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„Postpatriarchale Gesellschaft“ (noch) nicht in Sicht

14. Mai 2019 Sandra Beaufaÿs

Wo stehen wir aktuell gesellschaftlich im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis? Diese Frage ist nicht ohne Weiteres zu beantworten. Anzeichen für einen Bruch mit überkommenen Geschlechterkonzeptionen stehen neben Hinweisen auf (Re)Traditionalisierungstendenzen, die zurück zu „Anno Tobak“ zu führen scheinen. In dem Buch Struktur und Dynamik - Un/Gleichzeitigkeiten im Geschlechterverhältnis analysieren Barbara Rendtorff, Birgit Riegraf und Claudia Mahs gemeinsam mit anderen ausgewiesenen Geschlechterforscher*innen den Status Quo. Das Interview mit den Herausgeberinnen führte Sandra Beaufaÿs.

Der Band ist ein Ergebnis gemeinsam beantragter Thyssen-Werkstattgespräche zum Thema Rhetorische Modernisierung? Ungleichzeitigkeiten im Geschlechterdiskurs. Was gab Ihnen als Herausgeberinnen 2015 den Anlass, ein solches Projekt ins Leben zu rufen?

Schon seit längerer Zeit beschäftigte uns die Frage, wie die Widersprüche in der aktuellen Entwicklung der Geschlechterverhältnisse einzuschätzen sind – deutlichen Veränderungsbewegungen, etwa im Bereich der Erwerbs- und Bildungsbeteiligung, stehen auf anderen Ebenen ebenso deutliche Persistenzen gegenüber. Das reicht von der Stereotypisierung von Kindern und Jugendlichen durch das Marktangebot, also die Ausweisung von Produkten als für Mädchen und Jungen geeignet, bis zur typischen Aufteilung von Hausarbeit. Wir diskutierten immer wieder, wie diese widersprüchlichen Entwicklungen theoretisch zu fassen sind. Als Re-Traditionalisierung? Als rhetorische Modernisierung? Oder nochmal ganz anders? Um uns diesen Fragen weiter anzunehmen, suchten wir nach einem Format, in dem das gemeinsame Nachdenken miteinander und mit anderen Wissenschaftler_innen im Vordergrund stehen konnte.

Wie verlief die Zusammenarbeit, gab es z. B. bestimmte Reibungspunkte, die sich besonders produktiv ausgewirkt haben?

Als Auftaktveranstaltung luden wir eine recht große Gruppe von Geschlechterforscher_innen zu einem zweitägigen Werkstattgespräch ein. Aus dieser Gruppe stellten wir dann die Mitwirkenden in den kleineren Werkstattgesprächen zusammen. Im Nachhinein betrachtet dominierte die soziologische Perspektive deutlich, dadurch sind manche möglichen produktiven „Reibungspunkte“ gar nicht aufgetreten, die sich durch stärkere disziplinäre Differenzen hätten ergeben können. Dennoch war es produktiv, zu realisieren, wie unterschiedlich einzelne Begriffe je nach empirischem oder theoretischem Zugriff verwendet werden, oder wie Einschätzungen zustande kommen, und wie unterschiedlich die Maßstäbe zur Einordnung des Vorfindlichen sein können.

Den Begriff der „Rhetorischen Modernisierung“ haben Sie im Laufe der Diskussionen „beiseite“ gelegt, wie es in der Einleitung heißt. Auch andere, bislang in Diskursen der Geschlechterforschung beliebte Begriffe, wurden verworfen. Weshalb waren sie für Ihr Anliegen nicht mehr brauchbar?

Das lässt sich nur unzureichend in drei Sätzen sagen – aber wir sind in der Diskussion zu dem Schluss gekommen, dass diese Begriffe zu statisch und inhaltlich zu stark vorherbestimmt waren und jeweils eine spezifische Perspektive und Einschätzung vorschnell nahelegen.

Inwiefern?

Der Begriff ‚Diskontinuität‘ beispielsweise betont stark die zeitliche Perspektive und legt nahe, dass es voranschreitende und im Prinzip geradlinige Entwicklungen im Geschlechterverhältnis gibt, die nur zu manchen Zeiten und in manchen Bereichen unterbrochen oder noch nicht eingetreten sind. Damit wird der Blick darauf verstellt, dass die aktuelle Situation vielleicht ganz anders gelagert ist – etwa: dass eine androzentrische Gesellschaft aus strukturellen Gründen gar keine Entwicklung hin zu Gleichberechtigung hervorbringen kann, sondern immer nur anders maskierte Formen von Geschlechterhierarchie.

Sie haben sich dann für die eher klassischen sozialwissenschaftlichen Konzepte ‚Struktur‘ und ‚Dynamik‘ entschieden, um die aktuellen un/gleichzeitigen Entwicklungen zu erfassen.

Diese Unterscheidung zwischen Struktur und Dynamik verstehen wir als heuristisches Konzept, um sich den komplexen Entwicklungen anzunähern, wohl wissend, dass dies lediglich eine vorläufige Benennung und eine analytische Trennung ist. Mit dem Blick auf die Strukturentwicklung kann beispielweise gezeigt werden, dass der Anteil der Frauen in Führungspositionen zwar zugenommen hat, zugleich aber klassische Formen von Weiblichkeit oder die traditionelle Vorstellung von Mütterlichkeit einen Aufschwung erleben. Da zeigen sich also deutliche Entwicklungen, die aber in entgegengesetzte Richtungen zu weisen scheinen. Der Band gibt in der Gesamtschau einen sehr guten Eindruck, einzelne Beiträge haben eher die Persistenzen in den Vordergrund gerückt, andere eher die Dynamiken. Auch sind die Ausschnitte, die die einzelnen Beiträge fokussieren, auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt – einige konzentrieren sich eher auf eine psychodynamische Ebene, wie zum Beispiel Sebastian Winter, andere auf eine ökonomische, wie der Aufsatz von Annette von Alemann und Kyoko Shinozaki oder der von Heike Kahlert. Wieder andere steuern gezielt die Frage an, was sich derzeit ändert und wie tiefgreifend diese Änderungen sind. Das findet sich sehr stark in den Beiträgen von Friederike Kuster und Sylka Scholz, oder auch bei Mechthild Bereswill und Katharina Liebsch.

Was denken Sie als Herausgeberinnen, sind wir schon postpatriarchal oder doch eher „Same same but different“, wie es im Titel von Sabine Harks Beitrag anklingt?

Diese Frage kann nicht mit „einer Stimme“ beantwortet werden – auch wir Herausgeberinnen sind keineswegs immer einer Meinung. Allerdings gehen wir von der Einschätzung aus, dass eine „postpatriarchale Gesellschaft“ (noch) keineswegs in Sicht ist. Ganz im Gegenteil: Es lassen sich deutliche Gegenbewegungen erkennen – wobei es unklar ist, ob dabei eher ein ‚Zurück‘ zur alten Geschlechterordnung (wie in rechten Kreisen) im Vordergrund steht oder eine ganz anders geartete Vorstellung der Geschlechterordnung dominiert: ein modernisiertes Bild der Geschlechter, mit gewachsener Gleichberechtigung, aber auf der Grundlage der alten, unveränderten Basis einer Opposition zweier letztlich grundsätzlich verschiedenen Spezies, Männern und Frauen.

Haben sich weitere Kooperationen aus dem Projekt, den Expert_innentagungen und diesem Sammelband ergeben? Dürfen wir in Zukunft auf kollaborative Projektideen aus der Geschlechterforschung hoffen?

Die Arbeit in den Werkstattgesprächen wurden von allen Beteiligten als sehr bereichernd empfunden – nicht zuletzt, weil sie eben nicht vorrangig auf eine direkte Umsetzung in Forschungsanträge hin fokussiert waren, sondern auf einen gemeinsamen und ergebnisoffenen Nachdenkensprozess, von dem alle etwas Unterschiedliches mitnehmen. Die vor- und nachbereitenden Papiere halten diesen Prozess fest und können längerfristig immer wieder als Anregung dienen. Deshalb haben schon einige Beteiligte diese Arbeitsform in ihre eigenen Projekte oder Angebote übernommen. Natürlich hoffen wir sehr, dass daraus zukünftig neue Projektideen und Anträge erwachsen werden!!

Das Buch Struktur und Dynamik - Un/Gleichzeitigkeiten im Geschlechterverhältnis ist 2019 im Verlag Springer VS in der Reihe Geschlecht und Gesellschaft erschienen.

Literatur

Rendtorff, Barbara; Riegraf, Birgit & Mahs, Claudia (Hrsg.). (2019). Struktur und Dynamik – Un/Gleichzeitigkeiten im Geschlechterverhältnis. Reihe Geschlecht und Gesellschaft. Wiebaden: Springer VS. DOI: 10.1007/978-3-658-22311-3

Zitation: Sandra Beaufaÿs: „Postpatriarchale Gesellschaft“ (noch) nicht in Sicht, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 14.05.2019, www.gender-blog.de/beitrag/postpatriarchale-gesellschaft/

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Dr. Sandra Beaufaÿs

Sandra Beaufaÿs ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft, in Professionen und Arbeitsorganisationen sowie qualitative Sozialforschung und Sozialtheorie.

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