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Headergrafik: Johanna Reich, RESURFACE (Part I), 2012 bis heute, Polaroids, Ausstellungsansicht Witten 2021-22, Foto: Eric Jobs, Hattingen.

Debatte

Zur Sehschwäche gegenüber Künstlerinnen. Versuch einer Revision

03. Mai 2022 Claudia Rinke

In Museen, Ausstellungen, Galerien und auf dem Kunstmarkt waren und sind Künstlerinnen immer noch wesentlich weniger präsent als ihre männlichen Kollegen. Auch in der bildenden Kunst, ihren Marktstrukturen und Institutionen findet sich die binär konzeptionalisierte Geschlechterdifferenz, die mit Macht- und Unterdrückungsverhältnissen einhergeht. Dies lässt sich gut ablesen an den Sammlungsbeständen der Museen weltweit, die Ausdruck eines bestehenden Kunstkanons sind. In ihnen spiegelt sich u. a. der systematische Ausschluss von Frauen und nicht westlich geprägter Kunst.

In der Ausstellung „ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche“ wurde dies anhand der eigenen Sammlungsbestände im Märkischen Museum Witten kritisch beleuchtet und die eigene museale Praxis dabei hinterfragt.

Kunst von Frauen in Museen – Bestandsaufnahme

Wie wahrscheinlich in fast allen Kunstmuseen weltweit ist auch die Anzahl von Künstlerinnen in der Sammlung des Märkischen Museums Witten wesentlich geringer als die von Künstlern. Eine Bestandsaufnahme zeigt dies deutlich: So befinden sich im Kunstbestand des Museums aktuell 5.172 Kunstwerke von 726 Künstler*innen (Stand Dez. 2020). Darin enthalten sind 534 Werke (10,3 %) von 92 Frauen (12,7 %). Verlässliche Zahlen zum Geschlechterverhältnis in musealen Sammlungen sind kaum zu finden. Die wenigen veröffentlichten Statistiken zeigen ein eklatantes Ungleichgewicht.

Für Deutschland sind Zahlen durch eine Statistik der Staatlichen Museen München bekannt: 2015 besaß die Neue Pinakothek Werke von 1.000 Künstler*innen, darunter erschreckenderweise nur 40 Frauen. In der Sammlung Brandhorst sind zehn von 150 Künstler*innen weiblich. Im Lenbachhaus existieren 28.000 Werke, davon rund 11 % von Frauenhand (Effern 2016).

Der Frauenanteil bei Einzelausstellungen in der Schweiz lag 2019 bei lediglich 15,1 %, so der Verein FATart auf seiner Website. Das Kunsthaus Zürich besaß 2019 in seiner insgesamt 4.100 Werke umfassenden Skulptur- und Malereisammlung 156 Werke von 74 Künstlerinnen, was weniger als 4 % des Gesamtbestandes ausmacht. Diese Zahlen verdeutlichen, dass eine Gleichstellung der Geschlechter in der Kunstwelt allzu lange vernachlässigt wurde und dass es hier noch viel Nachholbedarf gibt.

Schon 1989 machten die Kunstaktivistinnen der Guerrilla Girls in einer Plakataktion darauf aufmerksam, dass im Metropolitan Museum of Art in den Abteilungen für Moderne Kunst nur 5 % der Werke von Künstlerinnen waren, aber 85 % der Aktdarstellungen Frauen abbildeten. Diese Statistik des Museums griffen sie 2011 wieder auf. Das Ergebnis sieht mit 4 % Künstlerinnen und 76 % weiblichen Aktdarstellungen auch über 20 Jahre später nicht besser aus (Guerrilla Girls 2020: 25).

Künstlerinnen sind weiterhin selten

Dass es so wenig Kunst von Frauen in Museen gibt, liegt in historischen und gesellschaftlichen Strukturen begründet, die lange Zeit die Zugänge zu einem professionellen Künstler*innenstatus für Frauen be- und verhinderten. So durften Frauen in Deutschland erst ab 1919 – also kurz nach Beginn der Weimarer Republik und mit Einführung des Frauenwahlrechts – an den staatlichen Kunstakademien studieren. Ein Kunststudium ist bis heute eine wichtige Voraussetzung für eine Anerkennung als professionelle*r Künstler*in, es gewährt den Zugang zu Stipendien, Preisen und Ausstellungen und daran anknüpfend zum Kunstmarkt.

Lange Zeit war die Begründung für den Ausschluss, dass ‚die Frau‘ zum privaten/häuslichen Bereich gehöre und nur dort ihre Tugend erhalten werden könne – gleichzeitig ging diese Zuschreibung mit der Aberkennung eines geistigen und schöpferischen Potenzials einher (vgl. dazu Nochlin 1996 [1971]). Doch auch noch heute sind Künstlerinnen, obwohl sie vermehrt freie Kunst und Gestaltung studieren, weniger erfolgreich. Ein Grund dafür mag in den Marktmechanismen liegen, die immer noch auf der Wertsteigerung von großen, schon bekannten Künstlernamen basieren. Ein anderer Grund ist sicherlich die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen, die auch Künstlerinnen von den vielfältigen Tätigkeiten des Kunstschaffens und der eigenen Wertsteigerung abhalten (vgl. dazu Schulz/Zimmermann 2020).

Ein regionales Beispiel

Die Ausstellung „ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche“ im Märkischen Museum Witten zeigte an einem spezifischen regionalen Beispiel, wie sich die gesellschaftlichen Strukturen in einer Museumssammlung widerspiegeln. Das Wittener Museum wurde 1886 vom Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark zu Witten aus bürgerschaftlichem Engagement zur Darstellung der lokalen Geschichte und Industrie gegründet, und seit 1911 existiert das Museumsgebäude an seinem heutigen Standort. Regelmäßig fanden Kunstausstellungen statt und spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Haus vermehrt zu einem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst aus Deutschland. Seit Beginn wurden immer wieder Künstlerinnen in Gruppen- und Einzelausstellungen gezeigt. Doch auch hier lässt sich eine deutliche Unterrepräsentation ablesen: So fanden von 1911 bis Ende 2020 insgesamt 341 Einzelausstellungen statt, davon aber nur 68 von Künstlerinnen (19,9 %) und an 269 Gruppenausstellungen waren 1.982 Künstler und nur 382 Künstlerinnen (16,1 %) beteiligt.

Bekannte und wiederentdeckte Künstlerinnen im eigenen Bestand

In der Ausstellung „ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche“ wurden erstmals Künstlerinnen aus dem eigenen Bestand präsentiert, deren Werke häufig lange Zeit ungesehen im Museumsdepot schlummerten. Zu sehen waren Werke von 50 Künstlerinnen von Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Darunter befanden sich bekannte Namen wie Paula Modersohn-Becker (1876–1907), Gabriele Münter (1877–1962) oder Käthe Kollwitz (1867–1945), aber auch viele regionale Künstlerinnen, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten sind bzw. in den letzten Jahren wiederentdeckt wurden. Dazu zählen unter anderem Ida Gerhardi (1862–1927), die um 1900 lange Zeit in Paris lebte und als Porträtmalerin große Erfolge feierte (Abb. 1 zeigt ein Selbstporträt von ihr in Paris 1903), aber auch die Hagener Künstlerinnen Lis Goebel (1884–1970, Abb. 2) und Grete Penner (1892–1972), die zentrale Akteurinnen in der Kunstszene um Karl Ernst Osthaus waren. Auch Wittener Künstlerinnen von älteren Positionen wie Elisabeth Schmitz (1886–1954) bis zu aktuellen Malerinnen wie Susanne Stähli (*1959) sind vertreten.

Ida Gerhardi, Selbstbildnis I, 1903, Öl auf Leinwand, Märkisches Museum Witten, Foto: Eric Jobs, Hattingen

Abb. 1: Ida Gerhardi, Selbstbildnis I (1903)

 

 

Lis Goebel, Straßenkurve und -kreuzung, 1947/48, Pastell auf Papier, Märkisches Museum Witten, Foto: Eric Jobs, Hattingen
Abb. 2: Lis Goebel, Straßenkurve und -kreuzung (1947/48)

 

 

Vielfältige Themen und eigenständige Positionen

Im Bestand des Märkischen Museums Witten zeichnet sich eine Besonderheit ab: Es sind kaum Künstlerinnen vertreten, die sich dem Sammlungsschwerpunkt, der deutschen informellen Malerei und Grafik seit den 1950er-Jahren, zuordnen lassen. Die Künstlerinnen der 1960er- bis 1990er-Jahre waren eher im Bereich der konkreten Kunst (z.B. Gerlinde Beck (1930–2006)) oder in der figurativen Malerei tätig (z.B. RISSA (*1938) und Maina-Miriam Munsky (1943–1999)). Dort haben sie ganz eigenständige künstlerische Positionen entwickelt. Die Vielfältigkeit der Themen und Ausdrucksmöglichkeiten wird auch anhand der unterschiedlichen zeitgenössischen Positionen wie Frauke Dannert (*1979, Abb. 3), Anna Holzhauer (*1980) oder Kirsten Krüger (*1966) sichtbar. Neben der Präsentation der eigenen Sammlung hat das Märkische Museum Witten die Kölner Multimedia Künstlerin Johanna Reich (*1977) mit ihrem Projekt „RESURFACE“ eingeladen (die Headergrafik dieses Beitrags zeigt einen Teil des Projekts).

Abb. 3: Frauke Dannert, Netz, 2014, Collage, Märkisches Museum Witten

Abb. 3: Frauke Dannert, Netz (2014)

In diesem sich ständig erweiternden Projekt setzt Reich sich mit dem Verschwinden und Wiederentdecken von internationalen Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts auseinander. Die Frauen werden in verschiedenen Medien anhand von Porträts und Biografien gezeigt und es wird somit verdeutlicht, wie zahlreich Frauen schon in der Vergangenheit in der bildenden Kunst aktiv waren und wie sehr das gesellschaftliche Gedächtnis sie ignoriert und in den Hintergrund gerückt hat (Kohl/Rinke 2021).

Die Ausstellung „ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche“ öffnet damit einen anderen Blick auf die Kunstgeschichte und die Museumssammlung, der lange Zeit verschlossen blieb, aber zukünftig als selbstverständlich gelten sollte.

 

Der Katalog zur Ausstellung (Kohl/Rinke 2021) gibt einen Einblick in die historische Situation von Künstlerinnen und in die Wittener Museumsgeschichte und stellt alle 50 Künstlerinnen der Sammlung sowie die Arbeit von Johanna Reich vor.

Literatur

Effern, Heiner (2016). In den städtischen Museen gibt es kaum Kunst von Frauen. Süddeutsche Zeitung, 29.07.2021. Zugriff am 17. Juli 2021 unter https://www.sueddeutsche.de/muenchen/kultur-in-den-staedtischen-museen-gibt-es-kaum-kunst-von-frauen-1.2907021.

Guerrilla Girls (2020). The Art of behaving badly. San Francisco: Chronicle Books.

Kohl, Christoph & Rinke, Claudia (Hrsg.). (2021). ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche. Dortmund.

Nochlin, Linda (1996 [1971]). Warum hat es keine bedeutenden Künstlerinnen gegeben? (amerik. Original 1971: „Why Have There Been No Great Women Artists?"). In Beate Söntgen (Hrsg.), Rahmenwechsel: Kunstgeschichte als feministische Kulturwissenschaft (S. 27–56). Berlin: Akademie Verlag.

Schulz, Gabriele & Zimmermann, Olaf (Hrsg.). (2020). Frauen und Männer im Kulturmarkt. Bericht zur wirtschaftlichen und sozialen Lage. Berlin: Deutscher Kulturrat e. V.

Bildquellen

Titelbild/Headergrafik: Johanna Reich, RESURFACE (Part I), 2012 bis heute, Polaroids, Ausstellungsansicht Witten 2021–22, Foto: Eric Jobs, Hattingen.

Abbildung 1: Ida Gerhardi, Selbstbildnis I, 1903, Öl auf Leinwand, Märkisches Museum Witten, Foto: Eric Jobs, Hattingen.

Abbildung 2: Lis Goebel, Straßenkurve und -kreuzung, 1947/48, Pastell auf Papier, Märkisches Museum Witten, Foto: Eric Jobs, Hattingen.

Abbildung 3: Frauke Dannert, Netz, 2014, Collage, Märkisches Museum Witten, Foto: Ben Hermanni, Lemgo.

Zitation: Claudia Rinke : Zur Sehschwäche gegenüber Künstlerinnen. Versuch einer Revision, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 03.05.2022 , www.gender-blog.de/beitrag/sehschwaeche-gegenueber-kuenstlerinnen-revision/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20220503

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© Headergrafik: Johanna Reich, RESURFACE (Part I), 2012 bis heute, Polaroids, Ausstellungsansicht Witten 2021-22, Foto: Eric Jobs, Hattingen.

Claudia Rinke

Claudia Rinke studierte Kunstgeschichte, Gender Studies, Sozialpsychologie und -anthroplogie sowie Raumplanung an der Ruhr-Universität Bochum und der TU Dortmund. Seit 2016 ist sie Mitarbeiterin im Märkischen Museum Witten und Kuratorin der Ausstellung „ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche“ und ist selbstständige Kuratorin für Gegenwartskunst, Projektassistenz und Kunstvermittlerin u.a. für verschiedene Museen im Ruhrgebiet und den Westdeutschen Künstlerbund.

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