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Headergrafik: Bildausschnitt, Gabriele Münter: Bildnis einer Künstlerin (Margret Cohen), 1932 Dreiländermuseum Lörrach © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Dreiländermuseum Lörrach

Frau der Farben – Gabriele Münter in Köln

06. November 2018 Jenny Bünnig

Das intensive Rot der Mädchenkleidung links, das leuchtende Blau von Fräulein Mathildes Kopfbedeckung rechts, in der Mitte der berühmte Knabenkopf vor strahlendem Gelb – bereits mit den ersten drei Gemälden, die zu Beginn der Ausstellung Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife zu sehen sind, wird deutlich, worum es hier geht: um Farbe in ihren verschiedenen Facetten und um Farbe in ihrer ganzen Kraft. Sie steht im Mittelpunkt der Werkschau im Kölner Museum Ludwig, die für Besucher*innen vom 15. September 2018 bis zum 13. Januar 2019 geöffnet ist und Einblick in eine vielfältige Auswahl an Bildern der expressionistischen Malerin Gabriele Münter gibt. Die Gemälde sind zu verschiedenen Gruppen sortiert, zeigen unterschiedliche Entwicklungen, Einflüsse und künstlerische Entscheidungen, lassen zentrale Motive und bestimmende Momente erkennbar werden, die mal bekannt und vertraut sind, mal überraschend erscheinen.

Ohne Drum und Dran

„Was an der Wirklichkeit ausdrucksvoll ist, hole ich heraus, stelle ich einfach dar, ohne Umschweife, ohne Drum und Dran.“[1] Dieses für die Ausstellung titelgebende Zitat von Gabriele Münter leitet die Werkschau in Köln ein und ist nicht nur Ausdruck der Vorstellung Münters davon, worum es ihr in der Malerei geht, nämlich um die unmittelbare Wiedergabe der Essenz eines Motivs.[2] Die Worte der Malerin deuten gleichzeitig den Widerspruch an, in dem sich die Kunst Münters insgesamt bewegt: Denn ihre Bilder sollten wirken, als wären sie spontan gemalt, obwohl sie vielmehr sehr überlegt komponiert sind.[3] Davon zeugen einerseits eine kräftige, manchmal energisch wirkende Pinselführung, ein teilweise pastoser Farbauftrag in vielen ihrer Bilder, die Fähigkeit, mit einem einzigen weißen Strich das Gefühl eines kalten Winterwindes zu erzeugen wie in Spreufuhren von 1910/11 oder das Wechselspiel des Sonnenlichts auf einer Landschaft sichtbar werden zu lassen wie in Vom Griesbräu-Fenster aus dem Jahr 1908. Dem gegenüber lässt sich in den Bildern andererseits erkennen, wie sorgfältig und durchdacht die verschiedenen Elemente miteinander in Beziehung gesetzt sind (beispielsweise im Bild Holland, 1904), wie Farben ausbalanciert werden (so in Der blaue See, 1953) oder wie dem Innenraum in den Porträts eine genauso große Bedeutung zuzukommen scheint wie den Figuren (dies lässt sich zum Beispiel für die Sinnende, 1917, feststellen).

Die Malerin als Fotografin

Beim Besuch der Ausstellung treffen die Besucher*innen nicht nur auf die berühmten Gemälde Gabriele Münters, wie das prominent gehängte Bildnis von Marianne von Werefkin (1909) oder den Knabenkopf (Willi Blab) aus dem Jahr 1908, der sich direkt im Eingangsbereich befindet. Sie lernen Münter auch als eine Künstlerin kennen, die sich in besonderer Weise für Arbeit und Technik interessiert, sich in abstrakter Komposition „freier und leichter“[4] gefühlt und sich als junge Frau für Fotografie begeistert hat. So reiste sie mit Anfang zwanzig gemeinsam mit ihrer Schwester Emmy nach Nordamerika und dokumentierte ihre Eindrücke mit einer Kamera. Die Schwarz-weiß-Aufnahmen, die unter der Überschrift „Augenlust“ im Museum Ludwig versammelt sind und als Beginn des künstlerischen Werdegangs Münters bezeichnet werden, zeigen bereits ein besonderes Gespür für Komposition und sind von beeindruckender Schönheit und Klarheit. Wir sehen Drei Frauen im Sonntagsstaat (1899/1900), ein Kleines Mädchen auf einer Straße (1900), aber auch die Arbeit auf dem Feld oder Wasserbilder. „Viele Motive und Blickwinkel nehmen bereits Elemente ihres malerischen Œuvres vorweg.“[5]

Bilder von Frauen

Im Laufe ihres künstlerischen Schaffensprozesses malte Gabriele Münter rund 250 Porträts, vier Fünftel davon waren Abbildungen von Frauen, die auch in der Werkschau in Köln eine herausragende Position einnehmen. Neben „Genrebildnissen“, in denen (Frauen-)Figuren in häuslicher Umgebung zu sehen sind, widmete sich Münter auch (bekannten) Frauen aus ihrer näheren Umgebung und porträtierte diese. Es sind Bilder von kräftiger Farbigkeit, mit klaren, manchmal harten Konturen, in denen die Frauenfiguren mit Zigarette dargestellt sind (Bildnis einer Künstlerin (Margret Cohen), 1932), nachdenklich (Sinnende II, 1928), schreibend (Dame im Sessel schreibend (Stenographie. Schweizerin in Pyjama), 1929) oder beim Kartoffel schälen (Fräulein Ellen im Gras, 1934). Oft blicken sie die Betrachter*innen nicht an, sondern an ihnen vorbei oder wirken selbstversunken, sie erscheinen weniger als Objekte einer Betrachtung und mehr als Subjekte der Bilder.

Münters Bedeutung als Malerin

Lange Zeit galt Gabriele Münter vor allem als Frau an der Seite von Wassily Kandinsky. So notierte die Malerin selbst in ihrem Tagebuch: „Ich war in vieler Augen doch nur eine unnötige Beigabe zu Kandinsky“ (Gabriele Münter zitiert nach Reithmaier 2017). Immer wieder erschien nicht nur ihre Biografie, sondern auch ihre Kunst untrennbar mit ihrem zeitweiligen Lebensgefährten verbunden und musste sich an dessen Kunst messen lassen (Hille 2012: 229). Vor diesem Hintergrund ist es wohltuend, dass die Ausstellung Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife (größtenteils) auf Verweise zu Kandinsky verzichtet. Schon in der Zeittafel am Eingang wird er nur punktuell und dann eher als eine Art „Reisebegleiter“ neben anderen genannt und auch in der Werkschau wird sich – wie es für eine Einzelausstellung sein sollte, aber für Einzelausstellungen von Künstlerinnen noch immer nicht selbstverständlich ist – auf Münters Arbeit konzentriert, nicht auf die künstlerische und persönliche Beziehung zu Kandinsky. Vielmehr kommt durch den weitgespannten Überblick über Münters Werdegang, von den frühen Fotografien über Einflüsse durch ihre vielen Reisen und Kinofilme, die sie gesehen hat, bis zu ihren späten Gemälden eine Künstlerin zum Vorschein, die schon vor, während und genauso nach ihrer Zeit mit Kandinsky und unabhängig von diesem auf der Suche nach einem ihr eigenen künstlerischen Ausdruck gewesen ist. So gelingt es, den Blick freizumachen auf die vielseitigen Werke Gabriele Münters und den Besucher*innen die Augen zu öffnen für die Bedeutung dieser prägenden und einflussreichen Künstlerin und zentralen Persönlichkeit des Expressionismus.

 

[1] Wandtexte zur Ausstellung Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife. Museum Ludwig.

[2] Wandtexte zur Ausstellung Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife. Museum Ludwig.

[3] Wandtexte zur Ausstellung Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife. Museum Ludwig.

[4] Wandtexte zur Ausstellung Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife. Museum Ludwig.

[5] Wandtexte zur Ausstellung Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife. Museum Ludwig.

Headergrafik: Bildausschnitt, Gabriele Münter: Bildnis einer Künstlerin (Margret Cohen), 1932 Dreiländermuseum Lörrach © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Dreiländermuseum Lörrach

Dr. Jenny Bünnig

Jenny Bünnig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen: Literatur und Kunst der Moderne und Gegenwart, Melancholie, Fremdheit, Zeit- und Raumdarstellungen, "weibliche" Identitätskonstruktionen in der Literatur, Frauendarstellungen in der Kunst.

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