19. August 2025 Emily Goldbeck
A_sexualität findet in feministischer und queerer Theorie oftmals keine Berücksichtigung. Um dieser Leerstelle entgegenzuwirken, fasse ich in diesem Blogbeitrag einige aktuelle Forschungsergebnisse a_sexueller Theorie zur Diskriminierung a_sexueller Menschen zusammen.
A_Sexualität und Diskriminierung
A_sexualität ist ein Spektrum an verschiedenen Erfahrungen von keiner oder wenig sexueller Anziehung bzw. keinem oder wenig Verlangen nach sexueller Interaktion (DeWinter 2021, 13–16). Die Diskriminierung a_sexueller Menschen wird in a_sexueller Theorie auch „Zwangssexualität“ (engl. compulsory sexuality) genannt. Geprägt wurde der Begriff von Elizabeth F. Emens (2014) in Anlehnung an den Begriff „Zwangsheterosexualität“. Im deutschsprachigen Raum wird Zwangssexualität auch als Allonormativität bezeichnet. Allosexuelle Menschen sind Menschen, die nicht a_sexuell sind. Allerdings kann sich Allonormativität sowohl auf die Diskriminierung a_sexueller Menschen beziehen als auch auf die Diskriminierung a_romantischer Menschen, die nicht notwendig a_sexuell sind (Baumgart & Kroschel 2023, 183). Dagegen bezieht sich Zwangssexualität ausschließlich auf die Diskriminierung a_sexueller Menschen.
Im Folgenden werden vier Effekte von Zwangssexualität thematisiert: sexualisierte Gewalt, Pathologisierungen, kultureller Imperialismus und epistemische Ungerechtigkeit. Dabei wirkt Zwangssexualität mit anderen Diskriminierungsachsen zusammen wie bspw. Rassismus, Sexismus, Ableismus und Cissexismus.
Sexualisierte Gewalt
A_sexuelle Menschen sind aufgrund von Zwangssexualität besonders oft von sexualisierter Gewalt betroffen (Eaton & Szustak 2022, 136; Liang & Chen 2024, 2049). In der Literatur zu sexualisierter Gewalt gegen a_sexuelle Menschen wird vor allem sexualisierte Gewalt thematisiert, die erstens in Partner*innenschaften stattfindet und zweitens von Täter*innen als ‚Heilung‘ von A_sexualität (‚correcting‘ rape) verzerrt wird (Decker 2015, 61; Brown 2022, 80; Cuthbert 2022, 846; Eaton & Szustak 2022, 136). Dabei handelt es sich bei sexualisierter Gewalt gegen a_sexuelle Menschen um eine geschlechtsspezifische Art von Diskriminierung, denn sie wirkt zusammen mit der heterosexistischen Erwartung an Frauen, für cis endo Männer sexuell verfügbare Objekte zu sein (Gupta 2019, 208). Zwangssexualität wirkt im Kontext sexualisierter Gewalt auch mit Cissexismus zusammen. Trans* a_sexuelle Menschen haben ein höheres Risiko, sexualisierte Gewalt zu erfahren, als cis a_sexuelle Menschen (Liang & Chen 2024, 2050).
Psychische Gesundheit und Pathologisierung
Aufgrund von Minderheitenstress haben a_sexuelle Menschen ein erhöhtes Risiko, psychisch zu erkranken (Borgogna et al. 2019; Eaton & Szustak 2022, 138). Gleichzeitig sind a_sexuelle Menschen in psychiatrischen und psychotherapeutischen Kontexten besonders vulnerabel, denn A_sexualität wird in diesen Kontexten oftmals als krankheitswertige Störung pathologisiert (Decker 2015, 60). Pathologisierungen von A_sexualität wirken mit Sexismus zusammen. Weibliche A_sexualität wurde seit dem 19. Jahrhundert in sexualwissenschaftlichen und psychoanalytischen Diskursen als ‚Frigidität‘ pathologisiert (Kim 2014, 265; Spahn 2021). Pathologisierungen von A_sexualität zu kritisieren, kann aber auch selbst diskriminierend sein. Das ist der Fall, wenn Depathologisierungsbestrebungen von a_sexuellen Menschen ohne psychosoziale Be_hinderungen damit einhergehen, nicht mit Menschen mit psychosozialen Be_hinderungen assoziiert werden zu wollen (Kim 2014, 273).
Kultureller Imperialismus
A_sexuelle Menschen werden durch zwangssexuellen kulturellen Imperialismus unterdrückt (Eaton & Szustak 2022, 137f). Der Begriff „kultureller Imperialismus“ wurde von Iris Marion Young (2011) geprägt. Er beschreibt Prozesse, in denen herrschende Gruppen ihre Perspektiven als gesellschaftlich dominante Perspektiven durchsetzen (Young 2011, 59; Jenkins 2023, 58). Dabei werden Stereotype und Vorurteile über unterdrückte Gruppen verbreitet, die deren Erfahrungen, Perspektiven und Widerstand „unsichtbar machen“ (Young 2011, 59, Übersetzung E. G.). Das sind im Falle des Zusammenwirkens von Zwangssexualität, Sexismus und Rassismus beispielsweise die widersprüchlichen verzerrten Bilder von A_sexualität als Ideal und A_sexualität als Mangel. Zunächst zum verzerrten Bild von A_sexualität als weiß und weiblich codiertem Ideal von ‚Reinheit‘ und „fitness“ (Owen 2014, 126): Dieses Bild verzerrt A_sexualität und fungiert gleichzeitig als rassistisch-sexistische Abwertung als ‚hypersexuell‘ stereotypisierter Schwarzer Frauen (Owen 2014, 121; Brown 2022, 53). Auch das umgekehrte verzerrte Bild von A_sexualität als Mangel ist zugleich zwangssexuell und rassistisch-sexistisch (Owen 2014, 123). Dieses Bild wirkt zusammen mit dem unterdrückenden Bild (controlling image) von Schwarzen Frauen als mammies, d. h. als von weißen Menschen auszubeutende Sorgearbeitende: „She [the mammy] is asexual and therefore is free to become a surrogate mother to the children she acquired not through her own sexuality“ (Collins 2009, 92). Durch diese unterdrückenden Bilder wird Schwarzen Menschen die Möglichkeit zu einer selbstdefinierten a_sexuellen Positionierung abgesprochen (Brown 2022, 53).
Epistemische Ungerechtigkeit
Wie dargestellt, ist A_sexualität einerseits Zielscheibe von Stereotypen und Vorurteilen und somit sichtbar in herrschenden Diskursen. Andererseits wird A_sexualität als selbstbestimmte sexuelle Orientierung von diesen Diskursen ausradiert (Brunning & McKeever 2021, 509). Das zeigt sich u. a. darin, dass A_sexualität in vielen gesellschaftlichen Kontexten „weitgehend unbekannt“ (Profus 2016, 229) ist. Beispielsweise kommt A_sexualität im Schulunterricht und in populären Filmen kaum vor (AVEN 2011; 2018; Baumgart & Kroschel 2023, 109). Deswegen wissen „[v]iele a_sexuelle Menschen […] lange Zeit nicht, dass (eine Bezeichnung für) ihre sexuelle Orientierung existiert“ (Goldbeck 2024a, 2).
Dieses Ausradieren von A_sexualität wird in a_sexueller Theorie auf mindestens zwei Weisen problematisiert: Erstens als Ausschluss a_sexueller Menschen vom Bereich dessen, was als menschlich und lebbar gilt (Bozdoğan 2012). Dieser Ausschluss wird auch in vielen queeren und feministischen Theorien und Politiken reproduziert, insbesondere durch die Annahme, alle Menschen seien allosexuell (Milks & Cerankowski 2014, 3). Zweitens lässt sich das Ausradieren von A_sexualität als epistemische Ungerechtigkeit problematisieren (Chen 2020, 137; Cuthbert 2022; Baumgart and Kroschel 2023, 133; Goldbeck 2024b). Epistemische Ungerechtigkeit liegt vor, wenn Menschen aufgrund von sozialer Identität abgesprochen wird, Wissen erlangen zu können, oder sie darin behindert werden (Fricker 2007, 1). Im Fall von Zwangssexualität beschreibt epistemische Ungerechtigkeit insbesondere fehlende Möglichkeiten, A_sexualität sich selbst und anderen verständlich zu machen.
Plädoyer für eine stärkere Berücksichtigung von Zwangssexualität in feministischer Theorie
Zwangssexualität beschreibt eine Diskriminierungsachse: die systematische Benachteiligung aufgrund von A_sexualität. Es ist wichtig, Zwangssexualität in feministischer Theorie zu berücksichtigen, um zuverlässiges Wissen über die Unterdrückung und Erfahrungen a_sexueller Frauen sowie das Zusammenwirken von Zwangssexualität, Sexismus und Rassismus zu gewinnen. Zwangssexualität stärker in feministische Theorie einzubeziehen, wäre auch ein wichtiger Schritt, um epistemischer Ungerechtigkeit gegen a_sexuelle Menschen entgegenzuwirken und mehr Bewusstsein für diese Diskriminierungsachse zu schaffen.
Literatur
AVEN. 2011. ‘Examples of Asexual Invisibility’. Asexual Visibility and Education Network (blog). 2011. https://www.asexuality.org/en/topic/60812-examples-of-asexual-invisibility/ (last access: 08.07.25).
AVEN. 2018. ‘The Invisibility of Asexuality’. Asexual Visibility and Education Network (blog). 2018. https://www.asexuality.org/en/topic/179337-the-invisibility-of-asexuality/ (last access: 08.07.25).
Baumgart, Annika, and Katharina Kroschel. 2023. (Un)sichtbar gemacht: Perspektiven auf Aromantik und Asexualität. 2. Auflage, Überarbeitete Neuauflage. Münster: edition assemblage.
Borgogna, Nicholas C., Ryon C. McDermott, Stephen L. Aita, and Matthew M. Kridel. 2019. ‘Anxiety and Depression across Gender and Sexual Minorities: Implications for Transgender, Gender Nonconforming, Pansexual, Demisexual, Asexual, Queer, and Questioning Individuals.’ Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity 6 (1): 54–63. https://doi.org/10.1037/sgd0000306
Bozdoğan, Ayşegül Şah. 2012. ‘UNDOING THE BODY: ASEXUALITY AS A SUBVERSIVE MEANS TO RETHINK SEXUALITY’ (Master's thesis).
Brown, Sherronda J. 2022. Refusing Compulsory Sexuality: A Black Asexual Lens on Our Sex-Obsessed Culture. New York: North Atlantic Books.
Brunning, Luke, and Natasha McKeever. 2021. ‘Asexuality’. Journal of Applied Philosophy 38 (3): 497–517. https://doi.org/10.1111/japp.12472
Chen, Angela. 2020. Ace: What Asexuality Reveals about Desire, Society, and the Meaning of Sex. Boston: Beacon Press.
Collins, Patricia Hill. 2009. ‘Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment’. Routledge & CRC Press. 2009.
Cuthbert, Karen. 2022. ‘Asexuality and Epistemic Injustice: A Gendered Perspective’. Journal of Gender Studies 31 (7): 840–51. https://doi.org/10.1080/09589236.2021.1966399
Decker, Julie Sondra. 2014. The Invisible Orientation: An Introduction to Asexuality. New York: Skyhorse Publishing Company, Incorporated.
DeWinter, Carmilla. 2021. Das asexuelle Spektrum: eine Erkundungstour. 1. Auflage. Substanz. Hamburg: Marta Press.
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Goldbeck, Emily. 2024b. ‘Three Kinds of Unintelligibility’. Social Epistemology Review and Reply Collective. 2024. https://social-epistemology.com/2024/06/05/three-kinds-of-unintelligibility-emily-goldbeck/ (last access: 08.07.25).
Gupta, Kristina. 2019. ‘Gendering Asexuality and Asexualizing Gender: A Qualitative Study Exploring the Intersections between Gender and Asexuality’. Sexualities 22 (7–8): 1197–1216. https://doi.org/10.1177/1363460718790890
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Kim, Eunjung. 2014. ‘Asexualities and Disabilities in Constructing Sexual Normalcy’. In Asexualities: feminist and queer perspectives, by Karli June Cerankowski, and Megan Milks, 249–81. Routledge. https://doi.org/10.4324/9781315882673
Liang, Zurong, and Yutian Chen. 2024. ‘An Intersectional Exploration of Outness, Encountered Discrimination and Violence, and Non-Suicidal Self-Injury among Asexual Youth across Gender Identities’. Journal of Youth and Adolescence 53 (9): 2045–59. https://doi.org/10.1007/s10964-024-01999-4
Milks, Megan, and Karli June Cerankowski. 2014. ‘Introduction: Why Asexuality? Why Now?’ In Asexualities: feminist and queer perspectives, by Karli June Cerankowski, and Megan Milks, 1–15. Routledge. https://doi.org/10.4324/9781315882673
Owen, Ianna Hawkins. 2014. ‘On the Racialization of Asexuality’. In Asexualities: feminist and queer perspectives, by Karli June Cerankowski, and Megan Milks, 119–38. Routledge. https://doi.org/10.4324/9781315882673
Profus, Andrzej. 2016. ‘Unsichtbares sichtbarmachen. Asexualität als sexuelle Orientierung’. https://doi.org/10.23668/PSYCHARCHIVES.3418
Spahn, Annika. 2021. ‘Frigidität 2.0 – Aktuelle Medikalisierungen von A_sexualität’. 2021. https://doi.org/10.17185/gender/20210413
Young, Iris Marion. 2011. ‘CHAPTER 2. Five Faces of Oppression’. In Justice and the Politics of Difference, 39–65. Princeton University Press. https://doi.org/10.1515/9781400839902-005
Zitation: Emily Goldbeck: Effekte von Zwangssexualität. Perspektiven a_sexueller Theorie, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 19.08.2025, www.gender-blog.de/beitrag/zwangssexualitaet/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20250819
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