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Headergrafik: Plakat des UFV von Anke Feuchtenberger [1]

"Frauen, organisieren wir uns!" Die Gründung des Unabhängigen Frauenverbands

03. Dezember 2019 Christina Klenner

30 Jahre ist es her, dass wir in der damals noch existierenden DDR einen frauenpolitischen Aufbruch wagten. Wir gründeten den Unabhängigen Frauenverband (UFV), der parteiübergreifend für Fraueninteressen eintreten wollte. Als Mitbegründerin des UFV bin ich Zeitzeugin und möchte an einiges erinnern, was die ostdeutsche Frauenbewegung 1989/90 gefordert und zum demokratischen Verständigungsprozess der Wendezeit beigetragen hat.

Ausgelassen und kämpferisch

Der Unabhängige Frauenverband wurde am 3. Dezember 1989 in der Berliner Volksbühne mit einem Gründungsaufruf ins Leben gerufen. Wir trafen uns mit allerlei Gerätschaften, darunter mit Kochtöpfen und Kochlöffeln, und machten ein lautes, wild entschlossenes Spektakel. Die Stimmung war ausgelassen und kämpferisch. Es ging auch darum, einen Platz am Zentralen „Runden Tisch“ zu erreichen und hier das Thema Gleichstellung einzubringen. Am Runden Tisch wurden während der demokratischen Umwälzung viele politische Auseinandersetzungen zwischen Bürgerbewegungen und Vertreter*innen der etablierten Macht geführt. Die offizielle Gründung des UFV erfolgte im Februar 1990; dann wurden Programm und Statut verabschiedet.

Ostdeutsche Frauenbewegungen

In der ostdeutschen Frauenbewegung kamen verschiedene Gruppen von Akteurinnen zusammen: Es waren Frauen im Widerstand, die seit den 1980er-Jahren aktiv waren. Sie traten für eine Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit der DDR (Deutsche Demokratische Republik) ein, so etwa die Gruppe „Frauen für den Frieden“, die sich gegen eine Einberufung von Frauen in die Armee gewandt hatte. Es waren auch Frauen aus theologisch-feministischen Gruppen, darunter solche, die dezidiert die Interessen von lesbischen Frauen vertraten. Schließlich waren es Wissenschaftlerinnen sowie kritische Frauen in der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) sowie in den Gewerkschaften, die mit dem Stand der realen Gleichstellung unzufrieden waren. Aufgestauter Problemdruck war der Hintergrund der Entstehung einer ostdeutschen Frauenbewegung. Trotz des im internationalen Vergleich hohen Standes der Gleichstellung, den die DDR erreicht hatte, war sie im Grundsatz eine Gesellschaft der Männervorherrschaft geblieben. Die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern war ab Mitte der 1960er-Jahre weitgehend erreicht. Die Emanzipation der Frau gehörte seit August Bebel zur sozialistischen Programmatik, und die „Befreiung der Frau“ wurde insbesondere in ihrer Berufstätigkeit gesehen. Da es aber keine demokratische Meinungsbildung gab, blieben auch viele Interessen von Frauen auf der Strecke. Frauen konnten nur das erreichen, was Partei und Staat mit ihrer „patriarchalen Gleichberechtigungspolitik“ (Nickel 1993) für sie vorgesehen hatten.

Frauenpolitische Widersprüche

Viele DDR-Frauen nutzen das Angebot, das die Führung ihnen machte. Sie erreichten durch ihre eigenen großen Anstrengungen, etwa in Bezug auf Bildung und Erwerbstätigkeit, Emanzipationsfortschritte, die für ihre Mütter undenkbar gewesen waren. Auf der anderen Seite war in der DDR keine reale Gleichstellung gegeben. Die ostdeutsche Frauenbewegung griff also wichtige Probleme auf, etwa die niedrigen Löhne vieler Frauen und die Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern (Frauenreport `90). Auch bezüglich Repräsentanz in Führungsprositionen waren Frauen in der DDR nicht gleichgestellt. 1988 war ein knappes Drittel (31,5%) der leitenden Funktionen mit Frauen besetzt, wobei sie überwiegend Positionen auf den unteren und mittleren Rängen innehatten. Im Hochschulwesen betrug der Frauenanteil nur etwa 3% an den obersten Leitungsebenen (Frauenreport `90). Der Unabhängige Frauenverband thematisierte auch die nach wie vor reproduzierten Geschlechterstereotype. So richteten sich die sozialpolitischen Maßnahmen der 1970/80er-Jahre – etwa das bezahlte „Babyjahr“ – einseitig an Mütter. Ein weiteres großes aber verschwiegenes Thema war Gewalt und sexuelle Belästigung sowie Diskriminierung von Frauen, Lesben und bestimmten Lebensformen.

Forderungen des UFV

Viele Akteurinnen der ostdeutschen Frauenbewegung hatten bereits die Defizite der von oben verordneten Gleichberechtigungspolitik oder sogar handfeste Diskriminierungen erlebt. Zu den Forderungen des UFV 1989 in seiner Programmatik [2] gehörte:

  • Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit
  • Abbau der geschlechtsbezogenen Segregation in Frauen- und Männerberufe
  • Rechtlich geschützte Teilzeitarbeit und Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich
  • Gleiche Möglichkeiten für Männer, sich in häusliche Arbeit und soziale Vaterschaft einzubringen
  • Frauenfreundliche Politikformen und eine Gleichstellungsministerin mit Vetorecht
  • Gleichberechtigte Anerkennung aller Formen des Zusammenlebens
  • Übertragung der an die Ehe gebundenen Privilegien auf alle Lebensformen
  • Abbau von Geschlechterstereotypen
  • Rechtliche Gleichstellung homosexueller Frauen und Männer
  • Selbstbestimmung von Frauen über ihren Körper
  • Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und der pornografischen Vermarktung des Körpers von Frauen.

Ein gesellschaftsverändernder Anspruch

Der Unabhängige Frauenverband hatte insgesamt einen gesellschaftsverändernden Anspruch: „Der UFV setzt sich ein für eine Gesellschaft, in der die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten für Frauen, Männer und Kinder das eigentliche Ziel sind. Es geht um eine moderne Kulturgesellschaft, in der jede Frau und jeder Mann die ihr/ihm entsprechende eigene Lebensweise ausprägen kann – ohne Ausgrenzung und Benachteiligung auf Grund des Geschlechts, der Herkunft, der Nationalität, der geschlechtlichen Orientierung.“ Der UFV trat gegen Bevormundung und Diskriminierung ein: „Feministische Politik zielt darauf, Geschlechterverhältnisse als Rang- und Machtverhältnisse aufzuheben.“ (Programm des UFV). Wir Frauenbewegten waren der Auffassung, dass die Gesellschaft insgesamt, einschließlich der Männer, sich ändern muss. Vielen Frauen des UFV war eine Umgestaltung der DDR wichtig, in der wir eine demokratische Erneuerung des Sozialismus für nötig hielten. Der UFV verstand sich als Dach für „Frauen über weltanschaulich-politische, soziale, altersmäßige, sexuelle, nationale, religiöse Schranken hinweg", als Zusammenschluss von „Frauen aus allen gesellschaftlichen Bereichen“.

Die ostdeutsche Frauenbewegung war ein wichtiger demokratischer Aufbruch, wichtig sowohl für die Beteiligten selbst, die ihre Bedürfnisse erstmals öffentlich artikulierten und sich der gemeinsamen Kraft bewusst wurden – wichtig aber auch für die Demokratiebewegung 1989/90, indem die ostdeutschen Frauen die Bewegung zur friedlichen Revolution gestärkt und inhaltlich bereichert haben.

„Frauen, uns droht der § 218

Einige wichtige Rechte und Möglichkeiten wurden im Umbruchprozess den Frauen genommen, zuerst das Recht auf Arbeit, das in der DDR verankert war, und das ihre zumindest relative ökonomische Unabhängigkeit sicherte. Sehr viele Frauen verloren Anfang der 1990er-Jahre ihren Arbeitsplatz. Die Möglichkeiten für ganztägige Kinderbetreuung wurden eingeschränkt, vor allem betriebliche Kindergärten wurden abgewickelt.

Frauen haben zwar von der Demokratisierung und neuen Freiheiten im Ergebnis der politischen Umbrüche profitiert. Doch die Erringung der Demokratie machte sich auf dem Feld der Gleichstellung der Geschlechter zunächst nicht mit Fortschritten bemerkbar. Das lag an der Art der deutschen Vereinigung, die einer Sturzgeburt glich und bei der es keine allmähliche Reformpolitik gab.

So fand sich die ostdeutsche Frauenbewegung sehr bald in der Situation wieder, nicht in erster Linie ihre programmatischen Ziele zu verfolgen, sondern Gefahren für die Gleichstellung im Prozess der Wiedervereinigung abzuwenden. Besonders drängend waren Aktionen gegen die Wiedereinführung des §218. Trotz der machtvollen Aktionen gegen die Übernahme der bundesdeutschen Rechtslage haben ostdeutsche Frauen ihr Recht, selbst über eine Schwangerschaft zu entscheiden, verloren.

Die Sozialcharta als vernachlässigte Größe im Einigungsprozess

Vetreterinnen des UFV waren am Zentralen Runden Tisch an der Ausarbeitung der „Sozialcharta“ beteiligt, die darauf zielte, wichtige Rechte der Ostdeutschen zu bewahren: die Beibehaltung der öffentlich finanzierten Kinderbetreuung, einschließlich Schulspeisung, eine staatliche Mietpreisaufsicht, die Festschreibung des Rechts auf Arbeit, Wohnung, unentgeltliche Bildung und Gesundheitsbetreuung, die Absicherung sozial Benachteiligter, die Gleichstellung von Mann und Frau in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Regierung wurde aufgefordert, die Positionen des Runden Tisches für eine Sozialcharta in die Verhandlungen über eine Wirtschafts- und Währungsunion als Standpunkt der DDR einzubringen. Doch eine praktische politische Bedeutung erlangte die Sozialcharta infolge der Art und Weise des Vereinigungsprozesses nicht.

Wohin ging die Transformation?

Die Forderungen und Aktivitäten der ostdeutschen Frauenbewegung waren thematisch weit gefächert und zielten auf eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft. Historische Forschung wird vielleicht die Frage beantworten, wie die Rolle, die der UFV in der demokratischen Bewegung 1989/90 gespielt hat, letztlich zu beurteilen ist. Was hat er im Endeffekt beeinflusst – oder eben nicht beeinflussen können? Warum hatte der Feminismus in der DDR eine so relativ schmale Basis? Welche seinerzeitigen Forderungen sind noch aktuell? Gleichstellung der Geschlechter ist heute im vereinigten Deutschland nach wie vor nicht erreicht und bedarf gemeinsamer Aktionen von ost- und westdeutschen Frauen.

Anmerkung: Der Text beruht auf einem Vortrag der Autorin am 28.Oktober 2019 in Rostock. Die Langfassung mit Belegen, Zahlen und Quellen kann per Mail angefordert werden.

 

[1] Teaserbild: Plakat des UFV von der Künstlerin Anke Feuchtenberger zur Wahl am 18. März 1990 in der DDR, zu finden: FFBIZ, F Rep. 10 DDR 20.1 (2454), hier entnommen einer Werbepostkartedes IDA-Dachverbandes (www.ida-dachverband.de), Verbreitung gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

[2] Programmatik zusammengestellt durch die Autorin, vgl. als Quelle https://www.ddr89.de/ufv/UFV19.html.

Literatur

Dölling, Irene (2005): Ostdeutsche Geschlechterarrangements in Zeiten des neoliberalen Gesellschaftsumbaus. In: Schäfer, E. et al. (Hrsg.) (2005): Irritation Ostdeutschland. Geschlechterverhältnisse seit der Wende. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 16–34, https://doi.org/10.25595/27

Hampele Ulrich, Anne (2000): Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozess. Berlin: Berliner Debatte Wissenschaftsverlag.

Klenner, Christina (2009): Wer ernährt die Familie? Erwerbs – und Einkommenskonstellationen in Ostdeutschland. In: WSI – Mitteilungen (11), S. 619–626.

Mau, Steffen (2019): Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Erste Auflage. Berlin: Suhrkamp.

Nickel, Hildegard M. (1993): „Mitgestalterinnen des Sozialismus“ – Frauenarbeit in der DDR. In: Helwig, G./Nickel, H. M. (1993): Frauen in Deutschland 1945–1992. Berlin, S. 233–256.

Trappe, Heike (1995): Emanzipation oder Zwang? Frauen in der DDR zwischen Beruf, Familie und Sozialpolitik. Berlin: Akademie-Verlag.

Winkler, Gunnar (Hrsg.) (1990): Frauenreport `90: Berlin. Verlag Die Wirtschaft.

Zitation: Christina Klenner: "Frauen, organisieren wir uns!" Die Gründung des Unabhängigen Frauenverbands, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 03.12.2019, www.gender-blog.de/beitrag/unabhaengige-frauenverband-gruendung/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20191203

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Plakat des UFV von Anke Feuchtenberger [1]

Dr. Christina Klenner

Dr. Christina Klenner ist Sozialwissenschaftlerin und Research Fellow am Institut für empirische Sozial- und Wirtschaftsforschung (INES Berlin). Sie war von 2000-2018 Referatsleiterin für Genderforschung im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf. Arbeitsschwerpunkte sind geschlechtergerechte Arbeitszeiten, Einkommensungleichheit, berufliche Gleichstellung von Männern und Frauen sowie Geschlechterarrangements und Familienernährerinnen.

 

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