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Geschichtsanschauungen. Herstory – die Frankfurter Frauen Film Tage 2019

14. Januar 2020 Romina Leiding

Unter dem Titel Geschichtsanschauung. HerStory kuratierten Gaby Babić, Karola Gramann und Heide Schlüpmann von der Kinothek Asta Nielsen e.V. die zweite Auflage ihres erfolgreichen Filmfestivals REMAKE Frankfurter Frauen Film Tage. Der Titel Geschichtsanschauung. HerStory zielte auf das Sichtbarmachen von Geschichte(n), die nicht erzählt werden, weil sie außerhalb der etablierten Geschichtserzählung und -vermittlung stehen; von Geschichten, die übergangen und verschwiegen werden. Es ging um ein Verhältnis zur Vergangenheit, zur (Film-)Geschichte, um aus ihr „Relevantes für unsere Gegenwart“ zu bergen und wieder zugänglich zu machen (Babić/Gramann/Schlüpmann 2019: 2f.). Mit diesem Focus kam gleichsam von selbst die Frage auf: Ist Geschichte männlich?

Das Kino als Ort zur Bildung von Geschichtswahrnehmung

Geschichte ist immer Konstruktion des Vergangenen im Interesse von Gruppen, Staaten, Nationen. Nicht umsonst ist die Aussage „Geschichte wird von den Siegern geschrieben“ allbekannt. Dabei wird diese Konstruktion des Vergangenen häufig als alleinige, statische Wahrheit gefasst und die Gegenwartsinteressen an der Geschichtsdarstellung werden verdeckt. So wird „die“ Geschichte zur vorgegebenen, „objektiven“ Erzählung einiger weniger Instanzen mit Deutungshoheit vorgegeben, die unreflektiert von großen Teilen der Öffentlichkeit konsumiert wird. Beim Festival REMAKE ging es nun darum, mit diesem einseitigen und statischen Begriff von Geschichte zu brechen. Denn „Kino ist dafür der richtige Ort“, so die beiden Kuratorinnen Karola Gramann und Heide Schlüpmann: Kino beginne damit, die Trennung des gegenwärtigen Ich mit dem statischen Konstrukt des Vergangenen aufzulösen und zu verdeutlichen, dass die Gegenwart und das Ich ein Teil des Vergangenen, der Geschichte, seien und umgekehrt: „Kino ist der Ort, an dem es möglich ist, Geschichtswahrnehmung zu bilden“ und die eigene Gegenwart mit- und umzugestalten (Gramann/Schlüpmann 2019: 7).

Die etwas andere Geschichte

Das Schwerpunktthema Geschichtsanschauung. HerStory machte in seiner Schreibweise bereits deutlich, dass die Auseinandersetzung bei REMAKE nicht mit der kanonisierten Geschichte erfolgte: Das Festival zeigte Geschichte(n) aus der Perspektive von Frauen. Und diese filmischen Perspektiven führten über die alte Frage, ob Geschichte männlich sei, noch einmal hinaus. Denn das Medium „Film“ verweist auch stets auf seine Produktionsbedingungen in einer von Männern bestimmten Domäne.

REMAKE versammelte Filme von Frauen, die von ihren Sklav*innenvorfahren und ihren Erlebnissen von Ausgrenzung erzählen. Es zeigte Schwerpunktfilme zum Nationalsozialismus, zur rassistischen Verfolgung von Sinti* und Roma* im NS und zu Konzentrationslagern in Griechenland. Besonders beeindruckend war in diesem Festivalschwerpunkt die Anwesenheit einer der Holocaustüberlebenden und Protagonistinnen des Films BENEATH THE OLIVE TREE (2014), die 96-jährig aus Griechenland anreiste, um nach dem Film von ihren Erfahrungen und ihrem Schicksal zu berichten.

KIWI – Kino Women International

Die Auseinandersetzung mit der Film- und Festivalgeschichte von Frauen ist ein besonderes Merkmal von REMAKE. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ die diesjährige Beschäftigung mit einem der frühen feministischen Festivals: In den späten 1980er-Jahren gründeten rund 300 Frauen aus 24 Ländern auf Initiative der sowjetischen Filmfrauen eine internationale Organisation der Filmfrauen. Ihr Ziel war es, einen internationalen Informationsaustausch zu ermöglichen, der auch die USA einbezog. B. Ruby Rich war eine der Amerikanerinnen, die enger mit den Präsidentinnen von KIWI – Kino Women International –, wie Lana Gogoberidze, zusammenarbeitete und Öffentlichkeitsarbeit für KIWI im Westen betrieb. KIWI veranstaltete regelmäßige internationale Filmschauen und förderte auf internationaler Ebene Koproduktionen im Filmbereich von Frauen – und dies zu Zeiten des Kalten Krieges, der nicht am „Eisernen Vorhang“ endete, sondern auch die USA einbezog. KIWI zerbrach schließlich mit dem Zerfall der Sowjetunion und der damit einhergehenden Arbeitslosigkeit der Filmfrauen. Erst heute, als KIWI schon nahezu vergessen war, begann die Filmregisseurin und -forscherin Pavla Frydlova die Geschichte von KIWI zu rekonstruieren, zu erforschen und damit kulturell zu tradieren.

Der Mensch und die Natur

Ein weiteres Schwerpunktthema galt 2019 dem Menschen und seinen Bezügen zur Natur. So thematisierte der Film LEAVE NO TRACE (2018) in eindrucksvollen Bildern den Kontrast zwischen dem Grün der Natur und dem sterilen Betonweiß der Großstadt und Zivilisation. Die Aussteigergeschichte behandelt dabei die Problematik der Selbstverständlichkeit einer aus ihrer Sicht überlegenen zivilisierten Gesellschaft gegenüber dem Rückzug in die urtümliche Lebensweise in der Natur. Die Gesellschaftskritik an einer Zivilisation, die sich selbst über alles andere erhebt, griff ebenfalls der Film POKOT (2017) nach einer Geschichte der jüngst gekürten Nobelpreisträgerin für Literatur Olga Tokarczuk auf. Tokarczuk stellt darin Tiere und die Frage nach ihren Rechten in den Mittelpunkt. Die Regisseurin Agnieszka Holland inszeniert in POKOT die Tiere als Subjekte, die jedoch von der Gesellschaft als Objekte degradiert werden. Somit kritisiert die Regisseurin den Umgang mit Tieren und der Natur der heutigen Gesellschaft.

Kino und Gesellschaft

Das Verhältnis zwischen Menschen und Natur war ein sehr zentrales Thema des Festivals. Während „Klimawandel“, „Erderwärmung“, „Veganismus“ oder „NutriScore“ als allgegenwärtige Begriffe die Öffentlichkeit bestimmen, zeigten die hier präsentierten Filme zur Naturthematik auf nachdenkliche, stille, schrille, unterhaltsame Art und Weise, wie die Gesellschaft sich auf den Weg machen kann. Denn das Kino kann wirklich der Ort sein, an dem die Auseinandersetzung mit Geschichte(n) Veränderungen unseres Verhaltens zu motivieren und zu leiten vermag.

Literatur

Babic, Gaby/Gramann, Karola/Schlüpmann, Heide (2019), Vorwort zum Programmheft Remake. Frankfurter Frauen Film Tage, Kinothek Asta Nielsen e.V., S. 2–3.  Zugriff unter https://www.remake-festival.de/programm/programmheft.

Gramann, Karola/Schlüpmann, Heide (Hg.) (2019): Geschichtsanschauungen. Eine Publikation zu Remake. Frankfurter Frauen Film Tage 2019, Frankfurt/Main, Kinothek Asta Nielsen e.V. (ISBN 978-3-00-063863-3)

Zitation: Romina Leiding: Geschichtsanschauungen. Herstory – die Frankfurter Frauen Film Tage 2019, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 14.01.2020, www.gender-blog.de/beitrag/geschichtsanschauungen-frankfurter-frauenfilmtage-2019/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200114

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© Headergrafik: Bozica Bobic

Romina Leiding

ist neben ihrer Tätigkeit als Hauptamtliche pädagogische Mitarbeiterin beim Heinz-Kühn-Bildungswerk in Dortmund auch eine der Vorsitzenden des Vereins Kinophil e.V. - Verein zur Erhaltung und Vermittlung von Filmkultur. Ihr Interessensschwerpunkt liegt in der Forschung und Vermittlung von Kinogeschichte sowie in dem gesellschaftlichen Aspekt von Kino.

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