Skip to main content
Headergrafik: Zapassky/istock

Eine Theologin des Bildersturzes

09. Oktober 2018 Uta C. Schmidt

Dank Marie-Theres Wacker ist Feministische Theologie ein „theologischer Grundbegriff“. Uta C. Schmidt sprach mit der Professorin für Exegese des Alten Testaments und Theologische Frauenforschung. Anlass war ihre Pensionierung nach 20 Jahren an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster. 

Wie sind Sie zur Katholischen Theologie gekommen und hier speziell zum Alten Testament?

Ich komme aus einem katholischen Elternhaus, in dem Gottesdienst, Kirchgang, Chor, Musik, Orgelspiel eine selbstverständliche Einheit bildeten. Ich hatte auf der katholischen Mädchenschule eine sehr gute Religionslehrerin und einen Religionslehrer, die mein Interesse an Grundfragen der Menschheit sehr gefördert haben. Ich habe immer Fragen gestellt und gebohrt. Da ist die Theologie ein Fach, das sehr offen ist für diese Wissensbegierde. Ich habe mein Studium begonnen mit Mathematik und Theologie, weil meine Eltern meinten, werde Lehrerin, dann hast du eine sichere Berufsperspektive. Während meines Studiums in Tübingen habe ich zur richtigen Zeit die richtigen Menschen kennen gelernt, die mich motiviert haben, meine Liebe zu Sprachen zu verbinden mit vertiefenden Studien im Alten Testament.

Welche Impulse haben Sie dazu gebracht, an der Formulierung einer feministischen Theologie mitzuwirken?

Als ich Assistentin des systematischen Theologen Peter Eicher an der Universität-Gesamthochschule Paderborn war, drängten mich Studentinnen: „Es gibt da die feministische Theologie, die interessiert uns. Du bist jetzt die erste Frau hier und du musst das mit uns erarbeiten.“ Ich begann, „Beyond God the Father“ von Mary Daly zu lesen und dachte: „Holla, das sind Fragestellungen, die will ich weiterverfolgen.“ Ich bin also durch die Studierenden dazu gekommen.

Und wie konnten Sie „feministische Theologie“ als theologischen Grundbegriff „kanonisieren“?

Peter Eicher konzipierte das „Handbuch Theologischer Grundbegriffe“ neu. Er sprach mich an, ob ich nicht einen Artikel zur feministischen Theologie beisteuern wollte. Das habe ich gewollt und damit 1984 den ersten Beitrag dazu in einem theologischen Lexikon geschrieben – 1986 folgte Leonore Siegele-Wenschkewitz im Evangelischen Kirchen-Lexikon. Damit war ich schlagartig bekannt. Ich habe zahlreiche Vorträge gehalten in unterschiedlichen Kontexten – auf Gemeindeebenen, in der Frauenseelsorge, in akademischen Bildungseinrichtungen, bei Gastvorträgen an Universitäten und bei Lehraufträgen. Ich habe mich dann vor allem im Kontext von feministischer Theologie und Antijudaismus weiter profiliert. Mitte der 1980er Jahre rückte das Alte Testament verstärkt in den Focus der feministischen Theologie. Es geriet unter Beschuss durch die matriarchale Theologie: Es sei das Dokument des patriarchalischen Judentums, das die Göttinnenreligion zerstört habe – so Theologinnen wie Gerda Weiler, Elga Sorge oder Christa Mulack. Mit meinem alttestamentlichen Wissen habe ich mich um eine differenziertere Darstellung bemüht. Ich bin dafür in die Kritik geraten, für meine angebliche „Desolidarisierung“, auch in der Schlangenbrut. So war ich Ende der 1980er Jahre mittendrin in der feministischen Theologie, aber eben nicht nur dort. Ich habe mich auch immer weiter für systematische Fragen der Theologie interessiert.

Was sind „systematische Fragen“ in der Theologie?

Zum Beispiel habe ich Vorträge gehalten über das Kreuzzeichen: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, es verbindet drei männliche Anreden. Was bedeutet dies, auch theologiegeschichtlich? Und was passiert, wenn wir das jetzt einfach nur „verweiblichen“ würden? Ich bin eine Theologin des Bildersturzes. Ich will nicht die männlichen Bilder durch weibliche ersetzen. Ich will einen Bildersturz initiieren, in dem über solche geschlechtsspezifischen Bilder hinausgegangen wird.

Gab es für diese Haltung Vorbilder?

Ich gehörte nicht zur ersten Generation feministischer Theologinnen – das waren Frauen wie Elisabeth Moltmann-Wendel in Deutschland, Catharina Halkes in den Niederlanden oder Elisabeth Schüssler Fiorenza in den USA. Ich war nicht die „Mutter“, sondern vielleicht ihre „kleine Schwester“, also die „anderthalbe“ Generation. Die Europäische Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen – die ESWTR – bei deren Gründungsversammlung 1986 ich dabei war, wurde immens wichtig für mich. Denn dort waren Frauen, die mir zeigten: Ich bin nicht die erste. Sie waren zehn, zwanzig Jahre älter als ich und hatten schon einiges ausgefochten.

Welchen Begriff von Feminismus legen Sie bei ihrer Befassung mit der Bibel zugrunde?

Ich bin da ein wenig gewandert. Eingeleuchtet hat mir zunächst der „egalitäre“ Feminismus der 1980er Jahre, der die bürgerliche Gleichstellung von Frauen und Männern erstrebte. Der Feminismus der italienischen Philosophinnen ist mir immer fremd geblieben. Heute habe ich sehr viel für Dekonstruktion in der Theorie und Bündnisse in der Praxis übrig. Für meine Bibelauslegung hat das bedeutet, dass ich von Elisabeth Schüssler Fiorenza gelernt habe, den systematischen Androzentrismus der Bibel zu sehen. Daraus ergibt sich das Prinzip des hermeneutischen Verdachts, dass die Texte einen hineinziehen in ihre androzentrische Welt, wenn man ihnen nicht widerständig begegnet. Man kann Frauenfiguren der Bibel nicht einfach beerben. Sie haben sich in einem patriarchalen Kontext zu patriarchalischen Figuren entwickelt, die immer schon durch eine bestimmte Linse entworfen wurden. Hier wurde für mich die Kategorie „Gender“ wichtig, die Frau als ein „gemachtes Geschlecht“ entwirft, man muss sie also in der Brechung durch gesellschaftliche Konstruktionen und androzentrische Erzählstrategien aufsuchen. Wenn ich diesen kritischen Gang nicht mitvollziehe, dann habe ich eine viel zu knappe Vorstellung von Möglichkeitsräumen in der Bibel. Deshalb finde ich Konzepte des „widerständigen Lesens“ wichtig.

Was macht eigentlich eine feministische Bibelauslegung?

Sie hat als Auslegung eine historische, eine literaturwissenschaftliche und eine theologische Komponente. Historisch geht es ihr um die Rekonstruktion der Welt, aus der die Bibel stammt, um die Rollenkonzepte, Geschlechterordnungen, Handlungsräume, um die Religion von Frauen. Literaturwissenschaftlich kann man die gesamte Palette textwissenschaftlicher Ansätze in die Bibelwissenschaft hineinziehen – mich interessiert Erzählanalyse, aber auch zum Beispiel eine postkoloniale Bibellektüre. Theologisch kommt hinzu, das die Bibel als Grunddokument des christlichen Glaubens einen hohen Stellenwert hat in der Praxis bis hin zur Begründung des Glaubens. Nicht zuletzt ist man mit dem lehramtlichen Gebrauch der Bibel konfrontiert, in dem sich spannende Fragen bündeln: Welche normativen Deutungen transportieren problematische Implikationen für Frauen? Wie können Frauen mit der Bibel als Glaubensdokument umgehen?

Wo liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen katholischer und evangelischer feministischer Theologie?

Christliche Frauen beten das gleiche Glaubensbekenntnis – aber die Konfessionen gehen in bestimmten Fragen jeweils eigene Wege. Katholikinnen reiben sich ganz anders an der Amtsfrage als Protestantinnen, wenngleich es auch unter den protestantischen Kirchen hier noch einmal Unterschiede gibt. In Bezug auf die Bibel merke ich immer wieder, dass für Theologinnen aus den Kirchen der Reformation die Bibel trotz aller Entwicklungen in der katholischen Kirche einen höheren Stellenwert hat und deshalb für sie die Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift einfach wichtiger ist als für uns.

Welche Möglichkeiten und Grenzen ergeben sich für die feministische Theologie im Austausch mit anderen Religionen, zum Beispiel mit dem Judentum und dem Islam?

Wenn ich das von meinem Schwerpunktfach, der hebräischen Bibel, aus beantworte, dann ist die große Chance die des gemeinsamen Austauschs über unsere heiligen Schriften … darüber kann ich jetzt stundenlang sprechen.

Marie-Theres Wacker ist Netzwerkprofessorin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW.

Headergrafik: Zapassky/istock

Dr. Uta C. Schmidt

Historikerin und Kunsthistorikerin; wiss. Mitarbeiterin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW; Kuratorin im DA. Kunsthaus Kloster Gravenhorst; Mitarbeiterin der Website frauen/ruhr/geschichte und Mitarbeiterin des Forschungsprojekts „Auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie.100 Jahre Frauenwahlrecht im Ruhrgebiet“ als Teil des Großprojekts „100 jahre bauhaus im westen“; Arbeiten und Interessen an der Schnittstelle von Raum, Repräsentation, Geschlecht, Macht.

 

Zeige alle Beiträge
Netzwerk-Profil Dr. Uta C. Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.

Dieses Weblog wird betrieben von

Banner Netzwerk FGF NRW