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Interview

Demokratie-Empowerment – die Expertise des Deutschen Frauenrates

26. Oktober 2021 Josefine Paul Uta C. Schmidt

Auch Frauenverbände sehen sich Angriffen durch autoritäre, neurechte und menschenfeindliche Bewegungen ausgesetzt. Der Deutsche Frauenrat als politische Interessenvertretung von rund 60 bundesweit aktiven Frauen­organisationen und damit die größte Frauenlobby Deutschlands hat zusammen mit der Amadeu Antonio Stiftung eine praxisorientierte Expertise erarbeitet: Auswirkungen von Antifeminismus auf Frauenverbände. Demokratie-Empowerment als Gegenstrategie. Uta C. Schmidt sprach mit der Vorstandsfrau Josefine Paul über Demokratie-Empowerment.

Welche Erfahrungen machen Vertreterinnen von Frauenvereinen und -verbänden mit Angriffen von rechts?

Die Gleichstellungsarbeit rückt stärker in den Fokus rechter und extrem rechter Gruppen. Verweise auf traditionelle Familienwerte und Frauenbilder werden begleitet von Versuchen, Gleichstellungspolitiken als Ideologie hinzustellen und damit außerhalb eines von Vernunft geprägten politischen Diskurses. Geschlechter und Geschlechterhierarchien sind ein zentraler Bestandteil der gesellschaftlichen Ordnung. Sie sind deshalb auch zentraler Bestandteil rechter Gruppen und Foren. Antifeminismus ist einerseits Kitt innerhalb rechter Szenen. Andererseits stellen antifeministische und gleichstellungskritische Positionen die Anschlussfähigkeit an konservative und bürgerliche Milieus her. Bedrohung von rechts äußert sich im Netz, durch das Infragestellen der Geschlechterforschung, durch Angriffe auf Vielfaltspädagogik und institutionalisierte Gleichstellungsarbeit. Im politischen Raum geschieht dies über Anfragen oder Anträge durch die AfD. Grundsätzlich geht es darum, gleichstellungs- und frauenpolitische Arbeit zu delegitimieren und Akteur*innen möglichst aus dem politischen Diskurs und der Öffentlichkeit zu verdrängen.

Welche Narrative und Strategien haben sie bei den rechtpopulistischen und extrem rechten Akteuren und Akteurinnen identifizieren können?

Häufig beziehen sie sich auf eine vermeintlich traditionelle und „natürliche“ Ordnung, die durch Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitik infrage gestellt wird. Da gibt es das Narrativ von der „traditionellen Familie“ als Keimzelle der Gesellschaft, die durch Feminismus und Gleichstellung aller Geschlechter in Gänze bedroht scheint. Dann werden frauenpolitische Themen, wie zum Beispiel Gewaltschutz, instrumentalisiert und umgedeutet. Diese Umdeutung verbindet sich zumeist mit dem rassistischen Narrativ von einer „zugewanderten Bedrohung“. Gewalt gegen Frauen wird so zu einem Problem erklärt, was nur außerhalb unserer Gesellschaft existiert und gleichzeitig wird die Zuwanderung als eine Bedrohung für die Sicherheit von Frauen gedeutet. Sexismus wird ethnisiert und genutzt, um Anti-Migrationsdiskurse zu befeuern. Zentral ist: Die Interessen von Frauen werden nicht generell negiert, sie werden auf wenige Themen eingeengt, die dann wiederum gegen Gleichstellung und Vielfalt in Stellung gebracht werden.

Unsere Expertise hat auch nach den konkreten Erfahrungen der befragten Mitgliedsverbände gefragt. Vor allem sind es die Akteur*innen vor Ort, die sich persönlichen Angriffen und der Diffamierung der eigenen Arbeit ausgesetzt sehen. Beschrieben wurden aber auch spitze oder kritische Bemerkungen, ein nicht Ernstnehmen oder ein grundsätzliches Infragestellen der Arbeit. Dabei zeigt sich auch, dass dies nicht nur durch rechte oder extrem rechte Akteur*innen vorgetragen wird. Diese Erfahrung spricht für eine gewisse Anschlussfähigkeit antifeministischer Narrative in breitere gesellschaftliche Kreise.

Welche Rolle kommt antifeministischen Versatzstücken in den Ideologien zu?

Antifeminismus ist ein Teil von Abwertungsnarrativen, die Wilhelm Heitmeyer als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ bezeichnet (z.B. Heitmeyer 2018). Das bedeutet, dass antifeministische Ansichten häufig auch mit anderen Ungleichwertigkeitsvorstellungen zusammenkommen. Frauenhass und Antifeminismus können möglicherweise als eine Art Klebstoff gesehen werden, der unterschiedlichste Gruppierungen verbindet bzw. eine Verbindung herstellt. Rechtsextremistische Attentäter beziehen sich auch immer wieder auf Ideologien, wie die der sog. Incel-Bewegung („involuntary celibate“, also „unfreiwillig zölibatär“, vgl. dazu auch Becksmann 2021). Auch wenn Hass auf Frauen und Antifeminismus beispielsweise nicht als Hauptmotiv das Attentat von Halle bestimmt haben, sondern die Tat klar antisemitisch motiviert war, so lassen sich trotzdem auch Versatzstücke aus frauenfeindlichen und antifeministischen Diskursen erkennen. Antifeministische Ideologien sind ein integraler Bestandteil rechter und extrem rechter Ideologien. 

Besonders krass finde ich, dass bei den Befragungen auch herauskam, wie verbreitet antifeministische Haltungen in der Gesellschaft sind und wie schnell sie aktiviert werden können. Könnte dies mit ein Grund dafür sein, warum Rechtspopulismus und die extreme Rechte so zielsicher den „Antifeminismus“ bespielen?

Der Kampf der Rechten und extrem Rechten gegen eine vermeintliche Genderideologie zielt auch auf die Anschlussfähigkeit in weite Kreise der Gesellschaft. Errungenschaften von Feminismus und Frauenbewegung werden grundsätzlich angegriffen. Dabei werden diese Errungenschaften und Anliegen immer wieder um- und fehlgedeutet. Insbesondere die Debatte um eine geschlechtergerechte Sprache zeigt, wie groß die Zustimmung bis in die Mitte der Gesellschaft zu einem solchen, im Kern antifeministischen und diskriminierenden Vorgehen ist. Aus dem Anliegen, die Geschlechter auch sprachlich sichtbar und damit gleichberechtigt abzubilden, wird ein Angriff auf die deutsche Sprache und damit auf die Grundlage der deutschen Kultur gemacht. Auch wenn sich nicht alle Gegner*innen einer geschlechtergerechten Sprache diese Argumentation zu eigen machen würden, so erleben wir doch, dass eine generelle Skepsis gegenüber einer diskriminierungsfreien Sprache hinter Argumenten wie der Lesbarkeit von Texten oder dem Bagatellisieren des Anliegens hervortritt. Damit geht es aber im Kern darum, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen und ob wir uns der Frage nach struktureller Diskriminierung in unserer Gesellschaft ernsthaft widmen wollen.  

Welche Empowerment-Strategien schlägt die Expertise vor für frauenpolitisch Aktive – Individuen, Vereine, Verbände?

Demokratie-Empowerment bedeutet Stärkung der Zivilgesellschaft. Vernetzung und Solidarität können dazu einen Beitrag leisten. Vor allem ist es wichtig, diejenigen zu unterstützen und zu stärken, die von Angriffen betroffen sind. Es ist aber auch wichtig, Angriffe, Anfeindungen und Drohungen zur Anzeige zu bringen und zu dokumentieren. Bei persönlichen Angriffen geht es zumeist darum, Akteuer*innen mundtot zu machen und sie zu entmutigen. Diesem Phänomen des „Silencing“ müssen eine aktive Zivilgesellschaft, eine menschen- und frauenrechtsbasierte Politik und der Rechtsstaat etwas entgegensetzen: In einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft darf Ausgrenzung von politischer Teilhabe durch Bedrohung und Einschüchterung nicht hingenommen werden. 

Als größter Frauendachverband ist der Deutsche Frauenrat auch eine Unterstützungs- und Vernetzungsstruktur für seine Mitgliedsverbände. In Deutschland wirbt er für eine progressive Gleichstellungspolitik und stellt sich auch selbst den Fragen an eine solche progressive Politik in einer pluralen Gesellschaft. Deshalb haben wir im Deutschen Frauenrat auch einen eigenen Fachausschuss zum Thema „Intersektionalität“.

Sie fordern alle auf, ihr Demokratieverständnis zu schärfen? Was heißt das konkret?

Der Deutsche Frauenrat und seine Mitgliedsverbände stehen für eine vielfältige, solidarische und demokratische Gesellschaft. Dazu gehört für ihn auch eine klare Positionierung gegen antifeministische, rassistische, LGBTIQ*-feindliche, antisemitische, antimuslimische und generell menschenfeindliche Tendenzen. Vielfalt ist eine gesellschaftliche Realität, Diskriminierung ist aber genauso für viele Menschen eine Alltagserfahrung. Wir brauchen ein klares Bewusstsein für strukturelle Diskriminierung und wir müssen eine Debatte über strukturelle und gesetzliche Rahmenbedingungen führen, die Teilhabe aller stärken, Ausgrenzung in den Blick nehmen, sie dokumentieren und klar adressieren.

Worauf zielt die Empfehlung, eine feministische Organisationskultur zu stärken?

In einer Demokratie brauchen wir eine vielfältige und plurale Zivilgesellschaft. Dazu gehören auch starke Frauenvereine, -verbände und -initiativen, die für gleichstellungspolitische Positionen stehen. Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist in unserem Grundgesetz verankert, nur eingelöst ist sie bislang nicht. Frauen sind weiterhin unterrepräsentiert, wenn es um Teilhabe an politischen Prozessen oder Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft geht. Gleichzeitig erleben Frauen noch immer strukturelle Diskriminierung und sind weit häufiger Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Gesellschaft darf davor nicht die Augen verschließen und dafür braucht es starke feministische Strukturen. 

Literatur

Heitmeyer, Wilhelm (2018). Autoritäre Versuchungen: Signaturen der Bedrohung. Berlin: Suhrkamp.

Becksmann, Jakob (2021). Zum Zusammenhang von männlicher Sexualität und Misogynie innerhalb der INCEL-Community. GENDER, 13(3), 89–105. https://doi.org/10.3224/gender.v13i3.07

Zitation: Josefine Paul, Uta C. Schmidt: Demokratie-Empowerment – die Expertise des Deutschen Frauenrates, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 26.10.2021, www.gender-blog.de/beitrag/demokratie-empowerment-frauenverbaende/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20211026

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International LizenzCreative Commons Lizenzvertrag

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Paul, Josefine

Historikerin und Hobby-Fußballerin, seit 2010 Mitglied der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Nordrhein-Westfalen und deren Fraktionsvorsitzende; 2017 bis 2021 Präsidiumsmitglied des grünen Bundesfrauenrats. Beim Deutschen Frauenrat leitete sie von 2019 bis 2021 den Fachausschuss Demokratie, seit 2021 leitet sie den Fachausschuss Intersektionalität.

 

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Schmidt, Dr. Uta C.

Historikerin und Kunsthistorikerin; Forschungen an den Schnittstellen von Raum, Wissen, Geschlecht und Macht; Publikationen zu Klöstern, Klanggeschichte und Geschichtskultur; wiss. Mitarbeiterin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW; Kuratorin im DA. Kunsthaus Kloster Gravenhorst; Mitherausgeberin von www.frauenruhrgeschichte.de.

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