ob die Fortsetzung der Arbeit an Institutionen von Unrechtsstaaten an sich bereits ein Unrecht ist – oder ob es sich um ein Überlebensverhalten im Rahmen des Möglichen handelt. Die Frage, „Wie hätte ich mich verhalten (können)?“, darf dabei nicht leichtfertig beantwortet werden.
Literatur
Bock, Gisela (2023). Ganz normale Frauen. Täter, Opfer, Mitläufer und Zuschauer im Nationalsozialismus. In Kirsten Heinsohn, Barbara Vogel und Ulrike Weckel (Hrsg.), Zwischen Karriere und Verfolgung: Handlungsräume von Frauen im nationalsozialistischen Deutschland (2. Aufl., S. 245-277). Frankfurt/Main: Campus.
Gerstengarbe, Sybille (2013). Die Genetikerin Paula Hertwig (1889–1983) in zwei Diktaturen. In Dahlemer Archivgespräche (Bd. 14, Hrsg. Lorenz Friedrich Beck & Hubert Laitko, S. 101–132). Berlin. Abruf am 01.06.2025 unter https://www.archiv-berlin.mpg.de/49141/dahlem_14.pdf.
Gingrich, Andre (2021). Viktor Christian und die Völkerkunde in Wien 1938–1945: Universität, Anthropologische Gesellschaft und Akademie der Wissenschaften. In Andre Gingrich, Peter Rohrbacher (Hrsg.), Völkerkunde zur NS-Zeit aus Wien (1938–1945): Institutionen, Biographien und Praktiken in Netzwerken (S. 373–424). Wien: Verlag der ÖAW.
Grüttner, Michael & Kinas, Sven (2007). Die Vertreibung von Wissenschaftlern aus den deutschen Universitäten 1933–1945. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 55(1), 123–186. Abruf am 21.07.2025 unter https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2007_1_5_gruettner.pdf.
Hachtmann, Rüdiger (2008). Die Kaiser-Wilhelms-Gesellschaft von 1933 bis 1945. Politik und Selbstverständnis einer Großforschungseinrichtung. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 56(1), 19–52. Abruf am 21.07.2025 unter https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2008_1_2_hachtmann.pdf.
Kompisch, Kathrin (2008). Täterinnen: Frauen im Nationalsozialismus. Köln: Böhlau.
Liebsch, Katharina (2016). Elisabeth Pfeil. Empirische Erforschung familialer Umwelten. In Rosemarie Nave-Herz (Hrsg.), Die Geschichte der Familiensoziologie in Portraits (S. 243–262). Würzburg: Ergon. https://doi.org/10.5771/9783956508455-243
Lipphardt, Veronika (2014). „Rasse“ und „Bastard“ bei Elisabeth Schiemann. In Martina Voigt, Reiner Nürnberg, Ekkehard Höxtermann (Hrsg.), Elisabeth Schiemann (1881-1972): Vom Aufbruch der Genetik und der Frauen in den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts (S. 303–313). Rangsdorf: Basilisken-Presse.
Manns, Heide (1997). Frauen für den Nationalsozialismus. Nationalsozialistische Studentinnen und Akademikerinnen in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Opladen: Leske + Budrich.
Schnitzler, Sonja (2012). Soziologie im Nationalsozialismus zwischen Wissenschaft und Politik. Elisabeth Pfeil und das »Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik«. Wiesbaden: Springer VS.
Wagner, Leonie (2010). Nationalsozialistische Frauenansichten: Weiblichkeitskonzeptionen und Politikverständnis führender Frauen im Nationalsozialismus (2. überarb. Aufl.). Berlin: Mensch und Buch.
Wogowitsch, Margit (2004). Das Frauenbild im Nationalsozialismus. Linz: Trauner.
Zitation: Sandra Beaufaÿs : Als Wissenschaftlerin im Nationalsozialismus – eine Gratwanderung , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 27.01.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/wissenschaftlerinnen-im-ns/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260127
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