Frühsozialistinnen im Paris der 1830er-Jahre und ihre Zeitschrift La Femme libre

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Frühsozialistinnen im Paris der 1830er-Jahre und ihre Zeitschrift La Femme libre

01. September 2026 Mechthilde Vahsen

Im Sommer 1832 gründen die französischen Arbeiterinnen Marie Reine Guindorf und Désirée Véret eine feministische Zeitschrift: La Femme libre. Als überzeugte Saint-Simonistinnen ist ihnen der Ansatz der frühsozialistischen Bewegung, auf die Messias-Frau zu warten, einfach zu wenig. Sie wollen selbst sagen, „welche Freiheit sie wollen“ (S. 25). Einige von ihnen wenden sich im Laufe der zwei Jahre, in denen Femme libre erscheint, von den Theorien des Saint-Simonismus ab und schließen sich den Ideen Fouriers an.

In ihrem Buch Wir, nicht wir. Frühsozialistischer Feminismus untersucht die Historikerin Caroline Arni diese Zeitschrift und weitere Publikationen der Beiträgerinnen. So gewinnen wir als Leser*innen einen tiefen Einblick in die damaligen Diskussionen, in die Forderungen und Argumentationen. Fünf Frauen, die im Anhang des Buches in Kurzbiografien vorgestellt werden, stehen im Fokus: Égérie Casaubon, Claire Démar, Marie Reine Giundorf, Désirée Véret und Suzanne Voilquin. Entlang zentraler Begriffe der zeitgenössischen Debatten zeichnet Arni die Positionen nach.

Saint-Simonismus und wie alles begann

Der Frühsozialismus in Frankreich geht auf Henri Saint-Simon zurück, der in seinen Werken die industrielle Gesellschaft als Sozialkörper entwirft, in der Gleichheit und soziale Gerechtigkeit gegeben sind, wenn jede Person nach ihren Fähigkeiten tätig sein kann und nach ihrem Werk bezahlt wird. Nach seinem Tod 1825 und den folgenden Richtungskämpfen ernennt sich Prosper Enfantin zum „Père suprême“ und verstärkt die religiösen Aspekte der Bewegung (S. 17). Charles Fourier hingegen entwickelt kollektive Gemeinschaften auf der Basis von gemeinsamem Arbeiten und Zusammenleben, die sog. Phalanstère.

Prosper Enfantin, der die „vollständige Befreiung der Frauen“ proklamiert und auf die „femme-messie“ wartet – symbolisch dargestellt durch ein Fauteuil, das bei Versammlungen neben ihm steht –, entzieht 1832 den zahlreich engagierten Frauen in der Bewegung alle Ämter und Funktionen und setzt sich mit seinen männlichen Anhängern in ein Kloster nahe Paris ab. Die Herausgeberinnen von La Femme Libre stellen sich dieser Unterdrückung entgegen und besetzen den Leerraum der „Messias-Frau“ ganz bewusst mit ihrer Zeitung: „Jeder Meinung, jedem Gedanken einer Frau wird hier Freiheit eingeräumt.“ (S. 24, Hervorh. i. O.)

Die Beiträgerinnen der Femme libre unterschreiben mit ihren Vornamen, lehnen den „Vaternamen“ als patriarchal und autoritär ab und formulieren im ‚wir‘ – sie entwerfen sich als Subjekte, als autonome Frauen, die für sich selbst sprechen. „Wir werden frei geboren wie der Mann, und eine Hälfte der Menschheit kann nur durch Unrecht der anderen untergeordnet werden.“ (S. 23) Ein radikaler Ansatz, der nicht ohne Kritik bleibt, da damit die Ehre des ‚Vaternamens‘ lächerlich gemacht werden könne, so schreibt u. a. der ‚Figaro‘. Das sehen die Saint-Simonistinnen ganz anders.

Freiheit, Mutterschaft und ein neuer Contrat social

Freiheit meint für die Beiträgerinnen der Femme libre ganz konkret: Frauen müssen materiell frei und finanziell unabhängig sein, abgesichert über existenzsichernde Löhne und ökonomische Rechte. Sie verbinden die Interessen der Frauen mit den Interessen der Arbeiter. Erst das Gewährleisten der materiellen Interessen der Frauen und der Arbeiter ermöglicht politische und moralische Rechte. In diesem Kontext benennen die Saint-Simonistinnen ‚mütterliche Arbeit‘ – Schwangerschaft, Geburt, Stillen, Kinder aufziehen – als Arbeit, als Werk, das entlohnt werden muss (jede Person nach ihren Fähigkeiten). Mutterschaft und Mütter werden zu einem zentralen Argument in ihren Vorstellungen einer gerechten Gesellschaft. Und: Mutterschaft als Werk verstanden verbindet die Arbeiter- und die Frauenfrage so miteinander, „dass nämlich das Proletariat durch die Frauen befreit wird und nicht umgekehrt“ (S. 69).

Diese Überlegungen greift Égérie Casaubon in einer Abhandlung über einen neuen ‚Contrat social‘ auf (in Anlehnung an Rousseaus ‚Contrat social‘, dessen Veröffentlichung im Buch irrtümlich auf 1872 statt 1762 datiert wird, vgl. S. 65). Auch für sie ist als Basis einer gerechten Gesellschaft zentral: Mutterschaft ist eine Frage der Ökonomie und wertschöpfend, ein Werk, das gerechte Vergütung bekommen muss. Deshalb stehen Frauen „als Besitz die Hälfte des Bodens und als Aussteuer die Produkte des Bodens“ (S. 65), von Casaubon als „Tribut“ bezeichnet, zu. Diesen Standpunkt verbindet wiederum Désirée Véret mit dem Freiheitsgedanken: „Für mich hängen alle sozialen Fragen von der Freiheit der Frauen ab: Sie wird sie alle klären.“ (S. 38)

Natur, Liebe, Gleichheit

Casaubon sieht ein Recht-Pflicht-Verhältnis (in Anlehnung an Rousseau) zwischen Mutter und Natur, sie versteht Natur als ein „Subjekt im eigenen Recht“ (S. 76), das heißt: „Diese Natur ist vielmehr selbst eine Handelnde, und Arbeit an der Natur ist entsprechend gemeinsame Arbeit von Mensch und Natur: ein Zusammenwirken zweier gleich tätiger Subjekte, die ein Verhältnis der Kooperation verbindet.“ (S. 77)

Ein radikaler Ansatz, der zugleich das damalige Erbrecht neu denkt: Die Erde ist Gemeingut, das allen Menschen zusteht. Damit erhalten Mütter ihren Anteil, der in ihrem Besitz bleibt, losgelöst vom Vater und der ehelichen Abhängigkeit. Casaubon postuliert in der Folge, so Arni, eine „Entkopplung von Elternschaft und Paarbeziehung“ (in Anlehnung an Lawrence, S. 82).

Hier kommt nun Claire Démar ins Spiel. Nach deren Selbstmord 1833 publiziert Suzanne Voilquin in ihrer Funktion als Herausgeberin der Femme libre zwei Schriften von ihr. Darin geht es um Ehe, Liebe, Körper, Begehren. Démars Standpunkt ist innovativ: „[G]eben wir dem körperlichen Bedürfnis sein Recht.“ (S. 95) Liebe braucht keine Institution, sie muss sich frei bewegen, sie braucht Raum für Experimente und Begehren (vgl. S. 95).

Weder Patriarchat noch Matriarchat

Deshalb versteht Démar Mutterschaft auch anders als Casaubon, nämlich als physiologische und soziale Mutterschaft – die erste endet nach der Geburt, die zweite beginnt genau dort. Sie bricht zudem mit Verwandtschaft, Genealogie und Erbrecht. Arni fasst diese Position zusammen: „Als Kinder von Müttern sind alle einander Geschwister, will heißen: Gleiche.“ (S. 112)

Das ist Démars Idee eines Gesellschaftsvertrags. Sie wendet sich ab vom Patriarchat und ebenso vom Matriarchat und legt ein neues Konzept vor: Es gibt nur Töchter und Mütter, Geschwister, Söhne, Brüder. Neue Rollen also für die Männer, die sich ihrer Vaterschaft nie sicher sein können. Sie werden zu Gleichen unter Gleichen, müssen nicht mehr Alleinverdiener sein. Auch hier wieder der saint-simonistische Grundgedanke: „Gesellschaftliche Stellung gemäß der Fähigkeit, Entlohnung gemäß den Werken“ (S. 101). Damit fegt Démar alle Privilegien vom Tisch: Es zählen weder Abstammung noch Blutsverwandtschaft, weder Standesprivilegien noch Besitz und Eigentum. All das wird abgeschafft zugunsten einer Gemeinschaft „sich selbst schöpfende[r] Individuen, die einzig und allein durch das definiert sind, was sie tun“, so Arni (S. 104).

Auch Suzanne Voilquin, die ab der sechsten Ausgabe die Femme libre leitet, macht „das Prinzip Mutterschaft zu einem Grundgesetz des Staates“ (S. 107) und kritisiert das gängige Erbrecht, ebenso Désirée Véret. Arni kommt in ihrer Analyse zu dem Ergebnis: Sie „schreiben die Ordnung der Verwandtschaft um – denn das bedeutet es, die väterliche Ahnenreihe zurückzuweisen und alle Beziehungen von den Müttern her zu denken“ (S. 118). Ein bahnbrechendes Denkmodell, das in den sozialen Bewegungen nicht weiterverfolgt wurde und erst viel später, im 20. Jahrhundert, wieder Beachtung findet.

Auf den Spuren „unbequemer Subjekte“

Arni folgt den Aussagen, Ideen, Beiträgen, Abhandlungen klug und pointiert. Sie verbindet die verschiedenen Standpunkte, setzt sie in den Kontext der historischen Zeit, lässt auch die Widersprüche zu, die Irritationen, wenn zum Beispiel gesagt wird, dass Mutterschaft eine Pflicht gegenüber der Natur sei. Es geht der Autorin nicht darum, zu zeigen, wo die Saint-Simonistinnen (im Vergleich zur heutigen Debatte) vielleicht zu Essenzialismus neigten. Sie begibt sich auf ihre Spuren, durchquert ihr Denken und bringt sie so wieder ins (subjektive) Wort. Das ist anregend und spannend und macht neugierig auf weitere „unbequeme Subjekte“ in der „Geschichte der Emanzipation“ (S. 132).

Das Buch von Arni, Caroline. 2026. Wir, nicht wir. Frühsozialistischer Feminismus. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach. ist 2026 im Verlag Klaus Wagenbach erschienen.

Literatur

Arni, Caroline. 2026. Wir, nicht wir. Frühsozialistischer Feminismus. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach.

Zitation: Mechthilde Vahsen : Frühsozialistinnen im Paris der 1830er-Jahre und ihre Zeitschrift La Femme libre , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 01.09.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/zeitschrift-femme-libre/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260901

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Dr. Mechthilde Vahsen

Mechthilde Vahsen ist promovierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin. Ihr Schwerpunkt liegt auf Autorinnen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie auf der Geschichte der ersten Frauenbewegungen. Sie ist als Lektorin und Redakteurin u. a. im Bereich Wissenschaft, insbesondere Geschlechterforschung, tätig.

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