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Re-make – Erneut-machen. Frankfurter Frauen Film Tage

04. Dezember 2018 Romina Leiding

„Den einstigen Zusammenhang einer beginnenden Demokratie und eines Aufbruchs in eine gerechtere Gesellschaft gibt es derzeit nicht. Die Situation der Frauen und ihre Rechtsforderungen stellen sich im Gegenteil inmitten eines drohenden Verlusts an Demokratie […] dar“ (Babić/Gramann/Schlüpmann 2018: 2). Diese deutlichen Worte formulierten die Kuratorinnen Gaby Babić, Karola Gramann und Heide Schlüpmann von der Kinothek Asta Nielsen e. V. für das feministische Frankfurter Filmfestival Remake. Die Frankfurter Frauen Film Tage fanden in erster Auflage zwischen dem 2. und 11. November 2018 im Deutschen Filmmuseum und in der Pupille – Kino in der Uni in Frankfurt am Main statt. Remake brachte in zehn Tagen eine umfassende Bandbreite von Filmen zusammen, die zum Teil nur sehr selten gezeigt werden. Dabei wurde sich bemüht, die Filme nach Möglichkeit in ihren originalen Formaten zu zeigen. So sind Filme aus jüngster Vergangenheit, wie DIE GÖTTLICHE ORDNUNG (2017), neben Filmen des ersten Frauenfilmfestivals 1972, WOMEN OF RHONDDA (1972), oder auch aus der Suffragetten-Bewegung der 1910er-Jahre, wie SUFFRAGETTE DERBY OF 1913 (1913), zu sehen.

100 Jahre Frauenstimmrecht – 50 Jahre feministische Filmarbeit

Remake steht nicht für eine Reproduktion von Vergangenem. Vielmehr geht es darum, Vergangenes neu zu entdecken und daraus gewonnene Ideen in den Alltag zu tragen. Ausgangspunkt und Inspiration für diese Filmveranstaltung, die nun regelmäßig stattfinden soll, waren zwei Jubiläen: 100 Jahre Frauenstimmrecht und 50 Jahre feministische Filmarbeit. Denn es waren Frauen, die vor und während des Ersten Weltkrieges um ihr Recht zur Mitbestimmung kämpften, und 1968 fanden schließlich in der neuen Frauenbewegung mehr Frauen den Weg in die Filmproduktion. Aus beiden Ereignissen ergab sich die Programmgestaltung von Remake, die sich aus drei Schwerpunkten zusammensetzte.

Die historische Frauenbewegung

Die historische Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemühte sich um das Wahlrecht der Frau und die damit verbundene Gleichberechtigung. Vor allem in Großbritannien und den USA entstand die Suffragetten-Bewegung, bei der Frauen Kundgebungen, Versammlungen und weitere politische Veranstaltungen realisierten. Der Kampf um das Stimmrecht war ein Kampf gegen die Unmündigkeit von Frauen und für Gleichberechtigung. Hierzu zeigte Remake in seinem Programm u. a. Filme, in denen die Stärke dieser Frauen demonstriert wird. In SUFFRAGETTE DERBY OF 1913 wird ein vermeintlich politischer Selbstmord einer Suffragette bei einem Pferderennen gezeigt. Als der König Großbritanniens an diesem persönlich teilnahm, lief eine Frau vor sein Pferd und verstarb noch vor Ort an den Folgen des Zusammenstoßes. Es wurde damals davon ausgegangen, dass dies eine politisch motivierte Tat war. Bis heute sind die genauen Beweggründe nicht bekannt.

Bedeutung des ersten Frauenfilmfestivals Europas

Den zweiten Schwerpunkt bildete das erste Frauenfilmfestival Europas, das 1972 in Edinburgh zeitgleich mit, aber unabhängig von einem Frauenfilmfestival in New York stattfand. Hierfür war die bekannte feministische Filmtheoretikerin und damalige Initiatorin des Festivals, Laura Mulvey, bei Remake anwesend, um über den Erfolg und die Bedeutung des Festivals für die Frauenbewegungen zu sprechen. Mulvey erläuterte, dass sie und ihre Kollegin Lynda Myles verärgert darüber waren, dass in den 1970er-Jahren zu allen Veranstaltungen überwiegend Filme von Männern gezeigt wurden und dass Frauen bei der Produktion von Filmen nahezu ausgeschlossen waren. Aus diesem Grund stellten sie ein Festival auf die Beine, das ausschließlich (Avantgarde-)Filme von Frauen als Kontrast zum männerdominierten Hollywoodkino zeigte.

Werkschau Recha Jungmann

Den dritten Schwerpunkt der Filmtage stellt die Wiederentdeckung fast vergessener Filmemacherinnen dar. In der Filmbranche sind Frauen immer noch unterrepräsentiert und ihren Werken wird häufig keine Beachtung geschenkt. Um dem entgegenzuwirken und das kulturelle Erbe der Filme zu retten, arbeitet die Kinothek mit dem Deutschen Filminstitut zusammen. Gemeinsam werden die Filme von Filmemacherinnen restauriert und digitalisiert, um sie wieder zugänglich zu machen. In diesem Jahr waren es die der Schauspielerin und Filmemacherin Recha Jungmann, die einem größeren Publikum präsentiert wurden. Recha Jungmann thematisiert in ihren Filmen immer wieder private Themen, die mit ihren Emotionen auch Zuschauer*innen von heute betreffen. Sie bestimmt ihren eigenen Filmrhythmus und unterwirft sich nicht den Gepflogenheiten des Mainstreams. In ihren Filmen entwirft sie in eindrucksvollen Bildern eine Atmosphäre, die nach heutigen Sehgewohnheiten ungewöhnlich und nahezu befremdlich scheint. Dennoch sind sie ein wichtiges Zeitdokument und gleichzeitig zeitlos.

Remake als Fingerzeig

Die Frankfurter Frauen Film Tage 2018 reihen sich in die Tradition anderer Frauenfilmfestivals ein. Während viele andere Frauenfilmfestivals aus politischen und emanzipatorischen Überlegungen entstanden sind (vgl. Schlüpmann 2018: 4), richtet Remake den Blick eher auf die positiven Veränderungen auf gesellschaftlicher oder filmwirtschaftlicher Ebene durch Filme. Dadurch soll darauf aufmerksam gemacht und gleichzeitig betont werden, dass nach wie vor Handlungsbedarf besteht, Filme von Frauen zu fördern und Frauen in gesellschaftlichen Kontexten stärker zu berücksichtigen.

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Romina Leiding

ist eine der Vorsitzenden des Vereins Kinophil e.V. - Verein zur Erhaltung und Vermittlung von Filmkultur. Ihr Interessensschwerpunkt liegt in der Forschung und Vermittlung von Kinogeschichte sowie in dem gesellschaftlichen Aspekt von Kino. Seit ihrem Abschluss ihres Lehramtsstudiums der Germanistik und Geschichtswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen arbeitet sie aktuell freiberuflich als Regieassistenz, bei Filmfestivals sowie für Bildungsfahrten.

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