17. März 2026 Karolina Heck
Was bedeutet die Klimakrise aus der Perspektive gelebter und verkörperter queerer Erfahrung? Dieser Fragestellung gehe ich zusammen mit queeren Personen in meiner explorativen Forschung nach. In diesem Text teile ich Gedanken und Methoden, mit denen ich mich dem Thema annähere. Dabei begreife ich queer nicht primär als Identitätskategorie, sondern als räumliche, relationale Orientierung, die im Widerspruch zur Norm steht. Queere Identitäten sind nicht stabil oder abgeschlossen, sie entstehen performativ durch wiederholte Praktiken, Gesten und Beziehungen (Butler, 1991).
Im Folgenden gebe ich einen Einblick in queerphänomenologische Erklärungsmuster für eine alternative Beziehung zur Natur und Klimakrise jenseits technokratischer Klimawandelperspektiven. Auch erzähle ich von meiner explorativen Forschung mit queeren Personen, die Raum für verkörperte Erfahrung mit der Natur und der Klimakrise schafft.
ablösen
Queerness ist eine Selbstzuschreibung, die auch von dem situierten Umfeld und der Ausrichtung des eigenen Körpers zu anderen Körpern in der Welt geschieht. Von meinem Körper sehe ich die Welt (Merleau-Ponty, 2010). Daher kann sich Identität und Gender immer ändern. Queerphänomenologisch gesprochen, bewegen sich queere Körper oft „schief“ zu gesellschaftlichen Normlinien, sie erleben Desorientierung, Umwege und Brüche (Ahmed, 2006). Nach Ahmed ist es für mich deshalb einleuchtend, dass queere Perspektiven neue Einblicke auf die Klimakrise beitragen können; sollten sie in die Debatte einmal eingeladen werden. Geprägt von Erfahrungen struktureller Marginalisierung mussten viele queere Gemeinschaften vielfältige Praktiken mit Unsicherheit, Ausschluss und Prekarität entwickeln (Feng, 2022; Evans, 2023). Queere Realitäten, Erfahrungen und Strategien wurden allerdings bisher für den Umgang mit der Klimakrise von Politik und Wissenschaft in Deutschland ignoriert. Die Kombination von Queerness und Natur erscheint mir noch immer intuitiv paradox, was durch meine persönliche Geschichte geprägt ist. Daher nutze ich den Ausdruck „Mehr-als Menschliches“, wenn ich mich aktiv von der Binarität von Mensch/Natur lösen möchte.
im fluss
Aktuell verbringe ich für meine Forschung und aus Freude viel Zeit mit einem queerfeministischen Chor, der ein interdisziplinär ausgerichtetes Programm zum Thema Wasser entwickelt. Der Chor wird für mich zu einem experimentellen Raum, in dem sich queere ökologische Erfahrungen über Stimme, Klang und kollektive Präsenz entfalten können. Mithilfe eines Feminist-Participatory-Action-Research-Ansatzes (Gössling, 2024) werde ich selbst zur singenden Performer*in und zur Koproduzent*in von Wissen, indem ich die Aufführung konzeptionell und singend mitgestalte. In dieser Rolle begleite ich die Performer*innen und frage neugierig danach, wie sich Beziehungen zu dem Mehr-als-Menschlichen verändern, wenn Wasser gemeinsam verkörpert wird.
Weitere queere Forschungspartner*innen von mir sind Personen, die sich in ihrer Lohnarbeit oder in ihrer Freizeit mit dem Nexus von Queerness und Klima beschäftigen. Methodisch habe ich bewusst Formate gewählt, die kollektive und ästhetische Wissensproduktion ermöglichen. In Fokusgruppen kamen Teilnehmende miteinander über ihre Erfahrungen mit der Klimakrise, über Sorgen und Strategien ins Gespräch.
Ergänzend dazu habe ich eine Zine-Making-Session durchgeführt. Mit den Zines hatten meine Forschungspartner*innen die Möglichkeit ökologische Erfahrungen jenseits linearer Sprache durch Collage, Zeichnung, Textfragmente und Materialität zu artikulieren (Biagioli et al., 2021). Viele der entstandenen Zines thematisieren queere Beziehungen zum Mehr-als-Menschlichen.
Meine Forschungspartner*innen ermöglichen mir diese Forschung. Ich versuche, sorgsam mit der Zeit umzugehen, die sie mir anvertrauen, und achtsam mit den Stimmen, die ich weitertrage. Ich bin eine Replikator*in von Weisheiten aus dem Off und dem Hier. Ich ordne, verbinde und verstärke.
natur und ich
Als queere und queer-forschende Wissenschafler*in folge ich einer situierten, reflexiven Forschungspraxis (Haraway, 1995). Natur ist für mich patriarchal überschrieben. Meine persönliche Ansammlung an Erinnerungen und Erfahrungen hat dazu geführt, dass Natur für mich schwer erreichbar ist. Als weiblich gelesene Person begegne ich noch immer Vorstellungen, die mein Verhältnis zur Natur scheinbar selbstverständlich festlegen. In patriarchal geprägten Bildern von „Mutter Erde“ wird mir häufig allein aufgrund meiner Physiologie ein fürsorgliches, mütterliches Verhältnis zur Umwelt zugeschrieben (Alaimo, 1994). Zugleich ist mir bewusst, dass ich als weiße Person von rassistischen Zuschreibungen nicht betroffen bin. Mir wird z. B. kein vermeintlich spirituelles Naturverhältnis unterstellt (Said, 1978). All diese Bilder erschweren es mir, Natur anders zu denken und zu erleben. Zu versuchen, mein eigenes Verhältnis zur Natur abseits essentialisierender Zuschreibungen zu erkunden, begreife ich als Teil meines Forschungsprozesses.
Transökologie eröffnet mir für diese Reorientierung einen vorsichtigen Zugang. Transökologische Ansätze, die ich sowohl in meiner Schreibtischarbeit als auch in Gesprächen mit meinen Forschungspartner*innen gefunden habe, wurzeln in ökofeministischen (Haraway, 2003; Plumwood, 2002) und queerökologischen Ansätzen, die normative Vorstellungen von Natürlichkeit, Reproduktion und Geschlecht hinterfragen (Bell, 2010; Mortimer-Sandilands & Erickson, 2010). Transökologie stellt für mich lineare, zielgerichtete Vorstellungen von Entwicklung infrage, wie sie in kapitalistischen Wachstumsparadigmen vorherrschen. Transökologie erweitert ökologische Fragestellungen, indem sie Materialität, Körperlichkeit und Gender wieder ins Zentrum rückt (Seymour, 2020). Damit öffnet mir Transökologie den Blick für neue Beziehungsweisen zwischen Menschen und dem Mehr-als-Menschlichen.
auftauchen
In der gemeinsamen Reflexion unserer Promotionsprojekte hat meine Kollegin Nina Fraeser mir in ihren Arbeiten gezeigt, wie vielfältig Queere Phänomenologie von Ahmed (2006) einsetzbar ist. Daran anknüpfend argumentiere ich, dass queere Perspektiven andere Zugänge zur Klimakrise eröffnen können. Mit meinen Forschungspartner*innen exploriere ich queere Beziehungen zum Mehr-als-Menschlichen. Ahmed fragt, wie Körper Raum bewohnen, wie sie sich orientieren und was geschieht, wenn diese Orientierung nicht der Norm folgt. Queere Körper, so Ahmed, bewegen sich anders durch Räume, stoßen an, weichen aus, richten sich neu aus. Daraus können andere Beziehungen zum Mehr-als-Menschlichen erwachsen. Unsere Beziehung zum Mehr-als-Menschlichen ist auch entscheidend dafür, wie wir in der Klimakrise miteinander umgehen. Ich sehe die Chance, Maßnahmen in der Klimakrise neu auszurichten, wenn die verkörperten Erfahrungen und Perspektiven queerer Personen in Bezug auf Mehr-als-Menschliches und Krisenbewältigung institutionell Beachtung finden. Queere Perspektiven in die Klimaforschung zu integrieren ist für mich daher nicht bloß eine Frage von Gerechtigkeit, sondern ein Thema epistemischer Notwendigkeit im Umgang mit der Klimakrise.
Sicherlich geht es bei meiner Forschung zur drängenden und erschöpfenden Klimakrise auch um meine eigene Umorientierung im Raum. Darum, den Blick so zu verschieben, dass das Mehr-als-Menschliche in meine räumliche Reichweite tritt. Neue ökologische Räume öffnen sich mir nicht ohne Widerstand. Ich spüre diesen Widerstand im Körper: das Unbehagen in der Nähe zur Natur, die tief eingeschriebene Trennung von Mensch und Umwelt. Patriarchale Binarität zu verlernen ist kein einfacher Schritt. Doch je häufiger ich Schritte in fremde Bahnen lenke, desto mehr finde ich einen neuen Rhythmus. Bewegungen, die sich in Körpern einschreiben, zirkadiane Rhythmen, alltägliche Praktiken, Herzschläge stupsen mich zu neuen ökologischen Räumen.
Literatur
Ahmed, Sara (2006). Queer Phenomenology. Durham: Duke University Press.
Alaimo, Stacy (1994). Cyborg and ecofeminist interventions: Challenges for an environmental feminism. Feminist Studies, 20(1), 133–152. https://doi.org/10.2307/3178438
Bell, David (2010). Queernaturecultures. In C. Mortimer-Sandilands & B. Erickson (Eds.), Queer ecologies: Sex, nature, politics, desire (pp. 134–152). Bloomington: Indiana University Press.
Biagioli, Mario, Pässilä, Anu, & Owens, Amber (2021). The zine method as a form of qualitative analysis. Qualitative Research Journal, 21(2), 171–185. https://doi.org/10.1386/9781789383553_9
Butler, Judith (1991). Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Evans, Jennifer V. (2023). The queer art of history: Queer kinship after fascism. Durham: Duke University Press.
Feng, Jeff L. (2024). Framing queer climate justice. PS: Political Science & Politics, 57(4), 529–539. https://doi.org/10.1017/S1049096524000350
Gössling, Kristen P. (2024). Learning from feminist participatory action research: A framework for responsive and generative research practices with young people. Action Research, 23(1), 48–70. https://doi.org/10.1177/14767503241228502
Haraway, Donna J. (1995). Situiertes Wissen: Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive. In C. Hammer & I. Stieß (Eds.), Die Neuerfindung der Natur: Primaten, Cyborgs und Frauen (pp. 73–97). Frankfurt am Main/New York: Campus.
Haraway, Donna J. (2003). The Companion Species Manifesto. Dogs, People and Significant Others. Chicago: Prickly Paradigm. Available at: https://xenopraxis.net/readings/haraway_companion.pdf (last access: 28.01.26).
Merleau-Ponty, Maurice (2010). Phenomenology of perception. London: Routledge. https://doi.org/10.4324/9780203720714 (original work published 1945)
Mortimer-Sandilands, Catriona & Erickson, Bruce (Eds.) (2010). Queer ecologies: Sex, nature, politics, desire. Bloomington: Indiana University Press.
Plumwood, Val (2002). Decolonizing relationships with nature. PAN: Philosophy, Activism Nature, 2(1), 7–30. https://doi.org/10.4225/03/57D8A62177281
Said, Edward W. (1978). Orientalism. New York: Pantheon Books.
Seymour, Nicole (2020). Queer Ecologies and Queer Environmentalisms. In S. B. Somerville (Eds.), The Cambridge Companion to Queer Studies (pp. 108–122). Cambridge: Cambridge University Press.
Zitation: Karolina Heck : Auftauchen: Queere Stimmen in der Klimakrise , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 17.03.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/queere-stimmen-klimakrise/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260317
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